Ich werde wohl wirklich alt …

Ich bin Neuem gegenüber ja aufgeschlossen. Auch wenn es schon älter ist. Aber manchmal fasse ich mir auch an den Kopf.

Ich hab mich die Woche ein bisschen dafür belohnt, dass das mit dem Haushalten mit dem Geld gerade gut klappt. Auf bescheidene Art und Weise, ich hab mir GTA IV geholt. Ja, nicht das aktuelle, das packt mein Rechner derzeit sowieso nicht. Aber hey, San Andreas ist inzwischen 10 Jahre alt, ein bisschen mehr geht dann halt doch, auch als Gelegenheitszocker. Dass ich für einen Zehner nur die Downloadvariante bekommen habe – damit kann ich leben. Ich hab schon mitbekommen, dass sich das Leben seit einiger Zeit überwiegend im Netz abspielt. Und selbst die 18 Stunden Download bei unserer beschissenen Anbindung hab ich weggesteckt als fände ich es normal, nach dem Kauf eines Spiels nicht gleich installieren und zocken zu können.

Auch dass ich mich dazu bei Steam anmelden musste … na gut, so ist das halt heute.

Auf eine „Games für Windows Live“-Anmeldung wollte ich verzichten, wer zockt noch das 4er online? Ich gleich dreimal nicht. Woraufhin ich feststellen musste, dass ohne eine Anmeldung dort zwar das Spiel funktioniert, nicht jedoch das Speichern des Spielstandes. Bei einem Offline-Game – WTF? Aber man ist ja gnädig und akzeptiert das. Dann landete ich bei einer Anmeldeprozedur, die nicht funktionierte, weil – hallo Welt! – sie zwangsläufig über den IE lief, der aber (da nicht installiert und somit nur abgespeckt verfügbar) nicht das zwingend erforderte Javascript bot. Und im Übrigen nicht einmal eine Adresszeile, aus der ich die Adresse in den Firefox hätte übertragen können. -.-

Also hab ich via Firefox gegoogelt und mir ein Live-Profil erstellen wollen. Was natürlich nicht ging – die Zocker kennen das, aber mir war das neu – weil man dazu ein Profil bei Microsoft braucht. Also bin ich dorthin, hab mich angemeldet, hab nebenbei von diesem Zweitsystem, bei dem ich nie über FB, Google oder Twitter angemeldet bin, noch meine eMails wegen Bestätigungsmeldung abrufen müssen, um anschließend die beiden Profile zu erstellen. Was man halt so tut, wenn man virtuell jemanden über den Haufen schießen will.

Also das Spiel wieder gestartet und gehofft … aber Fehlanzeige. Ich hatte keinen „Gamertag“. Was auch immer das ist, ich weiß es ehrlich gesagt immer noch nicht – aber eine hilfreiche Googelei später war klar, dass ich einen bekomme, wenn ich mich zudem bei „X-Box Live“ anmelde. Dass ich das aber auch vergessen konnte, so ganz ohne X-Box oder überhaupt die Überlegung, irgendwas bei meiner privaten Kill-Orgie übers Netz laufen zu lassen!

Inklusive Steam hab ich mir nun also zum Offline-Zocken auf meinem PC sage und schreibe vier verschiendene Online-Profile anlegen müssen, die ich vorerst für wirklich nix anderes zu nutzen gedenke, weil ich normalerweise nur mit meinem Linux-System online bin. Die jüngere Zocker-Generation hat sich an den Quatsch sicher schon lange gewöhnt – immerhin ist das Spiel nun ja auch schon 7 Jahre alt – aber ich frage mich irgendwie doch, ob es am Ende nicht einfacher war zu den Zeiten, wo man nach dem Kauf eines Spiels einen oder mehrere Datenträger bekommen hat und die ggf. auch mal wechseln musste, dafür aber nicht nebenher das Spiel verlassen, googeln und mehrere Profile erstellen.

Wie gesagt: Ich werde alt.

Im Gegenzug hab ich aber schon ein paar unnötige Morde verübt und meine Laune damit wieder eingepegelt. Und das hat Microsoft sicher alles fein säuberlich gespeichert.

