Von Phil und Thilo

Viel Stress mit Haushaltsgeräten kann man unserer Wohnung gerade nicht bescheinigen: Der Staubsauger saugt, der Kühlschrank kühlt und der Wasserkocher kocht. Was die letzten paar Jahre etwas stressig war, war die Spülmaschine. Denn die hat, nun ja, wirklich regelmäßig nicht gespült. Wie wir jetzt merken, mag da durchaus auch ein eher schwaches Ventil am Anschluss mitschuldig gewesen sein – und das harte Berliner Wasser ist auch stets ein Unruhestifter – aber wir haben die Maschine am Ende durch ultrapenibles Reinigen und die teuersten Tabs auf dem Markt irgendwie noch über die Runden geschleppt und Tage akzeptiert, an denen man die Maschine einfach 15- oder 20-mal hat anstellen müssen, damit sie einmal durchläuft. Wir haben das eigenmächtige Aufschrauben und Rummacgyvern immer wieder aufgeschoben und waren am Ende doch fast sowas wie erleichtert, als an Silvester auch noch der festinstallierte Schlauch leckgeschlagen ist und wir einen Grund hatten, ernsthaft über eine neue Maschine nachzudenken.

Ich meine: Wir hatten ihr inzwischen extra einen Namen gegeben – Thilo. Und ja, der war tatsächlich eine Referenz an Herrn Sarrazin, denn wir nannten das Teil so, weil es weiß war, privilegiert (war ein Privileg-Gerät) und dauernd rumgenervt hat.

Die Maschine war günstig (damals bekam Ozie noch Firmenrabatt bei Quelle!), aber wirklich „Spaß“ hatten wir mit ihr auch nie. So wurde der Januaranfang von Ozie mit stundenlangem Suchen nach guten Spülmaschinen verbracht – und scheinbar hat sich das gelohnt. Denn wenn ich mir das Gerät anschaue, das jetzt bei uns in der Küche steht … Holla die Waldfee im Vergleich zur alten!

Gut, sie liegt eine Preisklasse höher als die alte, hat aber auch noch nix zu tun mit Geräten, die das Geld kosten, das man normalerweise ausschließlich in motorisierte Fortbewegung zur Luft investieren will.

Wir hatten uns das ja alles schon angeschaut und uns nach zwei Wochen manuellem Abwasch auch entsprechend auf die Lieferung gefreut. Trotzdem hab ich bei Twitter heute Mittag noch gescherzt, dass wir jetzt bei unserer Erwartungshaltung vermutlich enttäuscht sein würden, wenn sie einfach nur spült. Aber nee, wir sind ernstlich begeistert. Und ja, ich schäme mich selbst, das über eine Spülmaschine zu schreiben! Aber was die plötzlich mehr Platz hat! Wie viel besser sie aussieht, wie viel flexibler sie ist – und das alles bei nochmal weniger Verbrauch.

(Bei Computern und Smartphones ist man den ständigen Fortschritt ja gewöhnt, bei Weißware wird man dann doch alle paar Jahre mal überrascht.)

Dieses Mal haben wir uns gleich zu Beginn einen Namen überlegt und warten nicht auf die ersten Macken. Unser neuer Freund heißt Phil – was eine Anspielung auf Phil Connors aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist, weil wir dem armen Gerät jeden Tag die gleiche beschissene Aufgabe auferlegen werden. 😉

Was auch noch zu bemerken wäre: Die Lieferung (mit Hermes!) hat problemlos geklappt. Sie lagen super im Zeitfenster, haben wie versprochen eine Stunde vorher angerufen, die Altgerätemitnahme hat prima funktioniert und angemessen nett waren sie auch noch. Meine Skepsis sitzt immer noch tief, aber die DHL hat mich in letzter Zeit mehrfach und heftiger enttäuscht …

PS:

Eigentlich wollte ich trotz lobender Worte keinen Werbetext schreiben. (Im Ernst: Mein Interesse, Euch Spülmaschinen anzudrehen, hält sich in engen Grenzen!) – aber da nach dem vielen Lob sicher sowieso jemand nachfragt, gibt’s hier trotzdem noch den Link zu Amazon: Siemens SN25L280EU

 

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Und dann noch #Rigaer94

Ich muss es gleich vorneweg sagen: Ich hab als langsam erwachsener Linker manchmal ein seltsames Problem mit der Gesellschaft.

