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Ostern, ehrlich jetzt?

Ich gebe zu, dass ich ein wenig betrübt bin, weil die Taxi-Umsätze zu Ostern schlimmer sind als im Januar. Aber darüber hinaus waren die letzten Tage einfach auch so mal wieder schwer zu ertragen. Der Tatsache geschuldet, dass die Katholiken derzeit einen neuen und in ihrem Sinne verhaltensauffälligen Papst haben und es zudem mancherorten schneit, schwirren die Nachrichtenmeldungen über das wichtig(st)e Fest der Christen nur so um einen herum.

Und, ganz ehrlich, das stimmt mich traurig.

Wir schreiben das Jahr 2013, idiotischerweise auch noch den Bibelgeschichten wegen. Wir sind ein paar Jahrhunderte über die schlimmsten Verfehlungen der meisten Religionen hinweg, nutzen das Internet – sogar unterwegs – und nehmen gegen die in dieser Jahreszeit grassierende Erkältung wie völlig logisch erklärbar Medikamente unserer Wahl ein. Wir bezeichnen uns als aufgeklärte Menschen, behaupten zumindest aber mal, wenigstens ethisch und moralisch besser zu sein als die Generationen vor uns.

Und feiern Ostern.

Ich hab wirklich nichts gegen lustiges Eiersuchen im Garten für die Kinder und kann auch verstehen, dass man an Feiertagen mal seine Familie sehen will. Und den meisten ist das Osterfest eine nur allzu weltliche Begebenheit ohne tieferen Sinn. Aber noch immer ist es in diesem Land Gesetz, an Karfreitag keine Tanzveranstaltungen zu erlauben.

Weil eine beschissen irrationale Sekte um den Tod eines angeblich übernatürlichen Wesens trauert.

Ich bin für Religionsfreiheit. Ehrlich. Und das zu schreiben, verlangt mir einiges ab – nämlich die Dummheit der Menschen zu akzeptieren. Aber ja, ich gestehe es jedem zu, an Dinge und Personen zu glauben, die objektiv betrachtet Humbug sind. Ich finde das peinlich, lächerlich, traurig und teilweise verachtenswert, aber die Freiheit der Menschen ist mir wichtiger als mein persönliches Empfinden. So gesehen: Viel Spaß mit Ostern!

Im Gegenzug werde ich aber nie akzeptieren können, dass mein Leben beeinflusst werden soll von irgendwelchen Riten, die geistgläubige Irre dummerweise vor ein paar Jahrhunderten als vermeintliche Wahrheit in den unaufgeklärten Köpfen irgendwelcher Idioten platzieren konnten. Dass nach wie vor Gesetze – die zum Wohl aller gemacht sein sollten – einen Unfug stützen, der beloppter ist, als ich es mir je ausmalen könnte. Wir reden hier von Toten, die wieder zum Leben erwachen; von Schwangerschaften ohne Sex; von Geistern und einer Fülle an Dingen, die heute wahrscheinlich heilbar sind …

Versaue ich mit diesem Eintrag jetzt die Stimmung? Oh, Entschuldigung!

Nee, im Ernst: Es rennen eine Menge Bekloppte durch die Welt, aber wenn es um den Glauben geht, dann soll man gefälligst die „Gefühle“ der Gläubigen nicht verletzen. Na Prost Mahlzeit! Hat mich mal wer gefragt, ob ich als Kind mit unwahrer Scheiße vollgesülzt werden wollte? Natürlich nicht. Meine Eltern – obwohl keinen Fatz gläubig – haben mich trotzdem mal besser taufen lassen, damit ich mir nicht versehentlich irgendwelche Jobchancen verbaue. Und ich bin nicht Fünfzehnhunderthastenichtgesehen geboren.

Eine Gruppe psychisch nur begrenzt für zurechnungsfähig zu erklärender Leute verbietet mir und dem Rest der Nation das Tanzen und Feiern. Und unsere Kanzlerin reiht sich ein und findet das alles völlig normal. Nee, is‘ klar!

@FreXxX hat es bei Twitter auf den Punkt gebracht:

„ich frage mich, was an ‚trennung von staat und kirche‘ so schwer zu verstehen ist,“

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Neues aus der Anstalt

Es gibt fantastische Neuerungen bezüglich des Leistungsschutzrechtes!