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Herbstwetter

Gerade ist das ungefähr beschissenste Wetter in Berlin: 7°C und Regen. Noch ein paar Grad weniger und es wäre Schnee und damit wieder cool. Aber obwohl das Wetter selbst meiner komischen Wenigkeit eigentlich nicht wirklich gefällt, hab ich es heute dann doch genossen, einfach ein paar Meter durch den Regen zu schlendern. Ist wohl so ein Stadtkind-Ersatz für echte Natur.

Aber natürlich hab ich das gemacht, weil ich wusste: Gleich kommt die Bahn, danach haste soundsoviel Minuten und dann ist da eine warme Wohnung. Kennen wir alle.

Ähm, nein. Also ja, alle Leser hier vermutlich schon. Mir aber fallen bei solch harmlos-dummen Aktionen meinerseits immer die Menschen ein, für die eine warme Wohnung noch weit weit weg liegt. Obdachlose – und sicher auch einige der derzeit hier ankommenden Flüchtlinge.

Und ich gehöre schon zu denen, die sich ärgern, dass der rechte Schuh jetzt schon wieder undicht ist – ausgerechnet jetzt, wo gerade nicht geplante Rechnungen ohne Ende reinflattern, so dass man sich überlegen muss, von welchem knappen Budget jetzt auch noch neue Schuhe gekauft werden sollen. Aber ja, natürlich wird das klappen, ich hab ja Arbeit und am Lebensnotwendigsten mangelt’s am Ende nie.

Ja, jeder von uns trägt seine Probleme mit sich rum. Und die sind bisweilen ätzend und zermürbend. Aber heute, angesichts dieses kalten Herbsttages bleibt mir am Ende doch kaum mehr als die Freude, wie gut es mir eigentlich geht: Das hier in meinem warmen Zimmer schreiben zu können, eigentlich zufrieden zu sein. In Anbetracht der derzeitigen Weltlage sollten viel mehr Menschen hier das so sehen.

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Diese Spielzeuggeschichte

Wir müssen reden. Über Spielzeuge. Und zwar die von bei Ärzten.

Vielleicht bin ich da mit meinem inneren Monk alleine, aber in den letzten Jahren war ich vermehrt entsetzt über die Spielzeuge in Arztpraxen. Nicht unbedingt, weil es mir selbst an Unterhaltung gefehlt hätte und ich mich auf Lego-Starwars-Bausätze gefreut hatte, während ich mir im Wartezimmer langsam aber sicher die unterschiedlichen Grippeviren von drei Rentnern einverleibt habe – sondern viel mehr, weil das innere Kind in mir tobte und sich fragte, wer bitte auf die groteske Idee kommen könnte, ein derartiges Angebot würde eher erfreuen als erschrecken.

OK, mir ist schon klar, dass das kein Gebiet ist, auf dem man überkritisch sein sollte oder auch nur dürfte. Arztpraxen sind keine Kindergärten und das Spielzeug dort ist allenfalls eine nette Dreingabe und von der Sache her keine Kassenleistung. Einem geschenkten Gaul …

Das ist natürlich richtig. Aber wie kann es sein, dass das Spielzeug in Arztpraxen gefühlt immer nach völlig derangierter Resterampe aussieht? Ich will ja nicht zur Debatte stellen, dass Ärzte grundsätzlich immer das aktuellste Playmobil-Ritterburg-Set komplett bereithalten sollen. Bei meinem Zahnarzt zu Kindertagen war es aber immerhin eine Schublade voll mit Bauklötzen, aus denen man immerhin mal was bauen konnte. Heute dominieren zumindest bei meinen Ärzten völlig grotesk zusammengewürfelte Sortimente aus Dingen, die zusammen zu verwenden mich selbst im Alter von 4 Jahren etliche Überwindung gekostet hätten. Siehe hier bei meiner (sonst gern empfohlenen) Zahnärztin:

So schlecht, dass es schon wieder Kunst ist. Quelle: Sash

So schlecht, dass es schon wieder Kunst ist. Quelle: Sash

Mal abgesehen davon, dass ein Sound produzierendes Instrument im Wartezimmer vermutlich gegen mehrere Menschenrechte verstößt, sei insbesondere darauf hingewiesen, dass der Zug im Vergleich zum Feuerwehrauto unglaubwürdig anders designt ist und dass – auf dem Bild nicht zu erkennen – bei dem Holzpuzzle Teile beiliegen, die nicht dort hinein passen, sondern irgendwoanders herkommen.

