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Die Bundesjugendspieldebatte

Unglaublich, welchen Furor die Petition und der Blogeintrag von „Mama arbeitet“ alias Christine Finke gerade auslösen. Sie fordert als Mutter die Abschaffung der Bundesjugendspiele, weil sie unnötig demütigend und pädagogisch überholt seien. Neben viel Unterstützung bekommt Finke auch eine Menge Anfeindungen zu hören. Das ist erst einmal nicht so schlimm, schließlich kann man bei jedem Thema unterschiedlicher Meinung sein. Auf der anderen Seite sieht man dann doch recht deutlich, wie unterschiedlich die Argumente verteilt sind. Finke gegenüber werden viele pauschale Vorwürfe gemacht und nicht zuletzt wird sie auch persönlich angegriffen – während sie einfach nur die Negativaspekte der Bundesjugendspiele aufzählt und sie dadurch in Frage stellt. Und das ist doch erst einmal für sich ein wertvoller Diskussionsbeitrag.

Außerdem sehe ich sie durchaus im Recht. Es geht ihr ja auch ganz ausdrücklich nicht darum, dass Kinder keinen Sport machen sollen oder nicht auch mal verlieren lernen sollten. Und niemand hat gesagt, dass man Matheklausuren dann auch abschaffen sollte, weil Kinder dabei unterschiedlich abschneiden. Ebenso sind sportliche Wettkämpfe was tolles, um sich auszuprobieren, seine Fähigkeiten zu testen, etc. pp. Kann man alles machen, will niemand verbieten, ganz egal, was einem die eigenen Beißreflexe da einreden wollen.

Ich weiß recht wenig über die Bundesjugendspiele heute und meine Schulzeit liegt nun ja auch schon ein Weilchen zurück. Bei uns jedenfalls war es ungefähr so unsinnig wie möglich: Man musste in drei Disziplinen antreten: Rennen, Springen, Werfen. Fertig. Das wurde davor nicht gesondert trainiert, mit etwas Glück haben die Lehrer irgendwann in den letzten Wochen davor wirklich mal einen Tipp gegeben, wie man beim Weitsprung besser wird. Aber von der Sache her war das Glückspiel und Verlassen auf die körperliche Kondition. Ich hab während der ganzen Schulzeit z.B. nie die Chance bekommen, herauszufinden, wie viel Anlauf ich beim Weitsprung nehmen sollte. Da war ja eine Linie …

Nun ist es so: Mit schlechten Noten kenne ich mich aus. Hatte ich in allen Fächern schon. Ich hab jahrelange Erfahrung als Klassenschlechtester in Mathe und war zeitweilig sogar mit einem Lehrer gesegnet, der das gerne mal zynisch kommentiert hat. Aber die Bundesjugendspiele sind ein Spezialfall gewesen. Denn zum einen konnte ich mir selbst bei einer Matheklausur immer noch die Hoffnung machen, irgendwie auf die Lösung zu kommen. Und wenn nicht: Während des größten Stresses, der Klausur selbst, merkte das keiner.
Beim 100-Meter-Lauf hat jeder gesehen, wie langsam ich war. Nicht mal nur meine Klasse, auch der Deutschlehrer am Maßband beim Weitsprung, die Kumpels aus der Parallelklasse und nicht zuletzt die Süße aus der Elften, in die ich heimlich verknallt war. Zudem wusste ich das vorher. Ich musste extra zu einem Sportplatz am anderen Ende der Stadt fahren, obwohl mir vorher klar war, dass es nix bringt. Beim Laufen und Springen würde ich letzter bis vorletzter werden, und durch etwas mehr Kraft beim Werfen werde ich am Ende noch zwei andere hinter mir lassen. Das war in der vierten Klasse so und hat sich bis zur elften nicht geändert.

Das Ganze hat mir nix gebracht, wirklich. Obwohl ich bei aller Unsportlichkeit den Sportunterricht im Wesentlichen gemocht habe. Ich mochte Leichtathletik und Geräteturnen nicht, ok. Aber ich war ein guter Gewinner oder Verlierer bei Teamsportarten. Wo war da das pompöse Gedöns mit Unterschrift vom Bundespräsidenten? Und das Pendant dazu ist nicht eine Matheklausur, nein, wirklich nicht! Das Pendant ist ein Kurzgeschichten-Wettbewerb, verpflichtend für alle – inklusive Vorlesen der Geschichten in der Schulaula oder vielleicht auf dem Hof, eventuell sogar mit der Nachbarschule zusammen. Das dürfen sich die, die sich jetzt aufregen, weil sie Urkunden bei den Bundesjugendspielen gekriegt haben, mal überlegen.

