Category Archives: Politik

Wenn nicht schön schön ist.

Eingang zum KZ Sachsenhausen, Quelle: Sash

Eingang zum KZ Sachsenhausen, Quelle: Sash

Es ist lange her, dass ich das letzte Mal eine KZ-Gedenkstätte besichtigt habe; gerade stelle ich sogar fest, dass es inzwischen 17 Jahre sein müssten. Damals war das Dachau, gestern dann war es Sachsenhausen.

Eine ziemlich spontane Entscheidung, den intrafamiliären Ausflug mitzumachen. Eigentlich hatte ich viel zu wenig Schlaf, aber ich habe es nicht bereut. Obwohl ich mich selbst zwar durchaus für ganz gut informiert übers Dritte Reich halte, war der Besuch alles andere als nur informativ. Obwohl ich mich durchaus mit Schaudern an die durch die weißen Kiesel so unfassbar unpassend und dadurch verstörend blendende Atmosphäre in Dachau erinnern kann, habe ich gestern neben den überwältigend vielen Detailinformationen zum Lager selbst auch wieder mal ein wenig über mich gelernt. Denn ja, man wird älter und im besten Falle auch das, was gemeinhin “weiser” genannt wird.

Natürlich ist mir die Unmenschlichkeit der Nazizeit immer schon ein Begriff gewesen und ein guter Teil meiner Überzeugungen auch als Nachgeborener speist sich aus dem Wissen, dass kaum etwas schlimmer wäre als eine Wiederholung dieser Barbarei. Tatsächlich aber ist mir dieser Besuch mehr als alle vorhergehenden vergleichbaren unter die Haut gegangen. Nun bin ich kein Psychologe, aber ich glaube, dass das insbesondere daran liegt, dass ich im Vergleich zu früher wesentlich mehr mit dem Wesen des Todes anfangen kann, da ich inzwischen ja selbst einige Familienmitglieder verloren habe. Das alles hab ich gut weggesteckt, aber ich glaube, irgendwie verändert sowas dann doch. Mir jedenfalls ist beim Anblick eines Portraits eines Verstorbenen inzwischen anders zumute als das noch vor 10 Jahren der Fall war. Und an Portraits Verstorbener mangelt es ja keiner Gedenkstätte für Naziverbrechen.

Obwohl wir gestern ohne Führung und ohne Infomaterial einfach reingelaufen sind, kann ich Sachsenhausen eigentlich nur Bestnoten verteilen. Eine gleichermaßen würdige Gedenk- wie auch informative Lehrstätte! Natürlich wären zur vollständigen Erfassung mehrere Tage notwendig gewesen, aber ich schätze, die Informationsflut ist Teil des Konzepts – zumindest fände ich es legitim zu sagen, dass niemand nach ein paar Stunden aus einem ehemaligen KZ kommen sollte und der Meinung sein, jetzt ja alles verstanden zu haben und alles zu wissen. Alles wissen über jahrelanges Leid von 200.000 Menschen, wie anmaßend das auch wäre!

Abgesehen von der tollen Umsetzung des Ganzen bleibt vor allem die Erkenntnis, dass der Ausflug nach Sachsenhausen genau deswegen schön war, weil er weit davon entfernt war, schön zu sein. Es war bedrückend in jeder Hinsicht, aber ich glaube, dass das vielleicht auch so sein sollte.
Auf dem Gelände waren natürlich unzählige Touristen. Die meisten aus dem Ausland. Und für meine bedrückte Stimmung schienen sie alle ein wenig zu disneylandmäßig unterwegs zu sein, zu fröhlich, zu lustig. Um so schöner war diese eine Wand in einer der Baracken anzusehen. Im Gegensatz zu all den anderen Wänden zeigte sie nicht die Bilder der Getöteten, erzählte nicht die Geschichte zerstörter Leben, sondern bot Besuchern die Möglichkeit, ihre Meinung zu hinterlassen. Und die – alle in englisch verfassten – Zettel waren es, die mir dann doch noch die Tränen in die Augen trieben, die ich zuvor so erfolgreich verdrücken konnte.

“a truely disturbing experience”

war auf einem Zettel zu lesen, die meisten anderen schlossen sich dem an. Und der Rest bekundete den Willen zum Widerstand und dass sich das nie wieder wiederholen dürfe.