Nämlich einfach nicht so, wie ich es vorhergesehen hatte, als ich noch wirklich aktiv in „der Szene“ war. Als ich in den 90ern in der Antifa war, da hätte ich schwören können, dass bis zu meinem Ableben im Fernsehen niemals das Wort „Sexismus“ fällt. Waren wir wohlstandsveröhnten Freizeitrevolutionäre schon stolz darauf, einfach bei einem Streit nicht „Fotze“ zu sagen und Frauen genauso ernst zu nehmen wie Männer, war das weit entfernt von jeder Relevanz. Von Mainstream ganz zu schweigen.

Und heute? Überlege ich manches Mal, wie spießig ich geworden bin, weil die ein oder andere Meinung, die selbst vom zum reaktionären Schundblatt verkommenen Spiegel wiedergegeben wird, teile. Und dann – aber immer erst im zweiten Anlauf – frage ich mich schüchtern: „Hmm, haben wir am Ende vielleicht wirklich sogar irgendwas erreicht?“

Ich will ehrlich sein: Vermutlich nur bedingt – und ich gleich dreimal nicht. Wahrscheinlich war ich einfach nur nie so underground, wie ich gerne gewesen wäre. Aber Tatsache ist, dass ich verwundert feststelle, dass sich ein Teil meiner Jugendrebellion in der Realpolitik manifestiert hat und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll, weil ich doch eigentlich damit aufgewachsen bin, immer nur „dagegen“ zu sein – und all meine Einwürfe abgekanzelt wurden mit Verweisen darauf, wie unmöglich oder gar kriminell das alles sei.

Und aus meinem linken Selbstverständis heraus war für mich ebenso wie der gesellschaftliche Rassismus und Sexismus auch die ständig unverhältnismäßig bei den Linken zugreifende Staatsgewalt ein Fakt.

Ich will hier mal – so sehr ich manchem Genossen von damals auf die Füße treten werde – zugeben, dass ich an diesem Punkt in den letzten Jahren am meisten gezweifelt habe. Sicher auch, weil ich selbst als meist eher wenig Beteiligter nie wirklich die ganze „Härte des Gesetzes“ spüren musste. Aber ja, da driftete die Gesellschaft ein kleines Bisschen nach links, ich hab im Rahmen meines Jobs öfter mal konstruktiv mit den Cops zusammengearbeitet und dann kam die ein oder andere persönliche Auseinandersetzung mit intelligenten Vertretern dieses Berufsstandes im Rahmen meiner Schreibtätigkeit – und das hat dann doch dazu geführt, dass ich offener geworden bin. Und in der deutschen Polizei nicht einfach simplifiziert Büttel eines faschistischen Staates gesehen hab, die mich und meine Freunde mit Gewalt daran hindern wollten, ein paar Gramm Gras zu rauchen.

Das war wahrscheinlich nicht gänzlich falsch. Ja, selbst bei den Cops gibt es solche und solche und ich erkenne im Nachhinein auch an, dass sie bei mancher Aktion meiner Peergroup nur wenige Optionen bezüglich der Antwort hatten.

Aber …

wenn ich nochmal detailliert nachdenke, dann war einiges davon nicht völlig an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es noch nicht so groß thematisiert wird wie die Tatsache, dass das N-Wort kein Bestandteil aktueller Leitartikel sein sollte.

Zum einen kann ich als Milchbubi-Antifa auch im Nachhinein nur feststellen, dass mein Verhalten niemals die Schläge, Tritte und Wasserwerfertreffer wert war, die ich erhalten habe. Ich war allerhöchstens frech, aber selbst ich bin heute der Meinung, dass ein bisschen Frechheit keine Körperverletzung rechtfertigt.

