An die Angsthasen

Dass ihr das nicht lesen werdet, ist leider zu befürchten. Das hier ist nicht der Leitartikel der FAZ und nicht einmal eine Verbalentgleisung eines grenzdebilen Dampfplauderers auf Seite 2 von Deutschlands meistgehasstem Klopapier. Es ist nur ein Blogeintrag. Damit ist ja auch schon alles gesagt.

Euren Einsprüchen gegen fast mein gesamtes Leben und den weltweit größten Kulturbetrieb aller Zeiten ist in der Regel gemein, dass sie über „das Internet“ berichten und beginnen, zwar eine Grenzlinie zwischen euch und denen zu ziehen, die eine Maus bedienen können, dabei aber wahllos alle halbwegs plausiblen Unterschiede zwischen Schülern, Künstlern, Kleinkriminellen und Terroristen plattbügeln, um die vermeintliche Gefahr des weltweiten Netzes begründen zu können.

Da die menschliche Bandbreite an verachtenswerten Taten vom an sich harmlosen Beleidigen bis zum gezielten Einsatz von Massenvernichtungswaffen reicht, ist das was ihr Internet nennt, sicher nicht fehler-, kriminalitäts- oder gewaltfrei. Anstatt zu akzeptieren, dass es sich bei der Vernetzung der Menschen – hinweg über Nationen, Kontinente, Geschlechter, Stände und Systeme – letztlich nur um ein Spiegelbild und zugleich eine Fortführung der Gesellschaft(en) handelt, die ihr nun besser findet als „das Netz“, propagiert ihr wie letztlich alle vor euch, die noch gegen eure liebgewonnenen Spielzeuge (Handy, Fernsehen, Postkarte etc…) gekämpft haben, dass ausgerechnet dieses seltsame Internet jetzt der Untergang unserer Werte und Kultur oder wenigstens eurer Nachtruhe ist.

Diese Untergänge haben wir seit der Erfindung des Buchdrucks also regelmäßig und euer viel geliebtes und hoch gelobtes Leben im Deutschland eurer Träume wäre nie möglich gewesen ohne den anhaltenden Fortschritt.

Schon jetzt ist zu erkennen, dass das, wogegen ihr euch strebt, den nachfolgenden Generationen ein vielfach besseres Leben ermöglichen wird. Und wenn ihr mal ehrlich seid: So lange auch die DAX-Konzerne dabei mitverdienen, ist euch das doch im Prinzip auch Recht.

Wie viele Untersuchungen gab es eigentlich zur Frage, ob die französische Revolution durch ein fortschrittliches Postsystem begünstigt wurde oder worden wäre? Und trotz der erschreckenden Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus konnte sich das Radio letztlich durchsetzen, obwohl es garantiert in wesentlich gröberem Umfang zum Niedergang eines ganzen Kontinents beigetragen hat, als jedes andere Medium bisher.

Ist euch denn völlig entgangen, inwiefern das Internet zur Vereinfachung des Lebens beigetragen hat? Wie sehr es den Wissenschafts- und Kulturbetrieb bereichert und beschleunigt hat? Wie sehr es die Wirtschaft in jeder Sekunde fördert, wie sehr es Menschen hilft, in Kontakt zu bleiben, Kontakt zu finden?

Euer Problem ist nicht das Internet. Ihr habt Angst vor den Menschen. Als Notbehelf, um diese Argumentation zu entkräften, erfindet ihr die Web-2.0-Generation, die wenn nicht pädophil und terroristisch, dann doch wenigstens dumm, fett und gewaltbereit diesen ominösen virtuellen Raum bevölkert. Dieser Raum lässt sich in eurer Vorstellung dann einfach abschließen, der Schlüssel wird weggeworfen und das Problem ist erledigt. Das kann nicht funktionieren, weil die Menschen aus genau derselben Welt stammen wie ihr. „Das Internet“ ist keine große Sammlung von Freaks und Psychopathen, sondern in weit größerem Maße die Welt der Chefs und Politiker von morgen.