Ich will ehrlich sein: Mich hat das nicht umgebracht. Ich hatte sogar vergleichsweise wenig Angst vor dem Event, weil ich wirklich sehr nette Klassenkameraden hatte und teilweise selbst unter den richtig guten Sportlern Unterstützung fand. Ein guter Freund, 4 Klassen schneller als ich, ist sogar mal freiwillig mir mir mitgelaufen, um mich zu motivieren und anzuspornen.

Trotzdem war das rückblickend einfach nur dumm und unsinnig demütigend.

Und etlichen ist es noch schlimmer ergangen. Siehe Christine Finke, der damals sogar unsinnigerweise vermittelt wurde, sie sei unsportlich.

Vielleicht hätte ich ja auch mehr Sport gemacht ohne solche Erfahrungen. Ich will das nicht behaupten, aber die Theorie drängt sich irgendwie auf.

Ebenso drängt sich abschließend die Frage auf: Sind die Positiverfahrungen der sportlicheren Kinder ebenso umfangreich, so bestimmend für ihre Schulzeit, so erinnerungswürdig? Ich habe meine Zweifel.

Dementsprechend hab ich die Petition einfach mal mitgezeichnet. Muss natürlich nicht jeder so halten wie ich – aber persönliche Anfeindungen der Petitionserstellerin sind ungeachtet dessen einfach mal nur völlig daneben!

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Wovor haben wir eigentlich Angst?

Die Saison beginnt wieder, jeden Tag aufs Neue machen sich afrikanische Flüchtlinge auf die mörderische Reise nach Europa. Sicher ein Kontinent, von dem ihnen zu viel gutes berichtet wurde, eine Reise, von der sie zu hohe Erwartungen haben. Und am Ende ist – selbst wenn sie die Reise überlebt haben sollten – nicht einmal das auch nicht ganz so goldene Leben in irgendwelchen Flüchtlingslagern ihr Problem, sondern meist die direkte Abschiebung oder die oftmals allumfassende Ablehnung der Einwohner dieser seltsamen Länder.

Und eines dieser seltsamen Länder ist das, das wir alle hier am besten kennen: Deutschland. Hier werden wieder jede Woche Flüchtlingsheime angezündet und es wird davor gewarnt, wie schlimm das doch alles ist mit diesen „Flüchtlingen“. Am Ende gar „Wirtschaftsflüchtlingen“. Was so dermaßen grotesk ist, dass einem dazu kaum was vernünftiges einfällt, weil es immer nur auf dieses billige „Wir gegen Die“-Ding rausläuft. Ist nicht parteiübergreifend inzwischen akzeptiert, dass Deutschland Zuwanderer braucht? Und eine Verjüngung? Selbst die Profikapitalisten der FDP wollen ja unbedingt weniger Einschränkungen, damit man hier besser Geld verdienen kann. Und dann kommen ein paar lächerliche tausend Leute, die nichts lieber tun würden, als endlich unter guten Bedingungen zu arbeiten – und wir schicken sie weg und verbieten ihnen das Arbeiten sogar noch, bevor sie abgeschoben werden. Kommen ganze Familien, wird gejammert, dass „die“ ja nur auf Kindergeld und Hartz4 geil wären, kommen junge Männer, wird gebrüllt, dass eigentlich arme Kriegsflüchtlingsfamilien versprochen wurden.

Selber den Arsch nicht hochkriegen, aber von den Ärmsten der Armen und den Verzweifeltsten der Verzweifelten fordern, dass sie gleichermaßen demütig wie tatendurstig, arm wie selbständig sind.

Und all das natürlich, weil „wir“ uns das nicht leisten könnten, oder – wenn man bereits ein paar Hemmungen weniger hat – weil die ja doch alle ziemlich dunkle Hautfarbe haben und im Dorf schon sehr auffallen würden. WTF, Deutschland?

Kleiner Einschub: Ja, ich schreibe das jetzt, weil es derzeit medial präsent ist, aber ich bin nicht so blöd, zu glauben, das wäre davor groß anders gewesen.