Dass ich als ausgemachter Antifaschist den Glauben an die Menschheit in einem ehemaligen KZ wiedergewonnen habe, ist zwar zutiefst ironisch, aber hoffentlich auch ein Schlag in die Fresse für alle Neonazis.

Nie wieder!

PS: Und besucht die Gedenkstätte Sachsenhausen. Und da der Eintritt schon umsonst ist: Lasst eine Spende da!

Leave a Comment

Filed under Lichtblicke im Alltag, Politik, Vermischtes

Why privacy matters

In einem der scheinbar fast ausnahmslos sehenswerten TED-Talks hat Glenn Greenwald (Der Journalist, der viele der Snowden-Daten veröffentlicht hat) wunderbar erklärt, was an Massenüberwachung und der damit einhergehenden Abschaffung der Privatsphäre so schlimm ist. Wie die Überschrift schon vermuten lässt, ist das Video auf englisch, aber das ist wieder mal ein Beispiel für ein Video, für das es sich lohnt, seine Englisch-Kenntnisse zu strapazieren.

Um das nicht zu einem weiteren eher unbedeutenden Link werden zu lassen, möchte ich auch kurz ein paar Worte über Privatsphäre verlieren:

Ich bin seit geraumer Zeit sehr privat und öffentlich im Netz unterwegs. Nicht nur, dass ich trotz aller politischer Statements auch meine Privatadresse (schon aus rechtlichen Gründen) veröffentliche: Nein, ich schreibe auch hoch intime Details meines Lebens hier nieder. Fotos aus meiner Wohnung, Blogtexte über meine Beziehung, wie verträgt sich sowas bitte mit einem Recht auf Privatsphäre?

Nun, um es mal ganz anschaulich zu sagen: Ihr wisst von mir nur, was ich Euch zu sehen erlaube. Vielleicht erscheint es dem ein oder anderen dumm, dass ich über meine kaputten Zähne oder die Umstände meines ersten Treffens mit Ozie etwas schreibe – aber das liegt dann lediglich an einer anderen Gewichtung, welche Details des Lebens man selbst für schützenswert hält. Ich habe einfach nicht den Anspruch, von meinen Lesern als perfekt funktionierende Maschine wahrgenommen zu werden. Ich habe Fehler, ich mache welche und ich finde es als Person “in der Öffentlichkeit” einfacher, über diese zu reden, als ein Abbild meinerselbst zu schaffen, bei dem ich immer aufpassen muss, ob sich mein reales Ich noch mit den Online-Texten verträgt. Das hat zum Teil seinen Ursprung tatsächlich alleine darin, dass ich gewisse Sachen öffentlich mache. Wie sollte ich zum Beispiel glaubhaft über die schlechte Bezahlung von Taxifahrern schreiben, ohne Zahlen zu veröffentlichen? Ja sicher, einige Kollegen machen das – was auch ok ist  – aber sie tun das auf Kosten der Transparenz und im schlimmsten Fall ihrer Glaubwürdigkeit. Ich habe da eine andere Entscheidung gefällt, aber das heißt nicht, dass mir das grundsätzliche Problem privater Daten in der Öffentlichkeit nicht bewusst wäre. Ich habe z.B. auch keine Abneigung gegenüber Menschen, die sich online besoffen in entwürdigenden Situationen präsentieren, mir wäre das hingegen zu peinlich. Obwohl ich betrunken echt niedlich bin, da könnt Ihr alle fragen!

Abgesehen von der politischen Brisanz staatlicher Überwachung (die Greenwald in seinem Beitrag ausreichend darlegt) ist auch die private Dimension nicht zu unterschätzen. Der Journalist hat in obigem Video gesagt, jenen, die meinten, nichts zu verbergen zu haben, vorgeschlagen zu haben, ihm doch einfach mal alle Passwörter für all ihre Mailkonten zu schicken. Damit er sich dort mal umsehen und – falls es ihm legitim erscheine – Teile der Mails veröffentlichen könne. Und ist es nicht glaubhaft, dass niemand das gemacht hat?

Ich selbst denke mir oft, dass meine Mails “eigentlich ja belanglos” sind. Ach ja, irgendwann vor 9 Jahren hab ich Ozie erstmalig geschrieben, dass ich sie liebe – wayne?
Andererseits: WTF? Da hab ich auch Freunden Hilfe in schwierigen Situationen angeboten, mit Hinz und Kunz geflirtet, Dinge erzählt, die eben doch nur für diesen einen Empfänger bestimmt waren.

