Irgendwann in den nächsten Tagen werde ich wohl auch mal wieder eine eigene Pflanze besitzen. Die Tatsache, dass ich das bisher noch nicht tue, liegt weniger darin begründet, dass ich Pflanzen nicht mag, sondern mehr in meiner Arglosigkeit, mit der ich sie irgendwann versehentlich sterben lasse.
Aber – mein Glück – Pflanzen haben noch keine Möglichkeit gefunden, es einem übel zu nehmen. Sicher, sie werden braun, hässlich und irgendwann verholzen sie, aber zu dem Zeitpunkt, zu dem sie mich ärgern, weil sie sich nicht mehr problemlos in einen Bio-Müllbeutel pressen kann, wäre auch jede Hilfe zu spät.
Dass ich gerne eine Pflanze hätte, ist also eigentlich ein Wunsch, der so sinnig ist wie der der Nachbarn über uns nach einer Familie: Gar nicht. Während die Nachbarn schreien, toben und Gegenstände durchs Haus werfen, wird bei mir irgendwann der Tag kommen, an dem ich feststellen werde:
„Huch, dich gibt es ja auch noch!“
Daraufhin werde ich dem knusprigen Freund einen Liter Wasser verpassen, er wird nach langer Trockenzeit schlichtweg ersaufen und das war es dann. Ein Ende, dass ich der Familie über uns nicht wünsche, aber auch nicht ausschließen kann…
Nein, im Ernst: Ich möchte mich mal wieder mit einem Einzelversuch an Pflanzen herantrauen. Eine komplette Wohnung voller Grünzeug überfordert mich garantiert, schließlich ist unsere Wohnung so groß, dass ich manche Zimmer nur selten betrete. Aber eine Pflanze, noch dazu eine, die meine Liebe erwidert, die wird es hoffentlich schaffen.
Butter bei die Fische: Ozie hat heute Samen bestellt und neben anderen capsaicinhaltigen Köstlichkeiten in ihrer Obhut werde ich mich heranwagen, selbst eine Habanero-Pflanze großzuziehen. Bei meinem gering ausgeprägten grünen Daumen wird das nur klappen, wenn ich mir auch was davon verspreche – insofern sind Habis ja das Beste, was mir unterkommen könnte. Denn direkt nach Kartoffeln, deren vielfältige Verwendung natürlich weit über die von Habaneros herausgeht, kann man wohl sagen, dass dies meine Lieblingsfrüchte sind.
Ob mein kleiner mir noch unbekannter Liebling mir anders als sein Vorgänger aber auch tatsächlich Früchte bescheren wird, weiß ich natürlich noch nicht. Das beste Anbaugebiet ist Berlin im Vergleich zu Mexico beispielsweise ja eher nicht.
Aber ich werde euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten über dieses Experiment 😀
Nach der Odyssee durchs deutsche Schienennetz hätte Alexa auf der Stelle einschlafen können. Abgesehen von der nicht unbedeutenden Tatsache, dass sie eigentlich nicht wirklich müde war. Eher erschöpft. Das freilich hing auch damit zusammen, dass sie den ganzen Tag nicht wirklich etwas essbares herunterbekommen hatte. Nachdem sie sich nach dem Zufallsprinzip einiger Klamotten entledigt hatte, packte sie ihren immerhin noch lauwarmen Döner aus und setzte sich an ihren Tisch.
Ihre Gedanken kreisten zwischen „Das ist jetzt aber auch typisch Berlin!“ und „Gott sei Dank bin ich nicht so doof und hab mich darauf verlassen, dass was zu essen im Haus ist.“
„Alex? Teechen?“
Jans Stimme hallte vertraut und doch für diesen stillen Moment unangenehm laut durch den Flur ihrer Wohnung.
„Äm, Meimebwebm! M‘ Fwarbfm!“
„Bitte was?“
Jans Kopf streckte sich durch den Türspalt. Alexa schluckte hastig ihren letzten Bissen herunter und artikulierte geringfügig deutlicher:
„Meinetwegen. Einen schwarzen Tee hätte ich gerne!“
Ein kurzes beiderseitiges Lächeln später war Jan in der Küche verschwunden und bald darauf hörte sie Tassengeklimper und das unstete Rauschen und Gluckern des Wasserkochers. Sie überließ den fetttriefenden unteren Rand ihres Fladenbrotes dem Müll, als Jan verkündete, der Tee sei fertig. Abgekämpft – und jetzt auch noch völlig überfressen – schleifte Alexa sich in die Küche, wo sie bereits ein grinsender Mitbewohner mit 2 dampfenden Tassen in den Händen erwartete. Er wirkte ziemlich übermotiviert für ihr Empfinden, obwohl er mit seinen dreckigen Tennissocken, den karierten Boxershorts und seinem „Berlin ist pleite“-T-Shirt nicht gerade den Eindruck erweckte, arbeitsgeil zu sein.
