Das Jahr 2012 könnte für mich eine Art Meilenstein werden. Vielleicht wird dies das erste Jahr, in dem ich mehr Geld mit dem Schreiben verdiene als mit meiner regulären Arbeit. Die Entwicklung freut mich, wenngleich ich sie noch vor gar nicht allzu langer Zeit als unmöglich abgetan hätte. Dass ich ein gewisses Talent habe, Buchstaben aneinander zu reihen, ist nichts, was für mich neu wäre. Das hat mir in der Grundschule die erste Eins im Zeugnis gebracht und hat sich fortgesetzt bis in die Überlegungen, was ich studieren könnte.
Ein Studium in Richtung Journalismus habe ich abgelehnt mit der (auch heute noch nicht bedauerten) Begründung, ich könne nicht „auf Kommando“ schreiben, Auftragsarbeiten abliefern, etc.
So blieb Schreiben das schöne Hobby, die Kunst für zwischendurch – und so habe ich es auch zu schätzen gelernt. Immer mehr und immer mehr. Über die Jahre kamen Homepages, ein Blog, noch ein Blog und noch ein Blog. Alles herrlich dilettantisch, anarchisch und zufällig. Aber spätestens seit ich GNIT ausgekoppelt habe, nimmt das Schreiben einen großen Platz in meinem Leben ein. Mit dem wachsenden Publikum kam der Anspruch, es auch gut zu machen, regelmäßig zu schreiben, und – das dürfte den meisten fremd sein – auch die geliebte Lohnarbeit hier und da zugunsten des Schreibens aufzugeben.
Bis jetzt ist das Schreiben immer noch mehr Hobby als Arbeit gewesen, die unzähligen Stunden vor den Monitoren haben sich nach herkömmlicher Rechnungsweise natürlich nicht ernsthaft bezahlt gemacht. Ich habe zwar unglaublich viele Geschenke von euch Lesern erhalten, bin hier und da geflattert worden und selbst im Taxi bekam ich öfters mal ein Trinkgeld als Dank für die Blogs. Alleine eine planbare Sache ist das nie gewesen.
Glücklicherweise – sowohl für mich als auch für die Blogs – werde ich natürlich auch weiterhin Taxi fahren. 2012, 2013 und hoffentlich noch eine ganze Weile lang. Aber abgesehen von meiner Bewerbung für ein (für meine Verhältnisse) verdammt gut dotiertes Literatur-Stipendium bin ich nun so weit, dass ich auch geschäftlich blogge. Nicht hier, nicht bei GNIT, das wäre albern und würde die Intention der Blogs zerstören. Aber ausgerechnet mein Chef im Taxigewerbe hat Interesse an meinen literarischen Ambitionen und erhofft sich, mit einem eigenen Firmenblog unter meiner Regie und mit meinen Texten mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
Was mich daran erfreut ist nicht mal unbedingt der (niedrige) dreistellige Betrag, den ich pro Monat dafür bekomme, sondern auch, dass mir ausgerechnet eine neue Aufgabe letztlich mehr Luft zum Schreiben verschafft. Schließlich bedeutet jeder Erlös aus anderen Quellen, dass ich meine Arbeitszeit im Taxi reduzieren und selbige fortan kreativ nutzen kann. Der positivste Nebeneffekt ist aber wahrscheinlich, dass ich meine Chefs auf ganz anderer Basis zu schätzen lerne als bisher ohnehin schon. Denn als linker Kapitalismuskritiker mache ich mir natürlich meine Gedanken über die eigene Käuflichkeit und den moralischen Wert eines „Werbeblogs“.
Nun, die ersten Schritte in dieses mir sehr fremde Metier (schreiben für andere) gestalten sich aufgrund der Besonderheit meines Arbeitsverhältnisses sehr positiv. Ich stehe in regem Mail-Austausch mit meinem Chef und erkenne langsamer als ihm lieb ist, was er darunter versteht, nicht als Chef auftreten zu wollen, sondern als Kollege und Freund. Die einzigen Kritiken seinerseits an meiner bisherigen Arbeit als öffentliches Aushängeschild der Firma waren – vereinfacht gesagt – Kritiken an meinem Konformismus. Er wünschte sich mehr Bissigkeit, weniger Respekt ihm gegenüber und er zeigte sich bestürzt ob der Tatsache, dass ich in einem kleinen Kommentar das Wort „Chefbüro“ gebrauchte, anstatt mich selbst als mitbestimmenden Part der Firma zu sehen.
Ich habe einen sehr kruden Weg eingeschlagen, der mich zwischen prekären Arbeitsverhäktnissen und abgehobenem Künstler-Dasein wechseln lässt und in keine eilig angelegte Schublade passt. Ich schwanke zwischen chronischer monetärer Pleite und kreativem Überfluss – eine absurde Kombination. Aber ich bin froh darum, dass mir das möglich ist und ich weiß, dass ich letzlich auch meinem Chef dafür dankbar sein sollte.
Seit einem netten Gespräch vor einigen Tagen zwischen Rattan-Sessel und Ledercouch im „Chefbüro“ denke ich jedenfalls darüber nach, ob ich nicht seinetwegen tatsächlich einen Roman schreiben sollte, dessen Held ein Berliner Taxifahrer ist, der mit einer „glaubwürdigen“ Zombie-Apokalypse konfrontiert wird. Wenn das nichts aussagt, was dann?



