24. Oktober 2010 · 23:56
Ich hab mich oft gefragt, ob ich eigentlich echt glauben soll, was derzeit in diesem Land passiert. Da schreibt ein durchgeknallter Schnauzbartträger ein Buch, sinniert über genetisch vererbte Dummheit, und ganz Deutschland echauffiert sich entweder über das Buch oder jene, die es ablehnen. Zunächst hatte ich die Hoffnung, der ganze Mist würde in ein paar Tagen wieder vom Tisch sein, wenn der nächste Politiker sich mal wieder einen Dienstwagen im Urlaub klauen lässt, oder jemand auf die abenteuerliche Idee kommt, man könne die Steuern erhöhen oder senken. Aber nix da. Von der Bild-Redaktion in Berlin bis Opa Winfried in Hintertupfingen führt das Land anhand meist für die jeweilige Lage schöngerechneter Tabellen und Statistiken eine Integrationsdebatte, deren Höhepunkt je nach Lesart vielleicht ein gewisser Seehofer war, der plötzlich die Zuwanderung ausgerechnet von Fachkräften unterbinden möchte – oder aber Volkes Stimme, die ausgerechnet einen fußballspielenden Türken für das beste Beispiel gelungener Integration hält.
Ich finde die ganze Debatte schlicht scheiße und unsinnig, und es kotzt mich an, dass in Deutschland derzeit selbst öffentlich Sätze gesagt werden, für die man vor zwei oder drei Jahren aus guten Gründen seinen Job verloren hätte.
Dass selbst in unserer verwöhnten Wohlstandsoase nicht alles Gold ist, was glänzt, haben 50 Jahre nach dem Wirtschaftswunder auch plötzlich alle gemerkt, und da das ja einen Grund haben muss, ist es neuerdings mal wieder schick, es IHNEN in die Schuhe zu schieben. Wem? Sind wir mal ehrlich, eigentlich ist es doch egal! Die Muslime bieten sich als geheimnisvolle und seit dem 11. September 2001 auch noch gefährliche Gruppe zwar gut an, aber im Notfall haben sich ja bereits in der Vergangenheit beispielsweise auch Hartz4-Empfänger unabhängig der Nationalität bewährt.
Dass es Probleme beim Zusammenleben unterschiedlicher Menschen geben kann und auch gibt, das wissen nicht nur diejenigen, die mit einem Araber im Haus zusammenleben, sondern auch gutgläubige WG-Gründer und versehentlich Verheiratete. Warum Idioten allerdings schlimmer sein sollen, nur weil sie andere kulturelle Wurzeln haben, das erschließt sich mir nicht ganz. Würde man, wie oft gefordert, endlich Schilder für Idioten austeilen, dann würden sich deren Träger wohl verwundert untereinander umsehen und feststellen, dass es von Hermanns und Manfreds unter ihnen nur so wimmelt.
Sobald einen guten Deutschen die Hautfarbe seines Gegenübers irritiert, scheint es einen leider selbst von Herrn Sarrazin nicht erforschten Reflex zu geben, alles was er tut, auf seinen Migrationshintergrund zu schieben. Wir haben sogar extra ein Wort dafür erfinden müssen, weil die Betroffenen ja längst Deutsche sind, seit 2 oder 3 Generationen. Aber es scheint vielen Menschen in diesem Land logischer, dass jemand kriminell ist, weil seine Eltern ihre Jugend in einem anatolischen Bergdorf verbracht haben, anstatt das Problem irgendwo in den 20 Jahren Leben in Deutschland zu suchen.
Natürlich halte ich auch nichts von irgendwelchen archaischen Regeln, die Frauen Rechte aberkennen oder jemanden verpflichten, seine ungläubigen Nachbarn zu meucheln. Was die meisten Schreihälse im Auftrag der Leitkultur vergessen, ist, dass wir in einem Land leben, in dem vom (übrigens viel zu gering) strafbewehrten versehentlichen Zünden einer Atombombe bis zur Länge des schriftlichen Teils der Gesellenprüfung zum Steinmetz jede erdenkliche Kleinigkeit gesetzlich geregelt ist. Und wenn ich meine Freundin schlage, weil sie meinen Kumpel Carsten oder meinen imaginären Kumpel Allah beleidigt, dann ist das in beiden Fällen nicht nur dumm, sondern auch strafbar. Statt uns Gedanken darüber zu machen, ob der imaginäre Kumpel lieb oder böse ist, könnte man auch pragmatisch darüber hinwegsehen und sich dem Zustand widmen, dass da jemand Frauen verdrischt.
Aber dann müsste man sich Gedanken über die Gesellschaft an sich machen, über Bildung, über den eigenen Beitrag zum Zusammenleben, man müsste neues lernen und sich in Toleranz üben. Und eventuell einen ziemlich großen Posten im Bundeshaushalt für Schilder ausgeben.