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Mein Ableismusproblem

Ich denke, die meisten meiner Leser haben inzwischen mitbekommen, dass ich Diskriminierungen jeder Art falsch finde. Der Grund ist relativ simpel: Diskriminierungen haben immer Opfer und ich finde es eine grundsätzlich positive Einstellung, möglichst wenigen Menschen zu schaden, denen man – und sei es durch veröffentlichte Texte – über den Weg läuft. Das hat wirklich weniger mit irgendwelchen Dogmatismen zu tun, als es viele erklärte Gegner dieser Einstellung wahrhaben wollen. Und selbst wenn das bei manchen grob in meiner Richtung orientierten Menschen anders sein mag, ich wusel mich da mit meinem eigenen Weg durch, der je nach Blickrichtung auch alles andere als perfekt ist. Vieles mache ich mit Abstrichen. So verwende ich keine geschlechtergerechte Sprache, obwohl mir Sexismus in jeder Form ein Dorn im Auge ist – einfach aus eigener Bequemlichkeit. Genauso wie ich im ökologischen Bereich z.B. meinen Fleischkonsum nur zu senken versuche und keinen kompletten Verzicht übe. Ich hab meine Schwächen, und ich gestehe sie mir zu. Manchmal mehr, manchmal weniger. Mein eigenes Wohl liegt mir am Ende eben auch am Herzen und ich bin mir ziemlich sicher, als Perfektionist in allen sozialen Belangen kein glücklicher Mensch sein zu können. Die Ursachen dafür sind sicher vielschichtig, aber ich hab weder Zeit noch Lust, auf allen Ebenen 100% zu geben, wenn es sowieso von 99,9% der Menschen nur als Spinnerei gesehen wird und 0,099999% dann der Meinung sind, ich gehe nicht weit genug. Am Ende bleibt man halt als Individuum in irgendeiner Form unperfekt – und damit kann ich wahrlich leben. Und ich müsste es ja auch, wenn ich es noch mehr versuchen würde.

Andererseits gibt es dann Dinge, die ich so nicht stehenlassen will oder sogar kann.

Und so etwas ist mir neulich in für mich ungewohnter Form passiert. Im Rahmen der ganzen Pegida-Diskussionen wurde irgendwo (ich weiß wirklich nicht mehr, wo genau) aufgeworfen, dass das Für-dumm-Erklären der Anhänger Ableismus wäre, also eine Unterform der Behindertenfeindlichkeit, die dumme Menschen diskriminiert, weil man selbige damit abwertet.

Ich weiß, es gibt eine Menge Leute, die sowas einen Scheiß interessiert – mich aber eben schon. Ich hab jahrelang im Behindertenfahrdienst gearbeitet und während dieser Zeit nicht nur meine Vorurteile, Berührungsängste und was man halt sonst so alles mit sich schleppt, abgebaut – sondern überhaupt erst einmal mitbekommen, dass ich solche hatte. Eine nicht in allen Belangen einfache, aber tatsächlich furchtbar positive Erfahrung. Und nun aber das: Mein gerne gewettertes „Was für Idioten!“ soll ableistische Züge tragen!

Meine erste Reaktion war die, die ich von allen Rassisten und Sexisten kenne:

„Ach nee, will man mir das auch noch nehmen!?“

Die zweite war nicht minder ähnlich:

„Das ist doch eine Diskriminierung ohne Opfer: Wer so blöd ist, merkt ja nicht einmal, dass ich ihn beleidige!“

Aber ja, ist das nicht dasselbe wie „meine schwarzen Freunde“, die auch „über Negerwitze lachen“? Obwohl mir bei letzterem klar ist, dass das kein valides Argument ist, finde ich ersteres irgendwie gangbar. Hab ich da also wirklich ein Problem? Vielleicht. Ausschließen kann man das wohl nie sicher bei solchen Fragen, die man erstmalig an sich heranlässt.

Zumindest teilweise erkenne ich da aber, dass die Thematik nicht ganz so einseitig ist. Zunächst der eher unbedeutende Teil: Wenn ich von Idioten schreibe oder erzähle, so meine ich damit gewiss keine Leute, deren Fähigkeiten ernsthaft eingeschränkt sind. (Was im Nachhinein aber auch bedeutet: Wann immer ich derartige Vergleiche gezogen habe, waren sie falsch und ich würde sie heute so nicht mehr machen.) Der wichtigere Part ist: Gerade die Begriffe Dummheit oder Idiotie sind zwar zweifelsohne herabwürdigend, lassen sich aber meines Wissens nicht auf unverschuldete Fähigkeitsbeschränkungen reduzieren. Ja, Idiotie war auch mal zwischenzeitlich als medizinische Bezeichnung geistiger Behinderungen geläufig, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die heutige Benutzung davon stark abweicht und ebenso wie Dummheit weniger mangelnde Fähigkeiten unterstellt als mehr einen Unwillen, sich seiner geistigen Fähigkeiten zu bemächtigen.

Wenn das widerlegbar ist, dann nehme ich die Hinweise dankend entgegen.

