Category Archives: Politik

Wollte nur mal hallo sagen…

…denn wer weiss schon, ob Blogs demnächst noch erlaubt sind.

Wenngleich das Wahlergebnis mich nicht ernstlich überrascht: Enttäuscht sein darf man ja wohl, oder? Mir fehlen ehrlich gesagt ein bisschen die Worte. Wenn jetzt Finanzkrisen dazu führen, dass die FDP Wähler gewinnt, dann will ich gar nicht daran denken, was in Zukunft noch so alles möglich ist…

Aber was beschwere ich mich, ich bin ja nur einer aus dem Internet. Das geht mich ja nicht mal was an, oder?

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Klarmachen…

So, das Wochenende war stressig, aber nun ist es – zumindest arbeitsmäßig – vorbei. Es gibt einiges interessantes zu schreiben, aber das muss noch ein wenig warten. Es ist 7 Uhr in der Frühe am 27. September und es ist noch rund eine Stunde, bis die Wahllokale öffnen.

Inzwischen habe ich mich auch entschieden, wie ich wählen werde – und da ich selten einen Hehl aus meiner Meinung mache, kann ich ja auch schreiben, dass die Piraten eine Stimme von mir bekommen.

Ich sag’s ehrlich: Die Entscheidung ist mir verdammt schwer gefallen, und „rundum glücklich“ ist vielleicht auch nicht der Begriff der Wahl, wenn ich diese Stimmabgabe bewerten soll. Dennoch kann ich die Entscheidung vor mir vertreten und sehe keinen Grund, das Ganze zu bereuen.

Mir ist klar, dass die Piraten ein gewissermaßen fragmentiertes Programm haben, und das birgt ebenso wie die Tatsache, dass dort vielerlei verschiedene, zum größten Teil unerfahrene Menschen ihr Unwesen treiben, ein Risiko. Aber um es einmal mehr zu betonen: Wie schief soll es gehen? Ich bin zwar auch der Meinung, dass jetzt nicht unbedingt ein Töffel, der sich nicht einmal erkundigt, welcher Zeitung er ein Interview gibt, Außenminister werden sollte- aber bei aller Hoffnung auf einen Erdrutschsieg einer Protestpartei glaubt sicher auch niemand, dass der Posten frei werden würde.

Protestwahl ist ein bescheidenes Mittel, mit Hilfe der Demokratie eine Regierung abzustrafen – keine Frage. Politik sollte etwas Konstruktives sein, der Meinung bin ich auch. Aber seit ich pünktlich nach der Abwahl der ewigen Bundesbirne 1998 selbst wählen kann, bin ich es leid, mir jedes Mal die Haare zu raufen, wenn ich politische Entscheidungen mitverfolge. Ich bin nicht mehr klein und dumm und ich weiss sehr wohl, dass Politik oftmals auch kleiner Schritte bedarf. Aber die ganzen „etablierten“ Parteien, von denen sowieso höchstens die Grünen (und auch die fast nur noch auf dem Papier) ein paar brauchbare Werte vertreten, ist in den letzten Jahren nichts ausgegangen, was ich gutheißen kann.

Natürlich geht es Deutschland an und für sich gut. Verdammt, diesem Land geht es richtig gut. Dass das ein Großteil der Bevölkerung nicht wahrhaben will, weil die Preise für Mittelklassewagen steigen, sagt doch schon alles!

Aber dennoch fließt das Geld mehr oder minder ununterbrochen von „unten“ nach „oben“ und das was einst Grundrechte waren, wird in verschiedenster Form beschnitten. Wenn ich mir die Entwicklungen in Punkto Sozialgesetzgebung, Asylrecht und Persönlichkeitsrechten ansehe, dann muss ich mich doch fragen, wie weit das noch gehen soll. Ich meine, wie bezeichnend ist es bitte, dass sich die zutreffendste Prognose des heutigen Stands der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes in den 11 Jahre alten Ausgaben einer linken Untergrundzeitschrift namens radikal finden lassen? Das sollte gerade für die eine Warnung sein, die sonst nichts mit linkem Gedankengut anfangen können.

Aber gut, ich bin ziemlich angepisst davon, dass Banken saniert werden, während die Bild auf HartzIV-Empfänger eindrischt. Das ist nicht außergewöhnlich, und seit dem 15. September 2008 sind wir ja alle ein bisschen kapitalismuskritisch. Blabla…

Was könnte ich denn bitte wählen?

Für den rechten Rand ist mir der Platz für Gegenargumente zu schade, bei der Union kotzt es mich schon an, dass sie weiterhin zwingend am traditionellen Familienbild festhalten und auch noch Realpolitik dran koppeln (an die heile Welt glauben dürfen sie natürlich meinetwegen). Die SPD ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, trauert ihrer Vergangenheit nach und sieht auch noch hilflos zu, wie die CDU mit kleinen Zuckerchen bei ihren Stammkunden wildert. Die Grünen mögen gute Ansätze haben, haben aber letztlich fast überall fast alles abgenickt, was von ihnen gefordert wurde. Bei aller Liebe zu Kompromissen gehen die mir ein paar hundert Lichtjahre zu weit. Die Linke ist niedlich und wenn sie nicht so stur daran glauben würden, dass ihre Forderungen ohne ernstliche Änderungen umzusetzen sind, wären sie vielleicht wählbar. So aber eher nicht. Die FDP habe ich mir schon überlegt zu wählen, weil es die Partei wäre, die am kompromislosesten den Kapitalismus durch Überfütterung zum Einsturz bringen könnte – aber abgesehen davon, dass sie bei den ersten Krisenanzeichen in der Regierungsverantwortung alles unterschreiben würden, was Mama Merkel will: Nach den ersten erfolgreichen 6 Monaten würde ich an Westerwelles Dauergrinsen sterben. Von den Kleinparteien bleiben nicht mehr viele übrig, weil ich weder Kommunist (DKP) bin, noch ein Kommunist ohne eigene Ideen (MLPD) und weder Rentner, noch Tiere, noch Autofahrer für sonderlich amüsante Einzelthemen halte. Die APPD tritt nicht an, obwohl sie mit dem Balkanisierungskonzept wenigstens eine interessante Idee haben, wenn man sie sich mal nüchtern anschaut.