Und wenn wir von den Mails weggehen: Haben wir nicht alle mal aus Sensationsgier auf bild.de-Links geklickt, oder uns vielleicht gar mal irgendwo auf einer Pornoseite mehr als ein Bild angesehen und damit für findige Ermittler ein viel zu genaues Bild von unseren Präferenzen hinterlassen? Will ich wirklich, dass bei Bedarf ein Polizist rausfinden kann, dass ich mal Musikvideos von Schlagersängern angesehen habe, gegen die ich doch sonst immer wettere?
Und was uns allen eigentlich eher als Verschwörungstheorie erscheint, habe ich auf Umwegen schon erlebt:

“Sie hen’ da ja naggiche Bilder druff!”

schrie der liebenswerte Polizist bei der Durchsuchung meines PC’s damals laut durch die WG; wohlwissend, dass meine Freundin und heutige Frau anwesend war. Na, bei wie vielen Lesern hätte sowas zu einer Beziehungskrise geführt? Und wenn NSA und co. einfach alles speichern, ist es ja erst einmal auch egal, ob es da um Downloads des letzten Jahres oder der letzten Woche geht.

Am Ende geht es ja auch nicht darum, ob man bei Facebook postet, dass man gerade diese oder jene Folge von “The walking dead” ansieht. Sowas schreiben wir gerne mal und das ist ok für die meisten. Aber will man wirklich, dass ein ominöser Geheimdienstapparat im Hintergrund mitloggt, dass wir an unsere Freunde zeitgleich eine Nachricht senden, welchen Schauspieler wir scharf finden? Und dass das in Beziehung gesetzt wird zu einem vielleicht längst beigelegten Ehestreit von vor drei Tagen via Whatsapp?

Wie kann es bitte in Ordnung sein, dass all das abgespeichert wird? Ich veröffentliche mein Leben freiwillig und meine terroristischen Aktivitäten halten sich zumindest vorübergehend in engen Grenzen. Ich schreibe nur gerne und biete meinen Lesern bewusst einen (begrenzten) Einblick in mein Leben. Aber selbst ich würde mir wünschen, dass ich nach Abschluss dieses Textes einfach mal sorgenfrei bei Wikipedia Infos über Depressionen einholen, bei Amazon Gummibärchen kaufen und bei Youporn nach Videos von Frauen in Latex suchen könnte, ohne damit ein schwer verdächtiges Profil bei der NSA zu bekommen.

PS: Latex ist nicht wirklich der Fetisch meiner Wahl, aber wie gesagt: auch meine Transparenz hat Grenzen. ;)

6 Comments

Filed under Medien, Mein Haushalt, Politik, Vermischtes

Wenn Dummheit wehtut

Die meisten wissen, dass ich kein Freund von Verschwörungstheorien bin. Wobei ich nichts gegen neue Gedanken hab oder dagegen, sich nicht nur bei der Tagesschau zu informieren. Und wie nicht zuletzt Edward Snowden aufgezeigt hat, ist an der ein oder anderen Theorie ja auch was dran. Dumm wird es in dem Moment, indem das (nach logischen Gesichtspunkten) einzige Argument FÜR eine Theorie das ist, dass man sie NICHT beweisen kann. Denn damit ist alles und gleichzeitig nichts möglich und es gibt keinen plausiblen Denkansatz für diese Szenarien.
Dass ich beispielsweise der eigentliche Herrscher über die Welt bin, dabei mit Amphibien aus einer fernen Galaxie zusammenarbeite und nur aus Tarnungsgründen Taxi fahre, bzw. damit ich ausgewählten Fahrgästen das Gehirn aussaugen kann, um selbst am Leben zu bleiben, weil ich zudem ein Mutant bin; das lässt sich auch schwer widerlegen.
Noch schlimmer wird es da, wo man Beweise gefunden hat, diese aber von den entsprechenden Anhängern gnadenlos ignoriert werden, weil sie nicht ins Weltbild passen. Da wäre die Mondlandung ein gutes Beispiel. Wie ich immer gesagt hab: Politisch fände ich’s ja durchaus reizvoll, wenn sich die als Fake herausstellen würde – aber es gibt schlicht kein einziges nicht manipuliertes Anzeichen, dass dem so sein könnte.