Ja, ich hab als denkender Mensch immer schon ein Problem mit Rassismus gehabt. Damit war ich lange Zeit keineswegs Verkünder einer Mehrheitsmeinung, und das obwohl ich nicht ’33 geboren wurde, sondern derzeit 33 Jahre alt bin. Den Grundgedanken zu entwickeln, dass es schon eine ganz coole Sache wäre, würden wir einfach alle Menschen als gleichberechtigte Menschen ansehen, war also nicht ganz so aufgezwungen und selbstverständlich, wie irgendwelche weinerlichen Schnullernazis heute behaupten, wenn sie mich als „Gutmenschen“ diffamieren.

Aber das Dumme an der Sache ist: Es läuft wirklich alles auf dieses „Wir gegen Die“ raus. Wäre es ok, dass nicht-weiße, nicht-deutsche Menschen einfach ein Teil unserer Gesellschaft sein könnten – könnten! – dann würden wir nicht nur Seerettungsboote zu entsenden, sondern auch ernsthaft versuchen, die Integration voranzutreiben. Ernsthaft!

Hier in Berlin vergesse auch ich bisweilen, wie wenig das mit den verschiedenen Kulturen teilweise verbreitet ist. So meinte eine Frau aus Sachsen neulich im Taxi zu mir, sie wäre in der U-Bahn „von so einem Zigeunerweib“ angebettelt worden, obwohl sie eigentlich dachte, „dass die im Fernsehen sich sowas nur ausgedacht hätten“. Tja, wie sollte ich mir Hoffnungen machen, dass diese – sonst eigentlich nette – Frau jemals kapiert, wie wichtig multikulturelles Leben außerhalb ihrer kleinen dörflichen Gemeinschaft in den letzten Jahrzehnten geworden ist?

Alle haben sie Angst, etwas „zu verlieren“. Da muss ich doch mal ehrlich fragen: WAS DENN?

Ist das Retten von tausenden von Leben nicht vielleicht wert, in der Bahn auch mal eine andere Sprache zu hören, die man nicht versteht? Ist es nicht ein beschissen vernachlässigbares Problem, beim Kindergeburtstag mal keinen Schweinebraten zu reichen, weil der beste Freund von Kevin-Florian nicht Max sondern Yussuf heißt?

Natürlich kosten Flüchtlinge, kostet Integration. Nicht nur Überwindung, sondern auch Geld. Das sollten auch wir Flüchtlingsunterstützer nicht kleinreden, das ist so. Punkt.

Ebenso einen Punkt können wir aber auch hinter die Aussage packen, dass wir „das“ nicht alles fernhalten können. Unser Wohlstand ist eng verknüpft mit vielen Ländern, aus denen heute Flüchtlinge zu uns kommen. Und natürlich können wir zwar einerseits billige Klamotten ankaufen, andererseits aber den Menschen verweigern, jemals unseren Lebensstandard zu erreichen. Aber dann sind wir halt Arschlöcher. Dann sind wir nicht besser als die absolutistischen Herrscher und Diktatoren, die wir hoffentlich auf Dauer in unsere Geschichtsbücher verbannt haben. Denn natürlich müssten wir unseren Wohlstand dann mit Waffengewalt verteidigen und uns in unser „Schloss“ Europa zurückziehen, während die Fremden von der Burgmauer aus erschossen werden. Und das ist leider keine weit hergeholte Metapher, die Menschen sterben an der EU-Grenze. Massenhaft. Stichwort: Festung Europa.

Ich schreibe das als Mitteleuropäer, Deutscher, Weißer. Beschäftigt in einem Niedriglohnjob, der dafür bekannt ist, dass Migranten ihn machen. Ich lebe je nach Monat dies- oder jenseits der Armutsgrenze, ich habe keinen Cent zu verschenken, wirklich nicht. Und auch mein Selbsterhaltungstrieb ist weitgehend intakt, ich werde mich auf Teufel komm raus dagegen wehren, unter die Räder zu kommen, ich will leben, und ich habe mich dabei an den Status quo gewöhnt, der mir immerhin mal ein Dach über dem Kopf, genug (überwiegend gutes) Essen, fließend Wasser, Strom, Internet etc. garantiert. Ich habe etwas zu verlieren.

