2. Mai 2009 · 02:59
Begonnen hat der erste Mai für den Sash gemütlich. Felix kam uns nach langer Zeit mal wieder besuchen, und unter anderem deswegen habe ich mich zu Hause befunden, als er Nachts um etwa ein Uhr ankam. Der frühe Morgen verging mit einigen Unterhaltungen und Alkohol. Felix und ich hielten uns an Hopfenblütentee, während Ozie mein originellstes Trinkgeld im Alleingang vernichtete.
Als ich ins Bett ging, war klar, dass der Tag nicht allzu viel Schlaf hergeben würde. Es war nach 5 Uhr in der Frühe, als ich dezent alkoholisiert ins Bett ging, und quasi kurz nach dem Einschlafen schon die Töne meines Weckers (8.45 Uhr) vernahm. Das mit dem Aufstehen klappte nicht so, wie es sollte – aber unsere S-Bahn um 9.36 Uhr haben wir problemlos bekommen.
Erste Station des Tages war dann Köpenick, wo eine der fünf größeren Nazi-Ansammlungen in Deutschland an diesem Tag herumwabern wollte. Die erste S-Bahn vom Ostkreuz aus war zu voll, die zweite nahmen wir dann – was keine zu früh war. Es sollte für einige Zeit die letzte sein, die nach Köpenick fuhr. Zunächst einmal hieß es dann: Rumstehen! Nicht ohne Ziel, denn die wahrlich absurd anmutende Taktik der Polizei beinhaltete ein Eintreffen von Nazis und Gegendemonstranten am selben Bahnhof. Warum den Spuk also nicht durch aussitzen beenden?
Natürlich war eine lückenlose Überwachung des Kammerspiels garantiert, wenngleich es immer noch fraglich ist, welche rechtliche Grundlage das immer wieder praktizierte präventive Abfilmen kompletter Demonstrationen hat.

Filmst du mich, film ich dich!, Quelle: Sash
Nun, fast schon verständlicherweise waren die Cops nicht so sonderlich erfreut ob der Tatsache, dass sie nun um die 500 Linke auf dem Bahnsteig hatten, auf dem in einer Stunde eigentlich die andere Fraktion erwartet wurde. Dass sie den Bahnsteig zur Vollendung ihres grandiosen Einfalls räumen mussten, war klar. Auffällig war aber einmal mehr, dass die Jungs in Grün sämtliche Psychologieschulungen zu vergessen scheinen, wenn sie schwarze Klamotten sehen. Zunächst haben sie einige „Störenfriede“ ziemlich unsanft aus unseren „Reihen“ entfernt – z.B. den Sanitäter – dann mittels Drängen und Stoßen (womit sie billigend in Kauf nahmen, dass Leute vom Bahnsteig ins Gleisbett fallen) einen recht zügigen Weg gefunden, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Grundsätzlich verständlich, aber es ist echt nervig, dass ihnen Abdrängen nie reicht in so einer Situation. Da drücken sie eine Masse Menschen – die sich selbstverständlich nur recht träge bewegen kann – nicht einfach weiter. Nein, da müssen die hintersten gestoßen werden, damit sie möglichst hinfallen. Was ihnen in dieser Situation das Pfefferspray gebracht hat, frage ich mich auch – aber wenn man es schon dabei hat… nicht wahr?
Ich lass mir solche Spielchen nur noch bedingt gefallen. Hab heute auch wieder einen Rückwärtsschritt gemacht mit dem bestimmten Ausruf: „Irgendwann reicht’s aber mal!“, und schon sind 3 von den Spaßvögeln irritiert ins Taumeln gekommen, weil sie einfach auf mich aufgelaufen sind. Da weiss ich es dann einfach zu schätzen, dass sich meine 150 kg nicht mal eben abdrängen lassen. Und ganz im Ernst: Die drei darauf folgenden schnellen Hiebe in meinen Rücken habe ich locker mit einem Grinsen wegstecken können…
Dazu ein kurzer Einschub:
Meinetwegen ist es ok, wenn sie ihren Job machen. Ich find’s nicht immer toll, ich wünschte mir desöfteren, dass sie auch mal was nicht machen, wenn es gequirlte Kacke ist, aber ok! Bei mir hört es dort auf, wo die Macht um ihrer selbst Willen ausgenutzt wird, die sie Kraft des Gesetzes haben. Abdrängen ist ok. Schläge oder gar das (heute auch wieder) versuchte die Treppe herunterstoßen einzelner Leute ist unfair, und es ist eine Schweinerei, dass es schlicht unmöglich ist, Cops wegen solcher Dinge zu belangen.
In meinem Bekanntenkreis sehr gerne erzählt wird die Geschichte eines gar nicht so kleinen Sash, der bei einer Demo friedlich am Rand rumsteht, und plötzlich aufpassen muss, dass er nicht umfällt. Ein kräftiger Stoß in den Rücken, näheres wusste er damals nicht. Ein Ausfallschritt, Situation geklärt… Im Nachhinein habe ich dann von Umstehenden erfahren, dass ein gepanzerter Polizist mir mit angezogenem Knie mit Anlauf in den Rücken gesprungen ist. Einfach, weil ich ihm nicht gepasst habe. Mir ist nix passiert, aber solche Aktionen haben auch schon 14-jährige erwischt. Ich bin eben nur die Ausnahme, die nach dem ersten Treffer eines Wasserwerfers gedacht hat: „Das war es schon? Leck mich am Arsch!“, und weiter vorgelaufen ist.
Oft genug aber werden Leute ernstlich und unnötig verletzt bei solchen Aktionen. Das aber ist weder in der speziellen Situation sinnvoll (Das Stichwort Deeskalation sei hier nebenbei eingeworfen), noch dauerhaft wirksam, denn die wenigsten Leute ziehen aus dem Fehlverhalten eines Polizisten den Schluss „Dann bleib ich lieber zu Hause“, sondern die meisten haben dann erst recht einen Grund, ihre Vorurteile – die vielleicht sogar im Großen und Ganzen falsch waren – weiter zu pflegen, und immer mehr Wut aufzustauen.
Ende des kurzen Einschubs.
Wir sind ein bisschen draußen umhergezogen, und irgendwie ist nichts passiert. Die nötigsten Straßen waren abgesperrt, die Demo war groß, aber nicht sonderlich aufregend.

