Meine bescheidenen Erfahrungen mit der Zeitarbeit

Ich möchte gerne noch einmal Richtung Januar zurückblicken, als ich für etwa 10 Tage Assistent Chief of Pneumo-Blasting (oder so ähnlich) war:

Im Oktober 2007 bin ich nach Berlin gezogen. Von Stuttgart aus. Die meisten, denen ich das in den folgenden Monaten erzählt habe, haben ein wenig lachen müssen. die Maßstäbe ändern sich, je nachdem, wo man sich befindet. In Stuttgart jammerten alle in meiner Umgebung, wie provinziell es hier sei, Berlin sei da schon viel cooler, es sei mehr los, etc. Hier in Berlin melden sich vor allem die zu Wort, die mich fragen, weswegen ich aus dieser Hochlohn-Zone nach Berlin gezogen bin.

Wie dem auch sei. Die ersten anderthalb bis zwei Monate Arbeitslosigkeit habe ich noch relativ locker hinter mich gebracht. Ich hatte es trotz verspäteter Meldung geschafft, dass mir das Arbeitslosengeld pünktlich gezahlt wird, und auch wenn es wenig war, so musste ich mir dennoch keine Sorgen über die Finanzierung der neuen Wohnung oder dergleichen machen.
Nach ewigem Ausschau-Halten nach einem neuen Job ist mir bewusst geworden, dass die Hochlohn-Zone Stuttgart auch nur im Bereich der ausgebildeten Fachkräfte existiert. Im Niedriglohn-Sektor, den zu bevölkern ich mich entschieden habe, ist Berlin prinzipiell attraktiver, da sich die Löhne nur marginal von denen in Stuttgart unterscheiden, die Lebenshaltungskosten dagegen enorm. Mein Problem war folgendes: Ich hatte in Stuttgart mit dem Personenbeförderungsschein ja durchaus eine Qualifikation erworben, leider hier ohne Gültigkeit. Es ist bedauerlich, dass es in Deutschland keine Trennung zwischen einem Personenbeförderungsschein und dem Taxischein gibt. Der Bedarf an Ortskenntnis beim Behindertentransport beispielsweise ist eher gering.

Ozie ist es gewesen, die mich überzeugt hat, ich solle vielleicht übergangsweise in die Zeitarbeit gehen als Helfer oder dergleichen, bis ich was richtiges finde. Es gab Momente, in denen ich sie dafür geliebt, und andere, in denen ich sie dafür gehasst habe.

So habe ich neben einigen Bewerbungen auf interessant erscheinende Jobs auch reihenweise mein Profil auf diversen Zeitarbeits-Websites in Angriff genommen und wurde tatsächlich das ein oder andere mal nach einem Anruf gebeten, mich vorzustellen.

Mit einem Vorstellungsgespräch bei der Firma Creyf’s habe ich gleich mehrere Dinge über den Haufen geworfen. Zum einen die Hoffnung, dass man mit Vollzeit-Jobs überleben können muss, zum anderen die Hoffnung, dass es irgend einen Menschen interessiert, was ich wirklich kann. Die Vorstellung von Vorstellungen litt auch ein wenig darunter, dass ich nicht einmal in ein Büro geladen wurde (was sie dort auch nicht zu haben scheinen). Freundliche Mitarbeiter am runden Tisch erklärten mir, dass mein Stundenlohn 6,42 Euro betragen würde, dass ich einen Vertrag über eine 35-Stunden-Woche bekommen würde, diese Zeit mir auch immer bezahlt würde (das sind 973 Euro brutto), der Rest einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben oder abgezogen werden würde. Auszahlungen würden folgen, wenn ich den Laden verlasse, oder aber mein Arbeitszeitkonto mit über 150 (Über-)Stunden gefüllt wäre.

Dazu hieß es dann, gerade sei Flaute, aber wenn es Arbeit gäbe, könne ich kommen und den Vertrag unterschreiben. Relativ froh, etwas in Aussicht zu haben, gleichzeitig geknickt, weil ich nicht wusste, ob ich überhaupt mit dem Lohn leben können würde, verliess ich also das Gebäude. Ich war noch keine Verpflichtung eingegangen, hatte noch Vorstellungsgespräche bei anderen, so z.B. zwei Tage später bei einer anderen Zeitbude.