Schlimmer aber ist wirklich die Blindheit auf dem rechten Auge. Ich will mich hier nicht in Verschwörungstheorien versteigen oder die alte Formel „Ob grün, ob braun, Nazis auf die Fresse hau’n!“ wieder hochholen. Ganz ehrlich? Ich hab in den letzten Jahren sogar mal einen (ironisch natürlich!) mitleidigen Blick aufgesetzt, wenn ich gesehen hab, was Nazis bei ihren Demos so für Auflagen hatten: Keine Springerstiefel, keine Aufnäher XY, usw. – andererseits muss ich an der Stelle doch auch mal einen geschichtlichen Break machen:

Wir wissen inzwischen vom NSU, wir wissen über das desaströse Versagen des Staates bei den Ermittlungen diesbezüglich Bescheid. Darüber hinaus haben wir seit Pegida ansteigende Zahlen von fremdenfeindlicher Kriminalität, meist in Form von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte oder gar offene Angriffe auf nichtdeutsche Menschen auf der Straße. Hundertfach. Obwohl ich mich politisch hinter letzterem auch nicht mehr positionieren würde: Die ausufernde rechte Gewalt lässt die überwiegend Linken zugeschriebene Abfackelei von Autos in den letzten paar Jahren völlig verblassen. Nicht nur zahlenmäßig. Denn man sollte wenigstens so viel Anstand besitzen, zwischen der Gewalt gegen Sachen und der gegen Menschen zu unterscheiden. Selbst wenn man gerne AfD wählt.

Ich will nicht sagen, dass wir Linken nicht auch was auf dem Kasten hättten, aber spätestens seit der Flüchtlingskrise hat das Land ein Problem mit rechter Gewalt. Und seit Köln nochmal mehr. In Heidenau haben die Cops sich überwiegend zurückgezogen (abgesehen von dem Tag, als es eine linke Gegendemo gab), in Köln waren sie überfordert und vor ein paar Tagen in Leipzig-Connewitz hat erst die Entglasung eines halben Viertels dafür gesorgt, dass ein paar Faschos ihre ED-Behandlung bekommen haben. Ganz abgesehen davon, dass kurz zuvor erst rauskam, dass fast 400 Nazis gesucht, aber bisher nicht festgesetzt wurden.

Und dann kam Berlin!

Am 13. Januar 2016 wurde gegen Mittag in Friedrichshain offenbar ein Polizist angegriffen und leicht verletzt. Von vier Leuten, die vermeintlich „linksextrem“ waren. Und ich glaube das der Polizei sogar. Ich hab zwar auch zuerst die Indymedia-Meldung gelesen, in der stand, dass der Cop der Angreifer war, aber das schien mir insgesamt eher unwahrscheinlich. Sorry, liebe Mitstreiter, aber die Version war echt nicht überzeugend …
Nun ja, die Leute verschanzten sich daraufhin offenbar in der Rigaer 94, einem linken Wohnprojekt.

Dass das aus Sicht der Polizei nicht toll war – geschenkt! Was dann aber passierte … man glaubt es kaum.

Ein paar Stunden später rückten 500 (!) Polizisten an, um die Rigaer 94 zu durchsuchen. Klingt plausibel? Ähm, nein!

Um nur mal das Allernötigste plausibel zu machen: Ich wurde mal am Rande einer Demo angehalten, weil ich Fotos gemacht habe. Infolgedessen hatte ich eine Woche später eine Durchsuchung meines Zimmers an der Backe. Ich kann’s heute offen fragen: Ratet mal, in welchem einzigen Zimmer der westlichen Hemisphäre ich inzwischen dafür gesorgt hatte, dass keine Spuren der Fotos vorhanden waren?

Und hier waren die (total unterbesetzten) Cops Stunden nach dem Vorfall vor Ort. Besser aber noch: Sie hatten keinen Durchsuchungsbeschluss! Weswegen das so war, weiß ich auch nicht, aber man braucht seine Fantasie nicht allzuweit abscheifen lassen, um zu vermuten: Sie hätten keinen gekriegt! Von außen klingt das immer so belanglos mit der Hausdurchsuchung, tatsächlich ist das ein mehr als nur schwerer Eingriff ins Leben von Menschen (wie gesagt: Ich hatte das schon!). Sowas ist hier im guten Deutschland eben keine Kleinigkeit. Also hat sich die Polizei auf eine „Hausbegehung“ beschränkt, die – ich hab das jetzt nicht überprüft – anscheinend eine Durchsuchung des Hausflurs erlaubt. Es ging ja (angeblich?) auch nicht um die Festnahme von Personen (warum eigentlich nicht?), sondern um die Frage, ob da gefährliche Gegenstände herumlägen.