Ich halte mich für einen halbwegs kreativen Menschen, aber der Anblick gruselt mich und als Kind hätte ich wohl vorschnell versucht, eines dieser Dinge mit der nächsten Fensterscheibe interagieren zu lassen, weil mir sonst nix sinnvolles eingefallen wäre.

Liebe Ärzte da draußen: Ich weiß, dass das nur der hunderttausendste Nebenaspekt eurer Arbeit ist. Aber ich habe den starken Verdacht, dass auch das traumaauslösend sein könnte. Also bitte ändert was daran!

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Das Leben, die Mondfinsternis und der ganze Rest …

Es gibt so Tage, da geht gar nix. Heute nacht zum Beispiel. Die Arbeit hat mich runtergezogen, obwohl eigentlich nix schlimmes passiert war. Ja, es war wenig los – aber das erklärt nicht, wieso mir jede Minute Warten so derart aufs Gemüt geschlagen hat. Ja, ich kränkel‘ noch leicht vor mich hin, fühle mich irgendwie gestresst, aber so wirklich der depressive Typ bin ich ja eigentlich auch nicht.

Trotzdem kam mir jede fucking Minute auf der Straße wie eine Stunde vor. Jede Ampel, jede Lenkbewegung eine ewige Qual! Kunden kamen mir ohnehin nicht viele in die Quere, aber die paar, die ich hatte, hab ich zwar gut behandelt, am Ende aber geradezu mit Freude wieder in die Freiheit entlassen. Obwohl sie allesamt ausgesprochen nett waren.

Ich kenne das ja. Das passiert all Halbjahr mal, vermutlich eine kleine Nebenwirkung vom Dienstleisterspielen. Insgesamt nix schlimmes, nervt aber halt, wenn es gerade mal wieder akut ist.

Zu viel gekommen bin ich also nicht, mein Geldbeutel jammert extrem laut gerade. Aber Geld ist nicht alles, und so hab ich das Auto dann doch schnell abgestellt. Und dann war glücklicherweise Mondfinsternis.

Mein Faible für Astronomie kennt Ihr inzwischen alle, es sollte die wenigsten verwundern, dass ich sowas schön finde. Aber Mondfinsternisse sind zudem ja auch gelebte Entschleunigung. Während man bei einer Sonnenfinsternis für ein paar Minuten genau am richtigen Ort auf der Erde sein muss, kann man so eine Mondfinsternis von überall betrachten und sie dauert insgesamt locker ein paar Stunden. Hach.

Ein wenig gehetzt hab ich mich zwischenzeitlich, weil ich dachte, ich könne noch ein paar gute Bilder machen (hat leider nicht geklappt – wie zur Hölle hab ich damals dieses Bild geschossen?), aber am Ende hab ich mir einfach hier vor der Haustüre in Marzahn ein paar Minuten genommen, die freier als frei waren, und zugesehen, wie die letzte schmale Sichel gleißenden Sonnenlichtes von unserem Erdtrabanten verschwand und nur eine matt glutrot leuchtende Ahnung des derzeitigen Vollmondes am Himmel übrig blieb.

Da wo andere eine Auszeit vom Internet nehmen, in die Südsee fahren oder Zwiegespräche mit ihren imaginären Freunden (aka Götter) führen, hat mir einmal mehr ein Blick in den Himmel gereicht. Mir ist klar, dass eine Mondfinsternis nur ein eigentlich reichlich einfallsloses Schattenspiel des Universums ist, aber das hat heute nacht nichts daran geändert, dass ich es toll fand, es genau jetzt und hier anschauen zu können. Ich halte mich nicht unbedingt für einen Naturromantiker, aber neben all der Hektik des Alltags auch mal genießen zu können, was für beeindruckende Schauspiele diese Welt bereithält, möchte ich nie verlernen.