Ergo: Die Piraten…

Und ich bleibe dabei: Ich treffe meine Wahlentscheidung nicht nach persönlichen Vorteilen! Dass ich viel im Netz unterwegs bin, ist bei der Wahl zweitrangig. Wenn ich Wert auf meine Anonymität legen würde, dann könnte das niemand lesen. Ich fall als „guter Deutscher“ zumindest aus dem aktuellen Terroristenraster und bei Pornos bin ich erschreckend konservativ, sodass mich wahrscheinlich auch keine Stoppschilder nerven würden. Selbst Werbung nehme ich eigentlich gelassen hin, und wenn eben mal was wirklich beklopptes kommt, dann blogge ich drüber. Für gute Musik zahle ich gerne was, und ich halte mich für versiert genug, illegal auch woanders welche herzubekommen. Das Urheberrecht finde ich in Teilen gut, in anderen Teilen schlecht – selbst wenn ich mal ein Buch schreiben werde, kann ich mit oder ohne Piraten mit den Konsequenzen leben. Was besseres fällt mir dennoch nicht ein. Nirgendwo sind die Konvergenzen größer, der Ekel kleiner und die Glaubwürdigkeit höher.

Und wenn sich durch die Wahl der Piraten nichts ändert, dann… sieh einer an:

Ist das doch auch nicht schlimmer, als wenn ich eine „vertrauenswürdige“ Partei gewählt hätte.

Auch von mir natürlich der wichtigste Satz zum Abschluss: Wählt, was ihr wollt! Aber überlegt es euch gut!

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Yeaahh!

Vier kleine Worte haben gereicht, um die inländische Medienlandschaft zumindest ansatzweise umzugraben: „Und alle so: Yeaahh“

Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Leser meines Blogs noch nicht über diese Worte gestolpert ist in den letzten Tagen, aber das ist wieder mal so ein Thema, von dem ich die Finger nicht lassen kann. Falls der ein oder andere doch noch nicht wissen sollte, worum es geht, fange ich mal ganz von vorne an:

Seit der Geburt des Internets, und mehr noch seit der langsamen Etablierung des sogenannten Web 2.0, sind immer mal wieder Memen aufgetaucht. Memen sind, um den etwas arg theoretischen Wikipedia-Artikel zusammenzufassen  Informationseinheiten, die in einem gewissen Kontext Verbreitung finden. Zumeist handelt es sich hierbei um schlicht witzige Dinge, und wer sich die nicht uninteressante Liste von Internet-Memen (englisch) durchsieht, wird feststellen, dass er das ein oder andere Video oder Bild kennt und vielleicht selber mal kommentiert, beworben oder weitergeschickt hat. Ist ja auch erstmal egal, ob es dazu einen Namen gibt oder nicht.

Naja, die „Yeaahh“-Geschichte:

Es war wohl in Hamburg, als ein Unbekannter (der sich jetzt wahrscheinlich in den Arsch beisst, weil er de facto eine Sachbeschädigung begangen hat und sich damit wohl kaum noch melden können wird) ein CDU-Plakat „verschönerte“, indem er hinter die markigen Worte „DIE KANZLERIN KOMMT“ eben folgendes schrieb:

„Und alle so: Yeaahh“

Das fand ein anderer (nehme ich zumindest mal an) so witzig, dass er es fotografierte und bei Flickr online stellte. Ab da schlug das Web 2.0 zu: Das Bild wurde weiterverbreitet, ging über Nerdcore zu Spreeblick, wo es auch umgehend zu einem eigenen Song verarbeitet wurde. Den Rücksprung in die reale Welt schaffte die Geschichte dann wiederrum in Hamburg, wo bei einer Rede von Angela Merkel während einer Art Flashmob auch zu den unsinnigsten Sätzen wiederholt und laut „Yeaahh“ gerufen wurde. Im Netz selbst bloggte nun auch Lukas von coffeeandtv.de über die Sache und steuerte einen eigenen Song bei, und nun verselbstständigen sich auch die Flashmobs, sodass nach Hamburg Mainz und Wuppertal an der Reihe waren und der Abschluss wohl an diesem Samstag bei der Kundgebung hier in Berlin stattfinden wird. Dass ein Wahlkampfauftritt mal gestört oder kreativ mitgestaltet wird, ist nicht zu selten – wovon insbesondere Kleinparteien schärferen Profils sicher ein Lied singen können. Diese „Yeaahh“-Geschichte aber schaffte es immerhin bis in die Tagesthemen und ist meines Erachtens nach fast schon eine neue Dimension dieser Form der Vernetzung.