Um ein Anschauungsbeispiel zu bringen: Dumm wird sicher nur selten wer genannt, der ständig rechts und links verwechselt – sowas kommt nunmal vor. Dumm wird der genannt, der in einer Diskussion um die Frage, wo links ist, in die rechte Richtung zeigt und darauf beharrt, unnütze Begründungen dafür vorbringt und sich anderen Meinungen verweigert.

Und selbstverständlich zielen alle meine Angriffe auf Nazis oder Pegida genau in diese Richtung. Da engagieren sich Menschen mit ihrem Herzblut, um Dinge zu bekämpfen, die sich nach kurzer Recherche als unhaltbar erweisen. Wie wollen wir dieses Bestreben, mehr Arbeit aufs Bestätigen der eigenen Überzeugung zu investieren als auf die Auswertung von Fakten, benennen?
Ist es nicht genau das, was „dumm“ ist und „Idioten“ auszeichnet?

Noch einmal: Ich (und ich denke, die Mehrheit geht da mit) würde nie einen geistig behinderten Menschen dumm nennen. Wohl aber Menschen, die wider besseres Wissen oder trotz des Zugangs zu korrektem Wissen überprüfbare Informationen ignorieren und (Treppenwitz der Geschichte) alle anderen als Dumme oder Lügner bezeichnen.

Wie ich einleitend schrieb: Ich bin mir meiner Fehler bewusst. Ebenso bin ich mir meiner Fehlbarkeit bewusst. Mir ist ebenso klar, dass die Reduzierung von Menschen auf ihre geistigen Fähigkeiten und die damit erfolgende Zur-Norm-Machung „hoher“ Intelligenz ausgrenzend ist. Ich bin mir der Gefahren des Ableismus also bewusst. Aber gerade um gegen falsche und vereinfachende Weltbilder vertretende Menschen auch und gerade schreibend angreifen zu können, bedarf es doch irgendwelcher Worte, die klarstellen, dass genau dieses Weltbild falsch ist – und zwar aufgrund von Denkfaulheit, Fehlinterpretationen und einseitiger Denkweise. Für das stand „Dummheit“ in meinen Augen bisher. Sollte das Wort – ebenso Idiotie – in dieser Interpretation missverständlich sein, dann freue ich mich über Alternativvorschläge. Sollte es keine geben, bleibe ich bei meiner Meinung, dass es da draußen zu viele dumme Idioten gibt.


PS: Ich hatte die Kommentare unter diesem Artikel eine Weile geschlossen, worauf ich mehrfach angesprochen worden bin. Mir ist klar, dass das keine populäre Maßnahme ist und ich hab’s auch nicht vor, dauernd einzusetzen. Ich hab aber tatsächlich nicht immer Zeit und/oder Lust, mit Leuten zu diskutieren, die – Ironie der Thematik – meine Ansichten für dumm halten. Und der Artikel hat eben das Potenzial, Leute anzuziehen, die sich angegriffen fühlen. Leute, die dann äußerst praktisch zu beantwortende Fragen wie „Was ist denn falsch an meiner Meinung?“ stellen. Nicht, dass das ungerechtfertigte Fragen wären, aber weder ein Blogeintrag – und schon gar nicht ein Kommentarfeld – ist der geeignete Platz, um alle Aspekte von Islamismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus etc. am Stück zu besprechen. Außerdem ist das hier trotz allem mein Blog und kein offizielles Auskunftsportal. Ich erkläre Nazis die Welt, wenn ich Lust dazu habe, nicht wenn sie es wollen. Jeder, dem ich damit auf den Fuß trete, darf sich gerne abwenden und mich für ein Arschloch, blöd oder einen Beweis der Weltverschwörung halten. Ich kann die gelöschten Kommentare bisher immer noch an meinen beiden Händen abzählen, was mir vermutlich kein anderer Blogger glauben wird. Und das kann gerne so bleiben. Aber für allen Schwachsinn und jede Theorie hab ich halt auch keine Zeit.

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#MaHe mal wieder

Immer noch Nazis. Immer noch vor meiner Tür. Dieses Mal musste ich schlafen, aber genau dabei haben sie mich gestört. Von ihnen geweckt zu werden ist definitiv nicht besser als sie sehen zu müssen. Viele waren es nicht, aber sie hatten eben einen Lautsprecherwagen. Was jetzt nicht unbedingt ihr Vorteil war.

Ihnen wurde wohl nur eine Kundgebung gestattet, weswegen sie sich beschwert haben, dass hier „ja nur die Antifa Meinungsfreiheit“ hat. Wohl aus Langeweile haben sich deswegen vermutlich alle der angeblich rund 100 Anwesenden mit Bier beschäftigt. Das habe ich nicht nur gelesen, sondern ich schließe das auch aus den Lauti-Durchsagen. Die waren übrigens uninspiriert, offensichtlich unvorbereitet und sehr kurz (wie die Veranstaltung insgesamt). Neben oben bereits erwähntem füge ich nun – im Zeichen der Meinungsfreiheit für Nazis – alle Durchsagen und Sprechchöre an, die ich (gut in Hörweite) mitbekommen habe. Und zuvor bitte ich, nicht zu vergessen, dass es um eine Kundgebung „gegen Asylbetrug und linke Gewalt“ ging.

