Category Archives: Vermischtes

Spät und damit nie

Manchmal denke ich lange darüber nach, ob ich zu einem Thema etwas schreiben soll. Und nicht selten passiert es, dass der zu schreibende Text dann nie erscheint, weil gefühlt schon jeder etwas zum Thema geschrieben hat und ich sehe, dass dem nichts mehr hinzuzufügen ist. Das ist eigentlich auch hier der Fall, aber hier habe ich wenigstens schöne Texte zu verlinken.

Es geht um die wohl bald sprichwörtlich miese Rede der Autorin Sibylle Lewitscharoff, in der sie die Welt wissen ließ, dass sie sich vor Kindern ekelt, wenn diese nicht auf die von ihr präferierte Art (ja, der von ihr und allen Christen so geliebte Geschlechtsverkehr) gezeugt wurden.
Und nebenbei geht es natürlich auch um einen Herr Mattussek, der ganz dolle stolz ist, dass er noch so aufrecht homophob ist in dieser schlechten Welt.

Dazu jedenfalls von meiner Seite aus drei Lesetipps (in denen ihr dann auch interessante weiterführende Links, u.a. zu den originalen Artikeln, findet.

1. Anatol Stefanowitsch – Unbehagen und Menschenfeindlichkeit

Stefanowitsch identifiziert nicht nur ein Roll-Back des deutschen Feuilletons, sondern diagnostiziert diesem auch eine Gefährlichkeit, weil durch die Konzentration auf die Gefühle der Autoren eine argumentative Lücke geschaffen wird, die Gegenargumente ins Leere laufen lässt. Quasi: Ich weiß ja, dass ich falsch liege, aber an meinem Ekel ändert das halt nix und das muss ich sagen dürfen.

2. Harald Stücker – Echte Menschen?

Stücker greift Lewitscharoffs Unterscheidung in echte und nicht so wirklich echte Menschen auf und fragt, ob eine derartige Entscheidung überhaupt sinnvoll ist oder in Zukunft noch sein sollte.

3. Cornelius Courts – Natürlich böse

Courts schreibt wie immer den Artikel zur Rolle der Religion in den Weltbildern der o.g. Leute, den ich gerne geschrieben hätte und bringt – ebenso wie Stücker teilweise – deutlich zur Sprache, dass sich Religion und Menschenrechte allenfalls zufällig überschneiden und bleibt bei seiner Feststellung, tatsächlich wohne der Religion eher eine „Kraft zum Bösen“ inne.

Ich habe mich über alle drei Artikel sehr gefreut, sie enthalten wie eingangs erwähnt einige erhellende Links und werfen hier und da noch ein anderes Licht auf dieses oder jenes, auch wenn man die vielen „Großen“ dazu schon gelesen hat.

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3 Stunden

Wenn man der DHL glauben könnte, dann wäre das schön. Dann hätte die Packstation heute mittag von 14 bis 17 Uhr nicht funktioniert. Tatsächlich aber weiß ich nicht einmal, ob sie nicht just während dieser Zeit funktioniert hat, denn man kann der DHL nicht glauben.

Ich will nicht unfair sein gegenüber Dienstleistern, denn ich weiß ja, wie es manchmal auf der anderen Seite aussieht. Da klappt es halt mal nicht so, wie es der Kunde gerne hätte. Aber das ist nur ein Aspekt der Sache. Informationspolitik ist der andere und daran kann man arbeiten.

Als Ozie und ich das Paket das erste Mal abholen wollten, war es Donnerstag. Kein Zufall, denn Donnerstag ist mein erster Arbeitstag und es war schön, dieses Mal das Auto zu haben. Unsere normale Packstation, ungefähr 700 Meter Fußweg, ist nun nämlich mal wieder überfüllt gewesen und das Paket schlummert (fast) in Ahrensfelde. Das ist eine der beiden „Nachbarstationen“, dummerweise halt auch noch die „hinter“ der normalen und damit mal eben 4 Kilometer weit weg.

