16. Oktober 2009 · 13:51
So, nun ist es amtlich: Ich bin noch krank. Schöne ScheiĂe!
Ehrlich gesagt war mir das natĂŒrlich – woher nur? – durchaus schon vorher bewusst. Bis nĂ€chsten Mittwoch bin ich krankgeschrieben, und soweit ich das derzeit abschĂ€tzen kann, ist es auch gerechtfertigt. Ich bin immer noch verdammt platt, und ich wĂŒrde mich sogar privat hĂŒten, ein Auto in dem Zustand zu lenken. Also hat das auch im Namen des Geldes wenig Sinn. Von – geschĂ€ftlich unbedeutenden – humanitĂ€ren Kleinstverbrechen wie angesteckten Kunden mal ganz zu schweigen…
Also war ich vorher wieder beim Onkel Doktor, und es war deprimierend zu sehen, dass ich fĂŒr die simple VerlĂ€ngerung der Krankschreibung wesentlich lĂ€nger warten musste als zur Diagnose.
Ich mag Arztpraxen nicht. Das hat nicht einmal mit den Ărzten zu tun, schlieĂlich hatte ich bisher bei meiner – oft durch den Zufall bestimmten – Wahl immer GlĂŒck. Nein, mir sind Wartezimmer ein Graus! Ich gehöre zu den Menschen, die im Krankheitsfall eines am besten vertragen können: Ruhe. Und Ruhe meint hier weniger die Abwesenheit von TĂ€tigkeiten oder gar LĂ€rm. Ruhe meint insbesondere die Abwesenheit anderer Menschen. Wenn ich mich unwohl in meinem Körper fĂŒhle, mag ich es nicht, irgendwo auf dem PrĂ€sentierteller zu sitzen. Wenn ich Schmerzen habe, ist das letzte was mir fehlt, jemand der mich komisch anschaut, weil ich mein Gesicht verziehe. Im Gegenzug zu meiner sonst recht ausgeprĂ€gten exhibitionistischen Ader fĂ€llt Leid bei mir definitiv ziemlich weit in den Bereich, der gemeinhin PrivatsphĂ€re genannt wird.
Und heute musste ich also fast 2 Stunden in einem Zimmer verbringen, in dem 10 Leute vor mir an der Reihe waren. Wenn es nötig wĂ€re, SchwĂ€chen meines Arztes zu benennen, so wĂŒrde ich wohl als erstes die Zeitschriftenauswahl im Wartezimmer kritisieren. Es schmerzt schon genug, dass die meisten Ărzte dieser Republik im Focus offenbar einen adĂ€quaten Ersatz fĂŒr seriöse Nachrichtenquellen sehen – das gĂ€nzliche Fehlen solcher Schriften schmerzt dann noch mehr. Ich bin durchaus bereit, mich ein wenig vom klischeehaften mĂ€nnlichen Rollenbild zu lösen, aber was hĂ€tte ich in diesen 2 Stunden fĂŒr ein hirnrissiges Schundblatt wie die Auto-BILD gegeben. Wohlwissend, dass ich alles, was darin geschrieben steht, wieder vergessen kann, hĂ€tte ich doch gerne ein wenig ĂŒber Themen gelesen, die mich interessieren. Die Auswahl im Wartezimmer allerdings reichte wirklich nur von Gesundheitszeitungen bis zu sogenannten „Frauenzeitschriften“. Und obwohl ich mir nun in den zwei Stunden ziemlich hirnrissige als Artikel getarnte Werbeanzeigen ĂŒber Rheuma, FuĂpilz und Sonnenbrand durchgelesen habe, weiss ich wirklich nicht, welch fatale Notlage mich dazu bewegen sollte, das „goldene Blatt“, „Freundin“, „Brigitte“ oder dergleichen zu lesen. So habe ich mich neben dem Lösen sinnloser gedanklicher Rechenspielchen (Wie groĂ ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass gerade im Wartezimmer wirklich erst alle Frauen und dann erst die MĂ€nner aufgerufen werden?) auch noch mit einer Ă€uĂerst seriös anmutenden BroschĂŒre beschĂ€ftigt, die zum Ergebnis kam, dass Kaffee ausschlieĂlich positive Wirkungen auf die Gesundheit hat. Nur so, falls es meine Kollegen interessieren sollte…
Letztlich hat es sich wirklich als gut herausgestellt, dass ich nochmal da war, und das vor allem aus einem Grund: Die letzte Krankschreibung hatte mein Arzt nicht wie ausgemacht auf den 10.10., sondern nur auf den 11.10. rĂŒckdatiert. Kleiner Fehler, aber fĂŒr mich bares Geld…
Ich hab zu Krankenscheinen – euphemisierend ArbeitsunfĂ€hifgkeitsbescheinigungen genannt – ein zwiegespaltenes VerhĂ€ltnis. Ganz ehrlich! Im Grunde sind sie ja nichts weiter als UnterdrĂŒckungswerkzeuge. NatĂŒrlich verschaffen sie einem Arbeitnehmer Schutz vor dem Chef – aber das ist auch nur deswegen so, weil eigentlich niemand niemandem vertraut.