Bitte:

„AHU, AHU, AHUAHUAHU!“

„Wo bleibt die Antifa?“

„Antifa – Hurensöhne!“

„Wir sind das Volk!“

OK.

Versuchen wir, sachlich zu bleiben …

Es ist jetzt nicht so, dass ich irgendwas davon gerne von besoffenen Vollpfosten vor meiner Tür rumgebrüllt hören möchte.

ABER:

Ich komme nicht umhin, dem pöbelnden Haufen zuzugestehen, dass er bessere Anti-Nazi-Kampagnen fährt, als ich es je könnte.

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Jetzt mal ernsthaft zu #pegida und co.

Da das ja nun mit den Pegida-Demos eine Sache zu sein scheint, die noch ein Weilchen für Furore sorgen könnte und es heute Abend wieder so weit ist, wollte ich das Thema mal möglichst wenig polemisch angehen. Leider ist das ein verdammt schmaler Grat, auf dem man da wandeln muss. (Und „ernst nehmen“ im Sinne de Maizières wollte ich auch niemanden)

Zumindest ein paar tausend Menschen da draußen haben also Angst. Angst vor einer Islamisierung, wie sie es so schön nennen. Davor, dass „unsere Kultur“ – eine „jüdisch-christliche“ des „Abendlandes“ nicht von „Islamisten“ erdrückt wird. Sie fühlen sich von Regierung und Presse verraten und fordern Änderungen beispielsweise im Asylrecht. Eine betont fremde Religionsgruppierung wird also zum Problem erklärt und die Lösung soll im Wesentlichen Abschiebung heißen.

Ein klipp und klar rechtes Ansinnen. Mehr Volk, mehr Polizei, weniger Fremde und weniger Fremdes.

Nun aber wollen Pediga-Anhänger gar keine Rechten sein. Es geht ja auch um zum Beispiel Geflüchtete, denen es in Heimeinrichtungen auch nicht gut gehe. Heute wollen sie sogar Weihnachtslieder singen. Aha.

Nun ist es aber wirklich problematisch, menschenfreundlich zu wirken, dabei neurechte Thesen zu vertreten und jedem Medienvertreter zu unterstellen, er wäre Teil einer linken Lügenpresse. Und dabei mit Nazis gemeinsame Sache zu machen, sie also zumindest auf den Demos zu akzeptieren.

Ich habe in den späten 90ern, als ich mich selbst als Punk verstand, durch ziemlich abenteuerliche Familien- und Freundschaftszusammenhänge das „Vergnügen“ gehabt, eine Stunde mit einem selbsterklärten Neonazi sprechen zu können. Wir kannten uns von früher und wollten uns deswegen nicht auf die Fresse hauen, sondern lieber drüber quatschen. Damals waren „die Türken“ das große Problem. Alles Schmarotzer, nutzen die Deutschen aus, kriegen hier Kinder und damit Kindergeld und sind kriminell, etc. pp. Das Wort „Armutszuwanderung“ gab es damals noch nicht, es wurde noch offen von „Sozialschmarotzern“ geredet. Alle minderwertig, meinte der selbstbewusste Neonazi, Deutschland brauche „sowas“ nicht. Mein Einwand, dass dieses „alle“ ganz offensichtlich nicht haltbar sei, beantwortete mein ehemaliger Kumpel nicht etwa mit einem weiteren Negerwitz, sondern damit, dass er ja auch türkische Freunde hätte. Nur wären die halt ordentliche Menschen, hart arbeitend und so. Das, was man heute z.B. von Pegida-Anführer Bachmann auch hört: „Ich kenne ja auch Türken, aber die sind ok.“

Dieser Satz scheidet als Nicht-Nazi-Unterscheidungsmerkmal offensichtlich aus. Und das ist nicht nur wegen der an sich unzureichenden Anekdote der Fall. Das Alleinstellungsmerkmal von Rechtsextremisten war nie ihre Ausländerfeindlichkeit. Da ist die neue Rechte sogar sehr schlecht drin, denn die suchen den Schulterschluss mit anderen Nationen ganz gerne, wenn es gerade passt. Da solidarisieren sich Hardcore-Antisemiten gerne mal mit den Palästinensern und die Islamophoben betonen das Existenzrecht Israels. Wichtig ist halt nur, dass im eigenen Land alles sauber bleibt. Auch wenn das teils enorm inkonsequent ist. Was Neonazis und Ultrarechte in aller Regel eint, ist ein widerliches Menschenbild, das Leute nach Wertigkeit sortiert. Ob über ihren volkswirtschaftlichen Nutzen, ihre Nationalität, die Religion oder anhand rassistischer Maßstäbe. Deswegen ist es trotz persönlicher Befindlichkeiten immer eine Sache von Widerlichkeit, mit Nazis zusammen zu demonstrieren – egal, ob sie einem hier und da mal gut reinpassen. Die verkürzte Antifa-Parole „Wer mit der NPD marschiert ist ein Nazi!“ ist vielleicht sachlich nicht zu 100% korrekt – aber die korrekte Version „… ist mindestens ein ignoranter und Menschenrechte ignorierender Vollhonk und damit nicht besser als ein Nazi!“ ist halt ein wenig zu sperrig für Leute, die mit „Lügenpresse, Lügenpresse!“ schon zufrieden sind.