Aber – und das möchte man Dorfsachsen mit begrenztem Blick über den Tellerrand zurufen – ich jammere hier auf hohem Niveau! Ich würde natürlich alles darum geben, mir diese Sicherheiten wenigstens zu erhalten.
Aber ich habe mich entschieden, kein egozentrisches Arschloch zu sein, das, nur weil es 2017 vielleicht 100 € mehr Steuern zahlen muss, einen Hass zu entwickeln auf Menschen, für die fließend sauberes Wasser bedeutet, dass sie nicht mit 40 sterben.

Ich bin in Deutschland geboren, lange nach dem letzten Krieg. Ich bin männlich, weiß, fett, arm und überlebe irgendwie. Ich erlaube es mir sogar, mit Blogs und Büchern irgendwie meinem persönlichen Traum nachzujagen. Und alles, was ich mir wünsche, ist folgendes:

Jede(r) auf der Welt sollte wenigstens dieses minimalste Glück erreichen können. Wenigstens einen Plattenbau in Marzahn, wenigstens alle paar Jahre mal eine schwarze Null auf dem Konto.

Wie kaputt muss man sein, Menschen noch viel weniger zu neiden? Wir reden hier von ein paar potenziellen Steuererhöhungen, nicht mehr.

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Heraus zum ersten Mai – im Taxi!

Manchmal gibt es so Entscheidungen, die man sich schwer macht.

Der erste Mai ist für mich jetzt 6 Jahre lang der einzige Feiertag gewesen, zu dem ich immer frei genommen habe. Alle anderen hab ich immer auf der Vielleicht-Liste gehabt. Ich bin schon an Weihnachten und Ostern gefahren, Silvester sowieso. Die meisten anderen Feiertage bemerke ich ohnehin immer erst zwei Tage vorher am Ladenöffnungszeitenschild am Kaiser’s. Aber am ersten Mai war Demo und abends vielleicht noch ein kleiner Umtrunk mit Freunden.

Ich hatte nicht vor das zu ändern, werde es dieses Jahr aber dennoch tun.

Zum einen ist da natürlich das mit dem Geld. Das ist rar gerade und der erste Mai ist zudem ein umsatzstarker Tag. Beides gute Argumente, aber keine, die mich in den letzten Jahren am Freimachen gehindert haben. Und irgendwie hätten wir uns die paar Bier in der Kneipe, die Falafel und die Taxifahrt nach Hause auch aus den Rippen leiern können, ich will jetzt ja auch nicht übertreiben.

Zum anderen ist da aber auch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Linken in Berlin. Jetzt mal abgesehen von den wie bei allen Vereinen, Parteien und Bewegungen existenten Konflikten mit der eigenen politischen Überzeugung. Das letzte Jahr war voll mit linken Themen und bei keinem sieht es irgendwie gut aus. Der ganze Pegida- und Nazirotz, die fortlaufende Überwachungsaffaire und nicht zuletzt die Flüchtlingskatastrophen an der europäischen Grenze. Und ich weiß, dass das alle, die um 18 Uhr in Kreuzberg sein werden, interessiert und ich mit ihnen auf einer Wellenlänge liege, keine Frage.

Aber anstatt das zu thematisieren, wird auf die Straße gegangen wegen der Gentrifizierung.

Und um das klarzustellen: Die ist zweifelsohne ein riesiges Thema, gerade in Berlin. Das zu thematisieren ist großartig, und hey: selbst hier in Marzahn steigen die Mieten bereits heftig.

Trotzdem habe ich ein Problem mit dem Aufruf der radikalen Linken Berlin. Unter dem an sich wunderbaren Plakat mit der markigen Aufschrift „Wir sind ÜBERALL“ wird dann bemängelt, wie sozial schwache Gruppen „aus Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln verdrängt werden“, um daraufhin anzufügen:

„Jenseits der Innenstadtbezirke lebt man in den Plattenbausiedlungen von Hellersdorf, Marzahn, Köpenick, Neukölln-Britz ohne den Charme, den Berlin sich so gerne auf die Fahnen schreibt, in einem noch viel graueren Alltag, der nicht selten von Armut und Perspektivlosigkeit geprägt ist.“

Und daran ändern wir bitte was genau, wenn wir Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln vor Luxusappartements beschützen?

Natürlich hab ich mir meine Bude in Marzahn auch aus Geldgründen gesucht, aber es würde mir ehrlich gesagt nach den Nazieskapaden der letzten Monate wesentlich besser gefallen, wenn einige Linke nach Marzahn ziehen würden, als dem Wunsch hinterherzuhecheln, für mich in Kreuzberg eine Wohnung zu finden. Wie kann man unter dem Motto „Wir sind überall“ auf die Straße gehen, um dort dann zu jammern, dass man seine Altbauwohnung in einem In-Bezirk nicht verlieren will?