Am folgenden Tag, es war ein Donnerstag, stand ich – noch arbeitslos – leicht erkältet in der Küche und habe mit etwas zu Essen zubereitet. Es war bereits Nachmittags, ich hatte ein paar nichtige Pläne bezüglich Einkaufen, schreiben und dergleichen, als das Telefon klingelte. Es war die Mitarbeiterin von Creyf’s, die am Tag zuvor zu beschäftigt war, um persönlich mit mir zu sprechen, und verkündete in einem frohen Tonfall, dass sie Arbeit für mich hätte.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich nicht gefreut hätte. Dann meinte sie, ich solle doch sofort vorbeikommen um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben, am nächsten Morgen um 6 Uhr könnte ich bereits anfangen zu arbeiten. Ich erwiderte, dass das schlecht sei, da ich da bereits einen Termin hätte. Etwas ungläubig wunderte sie sich: „Aber hier steht, dass sie gerne arbeiten würden.“

Zudem meinte sie, dass mir doch hoffentlich erklärt worden wäre, dass ich flexibel sein muss und dergleichen. Ich bejahte, merkte aber auch an, dass ich selbstverständlich flexibel bin, wenn ich einen Job habe, aber doch nicht im Voraus bereits Gewehr bei Fuß stehen könnte, in der Hoffnung, irgendwann lohne es sich mal, den ganzen Tag keine Pläne zu machen.

Sie war nun etwas sauer – aber natürlich immer noch freundlich – und sagte mir, dass sie mich aus dem Pool an Interessierten herausnehme, wenn ich jetzt nicht zusagen würde. Ich hab gemeint, ich könne gern in ein paar Tagen kommen, wenn das helfen würde. Sie bestand darauf, dass ich mich jetzt (mein Essen wurde auf dem Herd langsam unruhig) entscheiden müsse. Ich meinte, dass es das dann wohl gewesen sei, woraufhin sie mir eine abenteuerliche Frist von 15 Minuten setzte, in der ich zurückrufen könne, wenn ich mich umentscheiden sollte.

Ich beschloss, es dabei zu belassen, denn wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich kein Interesse, bei einer Firma beschäftigt zu sein, die eine derart weltfremde Ansicht an den Tag legte bezüglich der Verfügbarkeit noch nicht einmal verpflichteter Arbeitnehmer. Ich wollte und will mir gar nicht erst ausmalen, wie Creyf’s mit seinen Angestellten umgeht.

Am nächsten Tag hatte ich ja bereits ein Vorstellungsgespräch bei einer anderen Firm, und ich war überrascht festzustellen, dass die Rahmenkonditionen (dank des BZA-Tarifvertrages) exakt die gleichen waren, man dort aber ein wenig individueller behandelt wurde. Zunächst hieß es, werde wahrscheinlich nur eine Beschäftigung auf 165 €-Basis drin sein, sobald möglich würde mir eine Vollzeitstelle angeboten werden. Ich bekam das komplette Wochenende Bedenkzeit und wurde gebeten, mich am Montag wieder zu melden.

Dazu kam ich allerdings gar nicht erst, da ich angerufen wurde. Die fröhliche Verkündung einer Vollzeitbeschäftigung war die Gleiche wie bei Creyf’s, allerdings ohne Ultimatum. Da ich erst zur Spätschicht am nächsten Tag loslegen würde, konnte ich den Vertragsabschluss bis zum nächsten Morgen hinauszögern und überhaupt war hier nichts von Druck zu spüren.