Der sicher nicht unkritisch gedachte Kommentar auf dem Wahlplakat führt nun über zig Umwege tatsächlich zu einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne, in die sich noch dazu alles reininterpretieren lässt, außer einer Unterstützung für die Union.

Anhänger der Piratenpartei greifen das Geschehen als Thema für sich auf, und Angela Merkel reagiert (zumindest laut den Tagesthemen) immerhin mit der nötigen Coolness und spricht von „meinen Freunden aus dem Internet“, was aber bei aller verständlichen Klippenumschiffung in diesem Fall nur einmal mehr die Unwählbarkeit dieser Frau zeigt. Jemand, der immer noch glaubt, es gebe „das Internet“, das – trotz dieses eindeutigen Gegenbeweises – scheinbar nichts mit der restlichen Welt zu tun hat, gehört nicht auf irgendeine Bühne der Zeitgeschichte in diesem Jahrzehnt! Und schon gar nicht auf eine des nächsten…

Im Übrigen ein schöner Anlass, hier noch mal eine 28minütige Berg- und Talfahrt in Form eines haarsträubenden und zugleich irre komischen „Gesprächs“ zwischen Schumacher, Tiedje und Lobo zu verlinken, die mich letzte Woche an meinem Verstand zweifeln ließ, weil hier nicht nur das Internet plötzlich eine einzelne Gruppe ist, sondern diese auch noch von Sascha Lobo regiert sein soll, was ich bei allem Respekt für seine sprachlich gewandten Konter in diesem Gespräch und gewissen tragbaren Grundeinstellungen für eine ganz und gar nicht gute Idee halten würde.

Die Diskussion darüber, ob man auch mit ganz offensichtlich (und nicht nur unterschwellig wie immer) sinnlosen Phrasen Wahlkampf betreiben oder mitgestalten sollte, ist sicher schon in vollem Gange, auch wenn ich das nicht sicher sagen kann, da mir die inzwischen 45.600 Google-Ergebnisse zu „und alle so yeaahh“ ein wenig zu viel zum Durchlesen waren.

Und diese Fragen sind natürlich berechtigt, da die Bundestagswahl – bei allen Kritikpunkten an ihrer Praxis oder gar ihres Sinns – zur Zeit zumindest die wichtigste Form der politischen Mitbestimmung in diesem Land ist. Darf man hier einen auf gaga machen?

Meine Meinung dazu ist eindeutig: Ja!

Denn selbst die Kommunikation einer ablehnenden Haltung ist immer noch ein politisches Statement, und dass auch ein gewisser Humor immer seinen Platz in der Politik gehabt hat, ist nicht  zu verleugnen. Klar stösst das dem einen oder anderen bitter auf, aber andere würden sich sonst gar nicht für Politik interessieren, und das einzig traurige ist, dass am Ende dieser erheiternden Episode deutscher Wahlkampfidiotie wahrscheinlich wieder das Internet für die Verflachung des Niveaus herhalten muss, obwohl hier nur Inhalte transportiert werden, die nach wie vor von Menschen aus Fleisch und Blut erschaffen, diskutiert und auch aufgenommen werden.

Und wenn ich so über meinen Artikel zum Brief von Frank-Walter Steinmeier nachdenke:

„Und alle so: Yeaahh“ hätte als Kommentar eigentlich völlig gereicht.

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Frankie schreibt mir!

Ach, Langeweile am frühen Morgen…

Wahrscheinlich hat so ziemlich jeder letzte Woche den Brief „von Frank-Walter Steinmeier“ bekommen. Von dem Mann, bei dem ich immer versucht bin, noch einen Bindestrich vor den Nachnamen zu packen. Das aber nur nebenbei als sinnfreie Zusatzinformation um den Datenmüllgehalt im Netz nicht drastisch zu senken.

Wobei ich mir bei diesem Eintrag keine Sorgen machen muss, denn ich fand den Brief erbärmlich. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben, weil ich mir sicher war, dass ich dazu gar nichts schreiben könnte. Kunststück, werden solche Briefe ja auch auf alles abgeklopft, was irgendwo anecken könnte. Weichspüler ist ein verharmlosender Ausdruck für das Verfahren, das die Ursprungsvariante dieses Briefes wahrscheinlich erdulden musste.

Hey ok, ich bin kein SPD-Fan! Das beeinträchtigt meine Meinung sicherlich, aber ich muss zu meiner Schande – und gegen alle politischen Überzeugungen – immerhin gestehen, dass ich den Steinmeier so vom Auftreten teilweise gar nicht so unsympathisch finde. Das trifft aber wie gesagt nicht auf die transportierten Inhalte zu. Und insofern hat mich der Brief auch nicht wirklich überzeugen können.

Da mir – wie eingangs erwähnt – gerade langweilig ist, und ich aus Gemütlichkeitsgründen keine Autos anzünden will, schreibe ich hier nun ein paar unreflektierte Gedanken zu Frankies Brief nieder. Ich hab Verständnis für alle, die keinen Bock drauf haben, und ich kann – ohne dass ich ein Konzept habe – jetzt schon sagen, dass ich keine Antworten finden werde, nicht allzu niveauvoll sein werde und nur ein bisschen genervt sein möchte (was ich gerade trotz bevorstehender Wahl und der Überzeugung, die Intelligenzverweigerer gewinnen einmal mehr gar nicht bin). Also gibt es alles in allem gar keinen Grund, diesen Text zu lesen.