Dort angekommen meldete die Station, sie sei in wenigen Minuten wieder verfügbar. Dazu einer dieser unsinnigen Ladebalken, die sich ständig wiederholen und keinen tatsächlichen Fortschritt anzeigen, sondern nur Bewegung simulieren. Das ist ein Teil dessen, was ich oben mit Informationspolitik umschrieben habe: Wir standen nun da und es hieß, die Station sei in wenigen Minuten wieder verfügbar. Natürlich war uns klar, dass das alles oder nichts heißen konnte. Das hätte da seit letzter Woche oder einer Minute stehen können. Nichts dagegen, dass die Stationen mal ein Update bekommen und man dann ein paar Minuten warten muss. Gut, warum ausgerechnet um 19:30 Uhr und nicht um 3:00 Uhr … aber egal.
Hätten wir gesehen, dass die Meldung dort seit 19:28 Uhr oder seit 13:13 steht, hätten wir Schlüsse daraus ziehen können. Hätten wir gesehen, ob der Prozess fortschreitet oder sich bei 95% aufgehangen hat, hätten wir Schlüsse daraus ziehen können. So mussten wir warten. Nach 10 Minuten sind wir erfolglos abgezogen, durchaus mit dem Hintergedanken, dass es zwei Minuten später … aber wieder egal.

Was gut funktioniert ist, dass man ja eine Mail bekommt, wenn die Packstation nicht tut. Den Freitag über kam keine solche, also hab ich am Abend wieder das Auto gesattelt und bin gen Ahrensfelde geritten. Ist zugegebenermaßen ein recht hoher Aufwand, aber wir haben keine Fahrräder und ich darf die Kiste privat nutzen. Außerdem müsste jetzt ja (binnen 24 Stunden) mal einer der Zusteller vor Ort gewesen sein. An der Station dann: der selbe Screen mit dem lächerlichen Balken wie am Tag zuvor. Vielen Dank, das waren nun schon eine Stunde Lebenszeit und konservativ gerechnet 30 km Anfahrt mit dem Auto für umme.

Am nächsten Tag dann die Hotline. Ozie wird versichert, dass es keine Meldung gäbe, dass an der Station was nicht stimme, nur eine Fehlermeldung von vor drei Tagen. Also selbst wenn da was gewesen sein sollte: Jetzt müsste sie funktionieren!

Ich habe es nicht ausprobiert. Denn eigentlich sollte ich arbeiten, wenn ich das Taxi unterm Arsch habe. Ich hatte Karte und TAN dabei, falls ich zufällig dort in die Nähe kommen sollte, kam ich aber nicht. Außerdem beschlich mich die Befürchtung, dass wohl kaum am Wochenende jemand zu einer Station fahren würde, die offiziell funktioniert. Wir sind ja nur Kunden, was wissen wir schon?

Sonntag ist seit einiger Zeit der letzte Arbeitstag der Woche. Der letzte Tag mit Auto also. Und bis zum nächsten Donnerstag wäre das Paket nicht mehr da. Also bin ich nochmal dort vorbei gefahren, aber ich brauche wohl kaum erwähnen, dass mich die Packstation nach wie vor nur mit der (inzwischen wohl so zu nennenden) Lüge konfrontierte, sie wäre in ein paar Minuten wieder verfügbar. Na klasse!

Heute war dann Montag. Heute geschahen dann drei Dinge. Zum einen konnte Ozie keine Mail an die DHL schreiben, weil sie während des Absendeprozesses ausgeloggt wurde und der ellenlange Erklärungstext im digitalen Nirwana verschwand. Ohne Warnhinweise oder sonst irgendwelche allzu kundenfreundlichen Informationen. Zum anderen meldete die DHL selbständig wie eingangs erwähnt um 14 Uhr, dass die Station defekt ist und um 17 Uhr, dass der Fehler behoben sei. Und ich bin mir sicher, dass das so in die Statistik der Verfügbarkeiten und die Berechnungen der Down-Times der Packstationen in irgendeiner Unternehmensbilanz landen wird.

