Nach der Odyssee durchs deutsche Schienennetz hätte Alexa auf der Stelle einschlafen können. Abgesehen von der nicht unbedeutenden Tatsache, dass sie eigentlich nicht wirklich müde war. Eher erschöpft. Das freilich hing auch damit zusammen, dass sie den ganzen Tag nicht wirklich etwas essbares herunterbekommen hatte. Nachdem sie sich nach dem Zufallsprinzip einiger Klamotten entledigt hatte, packte sie ihren immerhin noch lauwarmen Döner aus und setzte sich an ihren Tisch.
Ihre Gedanken kreisten zwischen „Das ist jetzt aber auch typisch Berlin!“ und „Gott sei Dank bin ich nicht so doof und hab mich darauf verlassen, dass was zu essen im Haus ist.“
„Alex? Teechen?“
Jans Stimme hallte vertraut und doch für diesen stillen Moment unangenehm laut durch den Flur ihrer Wohnung.
„Äm, Meimebwebm! M‘ Fwarbfm!“
„Bitte was?“
Jans Kopf streckte sich durch den Türspalt. Alexa schluckte hastig ihren letzten Bissen herunter und artikulierte geringfügig deutlicher:
„Meinetwegen. Einen schwarzen Tee hätte ich gerne!“
Ein kurzes beiderseitiges Lächeln später war Jan in der Küche verschwunden und bald darauf hörte sie Tassengeklimper und das unstete Rauschen und Gluckern des Wasserkochers. Sie überließ den fetttriefenden unteren Rand ihres Fladenbrotes dem Müll, als Jan verkündete, der Tee sei fertig. Abgekämpft – und jetzt auch noch völlig überfressen – schleifte Alexa sich in die Küche, wo sie bereits ein grinsender Mitbewohner mit 2 dampfenden Tassen in den Händen erwartete. Er wirkte ziemlich übermotiviert für ihr Empfinden, obwohl er mit seinen dreckigen Tennissocken, den karierten Boxershorts und seinem „Berlin ist pleite“-T-Shirt nicht gerade den Eindruck erweckte, arbeitsgeil zu sein.
„Also: Wie war die Fahrt?“
„Nervig. Verspätung, kalter Zug, ich bin froh, endlich da zu sein…“
„Nein, ich mein‘ jetzt insgesamt!“
„Ach so, ich…“
In diesem Moment sorgte ein für die beiden kaum spürbarer Luftzug dafür, dass Jans Zimmertüre am Ende des Flurs mit vernehmlichem Krachen ins Schloss fiel. Der Schreck für beide war groß. Da sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie tot umfallen oder wegrennen sollten, setzten beide ihre Panik in einer recht unglücklichen Übersprungshandlung um und schütteten sich ihren heißen Tee gegenseitig aufs Hemd.
Die folgenden anderthalb Minuten enthielten 35 „Ah!“ in unterschiedlichen Lautstärken und Tonhöhen, einige ziemlich unappetitliche Flüche, gegenseitige Schuldzuweisungen und ein Gerangel ums Waschbecken mit dem kalten Wasser. Wie in den meisten unschönen Situationen, die die beiden schon durchzustehen hatten, entspannte sich die Lage aber auch jetzt sehr schnell und nachtragend waren sie ohnehin nicht. Sonst wären sie zweifelsohne nie zusammengezogen.
Die nächste Runde Tee wurde wesentlich vorsichtiger genossen, zumindest von Alexas Seite aus. Sie hatte ihr nasses Shirt gegen einen Pullover getauscht. Jan hingegen hatte sich nur des alten Shirts entledigt und saß nun mit freiem Oberkörper am Küchentisch, was im Übrigen sehr gut mit der Umgebungstemperatur harmonierte, die dank des altmodischen Heizkörpers, der nur die Einstellung „Wüste“ und „Wostok“ kannte, recht hoch war.
Dass Jan mit seiner begeisterten Begeisterungslosigkeit bezüglich Sport nicht ganz so gut trainiert war wie die Truppe aus der Schweiz, über die sie gerade erzählte, fiel Alexa gar nicht auf, als sie ihn fast nackt am Tisch sitzen sah. Irgendwie war er immer noch ihr Typ. Diese Gedanken schlichen sich immer mal wieder ein, das hatte nicht viel zu bedeuten. Damals, als ihre Beziehung mit seinem Coming-Out ein eher spontanes Ende genommen hatte, war das natürlich für beide nicht leicht gewesen. Heute schmunzelte sie eher darüber, dass sie immer noch mit ihrem ersten Freund zusammen wohnte, auch wenn sich zwischenzeitlich herausgestellt hat, dass er schwul war.
Ihre Erzählungen zur Reise waren bestenfalls farblos zu nennen. Eigentlich war sie viel lieber wieder in Berlin und wollte eher wissen, was sich während ihrer Abwesenheit hier so ereignet hatte. Dass Jan da der falsche Ansprechpartner war, war ihr bewusst. Seine gelegentlichen Meldungen bei Facebook bestanden meist aus Links zu Filmen, die er sich ansah und aus einzelnen Worten wie „Bier!“, „Spinat!“ oder „Katerfrühstück“. Daraus auf die aktuelle Situation in der deutschen Hauptstadt zu schließen, war nicht mal Alexa möglich, so gut sie Jan auch kennen mochte.
Der Tee entfaltete indes seine Wirkung und neben der langweiligen Erzählung über eigentlich ziemlich geile Urlaubstage beschloss sie, den guten Jan in den nächsten Tagen mal wieder ein bisschen vor die Türe zu zwingen – ganz egal, wie sehr er sich auch wehrte. Sie beendete die Ausführungen über ihren letzten Tag auf der Hütte und fügte an:
„Morgen mal wieder WG-Einkauf? Kaum noch Zeug da.“
„Hmm, krieg am 15. erst Kohle.“
„Ich leg’s aus.“
„Mhm, naja, warum nicht?“
„Warum nicht? Sollen wir die ganze Woche nur Tütensuppen…?“
„Mach ich schon seit vorgestern, die müssen auch mal weg!“
„Junge, Jan! DU musst auch mal weg. Wir latschen morgen mal zum Plus rüber. Meinetwegen auch nachmittags.“
Lachen. Der Rest des Abends verlor sich in Anekdoten über dies und das. Hier nochmal ein bisschen Schweiz, dort ein bisschen WG-Vergangenheit, viel privates. Ihr Schlaf und der von Jan schenken sich nichts. Sie erschöpft von der Reise, er vom Aufräumen, träumten sie beide einen Haufen wirres Zeug, an das sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnerten.
Was soll die beiden vor dem Einkaufen überraschen?
- Irgendwas total absurdes. (59%, 69 Votes)
- Ein Kumpel kommt spontan zu Besuch. (24%, 28 Votes)
- Alexas Geldbeutel wird geklaut. (9%, 11 Votes)
- Sie finden noch Essen. (7%, 8 Votes)
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