Es sei denn, euch ist auch langweilig…

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Part ist in gedruckter Handschrift gehalten. In einem Blauton, der nicht einmal so wirkt, als wolle er vorgeben, echte Tinte zu sein. Naja, ist inzwischen Usus, und ich kann es auch niemandem verübeln, dass er keine 5 Millionen Briefe unterschreibt. Obwohl das manchen Politiker davon abhalten würde, sich auch noch im Fernsehen zum Löffel zu machen…

danke, dass Sie sich Zeit nehmen für meinen Brief.

Wie gesagt: Mir ist langweilig.

Am 27. September ist Bundestagswahl.

Das wird aber auch jedes Jahr früher! Ganz im Ernst: Wer bis jetzt den Wahltermin noch nicht im Kopf hat, der wird nicht wählen gehen. Vielleicht hat er dafür Gründe, vielleicht ist er bescheuert. Ob diese Kandidaten allerdings die sind, die solche Briefe ernstlich lesen… wer erstellt bei ihnen die Prognosen fürs Wahlverhalten?

Dann werden Sie entscheiden, welcher politischen Kraft Sie in den nächsten vier Jahren den Auftrag zum Regieren geben wollen.

Jaja, ich werd entscheiden, was ich will. Soweit ist mir das klar. Aber um ihrer Bitte vorwegzugreifen: Bekomme ich wieder die Merkel als Kanzlerin, wenn ich SPD wähle?

Bei dieser Wahl geht es um eine Richtungsentscheidung für unser Land.

Komischerweise müsste ihre Richtung dann theoretisch die Beibehaltung des Kurses sein, oder?

Es geht aber auch um Ihre eigene Zukunft.

Ich sag’s ganz frei raus: Ich find egoistisches Wählen asozial!

Darum möchte ich Ihnen einige Gedanken mit auf den Weg geben und beschreiben, worum es an diesem Wahltag nach meiner festen Überzeugung gehen sollte.

Kurzes Lob an die Redenschreiber: Es ist elegant, hier nicht auf die alte Floskel „meiner Meinung nach“ zurückzugreifen. Dennoch: Taschenspielertricks auf Deutsch-LK-Niveau!

Die vergangenen Jahre waren nicht einfach und wir leben auch jetzt nicht in einfachen Zeiten.

Oh!? Mir geht’s eigentlich gut. Soll ich dann nicht kommen?

Die Krise in der Wirtschaft ist noch nicht endgültig überwunden.

Oha! „Die Wirtschaft“! Das klingt erstaunlich distanziert für einen Politiker, der eine Menge Geld in „die Wirtschaft“ pumpt. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Mir sind die Auswirkungen der Wirtschaft aufs Leben bewusst. Aber zu schreiben, dass die Krise nicht nur „die Wirtschaft“ trifft, sondern auch den Rest der Bevölkerung, scheint dann doch ein wenig zu gewagt, nicht wahr?

Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen.

Wieso? Die meisten Banken verdienen wieder gutes Geld, der Aktienmarkt zieht an. „Vorzeigeunternehmen“ werden vom Staat gerettet und ein grundsätzliches Problem haben wir doch gar nicht, es braucht halt etwas Zeit. Das meinen sie doch mit „Lehren“.

Wir brauchen klare Grenzen, mehr Kontrolle und bessere Aufsicht auf den Finanzmärkten.

Kleiner Tipp am Rande: Sie sitzen jetzt seit einem Jahr zusammen mit der Wirtschaftskrise und dieser Schwarzgeld-Partei-Braut in der Regierung!

Es darf keinen Zweifel geben: Die Wirtschaft ist für die Menschen da.

Zweifel darf es immer geben, und das nennt sich dann Demokratie. Aber ich finde es auch ganz dolle böse, dass die niedliche kleine Wirtschaft das alles nicht wahrhaben will…

Wir brauchen auch in Zukunft sozialen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stärke.

Also wenn sie mich fragen: Ich brauch zwar auch ein paar Euro, aber „wirtschaftliche Stärke“? Und was den sozialen Zusammenhalt angeht: Ihre Partei ist jetzt seit 1998, also seit 11 Jahren, an der Regierung beteiligt. Da sie – wie leider die meisten Spitzenpolitiker mit bedrucktem Toilettenpapier wie der Bild kooperieren, sollten sie eigentlich mal gelesen haben, woraus hierzulande bisher der soziale Zusammenhalt besteht. Für die Zukunft würde ich mir einiges mehr davon wünschen, dann kann auch gern die wirtschaftliche Stärke irgendwo in der Ecke hocken bleiben, sich die Eier lecken und lieb gucken.

Das ist Deutschlands Erfolgsrezept.

Na dann Prost Mahlzeit. Das ist so innovativ, dass ich die Befürchtung habe, es könnten einige Beraterverträge über siebenstellige Euro-Beträge nötig gewesen sein, um das herauszufinden.

Gut ausgebildete Arbeitnehmer und verantwortungsbewusste Unternehmer sind auch in Zukunft die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg.

Mal davon abgesehen, dass ich mir vorstellen kann, wie die Schreiber hier geflucht haben, weil „Arbeitnehmer“ und „Unternehmer“ diesen Satz phonetisch zu Quark werden lassen, sie es aber nicht ändern konnten, weil es kaum adäquate Ausweichmöglichkeiten gab: Haben sie jemals einen verantwortungsvollen Unternehmer getroffen? Ich will nicht in Abrede stellen, dass es sie gibt. Ich kenne solche Leute, denn ich hab arbeite gelegentlich in solchen Umfeldern. Traurigerweise sind es nicht gerade diejenigen, die sie hofieren oder denen sie in irgendeiner Form Hilfe zukommen lassen. Der „wirtschaftliche Erfolg“ stellt sich – und das ist ein offenes Geheimnis – doch eher auf anderem Wege ein.