„Also: Wie war die Fahrt?“ „Nervig. Verspätung, kalter Zug, ich bin froh, endlich da zu sein…“ „Nein, ich mein‘ jetzt insgesamt!“ „Ach so, ich…“
In diesem Moment sorgte ein für die beiden kaum spürbarer Luftzug dafür, dass Jans Zimmertüre am Ende des Flurs mit vernehmlichem Krachen ins Schloss fiel. Der Schreck für beide war groß. Da sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie tot umfallen oder wegrennen sollten, setzten beide ihre Panik in einer recht unglücklichen Übersprungshandlung um und schütteten sich ihren heißen Tee gegenseitig aufs Hemd.
Die folgenden anderthalb Minuten enthielten 35 „Ah!“ in unterschiedlichen Lautstärken und Tonhöhen, einige ziemlich unappetitliche Flüche, gegenseitige Schuldzuweisungen und ein Gerangel ums Waschbecken mit dem kalten Wasser. Wie in den meisten unschönen Situationen, die die beiden schon durchzustehen hatten, entspannte sich die Lage aber auch jetzt sehr schnell und nachtragend waren sie ohnehin nicht. Sonst wären sie zweifelsohne nie zusammengezogen.
Die nächste Runde Tee wurde wesentlich vorsichtiger genossen, zumindest von Alexas Seite aus. Sie hatte ihr nasses Shirt gegen einen Pullover getauscht. Jan hingegen hatte sich nur des alten Shirts entledigt und saß nun mit freiem Oberkörper am Küchentisch, was im Übrigen sehr gut mit der Umgebungstemperatur harmonierte, die dank des altmodischen Heizkörpers, der nur die Einstellung „Wüste“ und „Wostok“ kannte, recht hoch war.
Dass Jan mit seiner begeisterten Begeisterungslosigkeit bezüglich Sport nicht ganz so gut trainiert war wie die Truppe aus der Schweiz, über die sie gerade erzählte, fiel Alexa gar nicht auf, als sie ihn fast nackt am Tisch sitzen sah. Irgendwie war er immer noch ihr Typ. Diese Gedanken schlichen sich immer mal wieder ein, das hatte nicht viel zu bedeuten. Damals, als ihre Beziehung mit seinem Coming-Out ein eher spontanes Ende genommen hatte, war das natürlich für beide nicht leicht gewesen. Heute schmunzelte sie eher darüber, dass sie immer noch mit ihrem ersten Freund zusammen wohnte, auch wenn sich zwischenzeitlich herausgestellt hat, dass er schwul war.
Ihre Erzählungen zur Reise waren bestenfalls farblos zu nennen. Eigentlich war sie viel lieber wieder in Berlin und wollte eher wissen, was sich während ihrer Abwesenheit hier so ereignet hatte. Dass Jan da der falsche Ansprechpartner war, war ihr bewusst. Seine gelegentlichen Meldungen bei Facebook bestanden meist aus Links zu Filmen, die er sich ansah und aus einzelnen Worten wie „Bier!“, „Spinat!“ oder „Katerfrühstück“. Daraus auf die aktuelle Situation in der deutschen Hauptstadt zu schließen, war nicht mal Alexa möglich, so gut sie Jan auch kennen mochte.