Ich weiß, ich bin nicht der einzige, der gelegentlich vermutet, wir werden im Bundestag von einem Rudel nett frisierter Gurken regiert – aber DAS jetzt, da fehlen nicht nur mir die Worte. Der Journalist Thomas Knüwer findet in seinem Blog Indiskretion Ehrensache z.B., dass das Wort geistesgestört schon nur unzureichend fürs LSR als solches sei. Und jetzt gibt es auch noch eine Änderung!

Wir erinnern uns: Das Leistungsschutzrecht soll die Verlage davor schützen, dass z.B. Suchmaschinen ihre Texte verwenden. Also natürlich soll Google ihre Texte anreissen, die Verlage wollen halt, dass man ihnen dieses Geschenk auch noch bezahlt. Dabei – und das wird jetzt gleich wichtig – haben wir ja bereits ein Urheberrecht, das verhindern soll, dass man fremde Werke unerlaubt benutzt. Alleine hielten die Suchmaschinen sich nach gängiger Meinung daran, denn es gibt z.B. die Ausnahme des Zitatrechts, was eine Verwendung von kurzen Textausschnitten in einem eigenen Kontext erlaubt. Das LSR wird quasi von den Verlagen gewünscht, damit diese „Lücke“ geschlossen wird.

Im Laufe der letzten Wochen ist selbst in der ansonsten ja weitgehend merkbefreiten Koalition die ein oder andere Unterstützerstimme fürs LSR weggebrochen, es ist zu vermuten, dass das der Grund ist, warum am kommenden Freitag bereits abgestimmt werden soll: schnell durchwinken, bevor noch jemand mitkriegt, was er da verabschiedet!

Faszinierend ist, dass es sich nun aber um eine abermals modifizierte Variante des Gesetzestextes handelt, die – laut netzpolitik.org – folgenden Wortlaut haben wird:

“Der Hersteller eines Presseerzeugnisses (Presseverleger) hat das ausschließliche Recht, das Presseerzeugnis oder Teile hiervon zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich zu machen, es sei denn, es handelt sich um einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte. Ist das Presseerzeugnis in einem Unternehmen hergestellt worden, so gilt der Inhaber des Unternehmens als Hersteller.”

Der fett gedruckte Teil ist hierbei die Neuerung. Bei netzpolitik steht passend darunter:

„So. Und nun versuchen Sie dieses Gesetz mal zu verstehen.“

Das Gesetz soll also dafür sorgen, dass man künftig auch besonders kleine Textausschnitte schützt, außer es handelt sich dabei um besonders kleine Textausschnitte.

Chapeau!

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Backflash

Es gibt so Momente in meinem Leben, in denen ich irgendetwas in der Presse lese, im Radio höre, in Filmen sehe, das mir bekannt vorkommt – und das dann ein flaues Gefühl im Magen hinterlässt, weil es mich erinnert an eigene Erlebnisse. Ein gutes Beispiel war der 11. September 2001. Als mein Vater mit den unvergessenen Worten „In Amerika isch Halligalli, ein Anschlag jagt den nächsten!“ in mein Zimmer kam und ich anschließend den Fernseher anschaltete, stockte mir der Atem. Katastrophenmeldungen hatte ich schon zur Genüge gesehen, aber beim Anblick der brennenden Twin-Tower dachte ich zunächst an die Aussage unseres Reiseführers Glenn ein Jahr zuvor, dass in den Gebäuden 50.000 Menschen arbeiten; danach daran, wie ich zwischen Nord- und Südturm stand und dachte, dass ich nicht hier sein möchte, wenn die Dinger mal einstürzen. Freilich ohne den Hauch einer Ahnung, dass das zu meinen Lebzeiten passieren könnte.

Nun, Ereignisse wie den 11. September gibt es glücklicherweise zumindest nicht monatlich. Das war ein eigentlich unglücklicher Vergleich zur Einleitung des Textes, da sich selbstverständlich eine Gleichsetzung verbietet. Aber das selbe Gefühl wie damals streifte mich nun, da ich las, dass die Wohnungen einiger Pressefotografen wegen einer Demonstration durchsucht worden sind, auf der sie – eventuell – auch Bilder gemacht haben könnten, die gewalttätige Leute zu identifizieren helfen könnten. Die Problematik daran ist natürlich politischer Natur. Es geht um Verhältnismäßigkeiten, Pressefreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung. Um Schlagworte, wenn man ehrlich ist. Wenn auch Schlagworte mit Verfassungsrang.