Auf ähnlich verlorenem Posten stehen die “Reichsbürger” hier in Deutschland, die durch meist ins pathologisch reichende Unwissenheit jeden ihrer Denkfehler als Beweis für ihre krude Theorie sehen. (Die Theorie ist übrigens, dass die BRD kein souveräner Staat ist und wir alle von den Alliierten unterdrückt werden. Und den Juden, je nach Auslegung und weiterer Krankengeschichte der Vertreter)

Obwohl die “Reichis” wirklich ein wahnsinnig spannendes Beispiel für Anhänger von Verschwörungstheorien der obersten Absurdheitsklasse sind, will ich mich eigentlich nicht mit dem Inhalt beschäftigen. Das kostet zu viel Zeit und es wurde von anderer Seite schon viel besser gemacht. Zum einen gibt es die KRR-FAQ, zum anderen das kostenlose eBook “Vorwärts in die Vergangenheit!” (Link direkt zum PDF), wo man zu wirklich jedem der (Spoiler!) sich widersprechenden Argumente Antworten findet, die auch Quellennachweise bieten. Einen großen Dank an die Macher, ganz im Ernst!
Nein, was mindestens ebenso spannend wie die für normale Menschen nur belustigende Theorie ist, ist das (Nicht-)Argumentationsmuster, das “Eisenfraß”, ebenfalls einer der fleißigen Aufklärer, seit einiger Zeit veranschaulicht. In einem inzwischen zur Serie gewordenen Blogeintrag “Emailverkehr mit einer Antisemitin” (Link zu Teil 1) lässt er die Welt teilhaben an seinem Mailaustausch mit einer Dame, die offensichtlich schon unrettbar verloren ist in den Wirrungen dieser fraglos dämlichen Ideologie, hier auch angereichert mit Antisemitismus.

Selbst ich, der ich nicht zuletzt dank eigener Erfahrungen inzwischen einige Kenntnis von der Materie hab (und ich hab nur wie die Reichis mir empfohlen haben gegoogelt …), habe es nicht geschafft, die ellenlangen Traktate komplett zu lesen. Und das eben genau nicht der Länge wegen. Sondern weil es so unfassbar ist, mit wieviel Ahnungslosigkeit Menschen noch in der Lage sind, eine Tastatur halbwegs treffsicher zu bedienen. Dieses völlige Fehlen von Logik, Selbstreflexion und eventuell sogar Intelligenz macht einen einfach fertig. Vollumfänglich. Auf der anderen Seite ist es auch ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wann es Sinn macht, eine Diskussion abzubrechen. Eisenfraß zieht es bisher (Teil 7) durch, ich hätte diese Energie nicht. Aber genau deswegen sage ich danke, denn selbstentlarvender präsentieren sich Verschwörungstheoretiker sonst allenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vielleicht kann man aus dieser in jeder Hinsicht furchterregenden Diskussion auch etwas lernen.

Ich immerhin habe eines gelernt: Sehr glücklich zu sein mit den Lesern, die ich habe …

8 Comments

Filed under Medien, Menschliche Idiotie, Politik, Vermischtes

Gauchogate

Ich wollte mich hierzu eigentlich nicht äußern. Ich hab nämlich – auch wenn der ein oder andere Eintrag anderes vermuten lassen würde – eigentlich keinen Bock auf Trolle. Und die kommen bei solchen Themen so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber vielleicht hilft meine Meinung ja sogar (die Hoffnung stirbt zuletzt), ein wenig Entspannung zu verbreiten.

Für all die, die es noch nicht mitbekommen haben: es wird ein riesen Bohei gemacht um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die gestern bei ihrer Feier am Brandenburger Tor eine Art Performance gebracht haben, bei der sie zunächst geknickt gehend “So geh’n die Gauchos, die Gauchos gehen so …” gesungen haben, dann aufrecht, jubelnd und euphorisch herumhüpfend “So geh’n die Deutschen, die Deutschen die geh’n so!”.

Die von mir nur am Rande verfolgte Diskussion rief zum einen die Leute auf den Plan, die das als unnötige Herabwürdigung der im Finale besiegten Argentinier sahen – zum anderen dann die, die riefen, dass man das nicht überinterpretieren sollte und das zudem ein sehr übliches Lied nach dem Sieg im Fußballkosmos ist.