Der Tee entfaltete indes seine Wirkung und neben der langweiligen Erzählung über eigentlich ziemlich geile Urlaubstage beschloss sie, den guten Jan in den nächsten Tagen mal wieder ein bisschen vor die Türe zu zwingen – ganz egal, wie sehr er sich auch wehrte. Sie beendete die Ausführungen über ihren letzten Tag auf der Hütte und fügte an:
„Morgen mal wieder WG-Einkauf? Kaum noch Zeug da.“ „Hmm, krieg am 15. erst Kohle.“ „Ich leg’s aus.“ „Mhm, naja, warum nicht?“ „Warum nicht? Sollen wir die ganze Woche nur Tütensuppen…?“ „Mach ich schon seit vorgestern, die müssen auch mal weg!“ „Junge, Jan! DU musst auch mal weg. Wir latschen morgen mal zum Plus rüber. Meinetwegen auch nachmittags.“
Lachen. Der Rest des Abends verlor sich in Anekdoten über dies und das. Hier nochmal ein bisschen Schweiz, dort ein bisschen WG-Vergangenheit, viel privates. Ihr Schlaf und der von Jan schenken sich nichts. Sie erschöpft von der Reise, er vom Aufräumen, träumten sie beide einen Haufen wirres Zeug, an das sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnerten.
Was soll die beiden vor dem Einkaufen überraschen?
Irgendwas total absurdes. (59%, 69 Votes)
Ein Kumpel kommt spontan zu Besuch. (24%, 28 Votes)
Und damit meine ich vor allem das Ende jeglicher Vernunft. Auch wenn die Vorboten des angeblichen Weltuntergangs sich derzeit hauptsächlich darauf beschränken, dass Axe ein Deo damit vermarktet (riecht man dann wie eine jahrtausendalte Kultur und ist das nicht eher ein wenig… muffig?), sehe ich ein bisschen bang auf den weiteren Verlauf des Jahres. Aber wie gesagt: Nicht, weil ich glaube, dass die Welt am 21. Dezember untergeht. Sondern weil ich mir wahrscheinlich bis zu besagtem Termin eine Menge geistigen Dünnpfiff in sämtlichen Medien reinziehen muss, der versucht, das Ende der Welt zu verkünden, oder schlimmer noch: es zu erklären.
Dabei ist die Sache selbstverständlich wie bei den letzten grob geschätzten 20 vorhergesagten Weltuntergängen während meiner Verweildauer auf diesem Planeten eindeutig:
Nichts spricht dafür, dass die Welt untergeht. Nichts!
Ich hoffe zwar stark, dass sich unter meinen Lesern keine Hohlbirnen und Dünnbrettbohrer befinden, aber vorsorglich (schon alleine, damit ich später wieder drauf verlinken kann) möchte ich doch frühzeitig klarstellen, dass alle Geschichten um einen Weltuntergang völlig inhaltsleeres Geschwafel von Idioten sind. Das zeigt sich auch ganz gut daran, dass sich scheinbar unter den Verschwörungstheoretikern, Esoterikern und Vorgarten-Gurus ein Wettbewerb entwickelt hat, wer das Ende der Welt am 21.12.2012 bekloppter herbeifaselt:
Der Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans erfreut sich schon des 2012-Filmes wegen großer Begeisterung, der zweitliebste Kandidat für den Untergang ist der geheimnisvolle Planet X oder Nibiru. Aber schon bei diesem Planeten ist unklar, was er mit uns anstellen wird: Mal knallt er auf die Erde, mal bringt er bloß die Umlaufbahn durcheinander und mal zieht er gleich noch ein paar Außerirdische hinter sich her, die dann die Menschen versklaven, erlösen oder vielleicht auch auf ihnen reiten – was weiß ich!
Aber das ist natürlich nicht alles. Anderen Spinnern scheint es realistischer, dass unsere niedliche Galaxis, durch die wir seit rund 5 Milliarden Jahren eiern, plötzlich geheimisvolle Strahlen aussendet, die uns – was auch sonst – umgehend terminieren. Wem das zu abgespaced ist, der kann sich auch an die Theorie hängen, dass eine besonders lineare Planetenkonstellation Unheil bringt oder wir beim „Durchqueren der Ebene der Milchstraße“ irgendwie Schaden nehmen. Desweiteren droht die Sonne mit einem Maximum an Aktivität und das Magnetfeld der Erde wird sich spontan umpolen. Aufhören, sich zu drehen wird die Erde natürlich auch. Und all das lässt sich natürlich völlig logisch begründen: Der Kalender der Maya hört auf.
Mal ganz im Ernst: Da finde ich stichhaltigere Begründungen, um am 21.12.2012 morgens nackt mit einem Eisklotz an einer Goldkette über die Schulter gehängt auf dem Dach des Empire-State-Buildings Cornflakes zu essen und dabei Jesus zu zitieren!
Und ebenso wie ich es ausschließe, das zu tun, kann man auch den Weltuntergang an diesem Tag ausschließen.