Überhaupt: Die Lügenpresse!

Ich als Linker hab wahrlich viel am Journalismus hierzulande auszusetzen. Und nicht nur als Linker. Auch als Taxifahrer, als Berliner, als Berufstätiger und als Autor, als Deutscher und auch als Leser. Irgendwas in mir zuckt immer mal wieder zusammen, weil ich vollkommen falsch eingeordnet oder verstanden werde. Und dass es sowohl unfähige als auch lügende Journalisten gibt – ja meine Fresse, was für eine Neuerung! Natürlich sollte man Medien verantwortungsbewusst konsumieren und sich seine Meinung nicht nach der ersten Schlagzeile bilden. Ich bin der letzte, der dem widerspricht. Aber stattdessen „das Internet“ zu empfehlen, ist an Blödheit nicht zu überbieten. Denn wo organisiert sich „hier“ bitte die „Wahrheit“? Wenn es nicht bei den etablierten Medien von Spiegel bis taz ist, wo dann? Bei Typen, die glauben, ihr haltet eure Fahnen verkehrt rum und die Bundesrepublik Deutschland gebe es gar nicht? Bei denen, die Reptilienwesen an der Macht sehen? „Im Internet“ finde ich auch jüdische Weltverschwörungen, salafistische Videos oder meinen kleinen Blog hier. Geht es nicht eigentlich darum, sich ein eingeschränktes Weltbild aus hoch subjektiven Quellen zusammenzuzimmern?
Und ich will ehrlich sein: In Teilen machen wir das vermutlich alle. Ich bewerte einen Bild-Artikel auch anders als den von einem bekannten Blogger, der mir nahesteht. Aber von der naiven Vorstellung, es gäbe eine (in meinen Augen übrigens extrem rechte) System- oder Lügenpresse, hab ich mich ungefähr mit 17 Jahren verabschiedet, zu zahlreich waren die Gegenbeweise.

Und da kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Ja, es gibt Meinungen, die nicht geschätzt sind und vorrangig nicht verbreitet werden. Und es tut bisweilen weh, wenn es eine liebgewonnene eigene Meinung betrifft. Manchmal bedeutet das, dass man zu Unrecht wenig Gehör findet. Fragt mal die Grünen, wie es ihnen in den 80er-Jahren mit dem von ihnen geforderten Naturschutz aussah! Manchmal aber bedeutet es auch, dass man einfach falsch liegt oder einem, diplomatisch ausgedrückt, defizitär untermauerten Glauben nachrennt.

Aber zurück zum Kernthema: Der Islamismus!

Eine schlimme Bande, diese Gotteskrieger, keine Frage! Die sind mir persönlich mit ihrem Welt- und Menschenbild nicht weniger suspekt als Nazis und von ihrer Einstellung her fürchte ich sie. Ehrlich! Ich halte nichts von denen. Aber dementsprechend würde ich auch nicht mit ihnen zusammen unter dem Motto „Religiös Erleuchtete Gegen die Faschisierung des Abendlandes“ (Regifa) gegen Nazis auf die Straße gehen.

Zudem: Die radikalen Islamisten … die muss man bekämpfen, keine Frage. Aber die sind die kleine Horde Spinner, die man sich immer irgendwie mit antun muss, wenn man mit verschiedenen Leuten zusammenlebt. Und soweit ich mitbekommen habe, sind bisher alle Anschläge dieser Idioten verhindert worden. Wo also ist die Regierung hier so unglaublich untätig, wie immer wieder gesagt wird? Wie weit „nicht-rechts“ kann man noch sein, um nicht zu sehen, dass zeitgleich der NSU auch dank völligem Staatsversagen zig Tote zu verantworten hatte? Und wo hilft die geforderte Abschiebung bekloppter Islamisten gegen die anscheinend locker 30% Konvertiten aus „braven Deutschen“?

Jeder hat mal diffuse und schwer nachvollziehbare Ängste. Die gestehe ich auch den Pegida-Demonstranten zu. Aber die Zeit läuft, es ist nicht mehr so, dass letzte Woche dort DIE EINE neue Erkenntnis verbreitet wurde. Zu allen wichtigen Themen liegen Daten vor. Zahlen zur Ausländerkriminalität, Studien über den Erfolg des Zuwanderungsmodells, Hintergrundinfos über den Islam und Islamisten, Wahlergebnisse in Deutschland oder sprachwissenschaftliche Erkenntnisse über das Vokabular der Pegida. Man sollte das ruhig abwägen, verschiedene Quellen befragen und kritisch sein. Wer aber auch jetzt – nach etlichen Wochen – immer noch nur zum verschwörungstheoretischen Schluss kommen sollte, dass quasi alle anderen böse sind und man selbst einer der einzigen Aufrechten ist, die – trotz Nazibegleitung – an einer Pegida-Demonstration teilnehmen müssen – der outet sich wirklich als rechter Vollpfosten und hat die Angriffe verdient, die hierzulande (!) über ihn hereinbrechen.

