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Archiv für die Kategorie ‘Politik’


Da kri’sch Krise!

21. Juli 2010

Udo Vetter zitiert im lawblog einen Arbeitsvertrag. 40 Wochenstunden für 400 € monatliches Gehalt. Knapp 2,40 € Stundenlohn… also wenn jemand vom Arbeitsamt da hingeschickt wird, dann hat er in meinen Augen alle Berechtigung, den Laden durch die eigens eingeschmissenen Fenster wieder zu verlassen.

Das ist ja nicht mal als Aufwandsentschädigung für ehrenamtliche Arbeit diskutabel.

Author: Sash Categories: Politik

Todesstreifen?

7. Juni 2010

Die Polizei Berlin hat heute faszinierendes zu berichten:

“Straße mit Farbe beschmiert”

Was schon in der Überschrift wie pure Science Fiction klingt, wird im Detail noch unheimlicher:

“Unbekannte beschmierten in der vergangenen Nacht die Fahrbahn der Liebigstraße in Friedrichshain. Die Besatzung eines Funkstreifenwagens entdeckte gegen 0 Uhr 30 die weißen Streifen, die über die gesamte Fahrbahnbreite aufgetragen waren.”

Weiße Streifen über die gesamte Fahrbahn? Hey, ich höre euch lachen! Das ist todernst hier. Die Beamten aber verkannten den Ernst der Lage nicht:

“Da eine politische Motivation bei der Tatbegehung nicht ausgeschlossen werden kann, hat der Polizeiliche Staatschutz des Landeskriminalamtes die weiteren Ermittlungen übernommen.”

Und in der Tat tauchen weiße Streifen auf Straßen immer häufiger auf. Als Unbedarfter könnte man dahinter natürlich belanglose Malereien vermuten, aber die Wahrheit ist viel gefährlicher. Es waren natürlich politische Taten! Linksextremisten! Völlig logisch.

Ich selbst habe leider keine Insider-Infos. Es ist davon auszugehen, dass es sich um gemeine Kommando-Unternehmen handelt. Fakt ist jedoch, dass diese weißen Streifen überraschenderweise oftmals im Zusammenhang mit linken Demonstrationen auftauchen. Zum Beweis ein Bild aus Stuttgart im Jahre 2007, aufgenommen anlässlich einer sogenannten “1.-Mai-Demonstration”:

Im Vordergrund erkennt man gut weiße Streifen über die Fahrbahn, Quelle: Sash

Lange Zeit arbeitete man sich wahrscheinlich an Theorien ab, ob die Markierungen zur Spurfindung bei Demonstranten dienen, spezielle Anschlagsorte markieren oder einfach Graffiti mit einem verschlüsselten Inhalt darstellen.

Jedenfalls ist die einzige Möglichkeit natürlich, beim Auftauchen solcher Signale mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ebenfalls schon 2007 wurden erstmals die Möglichkeiten genutzt: Nach dem Auftauchen einer merkwürdigen Straßenbemalung wurde im Juni in Rostock einer der größten Polizeieinsätze Deutschlands ausgelöst:

Polizisten umzingeln das fragliche Objekt (rechts im Bild), Quelle: Sash
Polizisten umzingeln das fragliche Objekt (rechts im Bild), Quelle: Sash

Und wie allgemein bekannt sein sollte, entwickelte sich danach trotz des Aufstellen eines blauen Warnschildes völlig überraschend ein enormer linker Aufruhr rund um die Hansestadt. Man darf gespannt sein auf die nächsten Tage in Berlin…

:D

Author: Sash Categories: Fotos, Medien, Politik, Vermischtes

Und weg isser…

31. Mai 2010

Wow! Ich bin ernstlich überrascht worden gerade vom Rücktritt des Bundespräsidenten. Ich habe die ganze Chose mit seinen Äußerungen bezüglich deutschen Wirtschaftsinteressen und Krieg auch nur gehört, als es schon ans Dementieren ging. Ich hab den O-Ton im rbb-Inforadio nachts um was weiss ich wieviel Uhr an der Kreuzung Schönhauser/Danziger gehört (Ich schreibe das nur, damit ich es weiss falls es mich selbst irgendwann mal interessieren sollte, wo ich zu diesem Zeitpunkt war) und hab es eigentlich nur halblebig wahrgenommen.