Ich habe das Glück, in einer Gesellschaft geboren zu sein, die mir bezüglich erreichter Ziele nur wenige Grenzen auferelegt. Ich könnte weit mehr Wohlstand ansammeln, als ich mir gerade vorstellen kann. Geld, Macht, alles nur eine Frage der Hartnäckigkeit, der Skrupellosigkeit, ja, natürlich auch des Glücks. Aber egal ob ich Taxifahrer bleibe, ein paar gute Bücher schreibe oder einfach was ganz anderes mache: Die Möglichkeiten, Mondfinsternisse zu beobachten, bewegen sich in einem sehr engen Rahmen. Und ich bin sehr froh, zumindest diese eine mitgenommen zu haben.

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Chance statt #Grenzkontrollen

Spätestens seit Deutschland nun die Grenzen zu Österreich wieder kontrolliert anstatt als humanitäre Sofortmaßnahme die Flüchtlinge aus Ungarn einfach einreisen zu lassen, wird auch wieder vermehrt genickt, wenn gesagt wird: „Naja, alle können wir ja auch nicht nehmen …“

Zwiespältige Sache. Denn dass auch die anderen europäischen Länder mal Menschlichkeit vor Angst setzen sollten, steht außer Frage. Und dass derzeit die chronisch unterfinanzierte staatliche Koordination von Asylanträgen ins Stocken gerät, ist natürlich auch wahr. Das sieht man ja tagtäglich, da muss man nur mal zu einer Erstaufnahmestelle fahren.

Warum aber diese aktuelle Situation herhalten muss, um künftige Horrorszenarien zu kultivieren, ist doch sehr fraglich.

Natürlich kostet das ganze Prozedere erst einmal Geld. Wow, welch Erkenntnis! Das tut aber alles, was irgendwo passiert. Von kleinsten Dingen wie der Tatsache, dass ich als Taxifahrer zu irgendeiner Halte fahre und dort den Einstiegspreis kassiere, bis hin zu gewaltigen Unternehmungen wie den Bewerbungen auf olympische Spiele oder der Rettung von Banken. Und ja, ebenso wie bei der Aufnahme von Flüchtlingen weiß man nicht, ob man am Ende auch ganz sicher im Plus landet oder ob das nur ein Wunschtraum war. Aber in Anbetracht der Tatache, dass es bei Refugees nicht nur um eine Prestigehandlung sondern zudem ums Retten von Menschenleben geht, sollte man vielleicht mal die Prioritätenliste wieder neu sortieren. Ich hab’s schon oft angesprochen, und es gilt auch hier: Wie viel besser als zur Unterstützung unterstützenswerter Menschen will ich meine Steuern bitte eingesetzt sehen?

Eigentlich war es das auch schon, aber natürlich sind da viele Vorbehalte von anderer Seite – und ich möchte an der Stelle mal klarmachen, dass die sich ALLE auf rassistische Annahmen stützen. Alle! Selbst wenn wir von der selbstgefälligen Unterteilung in Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge mal absehen:

Wie abwertend muss man auf eine Gruppe Menschen schauen, um ihnen im Ganzen oder zumindest überwiegend völlige Blödheit oder Boshaftigkeit vorzuwerfen?

Und darum geht es doch: Wenn davon schwadroniert wird, dass „die“ ja nur kommen, „um es hier besser zu haben“ (aka Wirtschaftsflüchtlinge), dann gehört schon eine Menge Böswilligkeit dazu, um dabei ernsthaft an ALG2 zu denken. Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert: Wer sich trotz potenzieller Lebensgefahr auf eine Reise von tausenden Kilometern macht, wird wohl kaum nach dem Googeln der Höhe des ALG-Satzes aufgehört haben, sich sein Land aus ca. 150 möglichen Zielen auszuwählen. Man würde von jedem Deutschen, der (jetzt mal faktenfrei fabuliert) nach Kasachstan auswandert, weil man dort für 20 € im Monat eine Wohnung mieten kann, erwarten, dass er auch die dortigen Gehälter kennt, um das in Relation zu setzen. Aber Flüchtlinge, die Deutschland erreichen, kennen natürlich nur das eine und haben leuchtende Euro-Zeichen in den Augen, oder wie?
Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass selbst die, die hier als Wirtschaftsflüchtlinge diffamiert werden, überwiegend ganz handfeste Träume haben? Zum Beispiel eine Ausbildung zum Mechatroniker zu machen, ein Restaurant zu eröffnen, Lehrer für ihre Muttersprache zu werden, etc. pp.?