Wir hingegen werden heute Abend mit der S-Bahn nach Ahrensfelde fahren, um anschließend das Paket hierher zu schleifen.

Im Grunde ist es ja schön, dass man an den Packstationen rund um die Uhr, auch am Wochenende, sein Zeug abholen kann. Selbst wenn es mal ein paar Meter weg ist. Und Fehler passieren. Ist schon ok, ganz ehrlich.

Was ich nicht verstehe: Wozu stellt die DHL Programmierer ein, die sinnlose, ja im schlimmsten Fall irreführende, Screens anzeigen lassen? Wozu eine Hotline, wenn die Leute dort gar keine Ahnung haben?

Ich hab den Verdacht, dass das alles nur dem schönen Schein dienen soll, weil man sich nicht traut, Probleme auch mal ehrlich zu vermitteln. Diese Scheiße hat uns dann bald vier Stunden Zeit und einen ungewissen Geldbetrag gekostet. Aber schön, dass so eine defekte Packstation nach nur drei Stunden wieder repariert wird … -.-

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A62, Dienstag, 14:00 Uhr.

Als ich ins Gebäude trete, die Pförtner ignorierend, tritt mir augenblicklich ein Polizist in Zivil entgegen. Meine Statur scheint ihn zu beeindrucken, er geht instinktiv in eine Verteidigungshaltung und fragt, die Hände ausstreckend mit hellwachem Blick, laut und deutlich:

„Moment, Moment, Moment! Wo wollen Sie denn hin?“

Irgendwie hatte das ja kommen müssen, so klischeereich wie das Ganze bisher schon war: Ich, mitten in einer schlechten Tatort-Szene. Einen guten Fernsehkommissar hätte der Kerl schon abgegeben. Und meine Rolle? Die ist eigentlich nicht der Rede wert.

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Genau genommen war ich noch vor vier Minuten im Gebäude der Polizeidienststelle gewesen und nur vor die Tür gegangen, weil im Warteraum Rauchverbot und auf dem Raucherbalkon Zivilistenverbot herrschte. Ich war aus freien Stücken hier, eigentlich nur als moralische Unterstützung, wie man gerne sagt.
Nennt unsere Reflexe seltsam, aber es gibt keinen Grund, sich alleine und wehrlos irgendwelchen Ämtern auszusetzen, wenn man sich zu zweit besser fühlt. Und deswegen war ich da. Eigentlich war nur Ozie vorgeladen. Oder eingeladen, wenn man mal nicht diese irreführende Terminologie der Polizeischreiben verwendet. Wir waren freiwillig da, wenn auch auf Bitte der Polizei.

Der Grund dafür liegt rund einen Monat zurück. Die Nachbarn. Mal wieder.

Wir haben ja viele Nachbarn. Laute, leise, dicke, dünne, junge, alte, nette und die Idioten, wegen denen Ozie die Polizei geholt hat. Schon das zweite Mal. Aus dem Leben unserer Nachbarn halten wir uns bis auf einige freundliche Gesten wie die Annahme von Paketen oder das Grüßen auf dem Flur raus – die beiden Telefonate mit dem Notruf waren dem Umstand geschuldet, nicht sicher zu sein, eventuell ein Gewaltverbrechen zu ignorieren. Auch bei dauerlauter Nachbarschaft gibt es unterschiedliche Nuancen und letztlich Grenzen.

In dem Fall wohl berechtigt gesetzte, denn an jenem Abend wurde einer unserer Nachbarn letztlich von der Polizei mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt und das behördliche Schreiben, das Ozie bat als Zeugin zu erscheinen, betraf zwei Verfahren wegen Körperverletzung. Nicht gegenüber der Polizei im Übrigen, sondern gegenseitig.