Ganz ehrlich: Ich hab wĂ€hrend meiner Schulzeit desöfteren blau gemacht. Das hat ziemlich extreme Maxima in der 11. Klasse gehabt, wo ich irgendwann festgestellt habe, dass ich jeden 5. Tag gefehlt habe. Nichts, weswegen ich heute gerĂŒhmt zu werden gedenke – aber eigentlich zeigt es die Verlogenheit solcher MaĂnahmen. Mein Gott, mein Arzt hat selbst zu wenig Schlaf als Argument fĂŒr eine ArbeitsunfĂ€higkeit erachtet. 2 Tage lang… und jetzt stellt euch mal vor, was der mir gegeben hat, wenn noch ein bisschen „persönlicher Stress“ dazu kam. Was sagt den der gelbe Schein da noch aus?
Aber ich denke, in der heutigen Gesellschaft ist es wichtig, dass es solche Ărzte gibt. Wirklich! Denn Stress kann wahnsinnig enervierend sein, und es gibt Arbeiten, die enorm drunter leiden, wenn man nicht wirklich fit ist. Und ganz ehrlich: Auch wenn es tĂ€glich zigtausendfach gut geht: Ich zĂ€hle das Autofahren dazu.
Nun möchte ich aber noch was anderes klarstellen: Ich bin kein unfairer Arbeitnehmer! So schwĂŒlstig es klingt: Ich bin froh, gerade meine Chefs als Chefs zu haben, und nur weil ich mal ein bisschen gestresst von meiner Umwelt bin und Kopfschmerzen deswegen habe, renne ich nicht zum Arzt. Dann mache ich unentgeltlich frei und in aller Regel kriegt nicht einmal jemand mit, dass ich „krank“ bin. Wenn ich zum Arzt gehe, dann hat das per se schon etwas zu sagen. Denn den Stress gebe ich mir nicht fĂŒr ein paar Euro.
Und da sind wir einmal mehr bei dem Punkt, an den ich seit einem Jahr immer wieder komme: Ich bin verdammt froh darĂŒber, dass ich genau den Job mache, den ich mache. Im Falle einer ernsten Krankheit – wie jetzt – ist es zwar mit finanziellen EinbuĂen sehr stressig, wenn man mal krank ist. Aber fĂŒr mich zĂ€hlt die Freiheit wesentlich mehr. Die Freiheit, mal nicht zu arbeiten, auch wenn es mir nur „ein bisschen“ schlecht geht – ohne dass ich deswegen einem Arzt das Wartezimmer vollhusten muss.
Wahrscheinlich ist das alles sehr zu meinen Ungunsten so wie es ist. Aber die gelben Scheine sind doch eigentlich nichts anderes als die roten und die grĂŒnen und die… es ist eigentlich nur Geld. Und eine subtile Form von Misstrauen…
Ach so: Eigentlich wollte mich mein Doc gleich bis ĂŒbernĂ€chsten Montag krankschreiben.