Zunächst einmal ist ein Kalenderende nichts schlimmes. Wir hatten das das letzte Mal vor 2 Monaten. Oder vor 12 Jahren – völlig egal. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Maya mehr beim Schreiben ihrer Kalender gedacht haben als wir heute. Würde es sie noch geben, gäbe es sicher auch einen Kalender für den nächsten Zyklus. Wenn unsere Kultur jetzt plötzlich erlischt, gäbe es auch wenig Sinn, einen Weltuntergang am 31.12.9999 vorherzusagen, weil man leider keine schriftlichen Aufzeichnungen für eine Zeit danach gefunden hat, oder?
Und ähnlich lächerlich wie die Grundthese sind auch alle daraus abgeleiteten oder daran angelehnten oben erwähnten (und wirklich geglaubten!) Geschehnisse:
Der Yellowstone-Vulkan ist gefährlich und wird irgendwann Ärger machen. Die aktuellen Messungen zeigen aber eher einen Rückgang der Aktivität.
Planet X / Nibiru müsste (egal bei welcher Theorie, egal ob mit oder ohne Aliens) bereits jetzt am Himmel sichtbar sein. Und nach oben zu sehen kann uns auch die NASA nicht verbieten. Und falls man den Profis unter den Astronomen doch vertraut: Die hätten schon seit Ewigkeiten Bahnänderungen der anderen Planeten bemerken müssen. Dass sich ein Planet hinter der Sonne versteckt oder nur vom Südpol aus zu sehen ist, ist allenfalls in der Fantasie von Leuten möglich, die mit Panikmache Bücher verkaufen wollen und zeugt von einem astronomischen Weltbild, gegen das das der Kirche schon vor 1000 Jahren modern erschienen wäre.
Es wird keine sonderlich außergewöhnliche Planetenkonstellation im kompletten Jahr 2012 geben, und selbst wenn, dann ist das so harmlos wie der Ausfall des Zigarettenanzünders in meinem Taxi, weil die gravitativen Auswirkungen lächerlich gering sind, eine andere Wechselwirkung nicht existiert und die Planeten sowas außerdem ständig tun. Diese Schlingel!
Synchronisationsstrahlen gibt es schlicht nicht und alle anderen plötzlich auftretenden Ereignisse im All lassen sich schlecht vorhersagen. Schon gar nicht von einer Kultur, die es nicht einmal geschafft hat, bis heute bestehen zu bleiben und daher meines Erachtens nach ein bisschen die Glaubwürdigkeit bezüglich hilfreicher Vorhersagen eingebüßt hat.
Die Ebene der Milchstraße durchquert die Erde alle 30 bis 45 Millionen Jahre. Da das letzte Mal erst 1,5 Millionen Jahre her ist, stellt sich sowohl die Frage, warum das Leben hier noch existiert als auch warum es bis zum 21. Dezember noch mehrere Millionen Jahre dauert. Aber dazu braucht man wohl eine Ausbildung als Glaskugel.
Ein Maximum an Sonnenaktivität gibt es rund alle 11 Jahre und nach der Logik müsste ich zumindest schon zweimal in meinem Leben einen Weltuntergang erlebt haben. Abgesehen davon wird das Maximum dieses Mal 2013 erst sein und aller wissenschaftlichen Voraussicht nach sogar unter dem Durchschnitt der letzten Maxima liegen. Boah, voll tragisch also das Ganze!
Den Polsprung hingegen gibt es mehr oder minder wirklich, allerdings ist der leider ungefährlich und dauert außerdem ein paar tausend Jahre an. Daraus einen Weltuntergang für einen bestimmten Tag zu machen, ist genau so stichhaltig wie der ganze oben genannte Rest:
Es ist Quatsch, Müll, dummes Zeug, das auf bewussten Lügen, Dummheit oder gefährlichem Halbwissen beruht!
Mit den tatsächlichen Anhängern erübrigen sich allerdings stichhaltige Diskussionen meist, sodass ich in dem Fall einfach darum bitte, mich vor dem Suizid im Testament zu erwähnen. Oder schickt das Geld mit der Post, ist ja eh egal, nicht wahr?
Für Interessierte: Die wahrscheinlich umfangreichste wissenschaftliche Faktensammlung zum Mumpitz ums Weltende 2012 hat der Astronom Florian Freistetter in seinem Blog Astrodicticum simplex angehäuft und gleich noch ein eBook (2012 – Keine Panik) daraus gemacht.