Das zugegebenermaßen sind nicht meine Gedanken, zumindest nicht vorrangig. Ich empfinde eher eine Art diffuses Mitgefühl, schließlich habe ich mehr oder minder haargenau das auch schon hinter mir. Am 20. oder 21. Oktober 2006 war eine große Demo in Stuttgart, ich war dabei und habe fotografiert. Nicht offiziell, allenfalls für die eigene Website. An diesem Tag sind zwei oder drei eher halblebige Brandsätze an der Fassade der Commerzbank gelandet, sicher kein Kavaliersdelikt, am Ende jedoch mit dem Ergebnis eines angekokelten Fensterrahmens. Die Polizei wurde auf meine Kamera aufmerksam gemacht und ich hatte kein gesteigertes Interessa daran, sie ihnen auszuhändigen. Und hab außerdem klargemacht, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt allenfalls in der Nähe war und keine relevanten Aufnahmen gemacht hätte. Der gar nicht einmal unfreundliche Cop nahm das zur Kenntnis, forderte aber meine Papiere ein und damit war es für diesen Tag gut. Das hätte eine Randnotiz bleiben können, allerdings kamen sie bei der Aufklärung nicht so recht voran, so dass – als es nun wirklich niemand mehr erwartet hatte – am 27. Oktober die Durchsuchung erfolgte. Die unterbleibende abermalige Nachfrage bei mir nach dem Bildmaterial wurde dem Richter gegenüber als untauglich dargestellt, da mich das ja hätte alarmieren und zur Vernichtung der Bilder inspirieren können. Eine Idee, die mir in den 6 Tagen natürlich nie einfach so hätte kommen können …

Als ich den sturmklingelnden Beamten an jenem Tag um 6.25 Uhr die Tür öffnete, war die Kamera mitsamt lauter verwackelten Bildern fernab des Tatgeschehens nicht einmal in Stuttgart und kurz davor, eine Freundin auf ihrer Reise nach Mexiko zu begleiten. Das änderte freilich nichts.

Gegen das, was ich allenthalben gehört hatte, war die Durchsuchung Kinderfasching. Ich war (wie die Fotografen jetzt auch) nur als Zeuge Ziel der Aktion. Wahrscheinlich war das für die Polizei ein Grund, sich aufs Wühlen zu beschränken und keine ungeahndete Sachbeschädigung zu begehen, für die sich natürlich im Nachhinein jede Menge Gründe finden lassen. So gesehen war das damals eine skurrile Aktion, bei der der Chef des Stuttgarter Staatsschutzes mich persönlich ungeachtet seiner Befugnisse nett fragte, ob er hier und da in irgendwelche Kartons schauen dürfe, die ich damals auch entsprechend humorvoll und mit dem Verweis auf allerlei Verfehlungen verbloggt habe.

Aber auch wenn es so harmlos war, auch wenn es keine rechtlichen Folgen hatte: was bei all dem Gerede über Hausdurchsuchungen oft auf der Strecke bleibt, ist das Eindringen in die Privatsphäre und das Ohnmachtsgefühl, das zurück bleibt.

Ich hab damals, 5 Minuten bevor mein Wecker geklingelt hätte, nur mit Boxershorts bekleidet die Tür geöffnet. Über die Treppe verteilt standen Polizisten, teils in Zivil, teils uniformiert, teils gepanzert in voller Montur, die Hand griffbereit an den Schlagstöcken. Während mir der Gerichtsbeschluss unter die Nase gehalten wurde und ich mich ein wenig nackt fühlte, wurde mir ein Typ mit Hornbrille vor die Nase gesetzt, den sie gleich mal als „unabhängigen Zeugen“ mitgebracht hatten. Ich bat darum, wenigstens meiner Freundin sagen zu können, sie solle sich was anziehen, da stand trotz Zustimmung gleich ein Beamter mit im Türrahmen und jubilierte:

„Ach, Sie haben ja schon ein T-Shirt an!“

Na dann.

Mein Zimmer war damals wie heute nicht wirklich angefüllt mit hochgeheimen Sachen, aber wie in jeder Wohnung gab es Dinge, die man ja ungern in einem Bericht über sich stehen haben wollte. Zwei gepanzerte Bullen hielten Wache im Flur auf einem Berg Handtücher, die das Wasser aufgesogen hatten, nachdem unsere Waschmaschine am Abend zuvor ausgelaufen war. Der größte Teil vergnügte sich derweil in der Küche und redete abfällig darüber, dass vom Vorabend noch Fischstäbchen übrig waren. Und ich selbst stand in Unterwäsche dazwischen und fragte mich, was diesen Arschlöchern eigentlich einfällt, sich über meinen Lebensstil ein Urteil zu bilden, nur weil sie gerne Fotos hätten, die nicht einmal existierten.