Über die Intentionen des Herrn Köhler bei seiner Antwort im Interview mit dem Deutschlandradio kann ich zwar nichts sagen, aber es ist Tatsache, dass er ziemlichen Bockmist von sich gegeben hat. Ob er – wie später ein Sprecher dementierte – den Afghanistan-Einsatz gemeint hat oder einen fiktiven Krieg der Sterne, spielt dabei keine Rolle, würde ich sagen. Denn man kann unser Grundgesetz ebenso drehen und wenden wie hoffentlich die eigenen moralischen Überzeugungen auch, selbst “im Notfall” wird dabei keine Möglichkeit herauspurzeln, die einen Krieg seitens Deutschland wegen freien Handelswegen zulassen.

Mag sein, dass hier in eine nebensächliche zerstreute Äußerung zu viel hineininterpretiert wurde, aber den Umgang Köhlers damit, und jetzt der Rücktritt mit der Begründung, er vermisse den Respekt für das Amt… da hat er sich aber ordentlich disqualifiziert.

Und ich möchte mal anmerken, dass Köhler von allen Konservativen da draussen noch einer derjenigen war, die ich in gewisser Weise noch halbwegs ok fand. Der Rücktritt vom Koch beispielsweise war mir echt die fünf Minuten für einen Hinweis nicht wert.

Author: Sash Categories: Medien, Politik

Nachtsparen

31. Mai 2010

Es kriselt weiter fleissig da draussen im Lande, auf dem Kontinent und sogar weltweit. Auch die Regierung hierzulande sucht gerade krampfhaft nach Möglichkeiten, in Zukunft sparen zu können. In meinen Augen bedenklich oft wird dieser Tage auch darüber nachgedacht, bei Nacht- und Feiertagsarbeit künftig die Steuerfreiheit der entsprechenden Zuschläge zu streichen.

Das ist nun ein Thema, das erste schätze ich, das mich politisch auch meiner eigenen Situation wegen interessiert. Ich bin bisher soweit ich mich erinnern kann, kein einziges Mal auf die Straße oder ins Wahllokal gegangen, um mir selbst das Leben leichter zu machen. Ich persönlich lebe ja in einem erstaunlich konfliktfreien Vakuum innerhalb fast aller politischen Entscheidungen. Ich verdiene zwar wenig Geld, bin aber zufrieden damit. Ich hab passable Arbeitszeiten mit Luft nach oben und unten und entscheide das ohnehin selbst. Ich bevorzuge ein schon ziemlich spießiges Leben ohne teure Hobbies. Ich kann mir vorstellen, weniger zu heizen, langsamer zu fahren und ungesünder zu essen. Ich passe dank meiner Herkunft nicht ins Beuteschema meiner politischen Gegner, habe Spaß an meiner Lohnarbeit und als abschreckend großer weißer Mann muss ich mir fast überall auf dem Planeten keine Sorgen um Ausgrenzung, Rassismus oder Überfälle machen. Von Sexismus würde ich auch noch profitieren. Im Zweifelsfall bin ich mit einem ausreichenden sozialen Netzwerk ausgestattet, dass es mir erlauben würde, eine gewisse Zeit ohne Geld zu überleben, und moralische Skrupel, im Ernstfall kriminell zu werden, traue ich mir zu abzulegen. Ja selbst im Falle einer Hungersnot habe ich mehr Fettreserven als 90% der Menschheit und kann daher mit Fug und Recht behaupten, dass ich einfach keinen Grund habe, mich zu beschweren.

Im Grunde auch nicht über eine Streichung einiger Steuervergünstigungen.