Und selbst all die, die wirklich um ihr Leben fürchten: Warum sollten die sich dafür entscheiden, hier freiwillig auf niedrigstem Level zu leben?

Wenn wir schon überhaupt einen Raum für diesen ekligen Sozialdarwinismus bieten müssen, dann sollten wir doch festhalten, dass ohne Verhütungsmittel vögelnde Deutsche ein weit größeres Problem sind, weil deren Blagen erst einmal zwei Jahrzehnte lang Kindergeld kriegen, bevor sie irgendwas für die Gesellschaft tun. Und ich wette, spätestens hier wird auch ein paar „besorgten Bürgern“ bewusst, wie eklig diese Herangehensweise an sich schon ist. Aber da liegt das Problem: Das ganze Denkkonstrukt klappt nur, wenn man den Flüchtlingen grundsätzlich eine geringere Intelligenz oder mehr Boshaftigkeit unterstellt, als man es Deutschen tut.

Und jetzt mal zurück zu den Grenzkontrollen und dem Bedürfnis, Flüchtlinge abzuweisen:

Das ist nicht klug, ganz ehrlich. Da wäre schon der humanitäre Standpunkt: Deutschland als Land, das Milliarden in irgendwelche Banken stopfen kann, einfach um nicht ein paar Arbeitslose mehr zu haben, hat auch die Mittel, um (sehr sehr sehr) viele Flüchtlinge aufzunehmen. Selbst wenn das unseren Wohlstand schmälert – es wäre schon aus humanitären Gründen geboten. Wir haben im Gegensatz zu Refugees Luft nach unten. Selbst ich mit meinem Mindestlohnjob habe das. Es ist insgesamt aber sowieso mehr eine Frage der Verteilung, denn eine Frage der Gesamtmenge. Mal ganz abgesehen davon, dass Grenzkontrollen der deutschen Wirtschaft nicht sonderlich zuträglich sein werden auf Dauer.

Wenn man nicht blind rassistisch durch die Gegend rennt, sondern all den potenziellen Zuwanderern einfach mal die gleiche Cleverness wie uns unterstellt, dann liegt Deutschland zudem sicher nicht wegen des ALG2-Satzes auf der Wunschziel-Liste so weit oben, sondern weil es hier Sicherheit und damit Möglichkeiten gibt. Möglichkeiten, z.B. ein normales (hier gerne zu übersetzen mit „gutes deutsches“) Leben zu führen, gutes Geld für gute Arbeit zu kriegen, menschlich behandelt zu werden und frei von Angst zu sein, solange man selbst kein schlechter Mensch ist. Und wie bei uns ist es natürlich eine lustige Melange aus geschulten Facharbeitern, pädophilen Psychopathen, angehenden Lehrern, verblendeten Gläubigen, cleveren Strategen, harmlosen Spinnern, liebenswerten Künstlern, trauernden Witwen, wissbegierigen Schülern, randalierenden Säufern und aufopferungsvollen Müttern.

Menschen halt.