Und bevor irgendwer aus der Pegida-Ecke irgendwas von „Meinungsdiktatur“ oder „Zensur“ brüllt: Mir ist klar, dass sowas bescheuert wäre und zudem nicht funktionieren würde. Ihr dürft demonstrieren, das ist euer gutes Recht. Man wird Euch deswegen eben für Idioten halten, aber das ist weder mein, noch ein Demokratieproblem, sondern das, was ihr fordert: Meinungsfreiheit! Ich halte es da gerne mit einer meiner Lieblingsbands, und insbesondere mit diesem Refrain:

„Dummheit kann man nicht verbieten
und doch kann man etwas dagegen tun:
Was gegen Dummheit hilft, ist Bildung,
gegen Verbote sind die Dummen oft immun.“

– Dritte Wahl.

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#PIGEDA

Die Sorgen der PEGIDA-Demonstranten ernst nehmen sollte man, meint Innenminister Thomas de Mazière. Aha. Das klingt alles locker und volksnah und nur beinahe fast so bekloppt, als würde da ein erwachsener Mensch vorschlagen, 5-jährige in Finanzfragen stärker zu berücksichtigen.

„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ soll man also ernst nehmen? Ehrlich? Und das noch bevor Pastafari Steuergelder bekommen?

Versteht mich nicht falsch: Ich sehe in den PEGIDA-Demos auch eine Gefahr. Die Gefahr, dass unserer Gesellschaft gerade ein Rechtsruck wiederfährt, der Folgen haben könnte. Und das war sicher der Hintergrund de Maizières, jetzt einen auf Gesprächspartner zu machen. Aber verdammt nochmal: Man kann doch nicht jeden Vollhonk hofieren!

Dass es in Sachsen 10.000 Vollidioten gibt, ist sicher interessant für Statistiker – arg viel weniger hatte ich bisher allerdings auch nicht vermutet. Da gehen Leute gegen „Islamisierung“ auf die Straße, die sich alle zwei Monate mal erschrecken, weil sie ein Kopftuch auf der Straße sehen und glauben, was in der Bildzeitung steht. Oder bei PI-News, weil „etablierte Medien“ ja voll kacke sind und so …

Und um das mal klarzustellen: Ich finde den Islam scheiße. Nein, nicht nur Islamismus, den Islam! Ebenso wie das Christentum ist das eine eklige Religion, die um fortzuexistieren ihren Gläubigen einredet, sie seien besser als die anderen. Was soll man das als halbwegs denkender Mensch befürworten? Aber ja, mit viel Mühe ringe ich mir Toleranz dem gegenüber ab und gestehe religiösen Menschen zumindest mal ihren Selbstbetrug zu.

Die PEGIDA-Anhänger indes machen Panik wegen ein paar hundert Spinnern bundesweit und fühlen sich bedroht von Dingen, von denen sie keine Ahnung haben. 10.000 Idioten gehen wegen 100 Idioten auf die Straße ohne zu merken, dass 100 Idioten nur ungefähr 1% so idiotisch sein können wie sie selbst. Sie akzeptieren (oder tolerieren wenigstens) Neonazis auf ihren Demos – wobei selbige locker zehnmal (ich hab nicht einmal Google befragt, wahrscheinlich steht die Statistik sogar 100:0) so viele Todesopfer in Deutschland in den letzten Jahren zu verantworten haben.

Deswegen gestehe ich jedem PEGIDA-Aktivisten Amnestie für seine Dummheit zu, wenn er umgehend zu meiner neuen Initiative PIGEDA wechselt:

Persönlich Involvierte gegen extrrem dämliche Autofahrer

Statistisch gesehen werden zwar sicher mehr Islamisten von Autofahrern getötet als Deutsche durch Islamisten – aber die Ironie der Statistik will es so, dass in Deutschland auch mehr Deutsche von Autofahrern umgebracht werden als von irgendwelchen Spinnern mit Vollbart. Oder, um es mal ganz deutlich zu sagen: Wer auch nur ein bisschen Hirn übrig hat, sollte zu allererst gegen Autofahrer demonstrieren – und erst nach Erledigung dieses Probelems gegen Islamisten.

OK, kehren wir nochmal ernsthaft zurück zum Thema:

Sicher sind nicht alle PEGIDA-Demonstranten Nazis. Oder Neonazis. Was viele dabei vergessen: Man muss nicht Nazi sein, um völlig bescheuert zu sein! Und das sind diese Leute. Allesamt. Ausnahmslos. Ich würde es gerne freundlicher ausdrücken, aber ich hab ein Gehirn, das hindert mich daran, sorry.

Wenn Thomas de Maizère ein Rudel Vollhonks ernst nehmen will, dann kann ich es ihm nicht verbieten. Ich würde das zwar gerne, aber er hat ebenso wie die PEGIDA-Leute das Recht auf freie Meinungsäußerung.

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So geht das, #MaHe!

Wir hatten Befürchtungen gestern. Als getwittert wurde, die Antifa-Demo träfe sich vor der „Goldschmiede“ – ein sehr kleiner Laden am S-Bahnhof Marzahn – hatten wir 40 einsame Hansel vor Augen, umringt von mindestens 200 Polizisten. Stattdessen ist aber etwas sehr schönes passiert: Locker 500 Leute standen da, wir konnten uns farblich mit unseren schwarzen Klamotten der Mehrheit zugehörig fühlen und die Stimmung war gut.