Das heisst aber nicht, dass ich dafür wäre! Aber, und das ist komischerweise wirklich meine ehrliche Meinung, geht es mir auch hier eigentlich nicht um meine paar Euro. Klar, mir würde am Monatsende was im Geldbeutel fehlen. Wenn es ganz dumm läuft, dann bedeutet das, dass ich einen Tag mehr arbeiten muss, oder – um es ein wenig deutlicher zu machen – eine Viertelstunde mehr pro Tag. Das ist nicht wirklich ein Grund zum Jubeln, aber in meinen Augen ein vertretbarer Aufwand. Insbesondere, wenn wir mal so dümmlich und blauäugig wie all die CDU- und FDP-Wähler sind, die glauben, dass die Regierung weiss was sie tut und dieses finanzielle Mehraufkommen in irgendeiner Form tatsächlich sinnvoll verwendet.

Aber ich finde es unfair vielen Menschen gegenüber. Denn auch wenn ich selbst mit meiner Situation grinsend zufrieden bin, ist nicht abzustreiten, dass Nacht- und Feiertagsarbeit eine Mehrbelastung darstellen. Ob die gesundheitlichen Studien haltbar sind, weiss ich nicht. Aber alleine der soziale Faktor. Wie kann ich im selben Land Ladenöffnungszeiten einschränken, um die armen Beschäftigten vor Ausbeutung zu schützen, und andererseits die Arbeit derer, die dennoch Nachts arbeiten müssen, als gleichwertig abstempeln.

Ich hab vor einiger Zeit schon einmal geschrieben, dass es nunmal eine Menge Leute gibt, die Nachts arbeiten müssen. Die Ärzte und die Feuerwehr führe ich gerne an erster Stelle, aber selbst die von mir vielgescholtenen Polizisten widmen sich ja bisweilen Nachts sinnvollen Tätigkeiten, die keiner missen möchte. Was es für unser modernes Leben bedeuten würde, wenn auch Mitarbeiter von E-Werken, Kneipiers, U-Bahn- und Taxifahrer nachts einfach alle frei hätten, das kann man mal versuchen, sich auszumalen. Wir leben zwar inzwischen in einer Welt, in der ich beim Versandhandel nachts um ein Uhr ein Kissen mit Katzenmotiven kaufen kann, aber dennoch sind viele Dinge dieser Welt auf das Leben tagsüber zugeschnitten.

Denn meine Nachbarn bohren ihre Dübellöcher zu meiner Schlafenszeit. Wenn ich am Montag um 3 Uhr von der Arbeit komme, hat kein Laden mehr offen, in dem ich mir schnell was zu essen kaufen kann. Mein Arzt öffnet zu einer Tageszeit, die bei normalen Menschen etwa 1 Uhr Nachts bedeutet und wenn ich wegen irgendwas zu einem Amt muss, dann kann es schon mal sein, dass ich meinen Tagesrhytmus völlig umschmeissen muss. Dazu kommen Vertreter, Werbeanrufe und Nachfragen von Unternehmen, mit denen ich eine Geschäftsbeziehung unterhalte, die sich allesamt melden, wenn ich gerade meine zweite oder dritte Tiefschlafphase habe. Sicher ist auch mein Stromverbrauch höher, da ich zu freien Zeiten nachts das Licht anhaben muss.
Andere haben es noch schlimmer erwischt: Sie haben eine Frau, die einen Job macht, den sie nur tagsüber machen kann/darf oder gar so kleine wuselige Viecher, die tagsüber in die Schule müssen und den Rest der hellen Tageszeit kreischend in der Wohnung verbringen.