Unser Erscheinen war wie gesagt dennoch wohlüberlegt. Viel zu berichten gab es zwar nicht, aber nach jahrelangem Mithören lag dann der Entschluss nahe, auch mal zu bestätigen, dass die offensichtlich wirklich einen an der Klatsche haben. Natürlich sollten sie ihre Familienangelegenheiten unter sich klären, aber man wird offener gegenüber Anschwärzungen, wenn nachts heulende Kinder durchs Treppenhaus laufen und bei den beteiligten Erwachsenen mehr Rück- als Fortschritte zu erkennen sind.

Und dann saßen wir da. Abschnitt 62, ein aus dem Ruder gelaufenes Klischee einer Polizeidirektion. Direkt hinter dem Eingang ein Wartebereich, locker 300 m² groß, dennoch nur mit vier schmucklosen Tischen auf vielleicht fünf mal fünf Metern in der Raummitte. Diese Halle, von der sich verzweigend einige Treppen und Türen abgingen, dominierte ein einzelnes Relief an der Stirnseite gegenüber der Türe, ungefähr fünfzehn mal drei Meter messend. Sichtbar noch sozialistischer Herkunft dominierten grob geschnitzte Arbeiterfiguren die schwer einzuordnende Szenerie.

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Durch einen angrenzenden Flur stromerte ein Mann im Bademantel, der sonstige Durchgangsverkehr war überwiegend uniformiert.

Ozie wurde recht bald von einem der Beamten gebeten, mitzukommen. Meine Anwesenheit war sichtlich unerwartet, ich wartete auch gerne weiter im Wartebereich, aber es war mit Ozie ausgemacht, dass ich – für alle Fälle – erreichbar bin. Denn bei allen kontroversen Ansichten zur Polizei bleibt eines immer noch Tatsache: Selbst in solchen Situationen, in denen man sich eigentlich auf ihrer Seite bei der Aufklärung eines Sachverhaltes befindet, erwecken sie nie den Anschein, man wäre nicht dazu gezwungen. Und auf derartige Spielchen möchte man reagieren können.

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Natürlich war es am Ende nicht schlimm. Ozie wurde in ein Büro gebeten, das bei gerade einmal 9 m² Fläche zwei ausgewachsene Polizisten samt Arbeitsschreibtischen, zwei Kühlschränke und Aktenregale beherbergte. Eine Mikrowelle der ersten Generation und eine langsam sterbende Yucca-Palme ebenso. Die Wände zierten lustige Comics, Fotos von Polizisten, Sportvereinswimpel und die ein oder andere romantische Fotografie ferner Länder. Die Blaupause für das, was die Inneneinrichtungsverbrecher der Tatort-Crew dem deutschen Fernsehzuschauer jeden Sonntag vorsetzen.

Während ich in der Halle unten den Gesprächsfetzen der anwesenden Beamten lauschte und mich (auch via Twitter) über die karge Deko in Form einer Kehrmaschine im Eck amüsierte, beantwortete Ozie im zweiten Stock geduldig ein paar Fragen. Unter der Treppe zum zweiten Stock schlummert eine monströse, offensichtlich in privater Heimarbeit angefertigte und schon alte Rollstuhlrampe aus Massivholz. Sicher für den Haupteingang 30 Meter entfernt. Ich male mir in Gedanken aus, wie vier Beamte mit vereinten Kräften das Ding zur Türe wuchten, während ein normaler Rollstuhl nur den Handgriff eines Helfers erfordern würde. In die Ruhe höre ich hinter dem deplazierten Raumteiler, der uns Besucher von den meisten Polizisten abschirmt:

„Also die Moral bei Rotlicht, dit is‘ erschreckend!“

Inzwischen haben auch die zwei UPS-Fahrer am Nachbartisch Gesellschaft einer Beamtin erhalten. Ungeachtet meiner Wenigkeit und der Anwesenheit einer anderen Dame wird mal kurz ein Unfall im Wartebereich aufgenommen. Ich wundere mich, bin jedoch auch amüsiert, wie die Anwesenden die Prenzlauer und die Hellersdorfer Promenade durcheinanderbringen. Humor für Ortskundige.