Stoppschilder gegen Sexualstraftäter, Twitter-Shutdown gegen Krawalle, Vorratsspeicherung gegen Terroristen und Facebook-Verbote gegen Datenmissbrauch! Wenn die Welt so einfach wäre, wie ihr sie in eurem Unwissen verkaufen wollt, dann würden wir doch längst den Frieden auf Erden haben. Wir könnten Zäune in Fußgängerzonen stellen, die Telefone verbieten, überall Kameras in die Wohnungen der Menschen hängen und die deutsche Post zerschlagen. Ist das die Welt, wie ihr sie euch vorstellt? Ich glaube nicht, aber das ist das, was ihr meiner Ansicht nach und der Ansicht vieler Millionen Menschen nach vorschlagt.

Ist es nicht eigentlich die pure Unwissenheit, die euch treibt?

Wer von euch hat schon einmal mit einem Blogeintrag mehr bewegt als mit einem Leserbrief an den Spiegel? Wer von euch hat mal einen alten Schulfreund via Facebook wiedergefunden, wie viele geschäftliche Kontakte habt ihr bei Google+ schon geknüpft? Wer hat seine Urlaubsbilder bei Picasa mal auch den Leuten zeigen können, die für einen Dia-Abend zu beschäftigt waren? Wer von euch hat seine Freunde mal via Twitter schnell und problemlos zu einem Feierabend-Umtrunk eingeladen? Wer von euch hat schonmal mit seiner eigenen Homepage ein Bewerbungsgespräch vermittelt bekommen? Wer von euch hat schon einmal eine wissenschaftliche Arbeit mit frei verfügbaren Quellen aus dem Internet verfeinert oder Aufnahmen der alten Schulband irgendwo bei myspace wiedergefunden, die als verschollen galten?

Jede Wette, dass ich alleine auf meine persönliche Positivliste mehr Punkte setzen kann, als euch überhaupt Terroranschläge einfallen, die seit der Erfindung des Computers verübt wurden!

Ich finde es unangemessen, auf Probleme mit schönen Utopien voller Blümchen und niedlicher Tierchen zu antworten. Der Grund, warum ich es in gewisser Weise hiermit tue, ist der: Das Internt IST eben das eine wie das andere! Es ist ein so heterogener Raum, eine so große Vielfalt, dass es ohnehin Schwachsinn ist, es immer mit einem Wort zusammenzufassen.

Wenn ihr wirklich der Meinung seid, das Telefon gehöre abgeschafft wegen der vielen obszönen Anrufe, die man damit tätigen kann: OK, dann seid ihr einfach Idioten! Wenn ihr aber tatsächlich Angst habt, dann kann ich nur raten, es mal auszuprobieren. Irgendwann stellt man nämlich fest, dass es neben bild.de und isharegossip.com noch ein kleines bisschen weitergeht im Internet. Oder würdet ihr wirklich auch Deutschland abreissen, nur weil hier in Berlin-Marzahn ein paar hässliche Plattenbauten stehen?

(Liebe Stammleser: Ich weiss, euch langweile ich vielleicht damit. Aber falls ihr mir wenigstens zustimmt, dann verbreitet den Text irgendwo, man muss es einfach immer mal wieder sagen!)

13 Comments

Filed under Medien, Politik

13 Responses to An die Angsthasen

  1. Flo

    True, true.

    Ich vermisse gerade den +1-Button, den ich just in diesem Moment, genau bei diesem Artikel hier, wenn es denn möglich wäre, mindestens 100x drücken würde. Ich erinnere mich dunkel an eine Seite in meinem Geschichtsbuch, in der stand, dass die Erfindung der Dampfmaschine und damit erreichbare Geschwindigkeiten jenseits von 30-40km/h für Behauptungen von Kritikern sorgte, eben jene Geschwindigkeiten würden das Gehirn schädigen und „erweichen“ 😉

    Ich wüsste zu gern, was in den Geschichtsbüchern/-blogs/-hologrammen in 100 Jahren stehen wird…

  2. So sehr ich deine Worte als richtig und wahr empfinde, so sehr wird mir auch bewusst, dass in den Betonköpfen der von dir postulierten Angsthasen diese Erkenntnis niemals wahrlich reifen wird. Und wie der Buchdruck verteufelt wurde, so erledigt sich dieses Problem mit der Zeit, wenn die Generation derer, die Internet als „erweitertes Fernsehen“ begreifen, ihre letzte Fahrt im Kombi angetreten haben.