Natürlich wurde es bald mehr oder weniger hektisch in der WG und ich bin meinen Mitbewohnern bis heute dankbar, dass sie die ganze Aktion mit stoischer Gelassenheit hingenommen und hier und da mal einen Cop verscheucht haben, wenn sie zur Kaffeemaschine wollten.

Ein besonders weises Exemplar Polizist, von den Kollegen H.-P. genannt, setzte sich an meinen heiligen Computer und fing an, ihn nach Bildern zu durchsuchen. Ausgerechnet meine Homepage vermieste ihm das, weil diese einen virtuellen WG-Rundgang mit zerschnippelten Bildern enthielt und mal schnell dafür sorgte, dass sich über 50.000 Bilder auf meinem Rechner befanden. Nichtsdestotrotz lässt sich die Erniedrigung kaum in Worte fassen, die es bedeutet, wenn ein fünfzigjähriger dickbäuchiger Möchtegern-Profiler auf den eigenen Pornoordner stößt und dabei ganz süffisant möglichst laut durch die Wohnung flötet:

„Ha mei, Sie hen‘ da ja naggiche Bilder druff!“

Und ich war schon froh, eine Beziehung zu führen, in der das nicht das nicht das Aus bedeutete. Die gespielte Entrüstung, die nicht so recht fruchten wollte, wurde umgehend durch grenzdebile Häme ersetzt, bei der sich das vorhandene Personal darüber ausließ, dass man das ja „bei jedem“ finden würde, „au bei de radikale Islamischde“.

„Woisch no, der neulich? Zigdausende, ond elle ’sen ’se blond g’wä!“

Bei mir dauerte das Irrlichtern durch Fotos von privaten Parties, Freunden und Unterwäsche nur eine halbe Stunde. Ich kam fast noch pünktlich zur Arbeit und erhielt am Ende außerdem ein gekünsteltes Grinsen mit der Aussage, sie hätten „ja immerhin nix kaputt gemacht.“

Ach?

Nein, so einfach ist das nicht! Das macht was kaputt! Und zwar ziemlich dauerhaft. Das Vertrauen in den Rechtsstaat, den Wert der Unschuldsvermutung, das Sicherheitsempfinden in der eigenen Wohnung, die Meinung von der Polizei.

Ich bin mir sicher: in den meisten Fällen bleibt es nicht bei einem verächtlichen Spruch wegen eines „naggichen“ Bildchens oder einem Lachen über Fischstäbchen. Aber schon das reicht aus. Hausdurchsuchungen sind nicht ohne Grund eigentlich ein Mittel, das nur in besonderen Fällen eingesetzt werden sollte, das Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung ist nicht ohne Grund verfassungsrechtlich garantiert. Eine Hausdurchsuchung ist – zumal wenn so harmlos wie bei mir – natürlich nichts, über das man nicht hinwegkommen kann. Dennoch: hat man es einmal hinter sich, überliest man so manche Pressemeldung nicht mehr so einfach.

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Aufschrei-Nachlese

In Deutschland wird massenmedial über Sexismus debattiert. Wow!

Muss ich irgendwie so sagen. Ich hatte vor 15 Jahren nur begrenzt Hoffnung, dass es dieses Thema irgendwann mal aus dem Nischenkatalog nur teilweise legaler Untergrundzeitschriften der linken Szene schaffen würde, die ich damals recht gerne gelesen hab.

Das Thema ist für öffentliche Äußerungen natürlich ein denkbar ungutes, da auf beiden Seiten des Grabens ein Haufen Leute hockt, die alle (wie ich auch) eine natürlich total richtige Meinung haben, die auf jeden Fall durchgeprügelt werden muss. Am Ende hat man sowieso nur die Trolle an der Backe, das ist abzusehen.

Ich hab die Diskussion eher am Rande meines Gesichtsfeldes verfolgt. Nein, ich weiß nicht, wer jetzt nochmal wann welches Argument in welcher scheinheiligen Talkshow gebracht hat, ich hab einfach eine Menge Texte dazu gelesen und viele von denen waren so meta, dass sie schnell vermittelten, dass ohnehin nur stets die gleichen Knüppel aus dem Sack geholt werden.