Von der seelischen Belastung, die einen befällt, wenn man am Wochenende abends nicht mit den Freunden einen trinken gehen kann, mal ganz abgesehen: Es sind nach wie vor eine Menge Nachteile, die einem die Nachtschicht verleiden können. Ganz im Ernst: Ich schäme mich nicht, dafür irgendwas zwischen 5 und 50 € monatlich an Steuergeschenken zu bekommen. Ich halte das schon in meinem Fall für eine gerechtfertigte Gegenleistung für den Gefallen, den ich betrunkenen Spätheimkehrern damit mache, morgens um 4 Uhr im Auto auf sie zu warten. Und die Bezuschussung für den Arzt, der mich dann um 5 Uhr aufnimmt, wenn der Betrunkene mir ins Lenkrad gefasst und damit einen Unfall provoziert hat, die kann in meinen Augen gar nicht hoch genug sein.

Ich bin grundsätzlich ein Vetreter libertärer Ansätze, und würde mir in erster Linie natürlich eine Angleichung des Nacht- an das Tagleben wünschen. Aber im Wissen darum, dass eine gewisse Ruhe dem Menschen definitiv gut tut (ist ja z.B. schön zu wissen, dass die Anrufe nachts um 4 Uhr wirklich dringend sind) und andererseits auch Party und Bohren in den eigenen vier Wänden wenigstens tagsüber ok sein müssen, bin ich eben dafür, wenigstens einen kleinen finanziellen Ausgleich für uns Nacht- und Feiertagsarbeiter zu erhalten.

Davon, dass die Nacht die schönere Tageszeit ist, können wir leider auch nicht alleine leben ;)

Author: Sash Categories: Politik

Blockier’ se!

4. Mai 2010

Ich möchte hier wegen den immer höher schlagenden Wellen der Kritik gegenüber Wolfgang Thierse als unbedeutender Blogger und ebenfalls Nazi-Aufmarsch-Blockierer sagen, dass ich es sehr sehr lobenswert finde, was Thierse getan hat!

Ich bin nicht in seiner Partei, halte diese sogar für unwählbar, stimme mit ihm grundsätzlich in wahrscheinlich kaum einer Frage überein, aber: Ich bin der Ansicht, dass es völlig in Ordnung war, dass er sich einer Sitzblockade gegen den Neonaziaufmarsch am ersten Mai 2010 in Berlin beteiligt hat.

Sollte ein Gericht feststellen, dass es sich dabei um einen Rechtsbruch gehandelt hat, dann kann ich diese Entscheidung nur verurteilen! Denn ich kann mir kaum schlimmeres vorstellen, als dass die Verbreitung neonazistischer Propaganda mehr dem deutschen Recht entspricht als ein Protest dagegen.

Ja, auch und gerade ich werte die Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter, die uns in dieser Gesellschaft derzeit gegeben sind. Nicht damit vereinbar sehe ich allerdings den Aufruf zur Volksverhetzung, die Verherrlichung des Nationalsozialismus und die Verteidigung der abscheulichen Gedanken, die hinter all dem stehen!

Auch wenn Thierses Aktion vielleicht nur symbolischen Charakter hatte, so bin ich doch froh darum, dass es selbst hier noch hochrangige Politiker gibt, die derart einsatzfreudig zeigen können, was ihre Überzeugung ist!

Author: Sash Categories: Politik

24 Stunden erster Mai 2010

2. Mai 2010

Ich bin ja bewusst spät aus dem Haus gegangen, weil es ein langer Tag werden sollte. Dass ich aber letztlich nach ewigem Hin und Her und Warterei beim Schienenersatz-Verkehr tatsächlich erst um Punkt 0 Uhr meine Schicht beginnen sollte, war so auch nicht geplant. Aber was ist schon Planung?

