Nun haben wir die Europawahl also auch weg. Schön und gut. Statistisch gesehen sind wohl 52% von Euch nicht hingegangen. Das finde ich nicht prickelnd, immerhin hatte man dank fehlender 5-, bzw 3%-Hürde ja selbst mit Randgruppenmeinungen eine Chance auf – wenn auch vielleicht begrenzten – Erfolg. Immerhin hat wohl, sehr zu meiner Freude übrigens, sogar die PARTEI es geschafft, einen Abgeordneten im Europäischen Parlament zu platzieren. Aber, obwohl sie hätten einiges reißen können, will ich gar nicht auf den Nichtwählern rumhacken. Einen gewissen Frust bezüglich der Parteienlandschaft kann ich wirklich mehr als gut verstehen.
Nun haben wir halt den Salat, dass ausgerechnet Vorzeige-Schwachmaten wie die Gurkentruppe der AfD (oder noch schlimmer in anderen Ländern, z.B. der Front National in Frankreich) ihre Wähler verhältnismäßig gut zum Wählen animieren konnten.
Auf Twitter wurde ich gleich rüde angegangen, wie erbärmlich es sei, eine so große Wählerschaft wie die der AfD fertigzumachen. Aber man muss schon hart mit sich kämpfen, es nicht zu tun. Der (witzigerweise schon mal in meinem Taxi gesessene) Theo Koll hat im ZDF ein paar für mich nicht sehr überraschende, dennoch erhellende Statistiken präsentieren dürfen, nach denen viele AfD-Wähler lediglich aus Protest die Urne gesucht (und überwiegend leider gefunden) haben. So sollen 97% der Wähler der Aussage zugestimmt haben, dass diese Partei zwar auch keine Probleme löst, aber immerhin mal Bescheid sagt. Und 45% (im Gegensatz zu wohl 20% im Durchschnitt) sollen gesagt haben, dass die Europawahl ja so oder so so unwichtig sei, dass man auch mal – meine Interpretation – blöde Vollpfosten wählen kann. Sprich: 45% derer, die die EU skeptisch sehen, den Euro nicht wollen und zu viel europäische Bevormundung beklagen, finden die Wahl – und damit das Europäische Parlament – unwichtig.
Ich weiß bestens, dass Politik emotional aufgeladen ist, aber bei so viel Inkonsistenz muss einem doch der Schädel platzen.
Aber diesbezüglich haben die fast 7% gestern den Richtigen gewählt, immerhin stellte Bernd Lucke, Chefchef des Vereins und gerne gegen etablierte Parteien schnaubend, nach seinem gestrigen ersten Wahlsieg zufrieden fest, jetzt auch einer etablierten Partei anzugehören. Einer Volkspartei gar. Herzlichen Glückwunsch.
Wisst Ihr, was ich an dieser Europawahl am Ende dann doch ein bisschen arg lustig finde?
Die AfD ist DER große Wahlsieger, die „Euro-Skeptiker“ sehen sich im Aufwind und selbst der unverbesserliche braune Haufen der NPD hat nun einen Sitz im Europaparlament gewonnen. Und was ist deren größtes Problem ab jetzt? Dass in anderen Ländern noch mehr solche nationalistische Drecksparteien gewählt haben! Was bedeutet, dass sie sich zwar hier und da mit denen mal für mehr nationalstaatliche Autonomie ausweinen dürfen, aber bei allen für Deutschland wichtigen Entscheidungen im Grunde aus der „eigenen“ Gruppe den härtesten Gegenwind bekommen werden. 🙂
Hey, im Ernst: die EU ist ein verdammt komplexes Konstrukt und da ist so viel Kackscheiße am Dampfen, dass vermutlich selbst hier im Internet der Platz dafür fehlt, das zu umreissen. Was mir fehlt, ist das Verständnis dafür, dass es besser werden soll, wenn nur „wir“ Deutschen uns endlich mal wieder ein bisschen mehr gegen „die“ Anderen durchsetzen können. Ich weiß, dass das gemütliche, freundschaftliche und länderübergreifende Miteinander utopisch ist und viele Wenns und Abers hervorruft. Realpolitik ist hart und oft ein Ringen um kleinsten Mist. Aber den Vorwurf von ganz rechts kann ich umgehend zurückgeben: was soll an der Sache einfacher werden, nur weil man es sich auch noch mit den anderen Mitspielern versaut? Ebenso wie ich als Linker mein Utopia nicht per Dekret verordnen kann, wird ein Lucke oder eine LePen ihre Nation nicht durch irgendeinen Zaubertrick perfekt machen.
Selbst diese Europawahl mit ihrem unverkennbaren Rechtsruck wird nicht der Untergang sein. Das hoffe ich zumindest stark. Ich hoffe aber auch, dass die nächsten Jahre die Protestwähler der Rechtsparteien auf den Boden zurückholen. Wo ich mir zumindest bei der AfD zum Beispiel keine Sorgen mache. Die gehen jedem funktionierenden Gehirn nach zwei Minuten Redezeit auf die Nerven. Und wenn ihr die „etablierten Parteien“ – wonach immer sich diese Zuordnung bemisst – wirklich trollen wollt, dann wählt doch richtige Satire wie die PARTEI und Konsorten. Die sind rein vom Wahlprogramm nur minimal absurder als die AfD und ersparen einem wenigstens dieses selbstgefällige Grinsen von Herrn Lucke.
Ich glaube, diesbezüglich habe ich für heute fertig.
Disclaimer:
Auch wenn ich sie zweimal namentlich erwähnt habe, bin ich weder Mitglied der PARTEI (Update: dreimal erwähnt), noch habe ich sie gewählt. Falls nach dem Artikel jedoch Parteimitglieder an mich herantreten, um mich für die Werbung mit obszönen Beträgen zu entlohnen, bin ich selbstverständlich aufgeschlossen. 😉
PS: Im Ernst. Ich habe die Piraten gewählt. Und das guten Gewissens.