Während Alexa ihren schweren Reisekoffer auf den rudimentären Rollen durchs Gebäude des Ostbahnhofs zog, sprang Jan schnell unter die Dusche. Ein Gentleman war er nicht wirklich, aber so langsam fiel selbst ihm auf, dass er nicht mehr ganz nach Mitbewohner, sondern eher nach Stallbenutzer roch. Bei der Gelegenheit konnte er gleich noch hier und da etwas Dreck von den Duscharmaturen wischen und seinem Hals durch die weitgehende Abnahme des Bartes wieder etwas Kontur zurückgeben.
Gut, die letzten Wochen zwischen Jacky Cola und Tiefkühlpizza sah man ihm an, aber abgesehen von einer kleinen Wohlstandsplauze war er eigentlich ein ansehnlicher junger Kerl. Seine halblangen dunkelbraunen Haare pflegte er bewusst nicht übermäßig, von den Socken bis zum Gesicht bestand er auf einen Used-Look. Aber er gehörte zu den Leuten, die sich das erlauben konnten.
Wenn er seine Brille abnahm – die völlig überflüssigerweise 5 Jahre nach ihrer Anschaffung auch noch hip geworden war – und er seinen Bauch ein kleines bisschen einzog, ging er als gut gebauter Student durch und hätte sich sicher auch zwischen Alexas Snowboardern sehen lassen können. Nur änderte sein cooles Aussehen nichts daran, dass er einfach nicht cool war. Er stand nicht auf die angesagte Musik und ging schon deswegen wenig aus. Er stand nicht auf die angesagten Drogen, was ihn in letzter Konsequenz dann wiederum davon abhalten sollte, künftig auf angesagte Musik zu stehen und deswegen öfter auszugehen. Er stand auch nicht auf angesagte Klamotten, angesagte Leute und angesagte Läden. Er machte lieber selbst die Ansagen und nahm es mit stoischer Gelassenheit hin, dass seinen Ansagen niemand folgte.
Er verwendete seinen Rasierer ausschließlich fürs Gesicht, die einmalige Ausnahme vor ein paar Jahren ließ ihn bis heute wissen, dass es so seine Richtigkeit hatte. Während er sich einseifte und sich unter dem immer mal wieder in der Temperatur schwankenden Duschstrahl herumdrehte, tat er, was er am liebsten tat: Relaxen, das Hirn ausschalten und sich gelegentlich an die Nudel fassen. Er freute sich auf die Rückkehr von Alexa, das allerdings hatte nichts miteinander zu tun. Ja, sie waren mal kurz zusammengewesen, aber dass sie jetzt einfach zusammen wohnten, machte die Sache um einiges einfacher.
Natürlich hatten sie reihenweise Leute kennengelernt, bei denen das anders war. Auch ein Grund, warum Jan es genoss, anders zu sein als die meisten.
Alexa schleppte sich durch die Bahnhofshalle, ließ sich einen Döner einpacken und sah vor der großen Glasfront die ein oder andere Schneeflocke hinabsinken. Der Tritt durch die Schiebetür ließ sie abermals ob der Kälte erschaudern, sie hatte beschlossen, ein Taxi zu nehmen. Aber welches von den 25?
Etwas stockend orientierte sie sich nach links und steuerte ohne es wirklich zu wissen auf den ersten in der Schlange zu.
„Sind sie frei?“
piepste sie mehr als dass sie sprach. Ihre Stimme hatte etwas gelitten unter dem wochenlangen Missbrauch von Gras und Alkoholika in Zusammenkunft mit der vielen kalten Luft.
„Hier ist Berlin und ick bin frei!“
Ralf, der kleine und rundliche Taxifahrer, hatte glatte anderthalb Stunden auf diese Tour gewartet. Dass es kein großer Wurf werden würde, war ihm klar, als der das Gepäck sah. Die klassische Fahrt vom Bahnhof ums Eck nach Friedrichshain. Oder vielleicht Kreuzberg.
„Na reich ma den Koffer, Keule! Hätteste mal besser’n Gaul mitjebracht für dit Mordsding!“
Ralf hatte nicht selten Kunden verjagt mit seinem etwas sonderbaren Humor. Dabei meinte er es nicht wirklich böse. Er machte einfach gerne Scherze und er kümmerte sich eben nicht drum, ob sie bei seinem Publikum ankamen oder nicht.