Nun ja.

Klar ist sicher eines: beide Seiten reagieren gerade ein bisschen über. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, finde ich, dass die erste Ansicht durchaus ihre Richtigkeit hat.

Und nein: es geht nicht darum, der Weltmeistermannschaft gegenüber eine angeblich vorhandene Nazikeule auszupacken oder ein Spielverderber zu sein! Beileibe nicht. Im Grunde nehme ich es der sieges- und sonstwie trunkenen Mannschaft nicht einmal übel, ihren Sieg so zu feiern. Das Problem ist wie so oft ein kommunikatives. Natürlich freut sich die Mannschaft über den Sieg und hat gewissermaßen zu Recht auch auf diese Art nur nochmal klargestellt, dass sie den Argentiniern sportlich überlegen waren. Zudem ist es offenbar ein altbekannter Schmähgesang (im weitesten Sinne) gewesen, den Fußballer und deren Fans halt gerne mal singen. So weit, so gut.

Aber sind das brauchbare Argumente, um hunderttausend Fans damit anzuheizen?

Während ich bei dieser WM, bei der ich wirklich viele Spiele gesehen habe, der deutschen Nationalmannschaft wirklich kein schlechtes Zeugnis ausstellen kann und der Meinung bin, sie haben den Titel absolut verdient, verhält es sich mit vielen Fans halt anders. Der immer wieder thematisierte Party-Patriotismus zur WM ist nur deswegen kein Problem, weil es einen Haufen denkender Menschen da draußen gibt. Studien zufolge ist es aber durchaus so, dass Menschen, die Patriotismus leben, nicht umhin kommen, infolge dessen andere Nationen und deren Einwohner negativer bewerten als die eigenen Landsleute. was bedeutet, dass sie nationalistischen Gedanken näher sind, bzw. sicher auch durch den vermeintlich neutralen Patriotismus diesen Ideen näherkommen.

Und nur weil das im Fußball eine lange Geschichte hat, ist es ja nicht besser. Die Welt ist voller Dinge, die eine lange Geschichte haben und einfach scheiße sind. Da können wir bei Diktaturen anfangen und sollten bei Homophobie nicht aufhören zu zählen. Alles gut, plausibel und gesellschaftsfähig, weil es halt “immer schon” so war.

Natürlich sind bezüglich des “Gaucho-Tanzes” der Nationalelf vorgebrachte Nazi-Vorwürfe übertrieben. Keine Frage. Aber es ist auch nicht das viel vorgebrachte “Aus einer Mücke einen Elefanten machen”, wenn Menschen anmerken, dass es nicht gut ist, wenn ein medial weitverbreitetes Ereignis dazu genutzt wird, eine Überlegenheit eines Landes gegenüber einem anderen so zur Schau zu stellen.

Sicher ist das in den Augen vieler eine unnötige Politisierung eines Sportereignisses. Und das ist schwierig, sicher. Aber so lange so viele Menschen sich derart mit einer Mannschaft identifizieren, zu deren Erfolg sie nix – und zwar gar nix! – beigetragen haben, dass sie sich selbst als Weltmeister fühlen – einfach weil sie zufällig im gleichen Landstrich geboren sind – ist das keine weltfremde Überlegung. So lange sich irgendwelche Deutschen “den Argentiniern” überlegen fühlen, weil die sportliche Leistung der deutschen Mannschaft der der argentinischen überlegen war, muss Platz sein für diese Kritik am außersportlichen Vorgehen der Weltmeisterelf. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass diese Kritik so lange angemessen ist, so lange es noch Leute gibt, die das stört.

Ein Pressespezialist, der derartiges im Hinterkopf hat, ist doch sicher nicht unbezahlbar für den DFB, oder?

PS: Ebenso wie “das gab’s schon immer!” ist “andere Länder machen das viel heftiger!” kein Argument. Es sei denn, “so blöd sein wie die anderen” ist plötzlich ein erstrebenswertes Ziel geworden.

PPS: Wer auch immer glaubt, diese Kritik würde die deutsche Fußballnationalmannschaft oder gar Deutschland an sich irgendwie herabwürdigen, ist Teil des Problems – nicht der Lösung.

40 Comments

Filed under Medien, Politik, Vermischtes

Europa, was geht?