Da draußen existiert ein Haufen Menschen, der weit mehr Glauben in unseren Staat, unsere Demokratie, unser Verständnis der Welt setzt, als es ein Großteil von uns Deutschen selbst tut. Menschen, die für „unseren“ Way of Life ihr Leben riskieren und die mehr Opfer dafür gebracht haben, als jeder Heidenauer Patriot es je tun wird. Sie könnten verdammt wichtige Probleme unseres Landes (Pflegenotstand, Fachkräftemangel, anyone?) lösen, nebenbei endlich selbst ein menschenwertes Leben führen und uns, wenn wir nur zuhören wollen, zu ein bisschen mehr Internationalität verhelfen. Und sie kommen freiwillig, wir brauchen sie nicht anwerben, fürs Herkommen bezahlen oder sonstwie große Opfer bringen. Ja, wir müssen ein paar Euro in die Organisation und Verwaltung investieren. Das kommt uns derzeit absurd vor, weil wir ohnehin an dümmstmöglichen Stellen viel zu viel Geld in Organisation und Verwaltung gesteckt haben, ohne dass es nennenswert was gebracht hätte. Aber den Versuch sollte uns das wert sein.

Wie gesagt: Kann schon sein, dass das am Ende hier und da ein Minusgeschäft ist. Aber selbst wenn das so sein sollte, dann hätten wir doch wenigstens zigtausend Leuten geholfen. Und so ein ausnahmslos positives Fazit täte der jüngeren deutschen Vergangenheit ja auch mal gut – gerade, wenn man außer der Nationalität nicht viel hat, um sich gut zu fühlen.


Im Ernst: Überzeugten Rassisten kann ich nichts bieten, mein Niveau hat eine Untergrenze. Allen anderen würde ich empfehlen, mal ernsthaft darüber nachzudenken, inwiefern man diese „Krise“ nicht zu einer Cnance umwandeln könnte. Ich wette, das lohnt sich.

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Gelesen: Houellebecqs „Unterwerfung“

Man kann Houellebecq ja nie einfach mal lesen, ohne vorher bereits auf die Skandale des Buches hingewiesen worden zu sein. Das war jetzt bei „Unterwerfung“ (Amazon-Partner-Link) natürlich noch einmal mehr der Fall. Er schreibt von einem islamisierten Frankreich, Kampf der Kulturen, islamfeindlich, etc. pp.

Nun muss ich auch klarstellen: Ich halte Houellebecq mit Sicherheit nicht für einen sympathischen Autoren und dass der Skandal bei ihm zum Programm gehört, das muss man auch nicht mögen. Ebenso sind seine „Helden“ eigentlich immer absolute Kotzbrocken oder ausgemacht peinliche Verlierer. Auch das muss man nicht mögen. Mich selbst schmerzt es auch sehr, dass er als Autor und als Mensch mit seiner Bekanntheit sich nicht mal vernünftig und widerspruchsfrei äußern kann. Die Chancen stehen gut, dass er ein ausgemachtes Arschloch mit äußerst weltfremden und/oder dummen Vorstellungen ist. Was ihn aber selbst dann noch lesenswert macht, ist, dass man sich seinen Figuren nur sehr schwer als Mensch nähern kann und es beim besten Willen nicht so wirkt, als hätte er sie aus anderem Grund erschaffen. Abgesehen von „Karte und Gebiet“, das ich sehr langweilig fand, traf auf die bisherigen Bücher von Houellebecq für mich vor allem eines zu:

Wenn man von Houellebecq mal hundert Seiten oder mehr am Stück liest, ist der komplette Tag im Arsch und jegliches Restvertrauen in die Menschheit erloschen.

Das klingt irgendwie nicht sehr positiv, ja vielleicht ist es das sogar wirklich nicht, aber ich komme nicht umhin, eine Literatur, die eine derart imposante Wirkung auf mich als Leser hat, genial zu finden. Houellebecq ist nun echt nicht der erste Autor, bei dem man sich nicht mit seinen Helden gemein machen muss, um die Geschichten interessant zu finden.

Und nun, ist „Unterwerfung“ das antiislamische Dreckswerk und verkappte Faschismuswerbung?