Aber klar, dass in Marzahn die Welt nicht heil ist, liegt daran, dass hier die Fassaden ein paar Stockwerke höher sind, nicht etwa daran, dass selbst der radikalen Linken nichts besseres einfällt als das Wohnen in einem Außenbezirk gleich mal zu stigmatisieren und alles außerhalb des Einzugbereichs des eigenen Spätis vorsichtshalber aufzugeben, weil man dorthin ja 8 Stationen mit der S-Bahn fahren müsste. 16 Minuten Fahrtzeit ab Warschauer Straße, also bitte, wo leben DIE denn?
Und ratet mal, wer bei den Naziaufmärschen in Marzahn nicht sicher nach Hause kommt! Richtig, ich in Marzahn – weil die An- und Abreise natürlich aufs Ostkreuz optimiert wird.

Sorry, liebe Berliner Linke, ich bin in meinem Leben schon mehrere hundert Kilometer gefahren, nur um kleine Naziaufmärsche zu verhindern und ich hab auch oft genug gegen Gentrifizierung demonstriert – aber ich werde mich jetzt nicht auf den Weg in eure kleine Welt machen, um mir blödsinnige Vorurteile über mein Leben anzuhören, bloß weil ich nicht in Eure Nachbarschaft gezogen bin. Grüßt Eure Stuckverzierungen von mir, wenn Ihr an Eurem Fenster vorbeilauft!

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Auschwitz und die Schuld

Gerade jetzt wieder – wo auch Pegida und co. grüßen lassen – ist es ein Thema: 70 Jahre Befreiung von Auschwitz! KZ’s, Nazis, deutsche Schuld, etc. pp. Angeblich voll schlimm. Was man da alles lesen muss …

Wir als Nachgeborene haben keine Schuld, man muss die Vergangenheit auch mal hinter sich lassen, etc. pp.

Ja, natürlich!

Als 1981 geborener Deutscher kann ich derartigen Verallgemeinerungen nicht einmal widersprechen. Natürlich habe ich keine Schuld an Auschwitz und natürlich liegt auch mein Fokus auf der Zukunft und nicht der Vergangenheit. So weichgespült könnte ich sogar diese Naziparolen gutheißen.

Aber wie so oft liegt das Problem nicht in irgendwelchen Worten. „Ich bin nicht schuld!“ kann ich natürlich voller Überzeugung blöken, es ändert aber nunmal nichts daran, dass ich gerade weil ich Deutscher bin, schon aus der Geschichte meiner Großeltern lernen kann. Neonazis und andere Rechte fühlen sich immer gleich angegriffen, wenn man sie auf die Vergangenheit verweist – was aber eben nur passieren kann, wenn man zwingend der Nation oder der Vergangenheit eine Deutungshoheit über die eigene Befindlichkeit gibt.

Das sehe ich witzigerweise gerade als Linker viel lockerer und positiver. Es war eben hier in Deutschland, wo der Holocaust in Form abscheulicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattgefunden hat. Eine weder vorher noch nachher überholte staatliche, organisierte und erschreckend effiziente Form des Völkermords.

Ich fühle mich dadurch kein Bisschen angegriffen. Mir ist schon bewusst, dass diese Verbrechen auf die Konten meiner Großeltern gehen. Und wiewohl das in einigen Fällen, wo es vielleicht „nette“ Menschen betrifft, verstörend sein mag: Ja, das kann man in meinen Augen abtun unter „andere Menschen haben böse Dinge getan“.

Ich sehe darin, dass ich in Deutschland geboren bin, kein Manko. Im Gegenteil: Ich lebe in einem der reichsten und nebenbei besten Staaten, die es derzeit gibt. Ich bin nicht mit allem zufrieden und würde vieles gerne ändern, aber das wollen wohl viele hier und anderswo.

Was Auschwitz als Vokabel in Form eines Sinnbilds für Menschenverachtung für mich so greifbar macht, ist genau jener geschichtliche Zusammenhang, der von Nazis gerne instrumentalisiert wird: Ja, es waren Deutsche, mitunter Verwandte, die das möglich gemacht haben. Und ja, es ist hier passiert und nicht irgendwo weit weg, wo man das ignorieren könnte!