Nun haben wir die Europawahl also auch weg. Schön und gut. Statistisch gesehen sind wohl 52% von Euch nicht hingegangen. Das finde ich nicht prickelnd, immerhin hatte man dank fehlender 5-, bzw 3%-Hürde ja selbst mit Randgruppenmeinungen eine Chance auf – wenn auch vielleicht begrenzten – Erfolg. Immerhin hat wohl, sehr zu meiner Freude übrigens, sogar die PARTEI es geschafft, einen Abgeordneten im Europäischen Parlament zu platzieren. Aber, obwohl sie hätten einiges reißen können, will ich gar nicht auf den Nichtwählern rumhacken. Einen gewissen Frust bezüglich der Parteienlandschaft kann ich wirklich mehr als gut verstehen.

Nun haben wir halt den Salat, dass ausgerechnet Vorzeige-Schwachmaten wie die Gurkentruppe der AfD (oder noch schlimmer in anderen Ländern, z.B. der Front National in Frankreich) ihre Wähler verhältnismäßig gut zum Wählen animieren konnten.

Auf Twitter wurde ich gleich rüde angegangen, wie erbärmlich es sei, eine so große Wählerschaft wie die der AfD fertigzumachen. Aber man muss schon hart mit sich kämpfen, es nicht zu tun. Der (witzigerweise schon mal in meinem Taxi gesessene) Theo Koll hat im ZDF ein paar für mich nicht sehr überraschende, dennoch erhellende Statistiken präsentieren dürfen, nach denen viele AfD-Wähler lediglich aus Protest die Urne gesucht (und überwiegend leider gefunden) haben. So sollen 97% der Wähler der Aussage zugestimmt haben, dass diese Partei zwar auch keine Probleme löst, aber immerhin mal Bescheid sagt. Und 45% (im Gegensatz zu wohl 20% im Durchschnitt) sollen gesagt haben, dass die Europawahl ja so oder so so unwichtig sei, dass man auch mal – meine Interpretation – blöde Vollpfosten wählen kann. Sprich: 45% derer, die die EU skeptisch sehen, den Euro nicht wollen und zu viel europäische Bevormundung beklagen, finden die Wahl – und damit das Europäische Parlament – unwichtig.

Ich weiß bestens, dass Politik emotional aufgeladen ist, aber bei so viel Inkonsistenz muss einem doch der Schädel platzen.

Aber diesbezüglich haben die fast 7% gestern den Richtigen gewählt, immerhin stellte Bernd Lucke, Chefchef des Vereins und gerne gegen etablierte Parteien schnaubend, nach seinem gestrigen ersten Wahlsieg zufrieden fest, jetzt auch einer etablierten Partei anzugehören. Einer Volkspartei gar. Herzlichen Glückwunsch.

Wisst Ihr, was ich an dieser Europawahl am Ende dann doch ein bisschen arg lustig finde?

Die AfD ist DER große Wahlsieger, die “Euro-Skeptiker” sehen sich im Aufwind und selbst der unverbesserliche braune Haufen der NPD hat nun einen Sitz im Europaparlament gewonnen. Und was ist deren größtes Problem ab jetzt? Dass in anderen Ländern noch mehr solche nationalistische Drecksparteien gewählt haben! Was bedeutet, dass sie sich zwar hier und da mit denen mal für mehr nationalstaatliche Autonomie ausweinen dürfen, aber bei allen für Deutschland wichtigen Entscheidungen im Grunde aus der “eigenen” Gruppe den härtesten Gegenwind bekommen werden. :)

Hey, im Ernst: die EU ist ein verdammt komplexes Konstrukt und da ist so viel Kackscheiße am Dampfen, dass vermutlich selbst hier im Internet der Platz dafür fehlt, das zu umreissen. Was mir fehlt, ist das Verständnis dafür, dass es besser werden soll, wenn nur “wir” Deutschen uns endlich mal wieder ein bisschen mehr gegen “die” Anderen durchsetzen können. Ich weiß, dass das gemütliche, freundschaftliche und länderübergreifende Miteinander utopisch ist und viele Wenns und Abers hervorruft. Realpolitik ist hart und oft ein Ringen um kleinsten Mist. Aber den Vorwurf von ganz rechts kann ich umgehend zurückgeben: was soll an der Sache einfacher werden, nur weil man es sich auch noch mit den anderen Mitspielern versaut? Ebenso wie ich als Linker mein Utopia nicht per Dekret verordnen kann, wird ein Lucke oder eine LePen ihre Nation nicht durch irgendeinen Zaubertrick perfekt machen.

