8. Februar 2013 · 05:27
Es gibt so Momente in meinem Leben, in denen ich irgendetwas in der Presse lese, im Radio höre, in Filmen sehe, das mir bekannt vorkommt – und das dann ein flaues Gefühl im Magen hinterlässt, weil es mich erinnert an eigene Erlebnisse. Ein gutes Beispiel war der 11. September 2001. Als mein Vater mit den unvergessenen Worten „In Amerika isch Halligalli, ein Anschlag jagt den nächsten!“ in mein Zimmer kam und ich anschließend den Fernseher anschaltete, stockte mir der Atem. Katastrophenmeldungen hatte ich schon zur Genüge gesehen, aber beim Anblick der brennenden Twin-Tower dachte ich zunächst an die Aussage unseres Reiseführers Glenn ein Jahr zuvor, dass in den Gebäuden 50.000 Menschen arbeiten; danach daran, wie ich zwischen Nord- und Südturm stand und dachte, dass ich nicht hier sein möchte, wenn die Dinger mal einstürzen. Freilich ohne den Hauch einer Ahnung, dass das zu meinen Lebzeiten passieren könnte.
Nun, Ereignisse wie den 11. September gibt es glücklicherweise zumindest nicht monatlich. Das war ein eigentlich unglücklicher Vergleich zur Einleitung des Textes, da sich selbstverständlich eine Gleichsetzung verbietet. Aber das selbe Gefühl wie damals streifte mich nun, da ich las, dass die Wohnungen einiger Pressefotografen wegen einer Demonstration durchsucht worden sind, auf der sie – eventuell – auch Bilder gemacht haben könnten, die gewalttätige Leute zu identifizieren helfen könnten. Die Problematik daran ist natürlich politischer Natur. Es geht um Verhältnismäßigkeiten, Pressefreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung. Um Schlagworte, wenn man ehrlich ist. Wenn auch Schlagworte mit Verfassungsrang.
Das zugegebenermaßen sind nicht meine Gedanken, zumindest nicht vorrangig. Ich empfinde eher eine Art diffuses Mitgefühl, schließlich habe ich mehr oder minder haargenau das auch schon hinter mir. Am 20. oder 21. Oktober 2006 war eine große Demo in Stuttgart, ich war dabei und habe fotografiert. Nicht offiziell, allenfalls für die eigene Website. An diesem Tag sind zwei oder drei eher halblebige Brandsätze an der Fassade der Commerzbank gelandet, sicher kein Kavaliersdelikt, am Ende jedoch mit dem Ergebnis eines angekokelten Fensterrahmens. Die Polizei wurde auf meine Kamera aufmerksam gemacht und ich hatte kein gesteigertes Interessa daran, sie ihnen auszuhändigen. Und hab außerdem klargemacht, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt allenfalls in der Nähe war und keine relevanten Aufnahmen gemacht hätte. Der gar nicht einmal unfreundliche Cop nahm das zur Kenntnis, forderte aber meine Papiere ein und damit war es für diesen Tag gut. Das hätte eine Randnotiz bleiben können, allerdings kamen sie bei der Aufklärung nicht so recht voran, so dass – als es nun wirklich niemand mehr erwartet hatte – am 27. Oktober die Durchsuchung erfolgte. Die unterbleibende abermalige Nachfrage bei mir nach dem Bildmaterial wurde dem Richter gegenüber als untauglich dargestellt, da mich das ja hätte alarmieren und zur Vernichtung der Bilder inspirieren können. Eine Idee, die mir in den 6 Tagen natürlich nie einfach so hätte kommen können …
Als ich den sturmklingelnden Beamten an jenem Tag um 6.25 Uhr die Tür öffnete, war die Kamera mitsamt lauter verwackelten Bildern fernab des Tatgeschehens nicht einmal in Stuttgart und kurz davor, eine Freundin auf ihrer Reise nach Mexiko zu begleiten. Das änderte freilich nichts.
Gegen das, was ich allenthalben gehört hatte, war die Durchsuchung Kinderfasching. Ich war (wie die Fotografen jetzt auch) nur als Zeuge Ziel der Aktion. Wahrscheinlich war das für die Polizei ein Grund, sich aufs Wühlen zu beschränken und keine ungeahndete Sachbeschädigung zu begehen, für die sich natürlich im Nachhinein jede Menge Gründe finden lassen. So gesehen war das damals eine skurrile Aktion, bei der der Chef des Stuttgarter Staatsschutzes mich persönlich ungeachtet seiner Befugnisse nett fragte, ob er hier und da in irgendwelche Kartons schauen dürfe, die ich damals auch entsprechend humorvoll und mit dem Verweis auf allerlei Verfehlungen verbloggt habe.
