Der Alte

Einer der regelmäßigsten Lichtblicke hier im Alltag ist der Alte.

Man findet mich und auch Ozie bisweilen nach dem Einkauf vor unserem Supermarkt stehend eine Zigarette rauchen. Nicht direkt vor der Tür, wo sich die betrunkenen Jugendlichen und die örtliche Proletenszene einfindet, sondern ein paar Meter abseits – aber noch in Sichtweite.

Nach wie vor leben wir in einer überwiegend anonymen Plattenbausiedlung, und der Supermarkt (und dreimal die Woche der Wochen(?)-Markt) davor sind natürlich Begegnungsstätten. „Mit den Einheimischen“ hätte ich fast geschrieben. 😉

Die meisten Menschen bei uns im Haus – in diesem Fall Hauseingang – kennen wir. Nicht wirklich, aber gelegentlich nimmt man mal ein Paket für Nachbarn an, trifft sich im Hausflur, grüßt sich, das Übliche. Nichts, was einen hinterm Ofen vorholt. Ein zwei Eingänge weiter sieht das anders aus. Man kennt noch einige vom sehen, allerdings ohne sie zuordnen zu können. Man weiss, man wohnt wohl in der Nähe. Punkt.

Das ist für mich eine große Umstellung gewesen. In Stuttgart hab ich in einem Stadtteil gewohnt, den ich und meine Eltern seit Ewigkeiten kannten. Das Stammpublikum zweier Kneipen kannte man mit Namen, und ansonsten sind einem sämtliche Einzelhändler und Passanten auf der Straße irgendwie bekannt vorgekommen. Vom türkischen Gemüsehändler, dessen Familie mit mir und meinem Bruder die Grundschulbank gedrückt hat bis zum über 60-jährigen Alki ums Eck, der schon meiner Mutter einige Bier zu viel ausgegeben hat, als sie schon längst nicht mehr hätte trinken sollen. Es war zwar eher ein Altherren-Kiez, aber von meiner Kindergärtnerin bis zu ehemaligen Kollegen meiner Mutter beim Stadtradio kannte ich gefühlt alle.

Hier in Marzahn fallen wir sicher heute noch manchmal wegen unserer Frisuren oder meiner Größe auf.

Im Supermarkt kennt man uns inzwischen und mein Döner-Dealer bietet mir auch mal Rabatt an oder preist mich als besten Kunden des Ladens (weil ich gerne Trinkgeld gebe und immer nett bin), ansonsten ist da nicht viel. Mir ist das gar nicht so unrecht, schließlich genieße ich tatsächlich die Ruhe und Anonymität. Ich kann Mittags gut schlafen hier und wenn jemand mal im Haus zu laut Musik hören sollte, dann klingelt die Polizei immerhin nicht hier und fragt nach mir persönlich. Die Grüße an dieser Stelle gehen an die inzwischen sicher arbeitslosen Uniformierten der Ostendwache in Stuttgart 🙂

Aber es gibt ja den Alten, der beide Welten irgendwie zu verbinden scheint.

Der Alte – ich kenne seinen Namen wirklich nicht – trifft uns zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten draußen auf dem Supermarkt-Parkplatz. Ob Mittags um 2 oder nachts um 3 Uhr. Stets führt er einen Hund mit sich und grüßt uns. Keine Ahnung, wann das angefangen hat.

Meist hält er kurz an, bietet seinem Hund an, an uns zu schnüffeln, erzählt ein bis fünf Minuten was über den Hund und geht dann wieder weiter, meistens heim. Solche kaum freiwilligen Gespräche können furchtbar enervierend sein. Im Falle des Alten haben wir uns inzwischen damit angefreundet. Mehr als 5 Minuten kostet es uns nie, und es ist offensichtlich, dass er niemanden hat, mit dem er sonst reden könnte. Inzwischen wissen wir, dass er seine Hunde stets in bereits fortgeschrittenem Alter aus dem Tierheim holt, um ihnen dann einen angenehmen Lebensabend gestalten zu können und um selbst etwas Gesellschaft zu haben.

Wahrscheinlich hat er neben den kurzen Gesprächen und dem Umsorgen seiner vierbeinigen Freunde kaum nennenswerte Sozialkontakte. Das ist natürlich schade, und uns die paar Minuten sicher wert. Immerhin scheint er aber damit nicht gänzlich unzufrieden zu sein. Der Enthusiasmus, mit dem er die Vorzüge seiner Hunde preist, ist trotz des Nuschelns seinerseits von einer herzlichen Ehrlichkeit geprägt. Dass er zudem auch nachts mit ihnen unterwegs ist, unterstreicht den Eindruck, dass er den Tieren wirklich sein Leben widmet. Und das finde ich bei aller Melancholie, die die Szenerie manchmal hat, irgendwie schön.

Ja, zugegeben: Es ist vielleicht nicht so, dass mir sein Gerede fehlen würde, wäre er nicht mehr da. Aber alleine der Hunde wegen würde ich ihn hier nicht mehr missen wollen.

5 Comments

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5 Responses to Der Alte

  1. Der Maskierte

    Einerseits ist die Anonymität ein Segen, andererseits ein Fluch. Speziell, wenn man keinen Partner (mehr) hat.

    Da sucht man halt seinen Ausweg.

  2. Immerhin hast du so Schutz vor den Autogrammjägern! 😉

  3. @Nick:
    Ja, wer fährt schon extra nach Marzahn dafür? 🙂

  4. Legatus

    Marzahn oh Marzahn…Marzahn/Hellersdorf…der Stadtteil in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich erwachsen wurde und den ich dann verlassen haben. Marzahn ist wie Kreuzberg, Wedding oder Hohenschönhausen ein unterschätzter/verrufener Stadtteil Berlins. Dominiert von seinen Arbeiterschließfächern und Wohnbunkern kann man schnell an den schönen Ecken vorbeischauen. Ich habe gerne dort gewohnt und bin nur der Liebe wegen weiter in die Stadt reingezogen. Habe mich immer wohl gefühlt und man hat genau solche Geschichten wie du sie hier gerade geschrieben hast des öfteren erlebt. Nicht unbedingt immer schöne, aber oftmals geprägt von einer eigenartigen und seltsam befriedigenden Melancholie.

  5. @Legatus:
    Danke für diesen sehr schönen Kommentar!
    Kann ich so nur unterschreiben.

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