Selbst diese Europawahl mit ihrem unverkennbaren Rechtsruck wird nicht der Untergang sein. Das hoffe ich zumindest stark. Ich hoffe aber auch, dass die nächsten Jahre die Protestwähler der Rechtsparteien auf den Boden zurückholen. Wo ich mir zumindest bei der AfD zum Beispiel keine Sorgen mache. Die gehen jedem funktionierenden Gehirn nach zwei Minuten Redezeit auf die Nerven. Und wenn ihr die “etablierten Parteien” – wonach immer sich diese Zuordnung bemisst – wirklich trollen wollt, dann wählt doch richtige Satire wie die PARTEI und Konsorten. Die sind rein vom Wahlprogramm nur minimal absurder als die AfD und ersparen einem wenigstens dieses selbstgefällige Grinsen von Herrn Lucke.

Ich glaube, diesbezüglich habe ich für heute fertig.

Disclaimer:
Auch wenn ich sie zweimal namentlich erwähnt habe, bin ich weder Mitglied der PARTEI (Update: dreimal erwähnt), noch habe ich sie gewählt. Falls nach dem Artikel jedoch Parteimitglieder an mich herantreten, um mich für die Werbung mit obszönen Beträgen zu entlohnen, bin ich selbstverständlich aufgeschlossen. ;)

PS: Im Ernst. Ich habe die Piraten gewählt. Und das guten Gewissens.

16 Comments

Filed under Politik

Urheberrechtsgedanken

Nach wie vor eine der größten Baustellen dieser Welt: Dank dem Internet können wir alle fast jede Art von Medium produzieren und ebenso auch reproduzieren. Wie überall klappt das leider nicht ohne Regeln, die aber sind leider für die aktuellen Gegebenheiten unzureichend und eigentlich kann man nur Gemecker von allen Seiten hören. Die einen meckern, dass ja plötzlich alles hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste kopiert und damit geklaut würde, die anderen bemängeln die Rechtsunsicherheit, wenn sie kreativ mit sowieso brachliegendem Material arbeiten wollen.

Ich tendiere zu zweiterem, denn das Urheberrecht – mit all seinen Verästelungen ins Zitatrecht oder gar dem geistesgestörten Unfug namens Leistungsschutzrecht – macht wirklich vieles kaputt und ernährt eine ganze Brut von Anwälten, die sich wegen marginaler Kleinstverstöße an tausenden kleinen Bloggern dumm und dämlich verdienen, ohne dass das am Ende anderen Künstlern zu Gute kommt.

Nun sitze ich – eigentlich recht gemütlich – zwischen den Stühlen. Ich schreibe hier und anderswo das Netz voll (produziere also “Content”), verdiene damit auch ein bisschen Kohle und erfreue mich der Kreativität des Netzes. Da ich sie in der Regel maximal als Inspiration oder für Zitate heranziehe und zu 99% eigenes Zeug veröffentliche, bin ich auch verhältnismäßig sicher unterwegs. Und über “geklautes” Zeug kann ich mich auch kaum beschweren. Außerhalb meiner Blogs geben meine Texte kaum Sinn und meine Bilder gebe ich gerne her, weil ich in sie meist kaum Arbeit investiere und es mich einfach nur freut, wenn sie jemand anders auch gefallen.
Selbst mein eBook, als bisher einzige Ausnahme, verschenke ich gerne auch mal, weil ich weiß, dass mir ein neuer Leser für die Zukunft mehr bringt als die 2,01 €, die ich für ein verkauftes Exemplar bekomme.