Die Befragung von Ozie hat längst ein Ende genommen, einer der zwei Bediensteten in dem großzügig geschnittenen Büro hat sogar bereits Feierabend gemacht. Den Rest der Zeit soll das Ausdrucken des Protokolls in Anspruch nehmen, da beide verfügbaren Drucker nicht ganz frei von Makeln sind. Die folgenden 15 Minuten, die das Spektakel am Ende dauerte und durch Ozies Unterschrift in zweifacher Ausfertigung besiegelt wurde, nutzte ich unten in der Halle, um mir eine Cola am Automaten zu ziehen und die eingangs erwähnte Raucherpause anzutreten. „Nicht lange“ sollte es dauern, der Minutenzeiger hatte am Ende eine Dreiviertelrunde hinter sich.

Als Ozie und ich, beide noch etwas amüsiert ob unserer Einblicke in diese Welt, wieder zusammentrafen, beschlossen wir, dem Tag (auch wegen weiterer anstehender Aufgaben) und dem unweigerlich folgenden Gespräch eine nette Atmosphäre zu geben. Ich erinnerte mich an den netten Italiener ums Eck der Polizeidirektion, zu dem mich damals Jochen Knobloch vom Tagesspiegel eingeladen hatte. Und dort ließen wir den Nachmittag dann angemessen ausklingen. Denn wie twitterte ich bereits aus dem Wartebereich des Abschnitts 62?

„Pizzadienststelle würde mir mehr liegen.“

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400 Minuten

Einmal will ich nicht hinterher sein!

„Orphan Black“ ist eine Serie, die ich durch Ozie kennengelernt habe. Großartiges Mystery-Science-Fiction-Drama. Oder so in der Art. Großartig stimmt jedenfalls. Gibt es leider noch nicht auf deutsch, dementsprechend muss ich wohl meine illegalen Bezugsquellen eingestehen. Und ich schäme mich dafür nicht, so lange ich keine Chance habe, das jetzt legal zu sehen.

Aber im Ernst: Sollte das demnächst  ins Fernsehen kommen (oder solltet Ihr ähnlich kriminell sein wie ich), dann zieht Euch das rein! Ich hab die komplette erste Staffel ungelogen in den letzten 12 Stunden angesehen – ja, erraten: es waren rund 400 Minuten! Geht kaum anders, ehrlich. Und das, obwohl ich noch immer denke, zu schlecht englisch zu können, um Serien im Original zu sehen …

And don’t say the C-word. 😉

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Skeptisch und emotional

Ich muss zugeben: Ich bin eine Heulsuse.

Und ich hasse dieses Wort. Wieviel Verachtung darin – nicht einmal notdürftig versteckt – liegt! Weinen ist ja etwas, das zumindest Männer (in diesem Zusammenhang eher Machos) nicht dürfen. Dabei ist es eigentlich eine unglaublich angenehme Art, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sicher: auch ich trete ungern mit verheultem Gesicht anderen Leuten gegenüber. Weinen ist etwas höchst privates, aber deswegen alleine sollte man es nicht tabuisieren.

Ich bin kein Wissenschaftler und habe trotz regem Interesse an Psychologie auch bisher keine Fachliteratur zum Thema gelesen. Wie die meisten Menschen weine ich zu gegebenen Anlässen einfach für mich selbst, aber ich bin der festen Überzeugung, dass hinter diesem Vorgang eine furchtbar interessante Systematik der Hirnchemie steht. So furchtbar auch meist die Gründe sind, die einen zum Weinen veranlassen, so unglaublich befreiend kann diese körperliche Reaktion sein. Da mag mit reinspielen, dass die Sauerstoffaufnahme des Gehirns bei nebensächlich auftretender Hyperventilation Rauschzustände auslöst, aber schlechter wird es deswegen ja nicht.