Sie entscheiden darüber, ob diese Grundlage weiter bestehen wird.

Ich fasse mal zusammen: Sie sind in der Regierung, die Zeiten sind hart, die Wirtschaft ist am Ende, und ich soll mich jetzt dafür entscheiden, dass es so weitergeht? Ich denke, da besteht noch Diskussionsbedarf…

Dazu gehören soziale Arbeitnehmerrechte, Mitbestimmung, Kündigungsschutz, Mindestlöhne und eine Steuerpolitik, die dafür sorgt, dass starke Schultern mehr tragen als schwache.

Es ist aber nicht nett, dass das Wörtchen „soziale“ hier nicht mehr zu den fetten gehören darf. Das macht keinen guten Eindruck. Ich will es mir jetzt nicht so einfach machen, aber im Großen und Ganzen plädieren sie wieder dafür, dass alles bleibt wie es ist und stellen in Aussicht, dass ihre Partei diese Grundpfeiler der Gesellschaft (sorry für den überheblichen Ton, mir war gerade nach was monumentalem) nicht weiter einreissen wird?

Der soziale Fortschritt ist nicht selbstverständlich.

Ja, nicht wenn man die ganze Zeit nach der Wirtschaft schielt. Aber es wäre schonmal ein Anfang, das Wort „sozial“ konsequent fett zu drucken!

Ich will ihn bewahren.

Sie wollen was? Fortschritt bewahren? Einen nicht selbstverständlichen dazu. Ich habe die Befürchtung, sie meinen das ernst.

Und Sie können mit Ihrer Stimme mithelfen, dass es in unserem Land sozial und gerecht zugeht.

Puh… ja. Vielleicht. Warum ich das aber ausgerechnet tue, wenn ich ihre Partei wähle, das will mir immer noch nicht so ganz in den Kopf.

Mein wichtigstes Ziel: Ich will mit aller Kraft die Arbeitslosigkeit bekämpfen.

Na das ist ja eine Überraschung! Ich kann mich nun seit meiner Kindheit nicht zurückerinnern, dass das jemals ein Kanzlerkandidat nicht gewollt hätte. Also als Alleinstellungsmerkmal taugt das nun wirklich nicht mehr.

Ohne Arbeit gibt es keinen Wohlstand und keine Sicherheit.

Das behaupten sie jetzt aber auch, ohne das Gegenteil ausprobiert zu haben! Aber wenn wir uns mal an ihr niedliches Weltbild mit Lohnarbeit und Vollbeschäftigung als Ziel halten wollen, dann empfehle ich dringend, ein „gut bezahlte“ vor das Wörtchen Arbeit zu stellen. Sonst ist zumindest nix mit Sicherheit. Und gerade von ihrer Partei erwarte ich noch einige Rezepte, wie z.B. Zeitarbeit mit 7 € Brutto-Stundenlohn bei 35 Wochenstunden das leisten soll.

Aber zukunftsfähige Arbeit braucht gut ausgebildete junge Menschen.

Erlauben sie mir, das umzudrehen, damit es den Kern der Tatsachen noch ein wenig mehr trifft: „Gut ausgebildete junge Menschen brauchen zukunftsfähige Arbeit.“ Und wenn ich mit gutem Gewissen jemanden in dieser Gesellschaft wählen will, dann erwarte ich zumindest ein Nachdenken darüber, was wäre, wenn – welch unglaublich futuristische Idee! – nicht genug Arbeit da ist. Oder um es klarzustellen: Wenn über Nacht alle Leute hier Abitur, Studium, Ausbildung, Berufserfahrung und ein völlig grün-weißes Führungszeugnis vorweisen können, dann haben wir noch keinen Arbeitslosen weniger. Darüber sollte sich mal jemand Gedanken machen!

Wir können gemeinsam erreichen, dass unsere Kinder eine erstklassige Ausbildung bekommen, und zwar unabhängig vom Einkommen der Eltern.

So wie ich sie inzwischen einschätze, denken sie, dass Studiengebühren dieses Ziel vereinfachen…
Und wen interessiert denn das Einkommen, wo doch in SPD-Deutschland alle so sozial und solidarisch sind?

Wir Sozialdemokraten stehen für sichere Renten ein.

Also zumindest für die nächsten vier Jahre.

Und dafür, dass Gesundheit bezahlbar bleibt.

Sagen sie mal, hat ihnen ihre Deutschlehrerin nicht auch noch erzählt, dass es nicht schön ist, einen Satz mit „und“ zu beginnen. Ich mache das auch ständig, aber es interessiert mich einfach, ob diese Regel inzwischen überholt ist. Ich denke, sie als fortschrittlicher Sozialdemokrat wissen das sicherlich.
Und (sic) was den Inhalt angeht: Die Praxisgebühr wird also nicht erhöht? Super! Die Krankenkassen kosten in Zukunft weniger? Super! Wie wollen sie das eigentlich machen?

Die soziale Gerechtigkeit der Menschen braucht Verlässlichkeit und die Solidarität aller.

Meine Kontonummer lautet…

Gehen Sie bitte am 27. September zur Wahl.