Natürlich:  Wenn man nichts weiter hat als die Nation, mit der man sich identifizieren kann, dann tut das weh. Dafür bemitleide ich Nazis auch ganz dolle, aber ich sehe es nicht ein, aus ihrer krankhaft beschränkten Weltsicht eine Politik ableiten zu müssen.

Auschwitz, der Holocaust, der Massenmord – natürlich kann ich nichts dafür! Und ja, selbst Neonazis nicht. Aber auch wenn wir unseren Blick (sinnvollerweise!) in die Zukunft richten, so haben eben gerade wir Deutschen aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit einen Vorteil. Ja, einen Vorteil!
„Wir“ Deutschen wissen, wie unglaublich schief eine krude Mischung aus Nationalismus und Faschismus laufen kann. „Wir“ Deutschen sind die einzigen, in deren Geschichte verankert ist, wie schlimm sich schon „harmloser Antisemitismus“ auswirken kann. Und vielleicht leben wir dadurch im einzigen Land, das deswegen in der Lage ist, das Problem an der Wurzel zu bekämpfen.

Für Menschen, die sich nicht dieselbe Fremdenfeindlichkeit wie Nazis auf die Fahnen geschrieben haben, ist Auschwitz eben keine „Keule“, kein Eingriff in ihr Leben – sondern irrwitzigerweise ein Baustein, der dafür sorgt, dass Deutschland anderen Ländern einen Schritt voraus ist.

Und deswegen ist es richtig, dass in der Schule das „3. Reich“ thematisiert wird, dass es Gedenkveranstaltungen gibt und an vielen Stellen immer wieder auf die „Schuld“ verwiesen wird, die nur denen ein Dorn im Auge sein kann, deren Diskussionsteilnahmemöglichkeit ohnehin ein schwerer Fehler war.

Obwohl völlig schuldfrei, spreche auch ich mich hiermit gegen jedes Vergessen und gegen jede Form (neu)rechten Gedankengutes aus!

 

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Die Karikatur einer Karikatur

12 Tote. Weil einige davon sich über imaginäre Freunde lustig gemacht haben.

Kann man sich nicht ausdenken.

Man könnte es jetzt natürlich noch absurder machen, indem man den imaginären Freund dafür verantwortlich macht.

Oh. Wait …

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Mein Ableismusproblem

Ich denke, die meisten meiner Leser haben inzwischen mitbekommen, dass ich Diskriminierungen jeder Art falsch finde. Der Grund ist relativ simpel: Diskriminierungen haben immer Opfer und ich finde es eine grundsätzlich positive Einstellung, möglichst wenigen Menschen zu schaden, denen man – und sei es durch veröffentlichte Texte – über den Weg läuft. Das hat wirklich weniger mit irgendwelchen Dogmatismen zu tun, als es viele erklärte Gegner dieser Einstellung wahrhaben wollen. Und selbst wenn das bei manchen grob in meiner Richtung orientierten Menschen anders sein mag, ich wusel mich da mit meinem eigenen Weg durch, der je nach Blickrichtung auch alles andere als perfekt ist. Vieles mache ich mit Abstrichen. So verwende ich keine geschlechtergerechte Sprache, obwohl mir Sexismus in jeder Form ein Dorn im Auge ist – einfach aus eigener Bequemlichkeit. Genauso wie ich im ökologischen Bereich z.B. meinen Fleischkonsum nur zu senken versuche und keinen kompletten Verzicht übe. Ich hab meine Schwächen, und ich gestehe sie mir zu. Manchmal mehr, manchmal weniger. Mein eigenes Wohl liegt mir am Ende eben auch am Herzen und ich bin mir ziemlich sicher, als Perfektionist in allen sozialen Belangen kein glücklicher Mensch sein zu können. Die Ursachen dafür sind sicher vielschichtig, aber ich hab weder Zeit noch Lust, auf allen Ebenen 100% zu geben, wenn es sowieso von 99,9% der Menschen nur als Spinnerei gesehen wird und 0,099999% dann der Meinung sind, ich gehe nicht weit genug. Am Ende bleibt man halt als Individuum in irgendeiner Form unperfekt – und damit kann ich wahrlich leben. Und ich müsste es ja auch, wenn ich es noch mehr versuchen würde.

Andererseits gibt es dann Dinge, die ich so nicht stehenlassen will oder sogar kann.