Es hat nach wie vor etwas unwirkliches, den eigenen Kiez als Veranstaltungsort zu erleben, aber ich möchte ein fettes Danke an die vielen zugereisten Antifas richten, die – je nachdem, welchen Zahlen man glauben möchte – gestern dafür gesorgt haben, dass unsere Demo größer war als die der Nazis. Das war gut, wichtig, richtig – und vielleicht verhindern wir den braunen Spuk nächste Woche ja sogar mal wieder. Mir wäre viel daran gelegen.

Ganz ohne Kritik kann ich das Ganze aber nicht stehen lassen, sorry. Ich hab mich mal wieder in keinem Redebeitrag wiederfinden können. Da steckte am Ende dann doch immer dieses „Ihr arme Marzahner!“ dahinter, das den Bezirk eiskalt in Nazis und Unbeteiligte aufgeteilt hat und stets ein wenig arrogant klang. Ich will nicht das Engagement der Zugereisten in Frage stellen und freue mich über jeden, der da war; aber die Rhetorik hat auch den Faschos in die Hände gespielt, die ja weiterhin behaupten, die „wahre Meinung des Volkes“ vor Ort zu repräsentieren. Ein Bewusstsein dafür, dass das ebensowichtig wie andere Kommunikationsnormen ist, scheint noch nicht vorhanden zu sein. Denkt da mal drüber nach.

(Siehe hierzu auch meinen Artikel Außerirdische in #MaHe)

Die Demo war spaßig, überwiegend lautstark, am Ende hat also eigentlich alles gepasst. Ein wenig angefressen hinterlassen mich allerdings die Naziprolls an der Raoul-Wallenberg-Straße. Dass sich ein Haufen Vollpfosten an eine Antifa-Demo ranpirscht und dann rumproletet … das kommt vor. Dass sie allerdings bis auf ziemlich wenige Meter herankommen – ohne dass irgendwo ein Polizist in der Nähe ist, das ist schon erstaunlich.
Es ist jetzt nicht so, dass ich mich um die Gesundheit von Nazis sonderlich schere. Schon gar nicht um die von solchen Spezialfällen, deren Tagesform davon abhängt, ob es das Bier beim Aldi gerade im Sonderangebot gibt. Aber wir hatten da konservativ geschätzte 500 Antifas, 20 Nazis und null Polizei dazwischen. Und das für weit mehr als 30 Sekunden. Dass da kein Rettungswagen kommen musste, ist wirklich ausnahmslos dem ruhigen Gemüt (und sicher auch der Überraschung) auf unserer Seite zu verdanken gewesen. Die polizeiliche Organisation hinterlässt mich hier wirklich einmal mehr mit einem Fragezeichen auf der Stirn.

Zudem: Raoul-Wallenberg-, Ecke Lea-Grundig-Straße? War da nicht was?

Ja. In den letzten Wochen kam es neben den Demos vermehrt zu Angriffen von Nazi-Hools auf vermeintliche Gegner. Und zwar fast immer zwischen der Lea-Grundig-Straße und dem Freizeitforum (100 m entfernt). Ist das vielleicht „nur“ eine Clique besoffener Nazis, die da den Kiez terrorisiert?

Aber wie dem auch sei: Es ist erschreckend, dass die sich inzwischen sicher genug fühlen, um auch zahlenmäßig weit überlegene Gruppen zu provozieren, vielleicht sogar anzugreifen. Das ist nicht mehr normal. Auch „hier draußen“ in Marzahn nicht!

Für nächste Woche wird schon mobilisiert, und das ist gut so. Das heute war – insbesondere nach letztem Montag – toll. Aber das muss auch so weitergehen! Nazis sind hier kein kleineres Problem als anderswo! Marzahn bleibt bunt!

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Musik, Laune, diese Geschichten

Ich gebe ja zu, dass es mich ein wenig überrascht hat, dass der Song „Edge of a Revolution“ von Nickelback ist. Ich bin ein bisschen draußen aus der Musikszene und tue mich schwer mit dem Erkennen von Stimmen. Wie mit Gesichtern ja auch. Fiese Combo übrigens. Aber egal, wir waren bei dem Song und bei Nickelback.

Ich hab mit der Band nicht viel am Hut, eine Hardrockband wie viele andere halt. Hab sie wie die meisten hierzulande durch „How you remind me“ kennengelernt und ich war sicher nicht der einzige, der den Song totgehört hatte, bevor das Radio ihn unerträglich gemacht hat. Was schade ist, denn wenn man mal ehrlich ist, dann war es eigentlich eines der schönsten und reflektiertesten Liebeslieder überhaupt und hatte den Erfolg schon irgendwie verdient.