Mache ich gerne. Aber es wird sie nicht wirklich erfreuen, was ich wähle…

Überlassen Sie die Zukunft nicht anderen.

Ähm… das war die Sache mit der Demokratie. Seien sie mal ehrlich, Frankie: Wir haben beide verschissen, wenn die Welt wie befürchtet aus Abermillionen Idioten besteht.

Vor allem: Überlassen Sie Ihre Zukunft nicht anderen.

Moooment mal! Wer sülzt mir hier ein unschuldiges Blatt Papier voll, dass ich ihm meine Zukunft anvertrauen soll?

Mit Ihrer Stimme für die SPD helfen Sie ganz persönlich mit, dass wir gemeinsam eine soziale und erfolgreiche Zukunft haben.

So langsam finde ich es im Übrigen unheimlich, dass sie keine Ausrufezeichen verwenden. Und nehmen sie es mir nicht übel, aber über eine gemeinsame Zukunft mit ihnen möchte ich nach dem ersten Brief wirklich noch nicht nachdenken.

Ich verspreche Ihnen, dass ich hart für Sie und unser Land arbeiten werde.

Wissen sie was: Geschenkt! Ich mache meine Arbeit gerne alleine – sie macht mir nämlich Spaß – und die Arbeit für unser Land: Sie hatten ihre Chance!

Es grüßt Sie herzlich Ihr Frank-Walter Steinmeier

Gruß zurück und nichts für ungut!

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Waaaaaa…

Verdammt! 5 Minuten sind vergangen, und mir kommt keine Überschrift in den Sinn, die mit Wahlen zu tun hat. Egal. Ozie hat mich extra noch geweckt, damit wir rechtzeitig vor Schließung der Wahllokale unseres erreichen können. Gut, dass sie sogar etwas mehr Zeit eingeplant hat – da wir natürlich erst im Lokal gemerkt haben, dass wir dieses mal woanders wählen dürfen. Eine Umlegung der Wahllokale wird hier in Marzahn-Hellersdorf wahrscheinlich endgültig dafür sorgen, dass die Wahlbeteiligung unter 10% fällt. Jetzt bin ich mal gespannt, wie es ausgeht – aber es ist ja noch vor 18 Uhr.

Wobei? Hat bild.de vielleicht schon was online…

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Kinderporno-Briefe

Ich möchte hier mal einen Eintrag des Hostbloggers verlinken, der mich schwer beeindruckt hat. Der Eintrag selbst ist unwichtig, aber der Brief, weswegen er den Eintrag verfasst hat, ist sehr lesenswert (ist in seinem Eintrag verlinkt). Es geht um diese unsägliche Kinderporno-Sperre, die unsere Regierung da plant, und der Brief seinerseits – der an alle Bundestagsabgeordneten rausgegangen ist – verdient einfach Respekt. Eine schöne Zusammenfassung der Thematik, ohne unnötige Polemisierung verfasst und auch für einfache Gemüter leicht verständlich. So schön hätte ich das Thema nie darstellen können. Und das Wissen, dass alle Abgeordneten diesen Brief erhalten haben, lässt einen zum einen hoffen – zum anderen wissen, dass es wirklich Matschköpfe sind, die für den Gesetzentwurf seitens Zensursula gestimmt haben. Danke, danke, danke dafür!

Nachtrag 15.45.2009:

Einen weiteren offenen Brief zum Thema hat Jo erstellt.

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Erster Mai – buntes Durcheinander

Begonnen hat der erste Mai für den Sash gemütlich. Felix kam uns nach langer Zeit mal wieder besuchen, und unter anderem deswegen habe ich mich zu Hause befunden, als er Nachts um etwa ein Uhr ankam. Der frühe Morgen verging mit einigen Unterhaltungen und Alkohol. Felix und ich hielten uns an Hopfenblütentee, während Ozie mein originellstes Trinkgeld im Alleingang vernichtete.

Als ich ins Bett ging, war klar, dass der Tag nicht allzu viel Schlaf hergeben würde. Es war nach 5 Uhr in der Frühe, als ich dezent alkoholisiert ins Bett ging, und quasi kurz nach dem Einschlafen schon die Töne meines Weckers (8.45 Uhr) vernahm. Das mit dem Aufstehen klappte nicht so, wie es sollte – aber unsere S-Bahn um 9.36 Uhr haben wir problemlos bekommen.

Erste Station des Tages war dann Köpenick, wo eine der fünf größeren Nazi-Ansammlungen in Deutschland an diesem Tag herumwabern wollte. Die erste S-Bahn vom Ostkreuz aus war zu voll, die zweite nahmen wir dann – was keine zu früh war. Es sollte für einige Zeit die letzte sein, die nach Köpenick fuhr. Zunächst einmal hieß es dann: Rumstehen! Nicht ohne Ziel, denn die wahrlich absurd anmutende Taktik der Polizei beinhaltete ein Eintreffen von Nazis und Gegendemonstranten am selben Bahnhof. Warum den Spuk also nicht durch aussitzen beenden?

Natürlich war eine lückenlose Überwachung des Kammerspiels garantiert, wenngleich es immer noch fraglich ist, welche rechtliche Grundlage das immer wieder praktizierte präventive Abfilmen kompletter Demonstrationen hat.