Ich heule wirklich oft. Ich bin ein emotionaler Mensch. Und ich finde das in keinster Weise schlimm, obwohl ich mich zu einer naturwissenschaftlich fundierten, skeptischen Haltung bekenne. Gefühle sind kein bisschen weniger bedeutend für meine Lebenswirklichkeit, nur weil ich vielleicht hier und da eine rationale Erklärung für sie habe. Im Gegenteil: Das Wissen, dass mein Gehirn mittels Hormonausschüttungen so tiefgreifende Erfahrungen möglich macht, hinterlässt mich regelmäßig mit einem wohligen Schaudern. Umso mehr erscheint es mir armselig, wenn Kommentatoren mir Gefühlskälte vorwerfen, nur weil ich nicht ihrer persönlichen Wahnvorstellung eines Gottes hinterher renne.

Ich habe mehrfach bittere Tränen geweint, als ich mich vorübergehend von Ozie verabschieden musste und ebenso, als meine Mutter starb. Darüber hinaus war ich stets nah am Wasser gebaut, als mir bekannte Künstler wie beispielsweise Christoph Schlingensief verstarben. Außerdem weine ich regelmäßig beim Lesen guter Bücher.

Und warum nicht? Verdammt, was hat es wehgetan, in John Greens „Looking for Alaska“ die Grenze zwischen „before“ und „after“ zu überschreiten! Wie weh tat es, als in „Feynmans Regenbogen“ der Tod eines der großartigsten Wissenschaftlers des letzten Jahrhunderts Einzug in die Geschichte hielt! Verdammt, ich fange an zu flennen, wenn ich an die beiden Bücher denke, ganz ehrlich.

Und? Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch?

Um ehrlich zu sein: Ich finde es eigentlich schön, dass unser Weinen mehr noch als unser Sexualleben bislang die Öffentlichkeit scheut. Es ist schön, dass das noch so privat ist, wie es vielleicht andere Teile unserer Persönlichkeit auch sein sollten. Aber ich halte es für einen Fehler, diese an sich so wertvolle und wichtige Umgehensweise mit schwierigen Themenfeldern zu tabuisieren oder totzuschweigen.

Just my two cents. And some tears of course.

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Montag früh

Hätte ich nicht die denkbar beklopptesten Arbeitszeiten und zudem mehr Freizeit als einem gut tut, hätte ich das nicht gemacht: Handwerker auf Montag, 7 Uhr morgens, bestellt. Aber ja: Es war eine sinnvolle Wahl. Während ich Montags um 7 Uhr wenigstens wach bin, trifft das auf viele andere Zeiten von normalen Handwerkern nicht zu. Zudem wurde mir versichert:

„Es ist der erste Termin des Tages, da sind die auch pünktlich!“

Sollte man bei Handwerkern ja nicht unterschätzen. 😉

Und nun: Wie immer hat alles mustergültig geklappt. Ziel der ganzen Aktion war, nach Monaten der Prokrastination mal wieder Licht in mein Zimmer zu bringen. Also nicht irgendwelches, sondern richtiges. Ich habe bei uns in der Wohnung ja das einzige Zimmer, in dem zwei Lampen Malerfassungen an der Decke hängen. Und eine davon tat nicht. Und das war einem defekten Relais geschuldet, etwas das wir schon mal im Flur hatten. Kein großes Ding, aber eben nix, was ich mit meinem bescheidenen Halbwissen mir jemals zu reparieren zugetraut hätte.

