Auschwitz und die Schuld

Gerade jetzt wieder – wo auch Pegida und co. grüßen lassen – ist es ein Thema: 70 Jahre Befreiung von Auschwitz! KZ’s, Nazis, deutsche Schuld, etc. pp. Angeblich voll schlimm. Was man da alles lesen muss …

Wir als Nachgeborene haben keine Schuld, man muss die Vergangenheit auch mal hinter sich lassen, etc. pp.

Ja, natürlich!

Als 1981 geborener Deutscher kann ich derartigen Verallgemeinerungen nicht einmal widersprechen. Natürlich habe ich keine Schuld an Auschwitz und natürlich liegt auch mein Fokus auf der Zukunft und nicht der Vergangenheit. So weichgespült könnte ich sogar diese Naziparolen gutheißen.

Aber wie so oft liegt das Problem nicht in irgendwelchen Worten. „Ich bin nicht schuld!“ kann ich natürlich voller Überzeugung blöken, es ändert aber nunmal nichts daran, dass ich gerade weil ich Deutscher bin, schon aus der Geschichte meiner Großeltern lernen kann. Neonazis und andere Rechte fühlen sich immer gleich angegriffen, wenn man sie auf die Vergangenheit verweist – was aber eben nur passieren kann, wenn man zwingend der Nation oder der Vergangenheit eine Deutungshoheit über die eigene Befindlichkeit gibt.

Das sehe ich witzigerweise gerade als Linker viel lockerer und positiver. Es war eben hier in Deutschland, wo der Holocaust in Form abscheulicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattgefunden hat. Eine weder vorher noch nachher überholte staatliche, organisierte und erschreckend effiziente Form des Völkermords.

Ich fühle mich dadurch kein Bisschen angegriffen. Mir ist schon bewusst, dass diese Verbrechen auf die Konten meiner Großeltern gehen. Und wiewohl das in einigen Fällen, wo es vielleicht „nette“ Menschen betrifft, verstörend sein mag: Ja, das kann man in meinen Augen abtun unter „andere Menschen haben böse Dinge getan“.

Ich sehe darin, dass ich in Deutschland geboren bin, kein Manko. Im Gegenteil: Ich lebe in einem der reichsten und nebenbei besten Staaten, die es derzeit gibt. Ich bin nicht mit allem zufrieden und würde vieles gerne ändern, aber das wollen wohl viele hier und anderswo.

Was Auschwitz als Vokabel in Form eines Sinnbilds für Menschenverachtung für mich so greifbar macht, ist genau jener geschichtliche Zusammenhang, der von Nazis gerne instrumentalisiert wird: Ja, es waren Deutsche, mitunter Verwandte, die das möglich gemacht haben. Und ja, es ist hier passiert und nicht irgendwo weit weg, wo man das ignorieren könnte!

Natürlich:  Wenn man nichts weiter hat als die Nation, mit der man sich identifizieren kann, dann tut das weh. Dafür bemitleide ich Nazis auch ganz dolle, aber ich sehe es nicht ein, aus ihrer krankhaft beschränkten Weltsicht eine Politik ableiten zu müssen.

Auschwitz, der Holocaust, der Massenmord – natürlich kann ich nichts dafür! Und ja, selbst Neonazis nicht. Aber auch wenn wir unseren Blick (sinnvollerweise!) in die Zukunft richten, so haben eben gerade wir Deutschen aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit einen Vorteil. Ja, einen Vorteil!
„Wir“ Deutschen wissen, wie unglaublich schief eine krude Mischung aus Nationalismus und Faschismus laufen kann. „Wir“ Deutschen sind die einzigen, in deren Geschichte verankert ist, wie schlimm sich schon „harmloser Antisemitismus“ auswirken kann. Und vielleicht leben wir dadurch im einzigen Land, das deswegen in der Lage ist, das Problem an der Wurzel zu bekämpfen.

Für Menschen, die sich nicht dieselbe Fremdenfeindlichkeit wie Nazis auf die Fahnen geschrieben haben, ist Auschwitz eben keine „Keule“, kein Eingriff in ihr Leben – sondern irrwitzigerweise ein Baustein, der dafür sorgt, dass Deutschland anderen Ländern einen Schritt voraus ist.

Und deswegen ist es richtig, dass in der Schule das „3. Reich“ thematisiert wird, dass es Gedenkveranstaltungen gibt und an vielen Stellen immer wieder auf die „Schuld“ verwiesen wird, die nur denen ein Dorn im Auge sein kann, deren Diskussionsteilnahmemöglichkeit ohnehin ein schwerer Fehler war.

Obwohl völlig schuldfrei, spreche auch ich mich hiermit gegen jedes Vergessen und gegen jede Form (neu)rechten Gedankengutes aus!