Im folgenden Text bin ich meinerseits etwas sexistisch. Ich verorte hier immer die Männer auf der Täter-, die Frauen auf der Opferseite. Das ist eine der Lesbarkeit geschuldete Anbiederung an die Statistik, womit ich gegenteilige Beispiele allerdings keinesfalls verschweigen oder verharmlosen will. Also ruhig Blut, liebe Männer, die ihr gerade dabei seid, euer Engagement für Minderheiten zu entdecken!

Ich denke nicht, dass ich nach der Überstrapazierung der zarten Gemüter jetzt nochmal alles wiederkäuen muss, was jemals (oder in der letzten Woche) zum Thema gesagt wurde. Dass Sexismus an sich etwas beschissenes ist, würde ich erst einmal als gegeben sehen. Diejenigen, die an dem Punkt schon widersprechen, haben wahrscheinlich wirklich einfach den Schuss nicht gehört. Viel breiter gestreut war die Kritik allerdings immer dort, wo es um Formen und Ausprägungen insbesondere auch im aktuell diskutierten „Fall Brüderle“ ging. Und da haben sich meines Erachtens nach ein paar ziemlich unnötige Fehlinterpretationen eingeschlichen, die einfach nicht stimmen.

Sehr beliebt war beispielsweise in verschiedenster Ausführung die Behauptung, wenn schon sexistische Sprüche so schlimm seien, könne man ja überhaupt nicht mehr flirten miteinander.

Ehrlich? Flirten besteht also tatsächlich nur aus der Reduktion aufs Körperliche von Wildfremden? Dann mag das vielleicht stimmen. Wobei ich sicher bin, dass in einem Swingerclub, in dem man sich nackt gegenübersteht, „geile Titten!“ durchaus als legitim angesehen werden könnte. An der Straßenbahnhaltestelle halt eben nicht. Und schon gar nicht, wenn man sich dazu auch noch auszieht, aber das ist dann echt schon wieder ein anderes Thema.

Auch sehr schön fand ich den Hinweis darauf, dass Frauen sich ja ohnehin nur so aufbrezeln, um Männern zu gefallen.

Selbst wenn das zum Teil stimmen mag, dann denken die wenigsten Frauen dabei doch daran, dass deswegen alle Männer mal nachmessen wollen, wieviel Oberweite sie genau haben. Wir ziehen auch zu Bewerbungsgesprächen Dinge an, die dem Gegenüber gefallen sollen. Am Ende soll das unsere Persönlichkeit und unsere Individualität, Seriosität etc. unterstreichen. Ich glaube, ich würde heute nicht für meinen Chef arbeiten, wenn er damals gesagt hätte, dass er es schön fände, wie mein Hemd meinen Bauch betont. Natürlich kokettieren viele Menschen tagein tagaus mit ihrer Sexualität, weil sie ein Teil von uns ist. Aber ebenso wie ich mal einen Fahrgast in die Schranken verwiesen habe, weil er meinen (total männlichen, harr!) Bart befummeln wollte, den ich ganz bewusst mitten im Gesicht trage; sagt ein knappes Top über großen Brüsten eben auch nicht aus, dass man es deswegen schon mal gedanklich als ganz ausgezogen betrachten könnte.

Und neben ein paar weiteren gedanklichen Seitensprüngen kam immer wieder auch tatsächlich das Argument, dass Männer eben so wären, dass das schon immer so war, dass man sowas halt wissen müsste, dass …

Man könnte das beiseite wischen: Ehrlich, auf einen Ruf nach Änderung antwortet ihr mit „ist halt so!“? Aber das greift zu kurz. Denn natürlich sollte das klar sein. Es geht um eine Änderung! Nicht darum, dass Männer keine Männer und Frauen keine Frauen mehr sein dürfen – Quatsch! Aber es geht darum, dass Männer nicht toll sind, weil sie Frauen herabwürdigend behandeln. Ja, es geht darum, dass die Witze und Sprüche, die jahrzehntelang total toll gefunden wurden, eigentlich scheiße sind.
Und wer das jetzt total unnötig und radikal findet, der kann sich gerne mal vor Augen halten, dass Homosexualität noch zu meiner Lebzeit nicht vollkommen aus dem Strafgesetzbuch getilgt war oder dass die Menschen hier vor 70 Jahren noch daran geglaubt haben, dass Adolf Hitler der Erlöser Deutschlands sei.*

Nicht zu vergessen: wenn wir blöde Anmachen jetzt als Problem anprangern, verhöhnen wir die Opfer tatsächlicher sexueller Gewalt!