  3. Aro

    Dito. In zehn Jahren ist das Thema eh erledigt, wenn die Nativs in den letzten noch vorhandenen Redaktionen sitzen. Für die ist „das Internet“ dann gar kein Thema mehr, weil es einfach Teil des Alltags ist, oft sogar unbemerkt.
    Ein guter Text!

  4. steakhouse

    Das Internet ist eine bloße Fortsetzung der Gesellschaft unter Einbeziehung anderer Mittel. Oder so ähnlich.

  5. Nihilistin

    Was ich gut finde an Deinem Text (da ich selbst nicht Blogger ist es mit der Weiterverbreitung nicht so dicke), ist die Tatsache, dass Du versuchst die Leute „in ihrer Welt abzuholen“. Natürlich mit Wut und auch Ironie.
    Immer angenommen, es ist wirklich nur Unwissenheit und Angst, nicht Kalkül und Absicht.
    Ich finde inzwischen Bilder ganz gut, die in der „anderen“ Welt stattfinden. so wie Vorratsdatenspeicherung:
    stell Dir vor, jeder, wirklich jeder Brief wird in einem Zentrum gesammelt, geöffnet, kopiert, zugeklebt und wieder weggeschickt. Es wird notiert an wen und von wem er war. Auch die liebesbriefe an deine Frau, Herr Friedrich. Du kannst nur hoffen, dass sie niemand liest und an die Presse gibt. Du kannst nur hoffen, dass sie sicher eingeschlossen sind und nur dann hervorgeholt werden, wenn du mal in einen kriminellen Verdacht gerätst. Und dass sie nach 6 Monaten vernichtet werden.
    Du kannst es weder verhindern noch kontrollieren. Willst Du das?????

  6. steakhouse

    @Nihilistin: Der Vergleich hinkt. Briefe werden bei der Vorratsdatenspeicherung nicht geöffnet, kopiert, zugeklebt und weiter geschickt. Es findet nicht einmal das Äquivalent dazu statt. Mit so einer Argumentation spielt man der Politik wunderbar in die Hände weil sie zeigt, dass man die Vorgänge bei der Vorratsdatenspeicherung offensichtlich nicht verstanden hat.
    Wenn man die Vorratsdatenspeicherung mit der Post vergleichen will, müsste man den Vergleich anpassen. Gerät Herr Friedrich unter Verdacht, würden die Daten hervorgekramt werden; es würde festgestellt, dass er seiner Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Brief geschrieben hat; und es würde festgehalten, von wo er das wohin gemacht hat. Was den Inhalt des Briefes angeht, könnte man aber nur spekulieren, weil den Brief bis auf die Frau und Herrn Friedrich im Idealfall niemand kennt. Möglicherweise war es ein Liebesbrief; möglicherweise eine Morddrohung, weil er seine Frau hasst.

    Dementsprechend ist der Vergleich mit Friedrich und seiner Frau auch extrem unglücklich, weil es ziemlich uninteressant ist, dass Friedrich Kontakt zu seiner Frau hat. Bedenklicher wird es, wenn Kontakte von Friedrich zu hoch spezialisierten Ärzten rekonstruiert werden können oder zu bestimmten Beratungsstellen. Denn da kann man tatsächlich schnell auf den Kommunikationsinhalt schließen. Bedenklich ist natürlich auch, dass die Orte der Kommunikationsendpunkte gespeichert werden, was man aber mit dem Vergleich zur „realen Welt“ nicht wirklich greifbar macht: Da ist die „normale“ Post etwas unbedenklicher, weil sich dort kein Äquivalent zu konstanten Datenverbindungen wie bei Smartphones findet.