Es war die erste Schicht des Jahres, in der ich darauf verzichtet habe, ganz”tägig” eine Jacke zu tragen, und auch sonst war ich mehr als zufrieden. Die Schicht zählt nun in den Mai, was diesem Monat finanziell einen ungeplant guten Start gibt. Eigentlich waren ja zwei freie Tage vorgesehen. Aber wie gesagt: Was ist schon Planung?
Bis morgens um 6 Uhr hab ich einfach mal flott 150 € eingefahren, wenngleich die Schicht sonst erschreckend unspektakulär war. Keine erwähnenswerten Kuriositäten, kein extremes Drogenopfer, keine extrem weite Fahrt, kein extrem hohes Trinkgeld. Hier und da ein nettes kurzes Gespräch, aber fast alle Fahrten waren geradezu exemplarische Durchschnittsfahrten. Diese gab es wenigstens in guter Frequenz. Meinen Hunni hatte ich beispielsweise nach 64 km auf dem Tacho schon weg – Und normalerweise rechne ich ja mit etwa km = €. Um es kurz zu machen: Würde jede Schicht so verlaufen, wäre das gut für meinen Geldbeutel, super für meine Freizeit, aber leider auch völlig desaströs für den Blog. Ich hatte lange vor, diesen Eintrag zum ersten Mai in mehrere kleine Einträge zu gliedern, aber schon der Artikel über die Schicht wäre sowas von öde geworden…

Zum Abschluss des Ganzen hab ich Ozie abgeholt, da der Abstellort des Autos direkt am S-Bahn-Ring für den weiteren Verlauf des Tages optimal war.

Der Naziaufmarsch hatte eine abenteuerliche geplante Route von rund 6 Kilometern am Ring entlang: Von der Bornholmer Str. bis zur Landsberger Allee. Ich nehme an, die meisten ahnen, welchen Satz ich mir als Running-Gag für diesen Tag ausgesucht habe: Aber was ist schon Planung?

Wir waren ja selbst für Leute mit absonderlichen Schlafrhytmen enorm früh unterwegs, was uns nicht nur die Möglichkeit bot, jetzt schon einen ordentlichen Fußweg zu absolvieren, sondern auch, mal spontan an der Bundesfinanzdirektion auf der Treppe zu frühstücken. Ich nehme an, in Stuttgart wäre ich an diesem Punkt schon verhaftet worden. In Berlin hat man uns nicht einmal gesehen.

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Das Ablaufen der Route wurde dann an der Ecke Greifenhagener schon aprupt beendet, da die Polizei die Gegenkundgebung an der Ecke Schönhauser/Bornholmer inzwischen auch nicht mehr zulies.  Das war von deren Planung her ziemlich sinnig. Zum einen ist es ja nicht unpraktisch, Gegenproteste unterhalb des S-Bahnrings zu halten, wo nur ein paar Brücken gesichert werden müssen. Zum anderen ist eine Gegenkundgebung direkt auf der Route der Nazis natürlich ein Dilemma, bei dem wir uns schon davor gefragt hatten, wie sie sich das vorstellen. Nun wussten wir es. Wie man aber am Grund unserer Anreise schon vermuten kann, heisst das nicht, dass wir es deswegen toll fanden.

Ausgerechnet die Polizisten, die uns den Durchgang verwehrten, hatten aber eine erschreckend blamable Ortskenntnis, sodass wir uns letztlich selbst zusammenreimen mussten, welche Seite des Rings er meinte, die er mal nach “außen” und mal nach “innen” verlegte. Dass wir zudem die Möglichkeit haben sollten, direkt zum Nazitreffpunkt (S-Bahn Bornholmer) zu fahren, haben wir ihm schlicht nicht geglaubt.

Da absehbar war, dass die Bemühungen der Polizei darauf bauten, uns südlich des S-Bahn-Rings zu halten, haben wir uns in die U-Bahn gesetzt und sind zur Vinetastr. gefahren. Einmal alle Absperrungen von oben gesehen: Recht gehabt: Nach Süden ungleich mehr als nach Norden. Dennoch erschreckend, wie früh die da waren. Deren Arbeitstag stand meinem wahrscheinlich in nichts nach ;)