Man kann dem Gedanken nicht absprechen, dass er logisch klingt. Muss er ja, sonst würden ihn nicht so viele – auch Frauen! – jetzt zur Hand nehmen, um damit zu argumentieren. Er könnte dennoch aus einem Bullshit-Bingo stammen. Verhöhnt das Strafgesetzbuch Mordopfer, nur weil man dort auch Steuerhinterziehung findet? Es ist dieses klassische Dummenargument, dass es woanders noch mehr brennt. Und es ist selbst in der Linken weit verbreitet. Es ist aber leider heute noch so, dass mir eine Suppe nicht schmeckt, obwohl in Afrika Menschen hungern. Und die haben ebensowenig davon, dass ich meine Suppe nicht aufesse, wie Vergewaltigungsopfer davon, dass man billige Anmachen sexistisch nennt. Zumal in diesem Fall nebenbei ein „Wehret den Anfängen!“ dahingeträllert sei …

Der wichtigste Aspekt wurde gerade im Hinblick auf Brüderle direkt benannt: in dieser Situation, einer Hotelbar, hätte die Journalistin doch nicht davon ausgehen können, dass sich der Politiker wie offiziell verhalte.

Und genau das ist es: es geht nicht darum, dass sich Sexisten in ihrem Metier nett verhalten und nur inoffiziell halt wie richtige Kerle sind. Es geht um ein Umdenken. Darum, dass bestimmte Verhaltensweisen einfach daneben sind. Und – das scheint besonders schwer begreiflich zu machen zu sein – dass es dennoch immer auf die Situation ankommt. Das menschliche Miteinander ist kompliziert und das war es entgegen den Behauptungen der wirklichen Sexisten schon immer. Wer glaubt, dass man als Mann einer Frau bisher eben sagen konnte, was man wollte, der ist eben ein sexistischer Idiot. Und selbst die größten Deppen unter ihnen hätten sich ihr Verhalten einer Königin / Kanzlerin / Prominenten gegenüber auch früher nicht erlaubt. Und natürlich wird es immer Leute geben, die so durchs Leben gehen und das für toll halten. Es gibt ja auch noch Nazis und Homöopathen. Aber wir tun ein Gutes daran, dafür zu sorgen, dass das nicht mehr zum guten Ton gehört.

Für meinen Teil darf sich ruhig jeder weiter benehmen, wie er will. Anzügliche Witze sind durchaus unterhaltsam und ich bin viel zu sehr gegen Zensur um einen Ausspruch wie den von Brüderle gerichtlich ahnden lassen zu wollen. Wer glaubt, es sei nun einmal gottgegeben, dass man als Mann halt mal zeigen müsse, wo der Hammer hängt (im wörtlichen Sinne); es sich echt nicht verkneifen kann, sich vulgär auszudrücken, weil man es für cool hält; meint, jede Frau erst einmal auf ihre Brüste ansprechen zu müssen – ach, dann tut das!

Ich wünsche mir nur, dass ihr damit erfolglos seid. Ich wünsche mir, dass ihr – wenn es sein muss bundesweit – als Idioten gegeißelt werdet! Ich wünsche mir einfach nur, dass das als das erkannt wird, was es ist: Sexismus! Eines von vielen Problemen, mit denen unser Leben nerviger wird. Und eben nicht, dass die Leute nervig sind, die darauf hinweisen …

Epilog:

Seit vielen Jahren führe ich eine Beziehung. Eine klassische Beziehung, geradezu konservativ. Heterosexuell, monogam, inzwischen mit Eheurkunde. Es ist nicht selten, dass ich jetzt schon (wer weiß, wie das erst in 30 Jahren aussehen wird?) gefragt werde, wieso ich eigentlich „scheinbar“ so zufrieden, so glücklich, so frei von Streit in diesem Arrangement bin. Da spielen zum einen natürlich verschiedene Faktoren zweier Persönlichkeiten mit rein, die nicht schnell mal eben zu erklären sind. Ein ganz entscheidendes Standbein jedoch ist, einfach niemals auch nur einem Hauch von Sexismus die Chance gegeben zu haben. Nicht am ersten Abend unter dem Einfluss von viel zu viel Alkohol und auch nicht jetzt an einem schwierigen Tag, an dem das Geld mal wieder knapp ist. Einfach nie – weil so ein Dreck nie hoffähig war bei uns.
Am Ende ist es nämlich nicht so, dass der Antisexismus Männern und Frauen das Leben schwerer macht. Antisexismus ist der Ansatz zur Beseitigung eines Problems. Eines Problems, dessen sich viele vielleicht nicht bewusst sind, das aber real ist, wenn wir alle gleichberechtigt und zufrieden miteinander leben wollen.