„Ich müsste nur kurz in die Köpenicker Straße…“
„Kurz? Kurz is jut. Aber weeßte, ick kenn noch’n paar Köpenicker. Machen wir ’ne Rundtour, ha’m wa beide was von!“
Alexa zuckte zurück. Sollte sie wirklich den Kerl…? Ach, ist auch egal. Hauptsache heim!
„Was kostet das denn etwa?“
In Anbetracht der umherhetzenden Kugel, die Ralfs Bauch war, war nichts mehr zu spüren von ihrem eigentlich so ausgeprägten Selbstwertgefühl. Sie wollte doch nur nach Hause!
„Könn‘ wa halten wie die uff’m Dach! Bring dir nach Biesdorf, kost‘ 20. Bring dir nach… is auch ejal! Willst nach Kreuzberg, wa?“
„Äh, ja.“
„Na machen wa’n Fünfer. Kannst aber auch mit’n Kollejen hinter mir fahr’n. Der kennt’n paar nette Umwege. Der is da so jut, det merk ick selbst nich‘ mal!“
„Äh…“
„Nu komm rin, Keule! Ick bring dir übern Fluß, ist schon ok!“
Während der Fahrt stellte sie fest, dass Ralf eigentlich ein ganz netter Kerl war, ein bisschen vorlaut vielleicht. Wahrscheinlich genauso ein Chaot wie Jan. Sie musste ein wenig schmunzeln. Solche Originale fand man wahrscheinlich wirklich nur in Berlin. Ihre Fahrt hatte über 12 Stunden gedauert, sie war durchgefroren, leicht erkältet und geschwächt vom vielen Sport und den Exzessen auf der Hütte abends. Wohnung, Jan begrüßen, Bettchen! Für mehr war sie heute nicht mehr zu gebrauchen.
Auf der anderen Seite der Spree angekommen, keine 3 Minuten nach Fahrtantritt, verabschiedete sie sich ziemlich hektisch von Ralf. Dieser hatte es in den letzten Sekunden noch geschafft, sein Trinkgeld auf beinahe den Fahrpreis zu erhöhen, indem er ihr irgendeine Story von russischen Kunden vorgebetet hatte, die er am Abend zuvor im Auto gehabt haben wollte. Wie dem auch sei!
Das vom Ruß des Verkehrs leicht graubraun verschmutzte Haus ragte steil vor ihr empor und sie freute sich mit jedem Schritt mehr. Während Ralfs Reifen auf der Straße beim Wenden quietschten, erklomm sie Stufe um Stufe des Altbaus um nach 3 Stockwerken vor der Türe zu stehen. Ihrer Türe! Die Türe der ersten „eigenen“ Wohnung. Glas, umrahmt von absplitterndem braunen Lack. Daneben eine Messing-Klingelknopf und zwei auf einem Papierstreifen aufgemalten Namen:
„Merkel & Suhlisch“
Zuhause.
Sie kramte in der Tasche nach ihren Schlüsseln und als sie sie gerade ins Schloss stecken wollte, öffnete sich die Tür wie von Zauberhand, während dahinter ein dunkler Schatten vorbeihuschte:
„Moin Alex, wart kurz, ich sollte mir noch was anziehen…“
rief Jan im Vorübergehen. Sie lächelte erleichtert, während sie beim Eintreten gerade noch den knackigen Hintern ihres nackten Mitbewohners in seinem Zimmer verschwinden sah. Es war also alles wie immer. Schön. Sie glaubte ein leises Knirschen zu hören, als sie den Läufer im Flur betrat, kümmerte sich aber nicht darum. Sie ließ ihr Gepäck im Flur stehen, öffnete die Türe ihres Zimmers und schmiss sich aufs Bett. Ja, das war gut!
Was sollte Jan nun machen?
Alexa bei einem Tee in der Küche über die Reise ausquetschen. (35%, 37 Votes)
Alexa vorschlagen, runter in die Eckkneipe zu gehen. (32%, 34 Votes)
Markus anrufen, ob er nicht vorbeikommen will. (20%, 21 Votes)
Alexa in Ruhe lassen, sie hatte eine lange Fahrt. (15%, 16 Votes)
Während Alexa ihre langwierige und komplizierte Rückreise aus der Schweiz antrat, raffte Jan sich endlich auf und focht seinen Kampf mit der Spülmaschine aus. Auch im Intensiv-Modus wurde sie nur mäßig zufriedenstellend fertig mit dem, was er ihr aufbürdete. Nachdem er also das Spülbecken vom gröbsten Dreck gereinigt hatte, ging er ans nachträgliche Säubern einzelner Geschirrteile.
