Tröglitz, Freital, Häslich, etc. pp. Und jetzt Heidenau. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr es mich aufregt, dass es im Jahre 2015 überhaupt noch nötig ist, hierzulande gegen Rassismus anzubloggen. Obwohl ich meiner gesunden Skepsis auch im Bereich der Politik treu geblieben bin, hatte ich doch die Hoffnung, dass spätestens jetzt, wo wir Lichtenhagen ’92 langsam historisch erschlossen haben, ein Konsens existiert, der zwar vielleicht rechts der SPD nur widerwillig mitgetragen wird, aber immerhin deutlich klarstellt: Rassistische und fremdenfeindliche Gewalt ist falsch, scheiße, widerwärtig und nicht mit dem Wertekanon auch des letzten Vollidioten zu vereinbaren.
Natürlich: Nazis wird es immer geben, aber dass die in der Öffentlichkeit Stärke zeigen können, schien doch weitgehend absurd in den letzten Jahren. Bis Pegida.
Und nun brennen wieder ständig Flüchtlingsunterkünfte, nun trauen sich auch die rassistischen Suffprolls in die Öffentlichkeit, die vor kurzem noch wenigstens von den eigenen Kameraden zurückgehalten wurden. In Heidenau in Sachsen sind nun drei Tage hintereinander aggressive Neonazis (und teilweise empathiebefreite Hilfs-Idioten) auf die Straße gegangen und haben Randale gemacht, weil ein ehemaliger Baumarkt nun zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. Das wurde in der Medienwelt auch scharf kritisiert, was aber schon deswegen traurig ist, weil man stattdessen mal darüber hätte diskutieren können, wie absurd es ist, dass es in Deutschland nötig ist, Asylsuchenden nur einen Baumarkt mit Feldbetten zur Verfügung zu stellen. Von den Zelten anderswo ganz zu schweigen.
Und was noch viel schlimmer ist als ein paar Nazis, die Randale schieben, ist zum einen die Berichterstattung, zum anderen die Polizei und nicht zuletzt auch die Politik:
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Die Berichterstattung:
Immer noch verwenden Medien den Euphemismus „Asylkritiker“. Geht’s noch? In Heidenau ging es um Leute, die besoffen den Hitlergruß zeigend Böller gegen die Polizisten geworfen haben, die die Flüchtlinge geschützt haben. Hab ich es irgendwie verpasst, dass wir hier Brandstifter „Feuchtigkeitskritiker“ nennen oder Mörder „Lebendigkeitskritiker“? Da ziehen Rassisten umher und wollen Menschen mit Gewalt entweder zur Ausreise zwingen oder sie – wenn’s gerade passt (siehe entsprechende Kommentare im Internet) – töten. Ich versuche mich gerne an Objektivität, aber als ich heute nacht im rbb gehört habe, dass in Heidenau „Linksextremisten und vermutlich Rechtsextremisten“ aufeinandergetroffen sind, da musste ich doch schlucken. „Linksextremisten“ zu validieren scheint im Vergleich zu Rechtsextremisten erstaunlich schnell zu gehen. Mal abgesehen von der leidlich langatmigen Extremismusdebatte: Wenn wir schon zwei aufeinander einprügelnde Fraktionen haben, wie schwer ist es da, klar und deutlich links und rechts zu benennen? Aber das ist ja nicht alles.
Die Polizei:
Ich war nicht in Heidenau, ich hab das nur via Twitter verfolgt. Aber es kam mir seltsam vertraut vor. Die letzten zwei Tage haben die Rechten Randale gemacht, die Polizei auch massiv angegriffen. Die Polizei hat sich gewehrt, soweit alles normal. Aber gestern gab es dann eine Antifa-Gegendemo. Und was ist passiert? Diese Demo wurde im Spalier begleitet, die Wasserwerfer wurden dorthin gerichtet, die Gefechtsbeleuchtung wurde auf diese Demo ausgerichtet, dort wurde reingeknüppelt und ja, auch wurden die Linken möglichst schnell zum Bahnhof getrieben, damit sie schnell wieder weg sind. Während man die Nazis natürlich auf Abstand hielt, ihnen im Wesentlichen aber scheinbar ihre Freiheiten ließ.
Ich bin wirklich kein Verschwörungsfreund und mag entsprechend an „meiner Seite“ diese Das-Kapital-ist-böse-Rufer nicht sonderlich. Aber ich hab genügend grinsende Polizisten gesehen, die mir einfach mal einen Knüppel mitgegeben haben, weil’s halt keinen interessiert, um das Geschehen jetzt in Heidenau nicht sonderlich überraschend zu finden. Aber es geht ja noch schlimmer:
Die Politik:
Natürlich wird die Gewalt in Heidenau verurteilt. Wahnsinnig und ganz dolle. Zumindest von Regionalpolitikern und von Bundespolitikern auch, sofern sie dazu noch anmerken dürfen, dass man aber auch von Flüchtlingen erwarten dürfe, dass sie sich an die Gesetze halten und das vielleicht Sachleistungen für Asylbewerber anstatt von Geld auch eine Alternative seien. WTF?
Natürlich sind Politiker auf Wählerstimmen angewiesen – aber wer deswegen die Gewalt gegen Geflüchtete verharmlost, gehört gefälligst selbst in die Flucht geschlagen. Zuallererst unsere Kanzlerin, die all diese dramatischen Umstände immer noch aussitzt und wartet, welche Worte ihr vielleicht bessere Chancen für eine Wiederwahl sichern könnten. Ich will die ohnehin meist inhaltslosen Worte von Frau Merkel nicht überbewerten, aber ein Teil der Rassisten-Propaganda beruht auf dem Fehlschluss, sie würden eine Mehrheit vertreten. Eine schweigende Mehrheit meist. Diesen Glauben aber unterstützt man durch Schweigen.
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Wie man an den zahlreichen Flüchtlingsinitiativen gerade sieht, ist das natürlich nicht das einzige Deutschland da draussen. Wir sind nicht alle so blöd, dass wir vor unserem 40-Zoll-Fernseher sitzen und andere Menschen beschuldigen, dass wir ohne sie auch 42 Zoll hätten, weswegen sie sich bitte mal wieder schön zu Hause in Schutt und Asche bomben lassen sollen. Aber es ist traurig, dass das trotzdem ein Teil dieses Landes ist, es ist geradezu erbärmlich, dass wir über sowas überhaupt noch reden müssen.
Ich würde gerne sagen, dass mir die 20 € an #bloggerfuerfluechtlinge wehgetan haben. Immerhin haben in letzter Zeit auch Leser für mich gespendet, weil ich so knapp bei Kasse und nahe dem finanziellen Ruin war. Aber … nein, haben sie nicht wirklich. Und das nur, weil meine Eltern mich zufällig diesseits der deutschen Grenze zur Welt gebracht haben. Mir gibt das zu denken. Einer meiner größten Träume wäre, dass das auch einem der „Asylkritiker“ in Heidenau mal passiert.
Und für alle, denen das zu hoch war, nochmal unmissverständlich:
Nazis fuck off! Haut ab! Ich will Euch nicht als Leser, auch wenn Ihr nicht einmal wisst, dass Ihr Nazis seid! Eure Meinung ist keine sachliche Auseinandersetzung wert, keine Aufmerksamkeit, kein Fünkchen Anerkennung! Ihr seid selbstgewählt Arschlöcher, also bin ich eines Euch gegenüber. FICKT EUCH!