Die Aussichten nördlich der Bornholmer waren zunächst miserabel. Hier eine Kette, dort einzelne Cops. Für 2 Leute schlicht kein Durchkommen. Und keine Sau war sonst da. War es wirklich noch zu früh, oder ist sonst niemand auf die Idee gekommen, die Sperre mittels BVG zu umgehen? Aber just als wir uns ärgerten, das wir alleine waren, passierte etwas ungleich schlimmeres: Wir bekamen Gesellschaft von einem zwar netten, aber offensichtlich unter Drogeneinfluss stehenden panischen Mitstreiter, der mit seiner Theorie darüber, dass irgendwelche Neon-Zeichen auf dem Boden der Bahnstation uns irgendwas sagen müssten, nicht gerade zur Lösungsfindung beigetragen hat. Meiner Meinung nach hat der eher ins Bett als auf die Straße gehört, aber ich bin auch weit davon entfernt zu behaupten, Idioten gäbe es in unseren Reihen keine.

Kurz darauf zeigte sich dann aber, dass ein paar Gruppen ihre Hausaufgaben wirklich gut gemacht haben. Binnen weniger Minuten waren wir nicht mehr 2 bis 10 Leute an der Kreuzung, sondern 400 bis 700, und etwa 5 Minuten später stand eine verdatterte Gruppe Cops am Rande einer Kleingartenanlage und es war offensichtlich, dass die Planung auf ihrem einsamen Außenposten nicht vorgesehen hat, dass mehrere hundert Autonome ausgerechnet dort durch die Gärten zur Naziroute durchbrechen. Aber was ist schon Planung, nicht wahr? Die eiligst herbeigestürmte Verstärkung machte zwar noch vor uns dicht, aber es ist davon auszugehen, dass diese Gruppe die erste Blockade auf der Ostseite gestellt hat.

Wir hatten nun die Wahl, uns entweder wieder ein ganzes Stück in den Osten zurückzubewegen, oder aber mal zu sehen, was westlich der Bösebrücke passiert. Dort angekommen trafen wir auf eine Pi mal Daumen 1000 Menschen umfassende Blockade. Die Stimmung war ausgelassen und recht locker, da es zum einen stetig mehr oder minder gute Musik und ständig neue Erfolgsmeldungen gab, zum anderen aber keinen Stress. Das wiederum war der Tatsache geschuldet, dass diese Blockade nicht auf der Naziroute lag, sondern lediglich eine potenzielle Ausweichroute gen Wedding dichtgemacht hat. Ergo wurde nie versucht, bei uns zu räumen, was den größten Stressfaktor schlicht eliminierte. So haben wir die folgenden 8 Stunden mehr oder minder mit Herumchillen auf der Straße verbracht. Zum Satz des Tages wurde die Anfrage eines Passanten an einen Blockierer:

“Entschuldigen sie, stehen sie auch an?”

Uns erreichten beinahe minütlich Infos über den Stand im Osten, wo scheinbar eine Blockade nach der anderen gebildet und wieder geräumt oder eben doch gehalten wurde. Es ist anzunehmen, dass das für die meisten Beteiligten ziemlich anstrengend und teilweise auch unschön war, aber dafür eben auch erfolgreich. Von ihrer Route haben die Nazis nur einen erbärmlichen Teil gesehen, und ihr Vorankommen wäre zwar für Pantoffeltierchen ein neuer Geschwindigkeitsrekord gewesen, aber für sie war es wahrscheinlich nervig und öde. Viele hatten zudem offenbar bereits bei der Anfahrt Probleme und eine Gruppe wurde gleich von den Cops kassiert, weil sie den Versuch unternommen haben, über den Ku’damm zu marschieren.

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Wir haben das alles nur via Durchsage mitbekommen, aber es hat sich dennoch gezeigt, dass es nicht so ganz falsch war, dass wir unsere Stellung gehalten haben, denn als wir am späten Nachmittag die Stellung aufgeben wollten, kam nach wenigen Minuten die Info, dass die Cops scheinbar versuchen, vielleicht doch dorthin umzuleiten. Es kam, wie es kommen musste: Aufregung, Blaulicht, ein kurzer Spurt, und abgesehen von einer leicht dezimierten Anzahl an Leuten blieb die Blockade dann fast wie sie gewesen war endgültig, bis die Nazis in ihre Züge verfrachtet wurden.