  7. @Flo:
    Das wüsste ich auch gerne, glaub mir 🙂
    Und sorry, beim Button bin ich ein bisschen hinterher – hab es aber bei G+ gepostet.

    @Der Maskierte:
    Es kommt einem aber so erschreckend langsam vor… gut, vielleicht eine Macke aus dem Internet 😉

    @Aro:
    Danke! 😀

    @Nihilistin:
    Der Vergleich gefällt mir. Die Argumentation von steakhouse ist allerdings nicht zu verachten. Sollte man mit einbeziehen.

  8. Wer meint denn, das Internet gehöre abgeschafft?
    Was vielmehr von vielen Politikern unterschwellig propagiert wird, ist die Abschaffung des Datenschutzes.
    Brave New World!

  9. Interessant an der Debatte finde ich vor allem, dass das Innenministerium immer stärkere Ermächtigungen für Polizei und Geheimdienste fordert, während das Verbraucherschutzministerium Privaten immer stärkere Auflagen machen oder bestimmte Netzanwendungen ganz verbieten will. Beides liegt daran, dass zur Zeit noch eine Generation von Menschen in den Spitzenpositionen der Regierung und Verwaltung sitzt, die nicht mit den neuen Kommunikationsmitteln aufgewachsen ist.

    Ich selbst bin politisch auch ein „Schwarzer“ (wenngleich nur auf der Gemeindeebene aktiv), und ich merke häufig, wie schwer es ist, gegen die „Internetausdrucker“ Position zu beziehen, Ängste abzubauen und durch Informationen zu ersetzen. Ähnliche Probleme haben die anderen Parteien ganz genauso, von den Piraten einmal abgesehen. Wie Der Maskierte und Aro denke ich allerdings auch, dass sich das Problem auf mittelfristige Sicht erledigen wird, da kaum jemand in unserer Generation – gleich welcher politischer Ansicht – auf digitale Kommunikation verzichten werden will. Außerdem zeigen die Freiheitsbewegungen in Nordafrika und im Nahen Osten gerade, welches freiheitliche Potential (auch anonyme) Meinungsäußerungen im Internet haben.

  10. Wahre Worte.
    Aber ist ist nunmal einfacher eine „Generation Doof“ zu propagieren als einzugestehen das man mit dem „Neuen Medium Internet“ nicht umgehen kann und will. Das Internet gibt dem „Pöbel“ die möglichkeit sich zu organisieren, sich auszutauschen und Informationen zu beziehen, Und das ist gefährlich. Bestehende Machtstrukturen sind bedroht, und wie das ausgeht, sieht man an Wikileaks. Wer zu unbequem wird, der hat dann auf einmal imaginäre und unauffindbare Frauen vergewaltigt.

  11. Nihilistin

    @steakhouse: Ja, ist natürlich die sehr viel richtigere „Übersetzung“ in die Nicht-Internet-Welt. Ich hatte mein Erklärmodell auch nicht fertig ausgearbeitet, sondern eben so beim Schreiben entworfen. So, wie ich mir für meinen Ü80jährigen Vater auch immer „Übersetzungen“ ausdenken muss, wenn ich ihm eine „virtuelle Festplatte“ irgendwo im Netz erklären muss 🙂

  12. @Nick:
    So direkt will das natürlich keiner. Aber all die Pläne zur Einschränkung und Kontrolle würden letztlich darauf rauslaufen. Die meisten tollen Ideen aus der Chefetage dieses Landes laufen auf eine Art Deutschland-Intranet mit Hausnummern statt IP-Adressen raus.

    @Christian:
    Dass das Problem sich irgendwann „auswächst“, glaube ich auch. Aber wer weiss, was bis dahin noch alles angestellt wird…

    @Arsimael:
    Ich muss gestehen, ich glaube die meisten Verschwörungstheorien nicht. Individuelles Unwissen und Panik um die eigene Stellung reichen aus, um auf dumme Gedanken zu kommen!

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