Laut dem Anwalt der Betroffenen wurden übrigens sehr wohl Wohnungen aufgebrochen und die Bewohner gewalttätig drangsaliert. Meine Überraschung hielte sich in Grenzen, sollte es so gewesen sein …

Wunderschön war es dann, auf Twitter zu verfolgen, was alles gefunden wurde. Steine! Feuerlöscher! Eisenstangen! Krähenfüße!

OK, das mit den Krähenfüßen wird schwer zu erklären. Aber es bleibt doch auch zu erwähnen, dass selbst das allenfalls passive Waffen sein können. Beim Rest müsste sich jeder zweite Hausbesitzer in Deutschland mal umsehen, ob er nicht versehentlich die vorgeschriebenen Feuerlöscher … oh, wait!

Ganz ehrlich: Es ist kein Wunder, dass Zitate aus dem Scherben-Lied „Rauch-Haus-Song“ gepostet wurden:

„Und die deutlichen Beweise sind 10 leere Flaschen Wein,
und 10 leere Flaschen können schnell 10 Mollies sein“

Was mich eigentlich umtreibt:

So sehr ich versuche, nicht in alte Reflexe zu verfallen und die Cops als Grund allen Übels zu betrachten: Sie machen es mir schwer! Soweit ich weiß, ist bisher wegen Connewitz keine Wohnung durchsucht worden, soweit ich mich erinner, klang unser Innensenator Henkel immer vergleichsweise unaufgeregt, wenn es „nur“ um angezündete Flüchtlingsheime ging.

Aber bei der Rigaer 94 musste dann doch mal „der Rechtsstaat“ mit voller Härte eingreifen, ja?

Soll ich dann als halbwegs sozialkompatibler Pseudolinker auch endlich mal wieder die „Slime 1“ ausgraben und „ACAB“ mit gutem Gewissen hören? Ja, doch, ich glaube, das mache ich jetzt. Es scheint ja längst nicht mehr um nötige oder sinnvolle Auseinandersetzungen zu gehen, sondern um’s Aufrechterhalten der Feindbilder. Wenn die Bullen nicht erwachsen werden wollen, will ich’s auch nicht!

„They say it’s law and order but we live in fear
– fuck off Cops, get out of here! All Cops …“

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OK, dann halt doch #kölnhbf!

Der Anfang des Jahres 2016 macht es einem ja nicht leicht, sich zu entscheiden, zu was man seinen Senf dazugibt.

Aber Köln toppt ja nun wirklich alles: Während einer silvestertypischen Ansammlung dort am Bahnhof wurden in schier unglaublicher Zahl Frauen sexuell belästigt, teilweise wohl sogar vergewaltigt, obendrein auch noch beklaut. Die Täter hatten ein (überwiegend?) nichtdeutsches Aussehen und deswegen muss man Flüchtlinge jetzt schneller abschieben. Äh …

Und als ob das nicht genug wäre, begeistert uns die Kölner Polizei mit Berichten, die zwischen „Ach, eigentlich schien das ganz nett zu sein dort …“ bis hin zu „Das war der Alptraum jeder Zivilisation und wir sind dem kräftemäßig nicht beigekommen!“ schwanken.

Was für ein Polizeiskandal sich da möglicherweise auftut, bleibt erst einmal abzuwarten. Zum Rest der Ereignisse kann man aber dennoch schon mal so einiges sagen. Und nein, natürlich nicht, was jetzt genau passiert ist, wer welche Verbrechen begangen hat und woher er kam … aber zumindest mal, dass es furchtbar gewesen sein muss – und dass das alles wirklich nix in der Debatte über Flüchtlinge zu suchen hat.