Der Vetragsabschluss war dann eher die kleinere Geschichte. Zum Arbeiten selber musste ich an den Arsch der Welt (zumindest von Marzahn aus gesehen) mitten nach Reinickendorf fahren. Dort befindet sich eine Firma Namens Körber. Ein schniekes Unternehmen in einer Halle, die von außen den Anschein erweckt, aus Wellblech und Glas konstruiert zu sein. Eine gewöhnliche Fabrikationshalle in einem durchschnittlichen Industriegebiet. Um 14 Uhr war Schichtbeginn, um 13.45 Uhr hatte ich bereits einen Termin mit einem Abteilungsleiter, oder irgend so etwas. Warum ich das nicht weiß? Nun, der werte Herr hatte natürlich keine Zeit für meine Wenigkeit. Das war aber noch nicht alles. Auch der Schichtleiter wusste zunächst nicht, was ich da tun sollte, warum ich da bin und so weiter.

Bei der Gelegenheit habe ich gleich einen meiner Kollegen kennengelernt, ein gut gelaunter Mittvierziger einer anderen Leihbude, der jetzt mit mir kritisch wartete, was passiert. Wir wurden zu einer Metallbürste geleitet, die ein junger Mensch bediente, der sich nach kurzem Hallo auch als Zeitarbeiter herausstellte. Er war es, der uns die Arbeit zeigte. Von da an habe ich zu irgendwelchen Verantwortlichen der Firma nur in der Form Kontakt gehabt, dass ich meinen Stundenzettel jeden Tag vom Schichtleiter unterschreiben habe lassen. Ansonsten wurden ich oder mein Kollege verschont von Erklärungen, Hinweisen, Lob oder Tadel. Niemand sprach mit uns.

Unser Kollege an der Bürste war also unser einziger Hinweisgeber. Klar, solche Kleinigkeiten wie Sicherheitsbelehrungen hat auch er nicht erhalten. Aber wen interessiert das. Der Bürster war schließlich auch erst seit drei Monaten da und stand nach eigener Aussage kurz vor der Übernahme in den Betrieb, was immerhin 7,50 Euro Brutto-Lohn pro Stunde bedeutet hätte…

OK, das nur nebenbei. Was mussten wir machen? Wir hatten vor uns Kisten mit Wasser stehen. In diese Kisten legte unser Bürster Metallblenden. Metallblenden, wie man sie hinten an Servern und dergleichen findet. Dann mussten wir die Blenden aus dem Wasser nehmen, mittels einer Druckluftpistole trocknen und sie dann fein säuberlich in dafür vorgesehene Kisten stapeln. Natürlich ohne sie zu verkratzen. Überhaupt: Blenden mit Kratzern mussten aussortiert werden.

Das war alles. Das mussten wir in unserer 8-Stunden-Schicht 7 Stunden machen. Es gab eine Stückzahlvorgabe von 1800 Stück. Am ersten Tag schafften wir 1100.

Unser Bürster meinte, das sei super. Andere hätten echt weniger gemacht, und man wird mit der Zeit echt schneller. Mir war klar, dass das gelogen war, denn nach 2 Stunden Blenden trockenpusten gibt es nichts, was man an diesem Vorgang noch optimieren könnte. Aber gut.

Die ersten anderthalb Tage waren eigentlich ganz lustig. Es war etwas störend, dass die Pistolen so laut waren, sonst hätte man sich besser unterhalten können. Bald aber fielen meinem Kollegen und mir seltsame Kleinigkeiten auf, die offensichtlich dafür sorgten, dass dies nicht der beste Arbeitsplatz war.

Zunächst gab es nirgends in der Halle einen unbesetzten Stuhl. Es wurde offenbar systematisch verhindert, dass man sich setzen kann. Dabei hätten wir zum Beispiel unsere Arbeit sehr gerne im Sitzen verübt. Dann hätten wir wahrscheinlich auch weniger Pausen gemacht.

Unsere Qualitätskontrolle war ebenso eine Farce. Selbst wenn die Blenden tiefe Kratzer hatten, die man so nicht weg bekam, wurden sie ein zweites Mal durch die Bürste gezogen. Das Ganze war eine Art 0-Fehler-Produktion. Theoretisch gab es zwar Ausschuss, dieser landete aber irgendwann auch wieder unter der Bürste. Mit anderen Worten: Je genauer wir bei der Kontrolle waren, desto schlechter fiel unsere Stückzahl aus.