Doch auch mich regen dann manche Dinge noch auf. Derzeit wird bei Twitter eine Sau durchs Dorf getrieben, die ich aus Gründen nicht verlinke. Da jedenfalls klaut ein Vollhonk die erfolgreichsten Tweets, bereinigt sie um die Namen der Urheber und vermarktet sie dann als Lustige-Sprüche-App auf Facebook. Der Kritik daran entgegnet er rechtlich völlig auf dem Holzweg mit Falschauslegungen der AGB, indem er behauptet, Twitter erlaube ihm das. Bei Tweets ist es zwar der Schöpfungshöhe wegen fraglich, ob ein gerichtliches Vorgehen dagegen wirklich Erfolg hätte, aber so rein von der moralischen Seite verstehe ich nicht, wie dieser Niesel Dinge nimmt, deren Qualität er offenbar ja erkennt – um den kreativen Leuten dahinter dann zu sagen: “Naja, das ist ja so irrelevant, dass ich das einfach abschreiben kann!”.
Es sei hinzugefügt, dass es dabei auch nicht um große Geldsummen oder sowas geht, die meisten Twitterer hätten einfach nur gerne ihren Namen oder einen Link unter dem Spruch.
Derartige Missachtung kotzt mich durchaus an, das muss ich zugeben.

Aber – wie eingangs erwähnt – ich sitze zwischen den Stühlen. Ich habe zum Beispiel gerade ein grandioses Buch gelesen, das mir einmal mehr mein treuer Leser, Kommentator und Bibliotheksguru elder taxidriver geschickt hat. Ein Taxibuch von 1929. Das Buch kennt heute bestimmt kein Schwein mehr, den Autor habe ich bisher nicht ausfindig machen können, der Verlag existiert auch nicht mehr. Aber anstatt jetzt dieses wunderbare geschichtliche Kleinod in meinem Taxi-Blog GNIT wieder aufleben lassen zu können, muss ich erst einmal tiefer (also außerhalb des Netzes!) recherchieren. Denn wenn der werte Kerl erst nach 1944 gestorben ist und irgendein Nachfahre es mir übel nimmt, dann kann ich in Teufels Küche kommen und einen unbezahlbaren Rechtsstreit vom Zaun brechen, obwohl ich das Werk mit 99%iger Wahrscheinlichkeit nur vor dem endgültigen Tod bewahren würde. Inwiefern das im Sinne des Künstlers sein kann, weiß mir das Urheberrecht leider auch nicht zu beantworten.

Gut, ich hab halt die Arschkarte und muss mich damit rumschlagen. Bringt mir ja im besten Fall auch Geld. Und im schlimmsten Fall kostet es mich wegen einer Unachtsamkeit mal welches. Wird hoffentlich in den meisten Fällen nicht existenzbedrohend sein.

Aber so unter uns halbwegs miteinander bekannten Leuten hoffe ich doch, mit gesundem Menschenverstand durch dieses finstere Tal zu kommen, das der ganze Schlamassel gerade noch ist, bevor da mal hoffentlich die gesetzlichen Grundlagen eine Realität nach 1990 abbilden.
Ich kann dazu vielleicht nur wenig beitragen. Ich bin schließlich nur ein kleiner Blogger und kein Massenmedium. Und meine Inhalte sind nun auch nur für die wenigsten Leute von großem Interesse. Aber wenn welches besteht: Meine Kontaktdaten stehen überall und ich schicke auch definitiv erst einen Haufen Mails, bevor ich mühsam Kleingeld sammele und es zum Anwalt trage. Und ich freue mich über jeden einzelnen von Euch, bei dem das auf Gegenseitigkeit beruht.

Und wo kein Richter, da kein Henker. Das gilt sogar für Urheberrechtsgedöns.

1 Comment

Filed under Feinde, Medien, Politik, Vermischtes

Die Jugend von heu …

…ach was: DIE KINDER!

Musste gerade sehr schmunzeln über einen Eintrag des taz-Tickers zu Walpurgisnacht und erstem Mai:

19.05 Uhr: „Gegen Nazis mache ich mit“

Hamburg, Bahnhof Altona. Am Bahnhof in Altona haben sich rund 100 Demonstranten zur antikapitalistischen Vorabenddemo versammelt. Erwartet werden mehr als Tausend. Die Polizei hält sich noch im Hintergrund, hat aber viele Kräfte in den Seitenstraßen postiert, Wasserwerfer inklusive. Ein etwa zehnjähriger Junge fragt, ob für oder gegen Nazis demonstriert wird. „Gegen Nazis mache ich mit. Zündet ihr auch Sachen an?“ Zusammen mit einem Freund will er jetzt Benzin holen. Sonst machen die Anwesenden einen friedlichen Eindruck.

0.o

4 Comments

Filed under Medien, Politik, Vermischtes