Im Laufe des Samstags lief die Maschine wieder und wieder. Die altersschwache Spülbürste flog nur so über die ausgespuckten Teile und die Schränke in der kleinen Küche füllten sich allmählich wieder. Jans Füße trugen ihn zwischen dem Fernsehsessel und der Spülmaschine hin und her, später zwischen der Maschine und den Küchenschränken. Nennenswerten Glasbruch schaffte er zu vermeiden, einzig ein altes Weinglas musste im Laufe des Tages entsorgt werden.
Der Wind pfiff um die Häuser, die Temperaturen stiegen nur sehr selten über -5°C, gelegentlicher leichter Schneefall umwehte das winterliche Berlin.
Alexa fror indessen fürchterlich in verschiedensten Regionalzügen der deutschen Bahn. Ihr Wochenendticket teilte sie mit ein paar jugendlichen Berlin-Touristen, das praktizierte sie seit Jahren bereits so. Ebenso wie die deutsche Bahn es seit Jahren praktizierte, die Züge im Winter ausfallen zu lassen. Oder zumindest die Heizung.
Ihren Urlaub hatte sie genossen, während der Rückfahrt dachte sie jedoch unentwegt an die Möglichkeit, mal eben schnell aus der Welt zu scheiden, umgehend zu sterben, egal wie, hauptsache warm. Verbrennen beispielsweise.
Viel mehr aber dachte sie an die Wohnung, die Stadt, sie war durchaus froh, wieder heimzukommen. Zwar wusste sie, dass das Wetter in Berlin nicht eben besser war, die Aussicht auf die beheizte Bude jedoch erwärmte sie auch innerlich. Ein bisschen auch die Aussicht auf Jan. Sicher, er hatte ihr Zuhause wahrscheinlich in den letzten drei Wochen übel zugerichtet und sie würde ihm das auch vorhalten – aber während ihres atemberaubenden Urlaubs ist ihr vor allem klargeworden, dass sie den liebenswerten Chaoten in ihm vermisste.
Die Truppe in der Schweiz – viele alte Bekannte, ein paar Facebook-Freunde und Freunde von Bekannten von Facebook-Freunden – war so wohlorganisiert wie öde gewesen. Sie hatte selbst an sich den Anspruch, die Planlosigkeit ihrer Jugendjahre – die sie auch damals mit Jan zusammengebracht hatte – hinter sich zu lassen, aber die ununterbrochene Party auf dem Gipfel war auch nicht, was sie wollte. Bereits vor der Ankunft hatten sie Finanzplanungen aufgestellt, Fahrer organisiert, Zeitpläne gemacht. Einen Schritt weiter, so fühlte es sich an, und sie hätte ein Formular zum Pinkeln unterschreiben müssen. Selbst das Budget fürs Gras hatten diese Spinner vorher festgelegt!
Aber – und das fuchste sie gewaltig – es hat auch funktioniert. Keine Geldsorgen, immer alles warm und ordentlich. Selbst als Olli nachts betrunken beim Versuch, seinen Namen in den Schnee zu pinkeln nach dem O mit heruntergelassenen Hosen einen Hügel hinabstolperte und sich das Handgelenk verstauchte, fanden sich zwei nüchterne Fahrer, die ihn ins nahegelegene Spital brachten.
Sie schwor sich, Jan nie zu sagen, dass sie im Nachhinein genoß, manchmal aufzustehen und nicht zu wissen, ob er die letzte Milch für seinen White Russian aufgebraucht hatte, oder ob sie unbehelligt frühstücken könnte (davon abgesehen hätte sie ohne diese Aktion damals nie herausgefunden, wie lecker Smacks ohne Milch schmecken).
Zitternd an die hässlichen roten Ledersessel des Zuges gelehnt wünschte sie sich, sie wäre noch einmal 15 und ihre Beziehung mit Jan hätte noch einmal diese falsche Zukunft, die sie sich damals ausgemalt hatte. Oder hatten, manchmal war sie sich nicht sicher.
