Lifestyle

Irgendjemand hat auf Mastodon in den letzten Tagen ungefähr folgendes gepostet:

„Es ist eigentlich ziemlich beeindruckend, wie konsequent Friedrich Merz bei jeder sich bietenden Gelegenheit genau die falsche Entscheidung trifft.“

Und ich habe irgendwas in der Art auch schon irgendwann geschrieben. Wie auch nicht?

Jetzt steht also für die Regierung das Recht auf Teilzeit zur Debatte. „Lifestyle-Teilzeit“ bräuchte man nicht, das Land muss ja schließlich härter anpacken. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, warum ich wirklich nicht nachvollziehen kann, weswegen man uns Linken gerne vorwirft, „ideologisch statt rational“ zu entscheiden, während die Guten in der Mitte sowas ja nicht machen würden. Es ist so ein schönes Beispiel, weil es keine Forderung aus Wolkenkuckucksheim betrifft, sondern eine Regelung, deren Auswirkungen zumindest halbwegs gesichert vor uns liegen. Seit der Einführung sind mehr Menschen in Arbeit und es ist offensichtlich, dass ausgerechnet in einigen der am dringendsten benötigten Jobs (Pflege, Rettungsdienst etc.) eine Menge Leute Teilzeit arbeiten, die das in Vollzeit gar nicht könnten, rein stressbedingt. Und man muss wirklich kein Hellseher – noch nicht mal Akademiker – sein, um zu begreifen, was es bedeuten würde, wenn man denen die Möglichkeit nehmen würde:

Einige würden ganz aussteigen, vielleicht einen anderen Beruf wählen; andere würden es versuchen und am Ende vermutlich länger krank sein. Sicher, irgendwen wird es immer geben, der das dann schafft, aber wenn man ein Land regiert, sollte man sich vielleicht nicht auf Cherrypicking bei den Ergebnissen verlegen, sondern die Statistik im Kopf behalten. Und die Auswirkungen im großen Ganzen wären verheerend. Aber ich schätze, wir reden hier auch mal wieder über eine Weltanschauung, in der arbeitende Frauen quasi nicht vorkommen oder bestenfalls egal sind.

Ich selbst arbeite auch in Teilzeit. Wenn man die Flexibilität meines Jobs und die Umstände betrachtet, könnte ich vielleicht sogar Vollzeit arbeiten. Aber ich tue es nicht und habe es auf absehbare Zeit auch nicht vor. Dass Arbeit anstrengend ist und ich vielleicht auch einfach keinen Bock darauf habe – was, finde ich, eine völlig okaye Einstellung ist – ist dabei wirklich nur ein kleiner Punkt. Ich gehöre dieser offenbar völlig unwichtigen Subkultur der „Eltern“ an und dank jahrzehntelanger Vernichtungspolitik der „Mitte“ sind die Betreuungszeiten von Kindern in aller Regel völlig unkompatibel zu Vollzeitarbeit. Selbst die Ganztagsschule des Spätzles bietet im extremsten Fall 9 Stunden Betreuung am Tag an. Im extremsten Fall sage ich, weil das eine nicht für alle verfügbare Frühbetreuung ab 7 Uhr mit einschließt und zudem natürlich mitnichten alle Tage einschließt. Freitags ist ohnehin früher Schluss, dazu auch zu allen möglichen anderen Anlässen: Bei Projekten, Ausflügen und Stundenausfall zum Beispiel. Bei acht Stunden täglicher Arbeitszeit plus Pause würde ich z.B. jede Woche zwangsweise eine, meist eher mehrere Stunden Minus machen. Mal abgesehen davon, dass die Rechnung von weniger als 15 Minuten Arbeitsweg ausgeht. Und auch davon abgesehen, dass der Jahresurlaub sich ja nicht einmal im Entferntesten an den Ferienzeiten der Kinder orientiert.

Hätte ich nicht meinen Lifestyle-Dienstag frei, kämen dazu noch zusätzliche Arzttermine für mich und die Kids und alles, was halt sonst so anfällt, was wir im Notfall gerade immer dahin schieben können. Ich meine, wenn ich jede Minute der Betreuungszeit arbeiten muss, wann bringe ich dann das fucking Auto zum TÜV?

Dabei ist das wie so oft gar keine Beschwerde über meine Situation, sie bietet sich halt an. Aber wir sind zu zweit, wir haben Jobs mit überwiegend Homeoffice, genug Geld und flexible Arbeitszeiten noch dazu … wir haben es so viel besser als so viele da draußen.

Und ja: Im aktuellen Job habe ich gleich in Teilzeit angefangen, das ginge natürlich auch nach den derzeitigen Plänen weiterhin. Aber davor habe ich in der Verkehrsregelungszentrale  gearbeitet. Ein toller Job, aber eben auch einer, der sehr rigide war bei den Arbeitszeiten. Abweichungen vom Schichtplan waren quasi unmöglich. Ich habe nach der Geburt des Knöpfles mein Recht auf Teilzeit in Anspruch genommen und ihr könnt mir glauben: die hätten einen Scheiß getan, mir das zu ermöglichen, wenn ich das Recht nicht gehabt hätte! Der Gedanke, dass jemand nicht dem strikten Plan folgt, „wie es alle tun“, war ausnahmslos allen dort derart fremd, dass es schon bizarr ist. Und wir hatten schon einen bizarren Dienstplan, das kann ich euch sagen. Und ja, ich hätte keine Wahl gehabt. Ohne Teilzeit hätte ich kündigen müssen. Oder meine Frau in einer anderen Senatsverwaltung. Kann mir jemand mal sagen, wer davon was gehabt hätte. Stellt euch mal vor, wie verzweifelt die damals gesucht haben, dass sie am Ende mich genommen haben!

Im Ernst: Es ist furchtbar wichtig, dass Menschen in ein Teilzeit-Modell wechseln können, wenn sich die Lebensumstände ändern. Denn die Alternativen sind nunmal oft Kündigung oder Krankschreibung und in Anbetracht des anhaltenden Fachkräftemangels kann ich mir nicht mal vorstellen, dass es am Ende der Wirtschaft nützt, kurzfristig noch ein paar unproduktive Zusatzstunden aus der Belegschaft rauszuquetschen, um sie dann ganz zu verlieren. Wie ich sagte: Ohne Ideologie lässt sich das nicht sinnig erklären.

Und by the way: Natürlich lebt Politik auch davon, Entscheidungen nach seinen Idealen und Vorstellungen zu machen. Die der derzeitigen Regierung sind halt verachtenswerter Scheißdreck.

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Filed under Familie, Haushalt, Politik, Vermischtes

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