Stylische Luftballons in Köpenick, Quelle: Sash
Bis er hier kam:

Der Führer spricht zum Volk, Quelle: Sash
Ein offenbar suizidal veranlagter Mann trat in der Puchanstr. auf seinen Balkon und zeigte der Anti-Nazi-Demonstration mehrmals den Hitlergruß. Er nahm es völlig gelassen hin, dass Steine nach ihm geworfen wurden, und das Bersten seiner Fensterscheiben quittierte er dann wieder mit dem Ausstrecken des rechten Arms. Den Anweisungen der Polizei, die strafbare Handlung zu unterlassen, kam er nicht nach, und so dauerte es einige Minuten, bis er von Grünbehelmten vom Balkon entfernt wurde. Der Satz des Tages kam von einem jungen Mann aus der Demonstration:
„Dafür zahl ich Steuern, verdammt!“
Der Rest der Demo verlief – so lange wir da waren – wieder friedlich. Mit gemischten Reaktionen gesellte sich Gregor Gysi unter die Demonstranten und hielt einen Redebeitrag, der immerhin auch von mindestens einem Cop – der sich die selbe Fensterbank wie wir zum Pausieren gesucht hat – wohlwollend aufgenommen wurde.
Gegen Mittag haben wir uns schon wieder auf den Heimweg gemacht, wo zumindest ich und Felix uns noch eine Runde Mittagschlaf gegönnt haben.
Um 18 Uhr waren wir dann wieder in der Stadt: Die revolutionäre Demo, die Randale-Demo! Dank Myfest und der Demo waren jede Menge Leute auf der Straße, kaum vorstellbar für mich, dass das dieselben Straßen sind durch die ich nun wirklich täglich fahre.

