Beim Frisör

Ich war gestern beim Frisör. Mal wieder. Mal wieder zu spät, es ist wieder der Bart unkontrolliert aus der Maske gequollen und die Haare ragten wirr in alle Richtungen und lagen angeschwitzt auf der Stirn. Klassiker.

Obwohl: Dann halt doch nicht so ganz.

Mein Verhältnis zu Frisören als Kunde ist gespalten. Nicht als Mensch, denn ich weiß das Handwerk (oder die Kunst) zu schätzen und finde sie massiv unterbezahlt. Aber meine Erfahrungen als Kind waren irgendwie, dass Mama denen was einflüstert und ich am Ende rausgehe und mich hässlich finde. Dabei waren meine Eltern nicht irgendwie tyrannisch beim Haarschnitt, aber ich war halt der Typ, der Veränderungen nicht mochte. Wie jedes Kind.
Dann war ich irgendwann 15, bin zu meinem Vater gezogen und den hat es dann einfach nicht mehr interessiert. Er hat seine Haare selbst lang getragen und dann war es das für so etwa 10 Jahre.

Ehrlich.

Natürlich sind meine Haare nicht zehn Jahre gewachsen, denn ohne entsprechende Pflege muss man dann schon mal ein paar verfilzte Ecken rausschneiden, was ich auch getan habe. Aber die Matte blieb weit über schulterlang und ich hab sie zurückgebunden, fertig. Passt als Metaller ja eh ganz gut.

Dann kam schon Sophie und seit sie mir das erste Mal die Haare geschnitten hatte, wollte ich nicht mehr zur Headbanger-Mähne zurück, musste mich aber immer wieder all Halbjahr von meiner Freundin und dann Frau dazu überreden lassen, mal wieder zu kürzen. Das war toll, sehr persönlich und darüber hinaus auch kostenlos. Muss ich rückblickend anmerken, denn wir hatten die Kohle eigentlich ja nicht. Alleine der Gedanke, vier Stunden im Taxi zu sitzen, nur um die Haare gekürzt zu bekommen … ach komm, langhaariger Student passt doch als Klischee!

Aber nun ist Geld da, die Anstrengung war eh immer groß und ich bin eben über einen kleinen Umweg bei einem „Oriental Barbier“ im örtlichen Einkaufscenter gelandet.

Die Kommunikation dort war zwar immer nur so mittel, aber ich mag den Laden irgendwie. Stilistisch schafft er es, eine Kreuzung aus Hipster-Laden und Steam-Punk-Szenerie zu sein, die Angestellten sind immer nett und als ich da das erste Mal rausgelaufen bin, habe ich mich im Spiegel für dieses eine Ich meinerselbst gehalten, das vor 20 Jahren die Mädels abgeschleppt hätte, die ich nur schüchtern im Flur gegrüßt hatte. Wow! Frisör bedeutet gar nicht Unterdrückung, für die man auch noch zahlt!

Ich hatte angefangen, mich daran zu gewöhnen, das als Wellness-Termin zu sehen. Mal den Bart mit einem echten Messer ausdefiniert bekommen, alle Wässerchen und Gels, die da rumstehen mal zu probieren … geiler Scheiß! Und zu einem Preis, der mir als Ex-Taxifahrer Tränen in die Augen treibt.

Und gestern saß ich da dann eine Stunde. Weil der supernette Typ mit den unglaublich gut riechenden Händen mir zwar alle Wünsche erfüllen wollte, aber keinen Plan hatte, was ich gesagt habe. Nicht wegen einer Sprachbarriere, vielleicht lag es sogar an mir, aber er traute sich nicht, die Haare da so kurz zu machen, wie ich es wollte und hat dort den Bart zu sehr rundgeschnitten, wo das auch nicht mein Ziel war.

Natürlich poste ich jetzt nur keine Fotos, weil ich trotzdem verdammt scharf aussehe und niemanden ungebührlich verunsichern will, aber ich habe mir das sehr sehr anders vorgestellt.

Und da kam das Trauma meiner Kindheit auch wirklich unvermittelt um die Ecke galoppiert. Ich hab mich wirklich sehr schlecht gefühlt, hab sogar einen (leicht zu unterdrückenden) Reflex zum Weinen verspürt, weil ich das Gefühl hatte, ich werde da jetzt verunstaltet.

Der Ausgang ist wie oben erwähnt voll ok. Ich sehe erst einmal nicht mehr wie der letzte Heckenpenner aus und sogar irgendwie erstaunlich gut. Entgegen meiner Hoffnung muss ich aber nun wohl morgens einen Kamm benutzen, was ein echt krasser Downer für einen Ex-Punk wie mich ist.

Aber hey, ich und Sophie können nachschneiden, das ist immerhin auch schon was.

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