Filmst du mich, film ich dich!, Quelle: Sash

Filmst du mich, film ich dich!, Quelle: Sash

Nun, fast schon verständlicherweise waren die Cops nicht so sonderlich erfreut ob der Tatsache, dass sie nun um die 500 Linke auf dem Bahnsteig hatten, auf dem in einer Stunde eigentlich die andere Fraktion erwartet wurde. Dass sie den Bahnsteig zur Vollendung ihres grandiosen Einfalls räumen mussten, war klar. Auffällig war aber einmal mehr, dass die Jungs in Grün sämtliche Psychologieschulungen zu vergessen scheinen, wenn sie schwarze Klamotten sehen. Zunächst haben sie einige „Störenfriede“ ziemlich unsanft aus unseren „Reihen“ entfernt – z.B. den Sanitäter – dann mittels Drängen und Stoßen (womit sie billigend in Kauf nahmen, dass Leute vom Bahnsteig ins Gleisbett fallen) einen recht zügigen Weg gefunden, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Grundsätzlich verständlich, aber es ist echt nervig, dass ihnen Abdrängen nie reicht in so einer Situation. Da drücken sie eine Masse Menschen – die sich selbstverständlich nur recht träge bewegen kann – nicht einfach weiter. Nein, da müssen die hintersten gestoßen werden, damit sie möglichst hinfallen. Was ihnen in dieser Situation das Pfefferspray gebracht hat, frage ich mich auch – aber wenn man es schon dabei hat… nicht wahr?

Ich lass mir solche Spielchen nur noch bedingt gefallen. Hab heute auch wieder einen Rückwärtsschritt gemacht mit dem bestimmten Ausruf: „Irgendwann reicht’s aber mal!“, und schon sind 3 von den Spaßvögeln irritiert ins Taumeln gekommen, weil sie einfach auf mich aufgelaufen sind. Da weiss ich es dann einfach zu schätzen, dass sich meine 150 kg nicht mal eben abdrängen lassen. Und ganz im Ernst: Die drei darauf folgenden schnellen Hiebe in meinen Rücken habe ich locker mit einem Grinsen wegstecken können…

Dazu ein kurzer Einschub:

Meinetwegen ist es ok, wenn sie ihren Job machen. Ich find’s nicht immer toll, ich wünschte mir desöfteren, dass sie auch mal was nicht machen, wenn es gequirlte Kacke ist, aber ok! Bei mir hört es dort auf, wo die Macht um ihrer selbst Willen ausgenutzt wird, die sie Kraft des Gesetzes haben. Abdrängen ist ok. Schläge oder gar das (heute auch wieder) versuchte die Treppe herunterstoßen einzelner Leute ist unfair, und es ist eine Schweinerei, dass es schlicht unmöglich ist, Cops wegen solcher Dinge zu belangen.

In meinem Bekanntenkreis sehr gerne erzählt wird die Geschichte eines gar nicht so kleinen Sash, der bei einer Demo friedlich am Rand rumsteht, und plötzlich aufpassen muss, dass er nicht umfällt. Ein kräftiger Stoß in den Rücken, näheres wusste er damals nicht. Ein Ausfallschritt, Situation geklärt… Im Nachhinein habe ich dann von Umstehenden erfahren, dass ein gepanzerter Polizist mir mit angezogenem Knie mit Anlauf in den Rücken gesprungen ist. Einfach, weil ich ihm nicht gepasst habe. Mir ist nix passiert, aber solche Aktionen haben auch schon 14-jährige erwischt. Ich bin eben nur die Ausnahme, die nach dem ersten Treffer eines Wasserwerfers gedacht hat: „Das war es schon? Leck mich am Arsch!“, und weiter vorgelaufen ist.

Oft genug aber werden Leute ernstlich und unnötig verletzt bei solchen Aktionen. Das aber ist weder in der speziellen Situation sinnvoll (Das Stichwort Deeskalation sei hier nebenbei eingeworfen), noch dauerhaft wirksam, denn die wenigsten Leute ziehen aus dem Fehlverhalten eines Polizisten den Schluss „Dann bleib ich lieber zu Hause“, sondern die meisten haben dann erst recht einen Grund, ihre Vorurteile – die vielleicht sogar im Großen und Ganzen falsch waren – weiter zu pflegen, und immer mehr Wut aufzustauen.

Ende des kurzen Einschubs.

Wir sind ein bisschen draußen umhergezogen, und irgendwie ist nichts passiert. Die nötigsten Straßen waren abgesperrt, die Demo war groß, aber nicht sonderlich aufregend.

Stylische Luftballons in Köpenick, Quelle: Sash

Stylische Luftballons in Köpenick, Quelle: Sash

Bis er hier kam:

Der Führer spricht zum Volk, Quelle: Sash

Der Führer spricht zum Volk, Quelle: Sash

Ein offenbar suizidal veranlagter Mann trat in der Puchanstr. auf seinen Balkon und zeigte der Anti-Nazi-Demonstration mehrmals den Hitlergruß. Er nahm es völlig gelassen hin, dass Steine nach ihm geworfen wurden, und das Bersten seiner Fensterscheiben quittierte er dann wieder mit dem Ausstrecken des rechten Arms. Den Anweisungen der Polizei, die strafbare Handlung zu unterlassen, kam er nicht nach, und so dauerte es einige Minuten, bis er von Grünbehelmten vom Balkon entfernt wurde. Der Satz des Tages kam von einem jungen Mann aus der Demonstration:

„Dafür zahl ich Steuern, verdammt!“

Der Rest der Demo verlief – so lange wir da waren – wieder friedlich. Mit gemischten Reaktionen gesellte sich Gregor Gysi unter die Demonstranten und hielt einen Redebeitrag, der immerhin auch von mindestens einem Cop – der sich die selbe Fensterbank wie wir zum Pausieren gesucht hat – wohlwollend aufgenommen wurde.