Und so etwas ist mir neulich in für mich ungewohnter Form passiert. Im Rahmen der ganzen Pegida-Diskussionen wurde irgendwo (ich weiß wirklich nicht mehr, wo genau) aufgeworfen, dass das Für-dumm-Erklären der Anhänger Ableismus wäre, also eine Unterform der Behindertenfeindlichkeit, die dumme Menschen diskriminiert, weil man selbige damit abwertet.

Ich weiß, es gibt eine Menge Leute, die sowas einen Scheiß interessiert – mich aber eben schon. Ich hab jahrelang im Behindertenfahrdienst gearbeitet und während dieser Zeit nicht nur meine Vorurteile, Berührungsängste und was man halt sonst so alles mit sich schleppt, abgebaut – sondern überhaupt erst einmal mitbekommen, dass ich solche hatte. Eine nicht in allen Belangen einfache, aber tatsächlich furchtbar positive Erfahrung. Und nun aber das: Mein gerne gewettertes „Was für Idioten!“ soll ableistische Züge tragen!

Meine erste Reaktion war die, die ich von allen Rassisten und Sexisten kenne:

„Ach nee, will man mir das auch noch nehmen!?“

Die zweite war nicht minder ähnlich:

„Das ist doch eine Diskriminierung ohne Opfer: Wer so blöd ist, merkt ja nicht einmal, dass ich ihn beleidige!“

Aber ja, ist das nicht dasselbe wie „meine schwarzen Freunde“, die auch „über Negerwitze lachen“? Obwohl mir bei letzterem klar ist, dass das kein valides Argument ist, finde ich ersteres irgendwie gangbar. Hab ich da also wirklich ein Problem? Vielleicht. Ausschließen kann man das wohl nie sicher bei solchen Fragen, die man erstmalig an sich heranlässt.

Zumindest teilweise erkenne ich da aber, dass die Thematik nicht ganz so einseitig ist. Zunächst der eher unbedeutende Teil: Wenn ich von Idioten schreibe oder erzähle, so meine ich damit gewiss keine Leute, deren Fähigkeiten ernsthaft eingeschränkt sind. (Was im Nachhinein aber auch bedeutet: Wann immer ich derartige Vergleiche gezogen habe, waren sie falsch und ich würde sie heute so nicht mehr machen.) Der wichtigere Part ist: Gerade die Begriffe Dummheit oder Idiotie sind zwar zweifelsohne herabwürdigend, lassen sich aber meines Wissens nicht auf unverschuldete Fähigkeitsbeschränkungen reduzieren. Ja, Idiotie war auch mal zwischenzeitlich als medizinische Bezeichnung geistiger Behinderungen geläufig, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die heutige Benutzung davon stark abweicht und ebenso wie Dummheit weniger mangelnde Fähigkeiten unterstellt als mehr einen Unwillen, sich seiner geistigen Fähigkeiten zu bemächtigen.

Wenn das widerlegbar ist, dann nehme ich die Hinweise dankend entgegen.

Um ein Anschauungsbeispiel zu bringen: Dumm wird sicher nur selten wer genannt, der ständig rechts und links verwechselt – sowas kommt nunmal vor. Dumm wird der genannt, der in einer Diskussion um die Frage, wo links ist, in die rechte Richtung zeigt und darauf beharrt, unnütze Begründungen dafür vorbringt und sich anderen Meinungen verweigert.

Und selbstverständlich zielen alle meine Angriffe auf Nazis oder Pegida genau in diese Richtung. Da engagieren sich Menschen mit ihrem Herzblut, um Dinge zu bekämpfen, die sich nach kurzer Recherche als unhaltbar erweisen. Wie wollen wir dieses Bestreben, mehr Arbeit aufs Bestätigen der eigenen Überzeugung zu investieren als auf die Auswertung von Fakten, benennen?
Ist es nicht genau das, was „dumm“ ist und „Idioten“ auszeichnet?

Noch einmal: Ich (und ich denke, die Mehrheit geht da mit) würde nie einen geistig behinderten Menschen dumm nennen. Wohl aber Menschen, die wider besseres Wissen oder trotz des Zugangs zu korrektem Wissen überprüfbare Informationen ignorieren und (Treppenwitz der Geschichte) alle anderen als Dumme oder Lügner bezeichnen.