Der Handwerker selbst war jenseits seiner Arbeit jedoch ein Original sondersgleichen. Als er mit vernehmbarem „Uff!“ die Wohnung betrat und unsere lustigen Warnhinweise neben der Tür argwöhnisch beäugte, dachte ich schon, mir ein Arschloch oberster Güte ins Haus gelassen zu haben. Aber, ganz ehrlich: Dem war nicht so. Die knappe halbe Stunde, die er brauchte, um das Problem mit aller Vor- und Nacharbeit zu beheben, haben wir uns meist unterhalten.  Angefangen mit der für Arbeiten nicht gerade praktisch angelegten Luke für den Sicherungskasten waren wir bald bei den Arbeitsbedingungen. Wie eigentlich erwartet sind die nicht das Gelbe vom Ei. Die Aufträge werden immer langweiliger, es wird im Gegenzug immer mehr Eile gefordert, alles nicht so dolle.
Und so hat mich gefreut, von ihm zu hören, dass er sich andersweitig umsieht.

Ich weiß, es ist komisch, sich über einen meckernden Elektriker zu freuen. Aber er hat nicht über mich gemeckert oder darüber, dass er jetzt bei mir irgendeinen Scheiß zu erledigen hat, sondern darüber, wie die Bedingungen für ihn sind. Und er sucht nach anderen Jobs, die ihm mehr Spaß machen – obwohl er näher an der Rente ist als ich an meinem Eintritt ins Berufsleben.

Ich mag das, weil ich finde, dass sich viel zu viele Menschen unterkriegen lassen und eine Arbeit machen, die sie nicht wollen, die sie nicht fordert, interessiert oder befriedigt. Es ist in meinen Augen einfach schön, wenn selbst bodenständige Leute wie Elektriker, die überwiegend für eine große Wohnungsbaugenossenschaft arbeiten, versuchen auszubrechen. Was würde ich mir wünschen, mehr Menschen würden das tun oder hätten zumindest die Chance dazu.

Blumentopf rappten dereinst sehr passend in ihrem wunderbaren Song „Neben dem Ton“:

„Zu viele lachen mich an, aber sie weinen im Stillen,
weil sie nur für ’ne Arbeit leben, mit der sie sich eigentlich killen.“

So gesehen hat mich der morgendliche Besuch dann doch irgendwie gefreut. Und um die Lyrik über vergeigte Wochenanfänge nicht ganz aussterben zu lassen, sei hier auch noch unser letzter Wortwechsel wiedergegeben:

„Na dann trotz allem noch einen schönen Arbeitstag!“
„Ach, Montach is‘ immer scheiße, die restlichen Tage jeh’n.“

Na dann.

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Es geht voran …

Falls irgendwer es vergessen haben sollte: Ich arbeite an einem Buch. Übers Taxifahren. Das vergesse ich beim vielen Bloggen darüber auch gerne mal, aber deswegen habe ich ja inzwischen eine Literatur-Agentur, die bis aufs Schreiben die wichtigsten Dinge übernimmt.

Und ja, von deren Seite gibt es Neuigkeiten: Es gibt Angebote! \o/

Obwohl ich könnte, werde ich jetzt vorerst keine genauen Infos weitergeben. Da nach wie vor ein paar Verlage im Rennen sind, wäre das vielleicht etwas ungünstig. 😉
Aber, so viel kann ich wohl sagen: es ist (wie erwartet) nicht der Worst Case eingetreten. Was bisher in der Wagschale liegt, kann sich für ein Erstlingswerk meines Wissens nach durchaus sehen lassen. Aber selbst diese Interpretation muss ich mit meiner Agentur besser noch mal erörtern, bevor ich das allzu überzeugt von mir gebe.

Im Gegensatz zum Bloggen oder zum Buchschreiben im Eigenverlag ist das natürlich ein viel trägerer Prozess, an den auch ich mich erst einmal gewöhnen muss. Aber eigentlich läuft es doch mindestens so gut wie erwartet bisher. 🙂

 

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