Da hinten wird's eng..., Quelle: Sash
Die Demo war einmal mehr groß, friedlich, aber dennoch – zumindest zum Ende hin – kämpferisch und mit einer verdammt lockeren Atmosphäre. Die gute Musik aus dem Lauti tat ihr übriges dazu. Dennoch ein seltsames Bild, das mir von der Demo nicht aus dem Kopf gehen wird:

Dach-Häschen, Quelle: Sash
Dann gab der Akku meiner Kamera den Geist auf. War ja klar…
Der Rest war zu erwarten. Die Demo endete mehr oder minder, und mit der Zeit kam es zu Krawallen. Der Strand unter dem Pflaster ist gestern wieder vermehrt ausgegraben worden, und es ist ein kurioser Gedanke, wie viel Geld alleine durch das Zerschmettern von Pfandflaschen auf Polizeihelmen pulverisiert wurde.
Es war ja nun das erste Mal, dass ich zugegen war, als es hier krachte. Bei aller sinnloser Zerstörung, die damit einhergegangen ist, muss ich doch einfach mal erwähnen, wie fasziniert ich von der Stimmung dort am Kotti war. Denn die Krawalle dort sind eindeutig Spiele – gefährliche vielleicht – aber einfach nur Spiele. Ich stehe nicht übermäßig auf Lebensgefahr, aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich dort nicht wohlgefühlt hätte. Natürlich tut es weh, Idioten zu sehen, die feige aus der fünundzwanzigsten Reihe Flaschen an die Hinterköpfe der „eigenen Leute“ werfen. Natürlich stehe ich nicht auf prügelnde Cops, denen aufgrund ihrer Anonymität schneller ein Schlagstock ausrutscht als anderen Menschen Schimpfwörter für selbige einfallen. Aber diese unglaubliche Lockerheit dort unten: Unbeschreiblich. Anzugträger stehen vor billigen Dönerbuden, und verfolgen amüsiert-interessiert das Geschehen, etliche Jugendliche nutzen die Gunst der Stunde, ihren Pegel zu erhöhen. In der Adalbertstraße wird mal eben ein Lagerfeuer entfacht, und die Cops stehen dabei und passen einfach nur auf, dass nichts aus dem Ruder läuft, während sich 50 Meter weiter ein Steinhagel auf Kollegen ergießt…
Das ist kein Krieg in Kreuzberg gewesen. Das war einmal mehr ein spielerisches Kräftemessen mit teils unfairen Mitteln. Mehr nicht. Party war trotzdem!
Aber um nicht nur unverständliche Schwärmereien loszuwerden: Ich stimme den Rednern auf der Demo zu: Wir brauchen hier mehr soziale Unruhen, nicht weniger! Denn ich möchte es noch einmal klarstellen: Es hat mich interessiert, wie das hier in Berlin ist mit den Mai-Krawallen. Ich wollte es mal sehen, um mir meine Meinung bilden zu können. Aber ich war nicht deswegen dort. Randale-Gucken ist nett, aber auf den Demos war ich, weil ich es ernstlich wichtig finde. Ich bin nun einmal gegen das, was viele verteidigen mit den Worten „das ist halt so“. Diese Welt ist nicht gerecht, und ich glaube daran, dass sie es sein könnte – wenn man sich darum bemüht. Und das ist nicht so, weil ich mein Leben scheiße finde! Ich kann zufrieden sein! Ich liebe meinen Job, meine Freundin und mein Leben. Ich bin weder dumm, noch sozial gestört, noch sonstwie schlecht dran. Ich kann mir leisten, was ich wirklich will, und selbst mein persönliches Bedürfnis an Freiheit ist eigentlich gedeckt in dieser Welt.
Aber es geht nicht um mich!
Ich bin der, der heute mit seiner Freundin von den Mai-Krawallen in Berlin-Kreuzberg mit dem Taxi heimgefahren ist – noch dazu mit einem Kollegen, den ich gelegentlich schon getroffen habe, und der mir sympathisch ist. Es wäre absurd, zu vermuten, ich treibe mich auf Demos rum, um ein paar Euro mehr Lohn zu kriegen. Denn ich habe das verdammte Glück, dass es mir gut geht. Finanziell wie psychisch. Das Glück, hier leben zu dürfen. Hier in Deutschland. In Stuttgart, in Berlin. Wo ich will.
Aber ich will nie vergessen, dass ich nichts – aber auch gar nichts – dafür getan habe, diese Privilegien zu genießen. Und so lange das Privilegien sind, stimmt irgendwas da draussen nicht! Und das Problem sind sicher nicht ein paar Krawalle in irgendeinem Viertel irgendeiner Stadt. Und sie sind es nie gewesen…