Und bevor die besorgten Bürger jetzt „Zensur“, „Lügenpresse“ oder sonstigen Bullshit einwerfen:

Wir haben Euch Rassisten das seit Jahrzehnten schon gesagt: Niemand von uns „linksversifften Gutmenschen“ glaubt, dass Ausländer bessere Menschen als Deutsche sind. Dementsprechend hat auch niemand von uns ein Interesse daran, Verbrechen von Nichtdeutschen nicht als Verbrechen zu bezeichnen oder gar irgendein Problem mit deren Verfolgung. Euer dümmlicher Trugschluss war immer und ist auch hier, dass man aus der Nationalität von Verbrechern irgendwelche allgemeingültigen Regeln aufstellen könnte!
Ihr wollt als Deutsche nicht mit pädophilen Priestern und z.B. dem Mörder von Elias und Mohammed gleichgesetzt werden – wie fern liegt da bitte der Gedanke, dass ein syrischer Familienvater auf der Flucht nix mit rachsüchtigen IS-Terroristen oder handgreiflichen Landsleuten am Kölner Bahnhof zu tun hat?
Dass jetzt kein Feminist „Scheiß Flüchtlinge!“ ruft, liegt einfach daran, dass die in der Regel mehr als Spachtelmasse hinterm Schädelknochen haben und sich zudem völlig zurecht fragen, wir ihr es wagen könnt, mit dem selben Twitter-Account, mit dem ihr bei der #aufschrei-Debatte Frauen Vergewaltigungen gewünscht habt, jetzt einen auf Opfervertreter zu machen.

Natürlich ist die Aufarbeitung des Frauenbildes im Islam, in islamischen Ländern (in religiösen Ländern überhaupt!) wichtig. Und sicher in vielen Fällen auch bei hierher geflohenen Menschen aus islamisch geprägten Gegenden ein Problem, das angegangen werden muss. Aber weder verschweigt, noch bezweifelt das irgendeiner mit einem Fünkchen Restverstand.

Tatsächlich aber lassen sich die Probleme nicht mit dem Rausschmiss aller etwas dunkelhäutigeren Männer aus Deutschland oder dem Anzünden von Flüchtlingsunterkünften lösen, denn die heutigen Werte Deutschlands, auf die ihr so fleißig onaniert, während ihr Bachmanns Reden anhört, sind zu einem großen Teil geprägt von dem, was man Rechtsstaat nennt. Und dieses – von natürlich hier und da auftretenden Ungerechtigkeiten begleitete – Phänomen besteht im Wesentlichen daraus, dass nicht eine Zusammenrottung von möglichst ähnlich Dummen darüber zu entscheiden hat, wer aus dieser liebenswerten Gemeinschaft von Brandstiftern verbannt und in ein Gefängnis (egal in welchem Land) gesteckt wird. Insbesondere so etwas archaisches wie Sippenhaft (man findet hier sicher islamisch geprägte Länder, in denen das gang und gäbe ist), ist ganz sicher nicht Teil des Wertekanons hierzulande. Wäre sicher auch ärgerlich für Euren Vater und/oder Bruder, wenn man das gleichermaßen auf Inländer anwenden würde.

Köln (und Hamburg und Stuttgart und …) war schlimm. Das muss aufgearbeitet werden und hoffe eifrig, dass das passiert. Solche Zustände sind nicht haltbar. Natürlich eigentlich nirgendwo, aber hier haben wir wenigstens einen etwas direkteren Einfluss darauf. Da auch in punkto Strafmaß oder Gesetzesänderungen offen zu bleiben, ist nicht per se falsch.

Aber das jetzt als Argument in der Flüchtlingsdebatte herzuholen, ist billig und polemisch. Jeder „besorgte Bürger“, der in den letzten sieben Tagen seinen Hang zum Feminismus entdeckt hat, könnte problemlos nachvollziehen, wie sehr sexuelle Gewalt für Frauen auch vor Silvester und auch in Deutschland ein Problem war. Ja, selbst vor #aufschrei. Ich mag das gleichermaßen polemisch wirkende Beispiel vom Oktoberfest nicht allzu sehr, aber es ist halt so schön offensichtlich: Auch dort ist das an der Tagesordnung. Schon immer gewesen. Oder beim nun anstehenden Karneval. Oder in Karls Kneipe um die Ecke. Aber da sind wir an dem Punkt, wo sich die Spreu vom Weizen trennt: Wer Köln jetzt wegen der Flüchtlinge thematisiert, wird bis dato stets auffallend ruhig oder sogar eher kontraproduktiv gewesen sein. Bei #aufschrei, bei Brüderle, bei mit Sicherheit allen Meldungen, bei denen es um Gewalt gegen Frauen ging.