Inzwischen ist die Band ja vor allem im Internet zum Synonym für die schlechteste Band aller Zeiten geworden – was wohl zurückzuführen ist auf einen Presseartikel, der der Band diesen Status verliehen hat, weil die Single „Someday“ wie ein billiger Abklatsch von „How you remind me“ klang und das tatsächlich ein sehr durchschaubarer Versuch war, an alte Erfolge anzuknüpfen. Aber um ehrlich zu sein: Obwohl ich gerne meine Aversion gegen Mainstreammusik hege und pflege: Wenn auch nur 10% der Bands an die musikalische Qualität von Nickelback rankommen würden, wäre die Welt vermutlich eine bessere. (Ja, ich mag einfache Riffs. 🙂 ) Wie alles andere kann man’s mögen oder nicht, mir liegt nichts daran, diese – wie gesagt: für mich eher unwichtige – Band in den Himmel zu loben. Aber ich gestehe auch, dass ich mir damals das Album „Silver Side up“ gekauft habe und noch vor der Single-Auskopplung von „Never again“ gut gefunden hab, dass mal wer auf anschauliche Weise musikalisch häusliche Gewalt thematisiert, ohne dabei nur einer feinen aber kleinen Subkultur anzugehören.

Und nun „Edge of a Revolution“. Ich geb’s ja zu, ich hab den Song im Radio gehört. Star FM spielt ihn in den letzten Wochen rauf und runter. Hey, ein zumindest in Ansätzen kapitalismuskritisches Lied, das den NSA-Skandal am Rande anspricht und auf äußerst massentaugliche Weise die Wichtigkeit einer Änderung in die Welt schreit … so gut muss sich Punkrock in den 70ern angefühlt haben. Auch wenn ich mich inzwischen schwer damit tue, den Optimismus des Titels zu teilen.

Ich gebe zu: Musik wirkt zumindest bei mir wirklich. Vielleicht nicht so stark wie Literatur, aber natürlich hab ich meine Playlists, die mich in die ein oder andere Stimmung versetzen können. Und, obwohl Mainstream, „Edge of a Revolution“ schafft es schon, einen mal wieder mitzureissen, das Maul aufzumachen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Etwas, das in Anbetracht der globalen Massenüberwachung wirklich mal raus muss. Und heute muss ich mir sowieso ein bisschen der sonst spärlichen Wut aufbewahren, denn wie letzte Woche wollen auch heute wieder Nazis durch meinen Kiez ziehen, was ich aus ungefähr 33 – 45 Gründen (wenn nicht mehr) für absolut verhindernswert halte.

In diesem Sinne: What Do we want?


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Außerirdische in #MaHe

Die vergangenen Tage war unser Viertel ja mal wieder in tiefstes Blaulicht getaucht, denn seit einigen Wochen geben sich hier ja Nazis die quasi die Klinke in die Hand: Während die letzten von der einen Demo gerade verschwinden, tauchen die ersten zur nächsten Veranstaltung wieder auf. Und dementsprechend viel Polizei ist eben vor Ort. Der verhinderte Marsch nach Hellersdorf am Samstag hat bundesweit für Aufsehen gesorgt, darüber hinaus veranstalten diese Gestalten ohne Rücksicht auf ihre kollektive Peinlichkeit „Montagsdemos“, auf denen sie „Wir sind das Volk!“ rufend gegen die Unterbringung von Flüchtlingen im Stadtteil protestieren. Das wird gerade echt zu einer ekligen Spielwiese für rechte Spinner und es ist überhaupt nicht mehr lustig, 900 aggressive Typen vor der eigenen Haustür stehen zu haben, die offenbar so ein beschissenes Leben haben, dass sie auf der Suche nach Menschen, auf die sie herabblicken können, bis zu nach Asyl suchenden Flüchtlingen gekommen sind.

Den meisten Medien ist inzwischen aufgefallen, dass das ganze keineswegs „bloß“ eine Sammlung „besorgter Bürger“ (so gerne die Eigendarstellung) ist, sondern dass altbekannte Kader verschiedenster Nazigruppierungen die sind, die die Mobilisierung und Organisation übernehmen. Und wer eine Demo nicht verlässt, die 2014 nach „Wir sind das Volk!“ skandiert: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“, der kann sein „Wir sind keine Nazis!“-Schild zu Hause lassen – so viel kleinliche Ausdifferenzierung zwischen menschenfeindlichen Geisteshaltungen braucht’s nun auch wieder nicht.

Um die welt- oder zumindest zeitfremden Gesellen ging’s mir aber nur teilweise, als ich das Wort „Außerirdische“ in die Überschrift gepackt hab, sondern damit wollte ich auch auf das fast schon gravierendere Problem hinweisen: Der geringe Widerstand. Dass bei diesen „Montagsdemos“ die Gegendemonstranten zahlenmäßig unterlegen sind, ist bitter. Wenigstens das schien sich in den letzten Jahren ja rumgesprochen zu haben: Dass Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gesellschaftlich nicht toleriert werden und dass die Vollpfosten immer die Minderheit bleiben, egal wo sie auftauchen.

(Mein persönliches Lieblingsverhältnis war irgendwann mal ungefähr 1000 : 7 in Stuttgart.)

Und das Problem ist real. Als am Samstag die Route blockiert und der Widerstand zahlenmäßig überlegen war, hat sich die Zahl der Nazi-Teilnehmer schon während der Demo halbiert, es macht also was aus, wenn Gegenwehr da ist.