 

6 Comments

Filed under Politik

6 Responses to Auschwitz und die Schuld

  1. Ich kann da gerade nichts anders als „word!“ sagen.
    Anders hätte ich es auch nicht ausgedrückt

  2. Wahlberliner

    @egal: Danke für den Tipp! Der Film ist noch in der ARD Mediathek verfügbar, und mit diesem netten Progrämmchen:
    http://zdfmediathk.sourceforge.net/
    kann man ihn auch vom Depublikationszwang nach 7 Tagen befreien und aufheben. 🙂

  3. DerInderInDerInderin

    Auch wenn ich deinen grundsätzlichen Überlegungen wie immer 100%ig zustimmte, finde ich es durchaus erwähnenswert, dass andere Episoden der Geschichte, die auch ebenfalls von extremer Gewalt geprägt waren, auch nicht der Vergessenheit anheim fallen sollten.
    Das geht von den Atombomben über Japan bis zu den 20 Millionen Menschen, die in der stalinistischen Sowjetunion in Gulags verschleppt und bei denen die Sterblichkeitsrate in Lagern wie Kolyma und Workuta bei 50% lag.
    Oder auch solche längst vergessenen Dinge wie der Völkermord an den Armeniern. Bei diesem Genozid starben bei Todesmärschen und in Lagern je nach Schätzungen mehr als 1,5 Millionen Menschen.
    Oder was ist mit der faktischen Ausrottung der Tasmanier durch die Briten? 100 Jahre nach der Entdeckung Tasmaniens war die Bevölkerung faktisch ausgerottet. Komplett.
    Warum redet da niemand mehr darüber? Hier soll nichts aufgerechnet werden, und alleine schon aus diesem Grund habe ich die Tasmanier erwähnt – denn es waren leider nie sehr viele Menschen. Und gerade deswegen finde ich es auch wichtig, das man sich an diese Dinge erinnert und überlegt, wie so etwas passieren konnte.
    Die Deutschen sollten auf keinen Fall vergessen, und was geschehen ist muss denen, die es nicht erlebt haben (also uns) erklärt und verdeutlicht werden, in aller Klarheit – damit sich so etwas niemals wiederholen kann.

    Allerdings wünsche ich mir manchmal, das würde anderenorts ebenso passieren, denn leider hört man von so manchen anderen Greueltaten nichts mehr, diese werden lieber ins Dunkel gekehrt, um die eigene Weste reiner zu halten, als sie ist. Schade….

  4. elder taxidriver

    Sashs Eintrag war, wie man leicht sehen kann anlässlich des 27. Januar, Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus. Jetzt noch über alle anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Welt zu schreiben würde , wie man leicht sehen kann, den Rahmen doch irgendwie sprengen. Es macht sich auch nicht so gut, gerade an diesem Tag auf die teils jahrhundertealten Verfehlungen der anderen hinzuweisen.

    Für die Armenier deren Schicksal keineswegs vergessen ist, sondern in den letzten Jahren breit diskutiert wurde, gibt es den 24. April als Gedenktag .
    Über die GuLAG-Opfer gibt es mindestens das ‚Schwarzbuch des Kommunismus.‘
    Über Kolyma gibt es die lesenswerten Erzählungen von Warlam Schalamov. Von Solschenizyn sowieso.
    Und über alles gibt es zum Beispiel das handliche ‚Lexikon der Völkermorde‘.
    Dass es immer wieder Versuche gibt etwas ins Dunkel zu kehren um die eigene Weste reiner zu halten ist unbestritten, gelingt aber heutzutage nicht mehr so leicht. Und , natürlich, über die
    Ausrottung der Indianer das ist ein ständiges Thema in Amerika. Von der Forschung und vielen Filmen breit und ausführlich dargestellt.

    Ansonsten bin ich 100%ig der Ansicht von DerInderInDerInderin

  5. @egal und Wahlberliner:
    Danke für die Links

    @DerInderInDerInderin und elder taxidriver:
    Ihr habt Recht, aber so gesehen haben wir ja tatsächlich einfach nur einen Vorsprung vor vielen anderen Ländern. Und – das kommt ja dummerweise noch dazu – die Aufarbeitung funktioniert viel besser, wenn sie aus eigenem Antrieb kommt.
    Darüber hinaus hat natürlich jeder Landstrich da draußen eine interessante Geschichte, aus der man sicher viel lernen kann, ebenso wie aus der gegenwärtigen Kultur. Da muss ich auch ganz ehrlich zugeben, passen zu müssen. Überlegt mal, was die letzten 200 Jahre alleine auf heute deutschem Boden für eine Reichhaltigkeit darstellen. Bei den meisten anderen Ländern fehlt zumindest mir persönlich eine vernünftige Einschätzung der Situation, um nicht versehentlich einer historisch problematischen Bewegung das Wort zu reden. Außerdem schreibe ich auf deutsch, das hat auch wieder wenig Nutzen für beispielsweise die Tasmanier oder Russen. Will heißen:
    Ich übersehe die Greueltaten anderer Länder sicher nicht alle, sehe mich aber auch gar nicht als qualifiziert genug an, über sie zu urteilen – und ein Nichterwähnen ist nicht unbedingt als Schweigen zu werten (Ich weiß, ein gewisser Herr Brecht würde mir jetzt aufs Dach steigen. 😉 ), denn sonst könnte man sich schwerlich über irgendwas konkretes unterhalten, sondern müsste immer das Weltgeschehen anbei erklären.

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