13. Juni 2012 · 16:17
Warnung: Dieser Blogeintrag springt völlig wirr zwischen geschriebener und gesprochener Sprache. Einfach so. Schwupps.
So ziemlich jeder, der meinen letzten Blogeintrag kommentierte, betonte die Überraschung darüber, dass ich Sash „englisch“, also mit ä ausspreche. Ich hatte jetzt ja schon einige Leser bei mir im Taxi sitzen und die meisten haben mich spontan mit „Sasch“ angesprochen, manche haben gefragt. Ein Problem damit hab ich auch nicht, denn
1) woher solltet ihr es wissen?
2) hab ich ja diesen zweideutigen Nick gewählt.
Wobei gewählt nur relativ zu sehen ist. Auch wenn es nur bedingt spektakulär ist, kann ich ja heute mal schreiben, woher ich diesen Namen überhaupt habe und weswegen für mich undenkbar ist, ihn anders auszusprechen.
Zunächst einmal sei erwähnt, dass meine Mutter immer stolz darauf war, mir einen Namen gegeben zu haben, der sich nicht durch Verkürzung irgendwie „verunstalten“ ließ. Ihre Begeisterung, als ich plötzlich Sash genannt wurde, hielt sich folglich in Grenzen. Allerdings hat sie es selbst schnell übernommen.
Überhaupt ging das alles ziemlich schnell. Wir müssen dazu zurück in eine Zeit gehen, in der man Leute mit Handys noch belächelt hat und es den Begriff Frontalunterricht in der Schule noch nicht gab, weil keine Alternative dazu bekannt war. So zumindest meine Erinnerung. Pi mal Daumen 15 Jahre müsste das her sein, irgendwann zwischen 1996 und 1997 jedenfalls. Ganz so wichtig ist das Jahr auch nicht. Ich ging damals in die 9. oder 10. Klasse und stand damit kurz davor, der größte Mensch an unserer Schule zu sein. Mein Kunstlehrer sollte mir dies zwar erst kurz vor dem Abitur zugestehen, dabei hatte ich seine Niedlichkeit von 1,90 m recht schnell überboten. Dennoch war ich an der Schule nicht unbedingt der große Held.
Irgendwann beim Wechsel aufs Gymnasium hatte ich aufgehört, mir meinen Ruf einfach dadurch zu erarbeiten, dass ich alle anderen zusammengeschlagen habe und im Laufe der Jahre wusste niemand mehr, dass ich das überhaupt je getan hatte. Folglich war ich der Dicke, ein etwas verschrobener Kerl vielleicht sogar, auf jeden Fall völlig uncool.
Das genaue Gegenteil, nur ein bisschen zu kurz geraten in Intelligenz und Körperlänge, war Stefan S., eine Stufe über mir. Das war ein relativ berüchtigter Kerl, wobei sich seine Gefährlichkeit auch überwiegend auf seine fiese Fresse beschränkte. Den meisten Fünftklässlern konnte er damit imponieren, es gingen Gerüchte um, er zocke ihnen ihr Taschengeld ab. Mir und meinem Freundeskreis war der Typ völlig schnuppe, das einzige weswegen er überhaupt erwähnenswert war, war sein Erfolg bei den Mädels. Aber, auch wenn es vielleicht ihm gegenüber nie jemand gesagt hätte, wir hielten ihn für einen Lutscher.
Nun kam besagter Stefan S. irgendwann auf die Idee, er müsse mal den komischen Dicken anlabern, keine Ahnung, was er sich davon erhoffte. Ob er versuchte, irgendwelche Schwachpunkte zu finden oder ob er mich gleich bloßstellen wollte? Kein Plan, wirklich! Jedenfalls fing er mich irgendwann am schwarzen Brett ab, begrüßte mich mit „Ey, Säääääsh“, um im Anschluss irgendsowas ganz innovatives wie „Fettsack“ oder dergleichen fallen zu lassen. Nicht gerade beeindruckend, mir wären auf der Stelle 10 bessere Beleidigungen eingefallen. Ich kannte sie ja alle.
Erstaunlicherweise passierte aber gar nichts. Weder machte er mich weiter an, noch gab ich ihm einfach die Schelle, die er verdient gehabt hätte und an die er sich unweigerlich heute noch erinnern würde. Nein, ich ging einfach. Das einzige Mal in meinem Leben hat dieses „Und wenn dich jemand beleidigt, dann geh einfach!“ funktioniert. Als ich einem Kumpel davon berichtete, ist der fast umgefallen vor Lachen. Nicht meinetwegen, sondern wegen des komischen Namens: Sash! Es waren wirklich nur Tage, bis aus der Ironie im Klassenzimmer irgendwann ernst wurde und die Leute mich wirklich mit Sash ansprachen. Immer noch mit ä, allerdings nicht so peinlich in die Länge gezogen wie von Stefan.
Dieses Problem hab ich übrigens mit einer Eleganz gelöst, die in dem Alter kaum zu überbieten war: Als Stefan das nächste Mal mit seinen Freunden im Schlepptau an mir vorüberging und mich Sash nannte, fiel ich ihm ins Wort: „Mensch, Stäääph! Was geht?“
Er hat mich überhaupt nie wieder angesprochen. Meinen Namen hatte ich dennoch weg. Mit dem ä, von Steph.