Dann merkten wir, dass statt uns unser Bürster unter permanenten Druck gesetzt wurde, die Ziele zu erreichen. Mit anderen Worten: Es wurde verhindert, dass wir uns vor der Arbeit drücken, weil wir dem Kollegen natürlich nichts Böses wollten – wenngleich uns seine Unterwürfigkeit bei den bescheidenen Aussichten etwas irritierte und nervte.

Es sollte aber etwas witziges passieren: Die Bürste ging kaputt. Zuerst nur ein wenig, so dass alle Blenden dreifach gebürstet werden mussten, schließlich komplett. Was mich und meinen Kollegen nur marginal interessierte (dann hatten wir eben mehr Gelegenheiten zum Rauchen), sorgte unseren Bürster mehr.

Unser Bereichsleiter war ein kleiner Choleriker, und er konnte es wirklich nicht so recht fassen. Was wäre also die beste Lösung? Richtig: Unser Bürster kriegt einen Anschiss, weil die Produktivität sichtlich nachgelassen hat. Da das nur einen Grund haben konnte, wurde – na? – genau: uns allen untersagt, mehr als zwei Zigaretten pro Schicht außerhalb der Pause zu rauchen. Geil, oder?

Am Tag darauf war allerdings klar, dass die Bürste repariert werden müsste. Mein Kollege und ich durften früher gehen. Wir haben uns beim Schichtleiter erkundigt, ob man unsere Firmen informieren würde, falls die Bürste morgen immer noch kaputt ist, damit wir nicht – wir hatten inzwischen Frühschicht – unnötig dort antanzen. Die Erklärung „Die Bürste ist bis morgen wieder in Ordnung. Die muss in Ordnung sein!“ war genau das, was ich erwartete.

Am nächsten Tag kamen wir, sahen das die Bürste kaputt war und durften gehen. Naja, so langsam nervte es. Schließlich kosteten mich die Fahrkarten jeden Morgen 4,20 Euro, und wenn man dann nur eine Stunde bezahlt bekommt, liegt der Gewinn im Ein-Euro-Bereich. Ich hatte inzwischen bereits die Idee mit der Taxischule, und ich glaubte irgendwie nicht daran, dass die Geschichte für mich noch lange dauert.

Dummerweise erwischte mich dann mein – wie sich erst später herausstellte – pfeiffersches Drüsenfieber, und ich brach den folgenden Arbeitstag ab. Ich tat dies, nachdem ich mich beim Schichtleiter erkundigt hatte, ob das passt, nachdem ich mir meine Stunden von ihm habe abzeichnen lassen und nachdem ich mich dann noch eine Stunde durchgeschleppt habe, um unserem Bürster (mein Kollege war gar nicht da) ein wenig unter die Arme zu greifen bis überhaupt ein Arzt offen hat.

Noch auf der Heimfahrt rief meine Firma an und fragte mich, was los sei. Ich sagte, dass ich krank sei, und ich auf dem Weg zum Arzt bin. Die hingegen erzählten mir, dass sich der Kunde beschwert hätte, ich sei gegangen, weil ich „keinen Bock“ mehr hatte. Das war dann meine Kündigung.

Unter diesen Umständen erinnere ich mich gerne an das Vorabgespräch mit meiner Firma, wo mir gesagt würde, jenes Unternehmen sucht zuverlässige Leute, die lange bei ihnen blieben, dass aber davor schon einige Leiharbeiter dort rausgeflogen seien, weil sie Drogen genommen haben während der Arbeit. Ich glaube inzwischen nicht mehr an die Drogengeschichte, wennglich Drogen einem diese Arbeit sicher sinniger hätten erscheinen lassen.

Ja, das war mein nicht ganz zweiwöchiger Ausflug in die Zeitarbeit. Schön, dass das eine wachsende Branche ist!

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  5. Anonymous

    Wärst du mal besser zu Creyf’s gegangen.Die sind eigentlich ganz okay.

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