Und wer DAS nicht will, der – lustige Ironie des oft sexistischen Sprachgebrauchs! – ficke sich gefälligst selbst!

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*Für alle „Godwin“-Rufer: ich wollte nur gleich konsequent sein. Dazwischen liegen natürlich beispielsweise auch noch das Prügeln in der Schule, die Todesstrafe usw. usf.

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Lesenswert

Ich hab mich am Thema Leistungsschutzrecht schon abgearbeitet. Mir fällt einfach nicht mehr viel zu dieser Gesetzentwurf gewordenen Scheiße ein. Glücklicherweise bin ich damit recht alleine und so lange ich gerade nichts schreibe, möchte ich auf einen sehr lesenswerten Artikel im (übrigens ebenso lesenswerten) Blog Indiskretion Ehrensache von Thomas Knüwer verweisen:

Kritik ist Liebe – Leistungsschutzrecht und die Scheidung

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Andere Länder …

Ich habe heute die US-Wahl verfolgt. Das muss sich vielleicht bei einigen erst setzen, ich bin selbst noch am Überlegen, weswegen. Nein, Gründe gibt es natürlich. Dagegen, den Ausgang dieser Wahl überhaupt zu beachten, spricht natürlich vor allem einmal das Wahlsystem selbst. Ein System, das kleinere Parteien schlicht unterdrückt, eines bei dem 1.000 Stimmen in Florida mehr zählen können als 1.000.000 in New York, das ist eigentlich zu blöd zum Ernstnehmen. Und da die Wahl grundsätzlich zwischen zwei stinkreichen Patrioten mit guten Beziehungen zur Wirtschaft gefällt wird, die nicht einmal nein zu Schußwaffen sagen dürfen, könnte man sagen, dass auch die personelle Ebene höchstens zum Sackkratzen animieren sollte.

Aber das ist halt nicht alles.

Immer noch ist der US-Präsident einer der mächtigsten Männer auf diesem Planeten. So traurig es sein mag, dass das System an dieser Stelle nie einen vernünftigen Menschen zulassen wird, kann es doch ein paar Millionen Menschenleben kosten, die Stelle mit einem bildungsresistenten Vollhonk wie dem letzten Bush-Sprößling zu besetzen. Gewiss wird Amerika nicht durch die Wiederwahl von Obama zu dem Vorreiter in der Welt, den das Land in sich selbst immer sieht – aber vielleicht wurden dadurch ein paar Kriege vermieden. Und den Gerüchten nach ist Krieg ja auch selten so toll, wie er im Fernsehen immer rüberkommt.

Was aber viel beeindruckender war als der Verlauf an sich (ich habe nicht lange gezweifelt, dass Obama es packt), das war das Fernsehen. Und – jetzt mal frei raus und ohne Recherche, was die vielleicht sonst so verbrechen – fette Props an CNN!

Diese Nacht habe ich die Hoffnung in den Fernsehjournalismus wiederentdeckt – mit dem traurigen Nebeneffekt, dass die in den deutschen jetzt wohl endgültig hinüber ist. Wunderbar, dass im ZDF zu diesem Anlass ein Bildschirm mit Twitter gezeigt wurde, die obskuren Versammlungs- und Talkrunden waren bei gelegentlichem Umschalten so doof wie eh und je. Und CNN?

Fakten, Fakten, Fakten. Stundenlang geballte Infos über die Wahl, permanenter Informationsfluss – überraschend pragmatisch und erfrischend kenntnisreich rübergebracht. Alleine die Arbeit des Moderators an der interaktiven Tafel, auf der er in Sekundenschnelle mehrere Zahlen aus Staaten und Countys gut informiert und mit technischer Brillianz rausgeholt hat. In dieser Nacht war CNN sicher besser als jeder Newsticker im Netz, jede Übersichtsseite. Gleichzeitig aktuell, gut aufbereitet, durchaus unterhaltsam und mit enormem Aufwand haben die da einfach locker mindestens 6 Stunden Live-Fernsehen gemacht, das man sich ansehen konnte. Man ist immer über Hochrechnungen, Ergebnisse und alles was eigentlich ging, auf dem Laufenden gehalten worden, während in Deutschland irgendwelche Ex-Politiker darüber getalkt haben, wie sie damals Obama kennengelernt haben. Wenn man nicht gerade deutsche Fußballspieler in den USA nach der eigenen Karriere befragt hat …