Während ihr Zug die Stadtgrenze Berlins passierte, fuchtelte Jan mit dem altersschwachen Handfeger in der Wohnung herum, um kleine Häufchen zusammengekehrten Unrates entweder auf die vorgesehene Schaufel oder unter den nächsten Teppich zu schieben. Alexa sei Dank hatten sie nur wenige Teppiche, sie erkannte den praktischen Nutzen in Momenten mit Zeitmangel eindeutig nicht so gut wie er! Nach einem prüfenden Tritt auf den Läufer im Flur (nichts knirschte ernsthaft, gute Arbeit!) schmiss Jan die Arbeitsutensilien zur Seite und wandte sich dem Internet zu. Eigentlich müsste ihr Zug vor 20 Minuten angekommen sein. Wo blieb Alexa nur?
Nur 5 Minuten nach diesem Gedanken verließ selbige den Zug (der runde 30 Minuten Verspätung hatte) und war erstaunt, dass es außerhalb tatsächlich nochmal mindestens 10 Grad kälter war. Wie sollte sie es nur möglichst schnell und lebendig nach Hause schaffen?
Wie kommt Alexa möglichst schnell heim?
Taxi! Das kann der Autor sicher am besten beschreiben 😉 (34%, 33 Votes)
Sie sollte Jan anrufen, dem fällt was ein... (31%, 30 Votes)
Ist ja nur knapp ein Kilometer. Laufen! (20%, 20 Votes)
Taxi? Taxi ist teuer! Nimm den Bus! (16%, 16 Votes)
Wenn ich mich mit der Bahn zur Arbeit begebe, treffe ich insbesondere am Wochenende bereits auf die potenzielle Kundschaft des Abends. Mein Weg trägt mich ja mit der M6 von Marzahn aus in Richtung Innenstadt, da sind am frühen Abend einige mit von der Partie, die essen, trinken, feiern gehen wollen.
Und dabei schon vorglühen.
Die Truppen sind immer bunt gemischt. Sowohl die Marzahner Jugend als auch Leute aus den günstigen Hotels etwas außerhalb landen in der Bahn, so wirklich überwiegen tut da keine besondere Gruppierung. Mal ist eine zehnköpfige Gruppe betrunkener Hellersdorfer die lauteste, mal sind es 20 australische Touristen aus dem Columbus-Hotel.
Wenngleich auch die M6 im Laufe des letzten Jahres schon Schauplatz von Überfällen war, bin ich eigentlich von den wirklichen Honks meist verschont geblieben. Sicher, mit einem Großteil der Leute würde ich ungern mehr als eine Straßenbahnfahrt verbringen, aber meine leicht misanthropische Einstellung lässt mich das Gleiche über die Mitreisenden zu jeder Zeit sagen.
Und so saß ich eines Abends dieser Woche wieder in der Bahn und vor mir saßen zwei mir überaus suspekte Typen. Solariumgebräunt, fitnessstudiogestählt, gegelt und in gleichermaßen teure wie lockere Kleidung gehüllt saßen sie zwei Sitze voneinander getrennt in der Bahn und haben sich ihren iPhones gewidmet. Jeder hatte ein Bier in der Hand, nicht das erste offenbar, insgesamt ruderten sie eher damit herum, als dass sie davon tranken.
„Ey!“
meinte der eine und ich hab unwillkürlich den Dialog in Gedanken fortgeführt. Darin kamen Beleidigungen vor, Alter, Sprüche über ihren Alkoholkonsum, Alter, Sticheleien, Alter, Rumgeprolle, sexisitisches Geschwätz und zum Abschluss nochmal Alter!
Einzig: Es kam nichts. Also nicht nur nichts von alledem, sondern nichts. Fast 10 Minuten hatte ich die beiden vor mir und sie taten ungelogen nichts weiter, als sich gelegentlich mit „Ey!“ anzusprechen und zu versuchen, sich gegenseitig mit ihren Smartphones zu fotografieren. Der eine stupst den anderen an: „Ey!“. Der hält sich schützend den Arm vors Gesicht: „Ey!“ Handy wird gezückt: Blitz! „Ey!“
Und all das leise und unaufgeregt. Zugegeben: Das hat nicht unbedingt dafür gesorgt, dass ich sie für cleverer gehalten habe als zuvor. Irgendwie angenehmer war es trotzdem, ey!