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Die Stimmung bei der folgenden Spontandemo auf dem Weg nach Kreuzberg war unbeschreiblich gut. Laut, auffällig und völlig ungeplant. Denn dass Planung an dem Tag nichts zählte, hatten wir nun ja schon öfter erwähnt…

Ozie merkte meines Erachtens nach zu Recht an, dass es schade sei, dass uns sowas nie positiv angerechnet wird. Mehrere hundert böse Autonome ziehen spontan durch die Straßen. Nach einer stundenlangen Blockade auf zur nächsten Demo: Nicht gerade Gelegenheitsdemonstranten. Dazu nirgends Polizei, alle maßlos überfordert. Und was passiert? Ein Scheißdreck! Nix! Einer der Demonstranten an diesem Tag hatte das passende Schild dazu dabei:

“Ich hab nix zu sagen, ich bin nur der Gewalt wegen hier!”

Wenn auch die Lautstärke sicher recht hoch war, ist die Demo doch recht gut in der U8 nach Kreuzberg untergekommen. Ein bisschen ölsardinig war es zwar, wobei angemerkt werden muss, dass das auf den Geruch gar nicht so wirklich zutraf. Am Alex ist es dann allerdings wirklich eng geworden, als die Anzahl der Fahrgäste sich nochmal rund verdoppelt hat, aber als Freund der kleinen Lichtblicke wusste ich eine Minute später folgenden Satz, irgendwo in der U-Bahn ausgesprochen, zu würdigen:

“Ich meine, es ist jetzt nicht mehr ganz so angenehm wie vorher…”

Und am Kotti dann waren natürlich schon zehntausende Menschen am Feiern.

Die revolutionäre Demo fand dieses Mal ja südlich der Skalitzer statt, was ich zumindest des Laufens wegen für gar nicht schlecht halte. Ob die strikte Trennung von Myfest und Demo letztlich wirklich eine sinnige Polizeitaktik war, das ist eine andere Diskussion, für die mir die Fakten fehlen. Zunächst muss ich die Eingangskontrollen ansprechen, gegen die ich doch schärfstens protestieren muss: Genauso wie Ozie im Kapu im Normalfall ungefährlich ist, bin ich im Hemd doch schon ein wenig beleidigt, nicht als potenzieller Gewalttäter ernst genommen zu werden. Aber ich hab gefragt:

Ich kann “NATÜRLICH durch“.

Kleider machen Leute, auch wenn sie nach stundenlangem Straßenaufenthalt verdreckt sind. Aber wie so oft war die Demo in geradezu erschreckendem Maße unspektakulär. 20.000 überwiegend wie Sash komplett schwarz gekleidete und grimmig dreinschauende Menschen ziehen hinter dem Lauti-LKW her, von dem aus geradezu absurd laute Musik den ganzen Bezirk beschallt und gelegentlich voll böse revolutionäres Gerede für gelegentliches Skandieren einiger Parolen sorgt. Aber wenn man ehrlich ist: Die Demo bezieht ihren beeindruckenden Charakter nicht aus der Lautstärke der Teilnehmer oder gar aus Gewalt.

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Vielmehr wirken 20.000 Leute, noch dazu in schickem schwarz, per se beeindruckend und die Erwartungshaltung bezüglich einer Eskalation seitens Polizei, Touristen und Anwohnern verleiht dem ganzen mehr Druck als jede tatsächliche Gewaltanwendung, die aus einer Demo heraus potenziell möglich wäre, es könnte. Kurz gesagt: Natürlich profitiert die Demo inzwischen von ihrer Geschichte und dem Hype darum. Aber gelegentliche Partystimmung durch Feuerwerk auf den Dächern wird ja wohl erlaubt geduldet sein…