Aber auch wenn es so harmlos war, auch wenn es keine rechtlichen Folgen hatte: was bei all dem Gerede über Hausdurchsuchungen oft auf der Strecke bleibt, ist das Eindringen in die Privatsphäre und das Ohnmachtsgefühl, das zurück bleibt.
Ich hab damals, 5 Minuten bevor mein Wecker geklingelt hätte, nur mit Boxershorts bekleidet die Tür geöffnet. Über die Treppe verteilt standen Polizisten, teils in Zivil, teils uniformiert, teils gepanzert in voller Montur, die Hand griffbereit an den Schlagstöcken. Während mir der Gerichtsbeschluss unter die Nase gehalten wurde und ich mich ein wenig nackt fühlte, wurde mir ein Typ mit Hornbrille vor die Nase gesetzt, den sie gleich mal als „unabhängigen Zeugen“ mitgebracht hatten. Ich bat darum, wenigstens meiner Freundin sagen zu können, sie solle sich was anziehen, da stand trotz Zustimmung gleich ein Beamter mit im Türrahmen und jubilierte:
„Ach, Sie haben ja schon ein T-Shirt an!“
Na dann.
Mein Zimmer war damals wie heute nicht wirklich angefüllt mit hochgeheimen Sachen, aber wie in jeder Wohnung gab es Dinge, die man ja ungern in einem Bericht über sich stehen haben wollte. Zwei gepanzerte Bullen hielten Wache im Flur auf einem Berg Handtücher, die das Wasser aufgesogen hatten, nachdem unsere Waschmaschine am Abend zuvor ausgelaufen war. Der größte Teil vergnügte sich derweil in der Küche und redete abfällig darüber, dass vom Vorabend noch Fischstäbchen übrig waren. Und ich selbst stand in Unterwäsche dazwischen und fragte mich, was diesen Arschlöchern eigentlich einfällt, sich über meinen Lebensstil ein Urteil zu bilden, nur weil sie gerne Fotos hätten, die nicht einmal existierten.
Natürlich wurde es bald mehr oder weniger hektisch in der WG und ich bin meinen Mitbewohnern bis heute dankbar, dass sie die ganze Aktion mit stoischer Gelassenheit hingenommen und hier und da mal einen Cop verscheucht haben, wenn sie zur Kaffeemaschine wollten.
Ein besonders weises Exemplar Polizist, von den Kollegen H.-P. genannt, setzte sich an meinen heiligen Computer und fing an, ihn nach Bildern zu durchsuchen. Ausgerechnet meine Homepage vermieste ihm das, weil diese einen virtuellen WG-Rundgang mit zerschnippelten Bildern enthielt und mal schnell dafür sorgte, dass sich über 50.000 Bilder auf meinem Rechner befanden. Nichtsdestotrotz lässt sich die Erniedrigung kaum in Worte fassen, die es bedeutet, wenn ein fünfzigjähriger dickbäuchiger Möchtegern-Profiler auf den eigenen Pornoordner stößt und dabei ganz süffisant möglichst laut durch die Wohnung flötet:
„Ha mei, Sie hen‘ da ja naggiche Bilder druff!“
Und ich war schon froh, eine Beziehung zu führen, in der das nicht das nicht das Aus bedeutete. Die gespielte Entrüstung, die nicht so recht fruchten wollte, wurde umgehend durch grenzdebile Häme ersetzt, bei der sich das vorhandene Personal darüber ausließ, dass man das ja „bei jedem“ finden würde, „au bei de radikale Islamischde“.
„Woisch no, der neulich? Zigdausende, ond elle ’sen ’se blond g’wä!“
Bei mir dauerte das Irrlichtern durch Fotos von privaten Parties, Freunden und Unterwäsche nur eine halbe Stunde. Ich kam fast noch pünktlich zur Arbeit und erhielt am Ende außerdem ein gekünsteltes Grinsen mit der Aussage, sie hätten „ja immerhin nix kaputt gemacht.“
Ach?
Nein, so einfach ist das nicht! Das macht was kaputt! Und zwar ziemlich dauerhaft. Das Vertrauen in den Rechtsstaat, den Wert der Unschuldsvermutung, das Sicherheitsempfinden in der eigenen Wohnung, die Meinung von der Polizei.
Ich bin mir sicher: in den meisten Fällen bleibt es nicht bei einem verächtlichen Spruch wegen eines „naggichen“ Bildchens oder einem Lachen über Fischstäbchen. Aber schon das reicht aus. Hausdurchsuchungen sind nicht ohne Grund eigentlich ein Mittel, das nur in besonderen Fällen eingesetzt werden sollte, das Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung ist nicht ohne Grund verfassungsrechtlich garantiert. Eine Hausdurchsuchung ist – zumal wenn so harmlos wie bei mir – natürlich nichts, über das man nicht hinwegkommen kann. Dennoch: hat man es einmal hinter sich, überliest man so manche Pressemeldung nicht mehr so einfach.