Wenn man sich die Ansichten des Hauptprotagonisten zueigen macht: Ja. Wobei: Eigentlich auch nein. Der „Held“ François ist einer der typischen Houellebecq-Loser, der als atheistischer Hochschullehrer während des islamischen Umschwungs in Frankreich seinen Job verliert. Und damit im Gegensatz zu den Opfern der gewalttätigen Auseinandersetzungen während dieser Zeit eigentlich gut leben kann. Seine Beziehungen bestehen eh nie lange, er denkt öfter mal über Selbstmord nach und hat irgendwie akzeptiert, dass er als übellauniger Alkoholiker den Zenit seines Lebens überschritten hat. Und am Ende des Buches stellt er fest, dass sich ihm ganz neue Chancen auftun würden, würde er – ähnlich wie viele (eigentlich Rechte) im Hochschulbetrieb – zum Islam konvertieren. Denn dann könne er sich endlich auch mehrere teils minderjährige Ehefrauen halten und vielleicht wieder besseren Sex bekommen.

OK. Der „Held“ des Romans ist also ein frauenfeindliches alkoholabhängiges Arschloch, das opportunistisch selbst einen ihm fremden Glauben annehmen will, um 15-jährige zu vögeln. Da bleibt wohl schon mal anzumerken, dass diejenigen, die sowas als Identifikationsfigur betrachten, mal einen gewaltigen Schritt zurück in den eigenen Seelenhaushalt machen sollten.

Und dann der Islam und die Gesellschaft … Ich hatte zwar ganz ehrlich den Eindruck, als hätte Houellebecq sich ziemlich mit dem Thema gequält und die islamische Umstrukturierung Frankreichs nur sehr kurz und relativ oberflächlich abgehandelt (also zumindest im Vergleich dazu, wie das Thema vom Klappentext bis zu den Pressemeldungen thematisiert wurde), aber von der Sache her ist da gar nicht viel seltsames zu lesen. Mal abgesehen davon, dass sich aufgrund der Erzählung aus Sicht des bekloppten François das meiste um die Polygamie dreht. Ansonsten nennt Houellebecq vermeintliche Vor- und Nachteile dieses Wandels und im Wesentlichen kommt dabei halt rüber, dass eine menschenverachtende Gesellschaft entsteht. Was sich aber gar nicht konkret aus den Eigenschaften des Islam herleiten lassen muss, sondern auch beispielhaft steht für die Übernahme einer pluralistischen Gesellschaft durch eine irrationale Glaubenslehre.

Man ist nach der Lektüre als Atheist durchaus geneigt, dem Autoren zu glauben, wenn er – wie wohl geschehen – behauptet, er habe von Moslems keine negative Kritik bekommen, „warum auch?“.

Wie gesagt: Ich werde Houellebecq sicher nicht freisprechen von den Vorwürfen, die teilweise von Kritikern kommen, die analytisch deutlich mehr drauf haben als ich. Vielleicht ist er wirklich ein Arschloch, vielleicht propagiert er wirklich die Ideen von Arschlöchern. Ich kann es leider nicht ausschließen.

Ich für meinen Teil hab das Buch als versteckt satirische Gesellschafts- und Religionskritik lesen können. Die Zustände, die in dem Buch geschildert werden, sind schlimm. Ich würde sogar sagen: Sehr schlimm. Aber ja, das ist das, was ich über eine Einführung der Scharia auch zuvor gedacht habe. Und die Vorstellung, dass sich Rechte opportunistisch mit Islamisten zusammentun, übersteigt meinen persönlichen Bullshit-Horizont. Warum es jetzt schlimm sein soll, dass ein Autor ein versoffenes Arschloch erschafft, das der Idee am Ende was abgewinnen kann – bitte wo ist hier der Skandal?

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Gespräche, die Durchschnittsmenschen einfach nicht führen (müssen)

Er kommt auf mich zu mit seiner Bierflasche in der Hand. Er nimmt sich die Kopfhörer vom Ohr und deutet mit der Hand an, dass er mir was zu sagen hätte. Als ob ich die Kopfhörer aufhätte. Ich mache mein interessiert-offen-skeptisch-freundliches Alltagsgesicht und warte. Die Unterhaltung verläuft in voller Länge so:

„Ey, Meista, Meista, Meista! Eine Fraje hätt‘ ick!“

„Jo?“

„Bist üba zwee Meta, wa?“

„Zwei Meter drei.“

„Dacht‘ ick mir. Weitamachen, Meista!“

Sagt’s, klopft mir auf die Schulter und geht weiter, die Kopfhörer längst wieder aufgesetzt.

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