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Die Demo zerfloß am Spreewaldplatz ziemlich schnell in eine Art Volksfest und in Anbetracht der Tatsache, dass bei meiner Ankunft nur eine eher lässige Polizistenkette es größeren Gruppen untersagte, zum Myfest Aschluss zu suchen, bezweifel ich mal, dass wie bei spiegel.de berichtet, “aus dem sogenannten Schwarzen Block der Autonomen” allerlei Wurfgeschosse auf Polizisten niedergingen. Ich will personelle Übereinstimmungen nicht ausschließen, sicher, aber das war keine Demo-Aktion, sondern die Randale danach, auf die alle daran Beteiligten gewartet und hingearbeitet haben. Wer immer diese Beteiligten im einzelnen auch sind.

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Wir sind recht bald eine Runde essen gegangen, was glücklicherweise nicht mit langen Wartezeiten verbunden war – wahrscheinlich weil Hähnchen insgesamt als nicht ganz vegetarisches Lebensmittel in linken Kreisen kaum Anhänger hat ;)
Und für Toilettenbesuch inklusive Händewaschen war auch Zeit. Super.

Für ein paar Minuten sind wir anschließend nochmal kurz rüber zum Spreewaldplatz, und abgesehen vom inzwischen gewohnten Anblick gestaltete sich der Krawall dort auch dank meiner langsam über mich hereinbrechenden Müdigkeit als absurdes Schauspiel. Die kuriose Choreografie der Bewegungen von Menschenmenge, Polizei, verschiedenen Einsatzfahrzeugen und Passanten hat im Zusammspiel mit dem treibenden Techno-Beat und den vielen Lichteindrücken von Scheinwerfern, Lichtorgeln und Blaulicht tatsächlich beinahe schon etwas von einer hypnotischen Aufführung gehabt. Zeit, heimzugehen!

Zumal es anfing zu regnen. Als ob ich die Kombination aus Straßendreck, Schweiß und Knoblauchdip nicht schon für die ultimativste Zumutung für unseren Taxifahrer gehalten hätte, kam jetzt auch noch das Wasser von oben dazu. Und eine Weile laufen mussten wir natürlich, das ist ja klar an diesem Tag. Aber ich denke, dass mein Trinkgeld ihn ein wenig entschädigt hat. Ich werde keine Zahlen nennen, aber ich bin recht sicher, dass es das beste in der Schicht war. Und er hat nun wirklich keine Sympathie- oder Service-Rekorde gebrochen, aber das war uns die Beförderung nach dem Tag wert.

Und so blieb vom ersten Mai nur noch rund eine halbe Stunde zu Hause, die ich beim besten Willen nicht mehr zum Bloggen oder zu sonstwas sinnigem Verwenden konnte und/oder wollte. Dafür gibt es ja heute! Ich hätte natürlich auch für Abends schon einen Eintrag planen können.

Aber was ist schon Planung?

Man kann sich für Infos über den ersten Mai auch mal durch den taz-Live-Ticker lesen, der ist eigentlich nochmal deutlich unterhaltsamer als mein beschränkter Überblick.

Im Übrigen dürft ihr euch für den späten Artikel auch bei meinem Computer bedanken, der mich zwischendrin aus dem Admin-Bereich gekickt, und trotz eigentlich eingestellter automatischer Sicherung den halben Artikel vernichtet hat.

So seh’n Sieger aus (Shalalalala)

2. Mai 2010
Die Ausweichroutenblockade an der Bornholmer, Quelle: Sash

Die Ausweichroutenblockade an der Bornholmer, Quelle: Sash

So, seit meinem Aufstehen sind jetzt 27 Stunden vergangen. Vor über 25 Stunden bin ich arbeiten gegangen und im Anschluss standen die Blockade des Naziaufmarsches und die Demo in Kreuzberg an. Der ausführlichere Bericht kommt später, jetzt sind erst einmal Dusche und Bettchen angesagt…

Author: Sash Categories: Feinde, Fotos, Politik, Staatsgewalt