(Naja, ein bisschen)
Wie inzwischen ja jeder hier weiß, hab ich vor anderthalb Monaten einen Zeh abgenommen bekommen. Abgesehen davon, dass das Ding zu dem Zeitpunkt ein bisschen groß und ein bisschen rot war, ging es vor allem darum, dass sich die Entzündung am Knochen nicht ausbreitet.
„Damit Sie nicht in ein paar Wochen wieder hier sind.“
Ein paar Wochen später war ich dann wieder da. Heute.
Ich habe nämlich vorgestern Abend ziemlich unangenehme Schmerzen im Fuß gehabt und am Morgen danach fand ich den Nachbarzeh des inzwischen hoffentlich entsorgten etwas dick und rot vor. Daneben ein kleidsames Hämatom, aber darüber hinaus auch eine Rötung des Vorderfußes selbst, was halt ungefähr so aussah und so schmerzhaft war wie das, was mich letztes Mal ins Krankenhaus gebracht hat. Das ist nicht lustig.
Meine Ärztin hat mich bei einer eiligen Konsultation aber vorsichtig beruhigt und ein Abwarten bis heute Morgen vorgeschlagen. Wo es dann neben dem völligen Zerschießen meines Arbeitstages dafür sorgte, dass sie mir reichlich sorgenvoll eine Verordnung über eine Krankenhausbehandlung rüberwachsen ließ. Na klasse.
Während wir hier noch mit allerlei Mühen den Betreuungstag der Kids eingetütet haben, der mit Ergotherapie, verkürzter Zeit und einem Ausflug auch alles andere als normal verlief, hab ich mich gedanklich darin geübt, dieses Mal ein bisschen renitenter zu sein. Auf Verdacht noch einen Zeh opfern hatte ich gar nicht vor, aber ehrlich gesagt auch keinen stationären Aufenthalt. Nicht weil mir meine Gesundheit egal wäre, natürlich nicht. Wäre das so, wäre ich gar nicht hingegangen. Aber diese Mär vom zwingenden Aufenthalt wegen des Antibiotikums …
Ich hab gar keine Zweifel, dass das gelebte Praxis ist, aber die Leitlinien sagen gar nicht immer, dass eine intravenöse Gabe zu bevorzugen ist und ich bin auch ein bisschen bockig inzwischen, dass es völlig normal ist, da zwingend einen Aufenthalt draus zu machen. Bei meinem letzten Besuch hab ich die Medikamente erstens zu Beginn viel zu spät und im Verlauf ziemlich unregelmäßig bekommen und das kann ich in Anbetracht der knappen Personaldecke in der Klinik zwar in Teilen nachvollziehen, aber wieso ich als Patient einfach mal defaultmäßig meine Kinder eine Woche nicht sehen kann, weil ich ein Medikament kriege, das ist in meinen Augen wenigstens Grund für eine Diskussion über Alternativen. Und ich wäre ja auch täglichen Besuchen oder einer Selbstzahlervariante gegenüber aufgeschlossen gewesen.
Wie man sieht: Das ist alles theoretisch und man sieht’s ja: Ich bin wieder zuhause. Und zwar aus dem bestmöglichen aller Gründe: Die Laborbefunde haben eine Entzündung verneint, es ist wohl doch nicht einfach der selbe Scheiß nochmal und das ist einfach nur sehr sehr gut. Dass ich dafür in der Notaufnahme war, ist völlig bescheuert, aber DIE Regeln mache ich wirklich nicht.
Kommen wir nun noch zu einem anderen Punkt: Mein Fuß ist kaputt.
Ach so, ist kein anderer Punkt? Ja, hmm, ist jetzt ungünstig, weil ich bin ja entlassen. Nochmal Kontrolle am Montag, aber eigentlich ist das Problem quasi gelöst oder so.
Ich hoffe das wirklich, aber um ehrlich zu sein: Was mir der schweigsame Arzt jetzt als Diagnose aufgeschrieben hat, hat halt den kleinen Fehler, dass es abgesehen vom Vorkommen der Farbe Rot eigentlich keines der Symptome aufgreift, die ich habe. Das ist für mich als Laie eine eher seltsame Diagnose, die wenig Hoffnung weckt. Und auch da male ich gleich wieder das Teufelchen des Systemversagens an die Wand, denn so langsam hab ich meine Füße betreffend einfach nur noch Lust, meine Ärzte anzulügen.
„Sie haben Diabetes, oder?“
Ich glaube, ich werde da künftig nein sagen, denn ich habe nicht das Gefühl, dass Jasagen hilft. Ich meine, auf meinen Entlassungspapieren vom letzten Mal prangt schon wieder groß das Wort „Wundheilstörung“, aber alle Pfleger und Ärzte, die mich nach der Amputation angeschaut oder versorgt haben, waren beeindruckt davon, wie gut die Wunde heilt. Aber man hat das als Diabetiker doch! Und vor ein paar Jahren habe ich mich verletzt, dann hat das Antibiotikum gegen die Erreger nicht geholfen, aber alle Ärzte sind davon ausgegangen, dass ich die Wunde verschleppt habe, weil ich sie wegen der Neuropathie in den Füßen nicht gemerkt habe. Hab ich. Und ich war am Tag danach beim Arzt, aber das hat mir keiner geglaubt. Tut mir ja auch leid, dass mein Diabetes früh erkannt und gut eingestellt wurde und ich nicht genauso reagiere wie Opa Erwin, der sich seit 20 Jahren heimlich Zucker in den Kaffee macht und nicht an Spritzen glaubt.
Am Ende sind das alles sehr direkte Auswirkungen davon, dass das Gesundheitssystem völlig ruiniert wurde und man da als Patient notgedrungen durchgeschleift wird, ohne das Zeit für irgendwelche Gespräche wäre. Und das ist so bitter. Weil die Leute an sich ja gut sind. Und sicher auch einen guten Job machen wollen.
Und ach ja, ich hätte auch gerne keine Schmerzen mehr in den Füßen. Vielleicht brauche ich ja mehr Diabetes.