Das miese Verhältnis jetzt hat verschiedene Gründe, natürlich. Die Polizei ist z.B. gibt sich wirklich viel Mühe, es eher den Gegendemonstranten schwer zu machen (Ich weiß, das behaupten immer alle Seiten von sich, aber so ein krasses Missverhältnis hab ich selten gesehen – und ein bisschen Demo-Erfahrung kann ich mir schon bescheinigen). Es gibt wenig aktive Antifa-Arbeit im Stadtteil, das Thema mobilisiert bei den Rechten auch Leute, die sonst vielleicht eher seltener demonstrieren; und das Wetter ist ja auch doof, wenn man als Linker so ewig „da raus“ fahren muss. „Zu den Plattenbauten“, zu „denen“. Ich möchte nicht kleinreden, dass es in Marzahn überproportional viele Rechte gibt. Und der latente Rassismus in viel zu breiten Bevölkerungsschichten ist natürlich hier wie überall vorhanden.

Was aber irgendwie nicht Naziaufmärsche von knapp 1000 Leuten irgendwie normal oder unwichtig macht. Wieso muss zu einem Treffpunkt, der vom Alex aus so schnell und einfach zu erreichen ist wie halb Kreuzberg, damit mobilisiert werden, dass man ja auch Leute kennt, die da wohnen und das nicht verdient haben? Ich versteh’s ja, dass Marzahn für viele Berliner im Alltag keine Rolle spielt, geht mir mit vielen Stadtteilen ja nicht anders. Aber glaubt ihr, ich fahr am ersten Mai nach Kreuzberg, weil mir jemand erzählt hat, dass es dort so viele hübsche Altbauten gibt, weil ich ja mal rausmöchte aus meinem Ghetto?

Ich komm‘ auch nicht immer zu jeder Demo, darum geht’s wirklich nicht. Und ja, auch oft weil der Weg zu weit ist, Asche auf mein Haupt. Ich finde es bloß erstaunlich, dass mich und Ozie als in Marzahn lebende Antifaschisten die Aufrufe eher genervt haben. Und unser Lokalpatriotismus ist uns schon lange bei unseren Umzügen irgendwo verloren gegangen – wenn es ihn je gab. Aber zwischen den Zeilen hat das alles immer so ein bisschen nach Zoobesuch geklungen.

„Heute fahren wir mal in den wilden Osten, wo die Plattenbaubewohner nicht merken, dass ein paar Nazis unter ihnen sind, ho ho ho!“

Das war sicher nicht immer so gemeint und ich will die Intention einzelner Leute auch ganz bewusst nicht in Frage stellen. Es sollte nämlich um was anderes gehen. Darum, dass sich in einem Berliner Stadtteil Nazis breitmachen und aufplustern. Dass sie ohne nennenswerte Gegenwehr in grotesker Zahl eine weitgehend friedliche Gegend heimsuchen, um auf dem Rücken der Allerschwächsten Stimmung für menschenverachtende Politik zu machen. Wir hier in Marzahn sind genauso schockiert davon und nicht irgendwelche Außerirdischen, die von sowas keine Ahnung haben.

Ich wohne hier seit sieben Jahren. Manchmal sogar gut als Linker erkennbar. Mir entgehen die Nazis nicht, die es hier gibt, ich bin vertraut mit deren Symbolik. Aber die meisten kuschen. Die wissen, dass sie hier wie überall kein Lob erwarten können, wenn sie sich außerhalb ihrer Cliquen befinden. Ausnahmen gibt’s sicher, aber im Vergleich zu Stuttgart ist das hier Pillepalle – und ich schätze mal stark, meine ehemalige Heimatstadt wird selten als Nazihochburg angesehen. Gestern aber hatte ich das erste Mal Angst und hab mich in meinem Supermarkt vorsichtig bewegt, weil ein paar Vorzeige-Faschohools der Demo mal eben reingekommen sind, um sich Biernachschub für den Rest des Weges zu besorgen. Ich hab drauf geachtet, wann und wo ich eine Hand frei hatte, um mich gegebenenfalls wehren zu können und ich hab draußen einen Umweg gemacht, um nicht außer Sichtweite der rumstehenden Cops zu gelangen. Die Situation hier wird scheiße ernst hier und das liegt verdammt nochmal nicht an irgendwelchen Plattenbauten, sondern an Nazis. An den selben, die in Schöneweide, Köpenick oder Buch rumlungern.

Ich hab auch nicht mehr die Freizeit oder das Geld, zu jeder Nazidemo im Umkreis von 200 km zu fahren. Und Berlin ist sowieso Demo-Hochburg, da alles mitzunehmen, wäre ein Vollzeitjob. Aber hier geht es um Aufmärsche, die bald die Grenze zur Vierstelligkeit knacken könnten. Die trotz aller Besorgte-Bürger-Romantik verdammt aggressiv sind und wirklich unglaubliche Freiheiten von der Polizei eingeräumt bekommen. Lasst uns bitte nicht alleine, #MaHe ist überall!

#angepissteAnwohner

PS: Nazispam wird kommentarlos gelöscht.

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