Was Behindertenparkplätze angeht, bin ich beruflich vorbelastet. Ich hab jahrelang für den Körperbehindertenverein Stuttgart eine Menge Rollstuhlfahrer und sonstwie eingeschränkte Personen durch die Gegend gefahren und war somit manches Mal auf sie angewiesen. Die Erfahrungen, die man dabei macht, sind ziemlich genau das Gegenteil von dem, was man als Otto-Normal-Kraftfahrer vielleicht vermuten mag: Es gibt zu wenige!
Sicher, hier und da gibt es auch die Parkplätze, die nur in bestimmten Zeiten ausgelastet sind, aber es hat seinen Grund, weswegen diese oftmals priviligiert wirkenden Plätze freigehalten werden. Das Verständnis dafür scheint den Menschen in diesem Land allerdings gehörig abzugehen. Es ist zwar weitgehend Konsens, dass man sich um „die Behinderten“ schon irgendwie kümmern sollte – leider bewerten manche ihren Wunsch nach einem kurzen Fußweg beim Einkaufen regelmäßig höher. „Das mit den Spastis“ ist schon ok, so lange sie einem nur selbst nicht in die Quere kommen. Viele scheinen mehr oder minder sowieso zu befürworten, dass man „die“ sowieso besser irgendwo aufhebt, wo man als „normaler Mensch“ nicht damit belästigt wird. Im Alltag sieht das dann so aus wie im Krankentransport-Blog neulich so eindrucksvoll wie erschreckend beschrieben.
Was ich von den meisten Kunden gehört habe, war, dass sie kein geheucheltes Mitleid wollen. Im Übrigen auch nicht in Form irgendwelcher Bevorzugungen! Behindertenparkplätze erfüllen aber einen Zweck. Sicher, hier und da sind es nur besonders naheliegende Plätze. Mancherorts aber sind es auch ein paar von wenigen barrierefrei erreichbaren Plätzen – etwas, das man ohne darauf zu achten (als „normaler Mensch“), nie wahrnimmt.
Wie blöd ich mich schon mitten in den Verkehr stellen musste, um mit den Bussen mit Hebebühne einen vernünftigen Einstieg für meine Fahrgäste zu gewährleisten – das glaubt man kaum!
Einmal hatte ich eine Situation am Stuttgarter Schloßplatz. Da habe ich wirklich unfreiwillig – aber nicht anders machbar – einen Meter der Wendeplattform der Busse in Beschlag nehmen müssen. Sonst war nirgends Platz, Weihnachtsmarkt und so… Ich schwöre: Alle Busse konnten dort wenden! Der, der dann als Zweiter ankam, hat das aber ignoriert und weiter ausgeholt als die Kollegen davor. Er hat sich demonstrativ hinter mich gesetzt und gewartet (und wahrscheinlich den Fahrgästen noch erzählt, wie böse ich bin). Ich hab dann so schnell als möglich meine zwei Kundinnen eingeladen, was einfach dauert. Man muss die Rollstühle ordentlich festgurten und auch die Hebebühnen laufen nur in Zeitlupen-Geschwindigkeit. Irgendwann hat er dann gehupt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich relativ erkennbar nichts machen, um die Prozedur zu beschleunigen. Aber inzwischen hatten sich eine Menge Schaulustige angesammelt, die mich und meine Fahrgäste begafft haben und ich durfte dann aus der Menge so wunderbare Sätze hören wie:
„Also um die beiden Frauen tut es mir ja leid, aber der Typ sollte ja wohl wissen, dass er hier nicht einfach so anhalten darf…“
Dass ich das sehr wohl durfte, wusste natürlich keiner. Dass der Busfahrer bloß zu ignorant war, hat keiner sehen wollen. Dass ich der „armen Frauen“ wegen dort stand, wurde ignoriert und hätte man dort einen Behindertenparkplatz eingerichtet, hätten diese Pisser zum Einkaufen darauf geparkt.
Mal im Ernst: Solche Idioten hatte ich oft genug, und ich hab sicher nicht halb so viel Missgunst mitbekommen wie jeder einzelne Rollstuhlfahrer in einem einzigen Monat. Wenn man selbst mit einem unwillkürlichen Schritt eine Stufe überwinden kann, lässt es sich leicht herausposaunen, wie sehr andere Menschen verhätschelt und übervorteilt werden.
Was ich eigentlich schreiben wollte, war dass ich neulich ein paar Idioten bei uns auf dem Kaiser’s-Parkplatz gesehen habe, die ihr Auto (ein schnuckeliger, kleiner Golf II) quer über sage und schreibe alle 3 extrabreiten Behindertenparkplätze gestellt haben, um einkaufen zu gehen. An diesem Abend war das sicher kein großes Problem, denn witzigerweise waren mindestens 2 ebenso gut zugängliche und noch näher am Kaiser’s gelegene (!) Parkplätze frei, aber es zeigt doch sehr gut, wie wenig sich manche Leute Gedanken darüber machen.
Ja, ich fand es auch mal cool, mich aus Prinzip über Regeln hinwegzusetzen! Und ich weiss, dass nicht alle Regeln hierzulande sinnvoll sind. Aber auch wenn einem persönlich mal ein Behindertenparkplatz „im Weg“ ist: Denkt mal drüber nach, in welchen Situationen Leute im Rollstuhl oder mit anderen Beeinträchtigungen hierzulande behindert werden.
Und wenn ihr euch fragt, ob nun wirklich die 3 Behindertenparkplätze sein müssen, wenn für das große Einkaufscenter überhaupt nur 100 zur Verfügung stehen, dann seht euch mal bitte an, wie viele Menschen in Deutschland einen Schwerbehinderten-Status haben:
8,7%!
7 Millionen Menschen!
Und das sind nur die, die offiziell schwerbehindert sind. Die Tatsache, dass man nur wenige davon auf der Straße sieht, beunruhigt mich wesentlich mehr als die Durchsetzung weiterer Behindertenparkplätze.
An dieser Stelle möchte ich gerne einen Blog verlinken: das-rollkommando.blogspot.com
Es ist der Blog eines meiner ehemaligen Chefs, selbst Rollstuhlfahrer. Er ist in seinen Beiträgen gerne mal zynisch und provokant, aber genau das schätze ich daran. Ich kann euch jedenfalls versichern, dass ihr mit ihm gut über solche Alltagsgeschichten diskutieren könnt. Ignoriert mal den ein oder anderen Tippfehler und lest die ersten Beiträge durch – und denkt drüber nach!
Ich habe meinen Job damals angetreten und festgestellt, dass ich durchaus Vorurteile hatte. Das verliert sich mit der Zeit. Man muss nicht pseudomitleidig durch die Gegend rennen, um Behinderten zu helfen. Ehrlicher Respekt und der Abbau von Berührungsängsten hilft viel mehr und lässt einen eine Menge Spaß mit den Leuten haben, die sonst oftmals leider nur ignoriert oder ausgegrenzt werden.