Vor allem ein Gefühl blieb: Während dieser für eine Sendung unglaublich langen Zeit fielen die deutschen Sender immer dadurch auf, dass sie die Zeit rumkriegen wollten – bei CNN wurde extra schnell geredet, um so schnell wie möglich alle Informationen loszuwerden. Und wenn ich zu so einer Veranstaltung eines wissen will, dann sind es Fakten aus den Wahllokalen und nicht, was Frank-Walter Steinmeier irgendwelchen Kandidaten so alles knuffiges wünscht, wenn sie es nicht schaffen sollten.

Es gibt vielleicht wenige Punkte, auf die mein Ergebnis heute Nacht zutrifft, auf den Fernsehjournalismus zur Wahl jedoch sicher:

USA – Deutschland

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Sch(m)utz

Der hatte einen Schatten, dass die Nacht flattert – und dennoch war es nicht Darkwing Duck, sondern ein Fahrgast eines Kollegen. Und von Schatten, die die Nacht durchflattern, handelt dieser Eintrag auch sonst ein bisschen – von den Daten nämlich, die wir alle so um uns streuen. Und wir können heute sogar das Internet weitgehend in Frieden lassen, denn ich will mich gar nicht groß mit Facebook und Konsorten aufhalten, sondern gleich dahin gehen, wo es selbst guten Offline-Deutschen weh tut: zur Schufa.

Mein persönlicher Stress mit dem Verein hält sich in Grenzen. Ich bemühe mich schließlich, meine Schulden zu bezahlen und vermehrt sogar, überhaupt keine zu machen. Und eben weil ich das nicht will, scheiße ich persönlich auf das Scoring, das schon meiner Adresse wegen wahrscheinlich auf die nächsten 20 Jahre hin mies bleiben wird.

Ich hab da ohnehin kein Problem damit. Meine Grenzen der Privatsphäre liegen vergleichsweise eng um mich und umfassen in der Regel zumindest keine finanziellen Informationen. Mir persönlich ist Geld sowas von wurscht: ich schreibe darüber, wenn ich es hab – und ebenso, wenn mir gerade welches fehlt. Und da ich niemanden belüge oder bescheiße, komme ich damit gut klar.

Aber: das ist MEIN Leben. Und ich habe großes Verständnis dafür, wenn andere da andere Grenzen ziehen.

Und überhaupt: es ging eigentlich um den Fahrgast eines Kollegen. Der Kollege – hier nicht mit Namen genannt – gehört zur gleichen Firma und der Fahrgast stellte sich recht bald und freiwillig als einer von der Schufa vor. Und nach ein paar Allgemeinplätzen lief er sich richtig warm und fragte nach der Firma.

„Na hier, da is doch dit Schild!“

meinte der Kollege und glaubte einer Minute später seinen Ohren kaum zu trauen. Der wohl nur mäßig nette Kerl im Fond prahlte nun damit, was er alles über unsere Chefs wisse. Zeigte sein Tablet vor und las Kontostände, Kredite, persönliche Adressen, Familienverhältnisse, Telefonnummern und sogar bislang unbekannte Zweitnamen vor. Einfach so.

Ich meine: ein Hoch auf die guten Verhältnisse in unserem kleinen Taxi-Unternehmen, aber was zur Hölle geht einen angestellten Fahrer bitte an, ob, wo und bei wem seine Chefs welche Verträge oder Verbindlichkeiten haben? Noch dazu einer, der das nicht einmal im Entferntesten wissen will!

Da freut es einen doch, dass man um die Schufa nicht herum kommt. Dass jede Handyvertragsdaten, jeder Mietvertrag, jeder Kredit und auch sonst jeder Scheiß an den Verein gesandt wird, wenn die dort Leute anstellen, die einfach aus einer Laune heraus auf der Straße wildfremden Menschen sowas erzählen.

Meine Chefs scheinen traurigerweise nicht sonderlich interessiert daran zu sein, mein Kollege hält das indessen ebenso wie ich für einen Skandal. Und wenn wir schon beim Datenschutz sind: Wir Taxifahrer wissen nach solch einer Fahrt auch einiges. Zum Beispiel den Namen, die Herkunft, die Adresse …

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