Gegen Mittag haben wir uns schon wieder auf den Heimweg gemacht, wo zumindest ich und Felix uns noch eine Runde Mittagschlaf gegönnt haben.

Um 18 Uhr waren wir dann wieder in der Stadt: Die revolutionäre Demo, die Randale-Demo! Dank Myfest und der Demo waren jede Menge Leute auf der Straße, kaum vorstellbar für mich, dass das dieselben Straßen sind durch die ich nun wirklich täglich fahre.

Da hinten wird's eng..., Quelle: Sash

Da hinten wird's eng..., Quelle: Sash

Die Demo war einmal mehr groß, friedlich, aber dennoch – zumindest zum Ende hin – kämpferisch und mit einer verdammt lockeren Atmosphäre. Die gute Musik aus dem Lauti tat ihr übriges dazu. Dennoch ein seltsames Bild, das mir von der Demo nicht aus dem Kopf gehen wird:

Dach-Häschen, Quelle: Sash

Dach-Häschen, Quelle: Sash

Dann gab der Akku meiner Kamera den Geist auf. War ja klar…

Der Rest war zu erwarten. Die Demo endete mehr oder minder, und mit der Zeit kam es zu Krawallen. Der Strand unter dem Pflaster ist gestern wieder vermehrt ausgegraben worden, und es ist ein kurioser Gedanke, wie viel Geld alleine durch das Zerschmettern von Pfandflaschen auf Polizeihelmen pulverisiert wurde.

Es war ja nun das erste Mal, dass ich zugegen war, als es hier krachte. Bei aller sinnloser Zerstörung, die damit einhergegangen ist, muss ich doch einfach mal erwähnen, wie fasziniert ich von der Stimmung dort am Kotti war. Denn die Krawalle dort sind eindeutig Spiele – gefährliche vielleicht – aber einfach nur Spiele. Ich stehe nicht übermäßig auf Lebensgefahr, aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich dort nicht wohlgefühlt hätte. Natürlich tut es weh, Idioten zu sehen, die feige aus der fünundzwanzigsten Reihe Flaschen an die Hinterköpfe der „eigenen Leute“ werfen. Natürlich stehe ich nicht auf prügelnde Cops, denen aufgrund ihrer Anonymität schneller ein Schlagstock ausrutscht als anderen Menschen Schimpfwörter für selbige einfallen. Aber diese unglaubliche Lockerheit dort unten: Unbeschreiblich. Anzugträger stehen vor billigen Dönerbuden, und verfolgen amüsiert-interessiert das Geschehen, etliche Jugendliche nutzen die Gunst der Stunde, ihren Pegel zu erhöhen. In der Adalbertstraße wird mal eben ein Lagerfeuer entfacht, und die Cops stehen dabei und passen einfach nur auf, dass nichts aus dem Ruder läuft, während sich 50 Meter weiter ein Steinhagel auf Kollegen ergießt…

Das ist kein Krieg in Kreuzberg gewesen. Das war einmal mehr ein spielerisches Kräftemessen mit teils unfairen Mitteln. Mehr nicht. Party war trotzdem!

Aber um nicht nur unverständliche Schwärmereien loszuwerden: Ich stimme den Rednern auf der Demo zu: Wir brauchen hier mehr soziale Unruhen, nicht weniger! Denn ich möchte es noch einmal klarstellen: Es hat mich interessiert, wie das hier in Berlin ist mit den Mai-Krawallen. Ich wollte es mal sehen, um mir meine Meinung bilden zu können. Aber ich war nicht deswegen dort. Randale-Gucken ist nett, aber auf den Demos war ich, weil ich es ernstlich wichtig finde. Ich bin nun einmal gegen das, was viele verteidigen mit den Worten „das ist halt so“. Diese Welt ist nicht gerecht, und ich glaube daran, dass sie es sein könnte – wenn man sich darum bemüht. Und das ist nicht so, weil ich mein Leben scheiße finde! Ich kann zufrieden sein! Ich liebe meinen Job, meine Freundin und mein Leben. Ich bin weder dumm, noch sozial gestört, noch sonstwie schlecht dran. Ich kann mir leisten, was ich wirklich will, und selbst mein persönliches Bedürfnis an Freiheit ist eigentlich gedeckt in dieser Welt.

Aber es geht nicht um mich!

Ich bin der, der heute mit seiner Freundin von den Mai-Krawallen in Berlin-Kreuzberg mit dem Taxi heimgefahren ist – noch dazu mit einem Kollegen, den ich gelegentlich schon getroffen habe, und der mir sympathisch ist. Es wäre absurd, zu vermuten, ich treibe mich auf Demos rum, um ein paar Euro mehr Lohn zu kriegen. Denn ich habe das verdammte Glück, dass es mir gut geht. Finanziell wie psychisch. Das Glück, hier leben zu dürfen. Hier in Deutschland. In Stuttgart, in Berlin. Wo ich will.

Aber ich will nie vergessen, dass ich nichts – aber auch gar nichts – dafür getan habe, diese Privilegien zu genießen. Und so lange das Privilegien sind, stimmt irgendwas da draussen nicht! Und das Problem sind sicher nicht ein paar Krawalle in irgendeinem Viertel irgendeiner Stadt. Und sie sind es nie gewesen…

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