Wie ich einleitend schrieb: Ich bin mir meiner Fehler bewusst. Ebenso bin ich mir meiner Fehlbarkeit bewusst. Mir ist ebenso klar, dass die Reduzierung von Menschen auf ihre geistigen Fähigkeiten und die damit erfolgende Zur-Norm-Machung „hoher“ Intelligenz ausgrenzend ist. Ich bin mir der Gefahren des Ableismus also bewusst. Aber gerade um gegen falsche und vereinfachende Weltbilder vertretende Menschen auch und gerade schreibend angreifen zu können, bedarf es doch irgendwelcher Worte, die klarstellen, dass genau dieses Weltbild falsch ist – und zwar aufgrund von Denkfaulheit, Fehlinterpretationen und einseitiger Denkweise. Für das stand „Dummheit“ in meinen Augen bisher. Sollte das Wort – ebenso Idiotie – in dieser Interpretation missverständlich sein, dann freue ich mich über Alternativvorschläge. Sollte es keine geben, bleibe ich bei meiner Meinung, dass es da draußen zu viele dumme Idioten gibt.


PS: Ich hatte die Kommentare unter diesem Artikel eine Weile geschlossen, worauf ich mehrfach angesprochen worden bin. Mir ist klar, dass das keine populäre Maßnahme ist und ich hab’s auch nicht vor, dauernd einzusetzen. Ich hab aber tatsächlich nicht immer Zeit und/oder Lust, mit Leuten zu diskutieren, die – Ironie der Thematik – meine Ansichten für dumm halten. Und der Artikel hat eben das Potenzial, Leute anzuziehen, die sich angegriffen fühlen. Leute, die dann äußerst praktisch zu beantwortende Fragen wie „Was ist denn falsch an meiner Meinung?“ stellen. Nicht, dass das ungerechtfertigte Fragen wären, aber weder ein Blogeintrag – und schon gar nicht ein Kommentarfeld – ist der geeignete Platz, um alle Aspekte von Islamismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus etc. am Stück zu besprechen. Außerdem ist das hier trotz allem mein Blog und kein offizielles Auskunftsportal. Ich erkläre Nazis die Welt, wenn ich Lust dazu habe, nicht wenn sie es wollen. Jeder, dem ich damit auf den Fuß trete, darf sich gerne abwenden und mich für ein Arschloch, blöd oder einen Beweis der Weltverschwörung halten. Ich kann die gelöschten Kommentare bisher immer noch an meinen beiden Händen abzählen, was mir vermutlich kein anderer Blogger glauben wird. Und das kann gerne so bleiben. Aber für allen Schwachsinn und jede Theorie hab ich halt auch keine Zeit.

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#MaHe mal wieder

Immer noch Nazis. Immer noch vor meiner Tür. Dieses Mal musste ich schlafen, aber genau dabei haben sie mich gestört. Von ihnen geweckt zu werden ist definitiv nicht besser als sie sehen zu müssen. Viele waren es nicht, aber sie hatten eben einen Lautsprecherwagen. Was jetzt nicht unbedingt ihr Vorteil war.

Ihnen wurde wohl nur eine Kundgebung gestattet, weswegen sie sich beschwert haben, dass hier „ja nur die Antifa Meinungsfreiheit“ hat. Wohl aus Langeweile haben sich deswegen vermutlich alle der angeblich rund 100 Anwesenden mit Bier beschäftigt. Das habe ich nicht nur gelesen, sondern ich schließe das auch aus den Lauti-Durchsagen. Die waren übrigens uninspiriert, offensichtlich unvorbereitet und sehr kurz (wie die Veranstaltung insgesamt). Neben oben bereits erwähntem füge ich nun – im Zeichen der Meinungsfreiheit für Nazis – alle Durchsagen und Sprechchöre an, die ich (gut in Hörweite) mitbekommen habe. Und zuvor bitte ich, nicht zu vergessen, dass es um eine Kundgebung „gegen Asylbetrug und linke Gewalt“ ging.

Bitte:

„AHU, AHU, AHUAHUAHU!“

„Wo bleibt die Antifa?“

„Antifa – Hurensöhne!“

„Wir sind das Volk!“

OK.

Versuchen wir, sachlich zu bleiben …

Es ist jetzt nicht so, dass ich irgendwas davon gerne von besoffenen Vollpfosten vor meiner Tür rumgebrüllt hören möchte.

ABER:

Ich komme nicht umhin, dem pöbelnden Haufen zuzugestehen, dass er bessere Anti-Nazi-Kampagnen fährt, als ich es je könnte.

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