Ich denke, die Seite der Feministen und Antisexisten bräuchte eigentlich jede Unterstützung. Die Unterstützung derer, die auf massive sexuelle Gewalt mit dem Rufen nach Abschiebung antwortet, braucht trotzdem niemand. Nein, wirklich gar niemand.

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Der faulste Tag des Jahres

Es gibt wahrscheinlich einige da draußen, die mich für sehr faul halten. Mit gewissem Recht, denn ich charakterisiere mich ja selbst gerne so. Aber ganz so einfach ist es nicht. Das Problem dabei ist „diese Schreiberei“: Für die nehme ich mir vergleichsweise viel Freizeit – und oft schreibe ich dann währenddessen nicht einmal was und lass auch alles andere schleifen. Wenn das mal nicht totaler Müßiggang ist!

Ich würde mich freuen, wenn’s so wäre. Denn dann wäre ich wesentlich weniger gestresst, als ich es trotz des geringen Arbeitspensums bin.

Das Problem ist, dass sich vor dem eigentlichen Schreiben so viel im Kopf abspielt, noch dazu oft unabsichtlich und mit unklarem Ausgang. Abgesehen von ein paar Blogposts hab ich die letzten Monate nix auf die Kette gebracht und oft stundenlang lethargisch auf meine Bildschirme gestarrt. Klingt wie das Paradies für Nerds, ist aber mehr meine übliche Übersprungshandlung. Ehrlich gesagt hab ich es nunmehr binnen eines Monats nicht hinbekommen, mir einen neuen PC zu bestellen und hab stattdessen GTA IV auf meinem zu langsamen Rechner durchgespielt. Ich hatte ständig Ideen im Kopf, hab sie wieder verworfen, neue Geistesblitze aufgenommen und sie stets wieder in den mentalen Ausguss gekippt. Mit einem produktiven Output von Null und einer handfesten depressiven Verstimmung, weil einfach nix geht. Und als Freiberufler hat man (anders als der Name es vermuten lassen würde) eben nie frei: Es könnte/sollte/müsste immer noch etwas mehr gehen als jetzt gerade …

Darüber hinaus habe ich im Taxi etwas vorgearbeitet und Ozie hatte geschäftlich auch mehr um die Ohren als es ein einzelner Mensch eigentlich schaffen müsste. Das lustige Rumgammeln hat sich also eher angefühlt wie die stressigste Zeit seit langem. Aber alles hat ein Ende, so hab ich die Tage dann doch noch die offensichtlich dringlichst notwendige mentale Auszeit bekommen: Ich bin einmal einfach nicht aufgestanden. Also bis 20 Uhr zumindest. Obwohl ich früh im Bett war. Gut, der eine oder die andere mag da vielleicht „Oha!“ rufen und Depressionen diagnostizieren, aber das wäre ein Fehler und ich möchte erklären, warum.

Gut, eigentlich bin ich kein Mensch, der im Bett rumgammeln toll findet. Schlafen ist zwar was feines, aber wenn ich wach und nicht gerade in ein spannendes Buch vertieft bin, dann zieht es mich doch aus dem Bett. Ja, vielleicht nur an den Schreibtisch vor den PC, aber aus dem Bett! Und mehr als 9 Stunden Schlaf kriege ich selbst mit der Unterstützung von Onkel Alkohol eher nicht hin.

Dieses Mal aber ging’s um Träume. Teils richtige, teils auch diese luziden Träume, deren Fortgang man zumindest teilweise bestimmen kann. Ich wachte hier und da auf und beschloss bewusst, mich wieder umzudrehen. Hatte ich eben im Traum etwas gewonnen, kostete ich diesen Gewinn nun aus. Wachte ich auf, weil ich verfolgt wurde, schmiss ich mich wieder in Morpheus‘ Arme und holte zum Gegenangriff aus. Hatte ich gerade noch Sex im Traum, versuchte ich, das wenigstens noch auszukosten.

Bei meinem mehrmaligen Erwachen habe ich desöfteren den Entschluss gefasst, Ozie wenigstens zu sagen, dass ich „im Prinzip“ schon wach bin, aber ganz Inception-like war das vielleicht auch nur eine Ebene höher im Traumland und ich bin unverrichteter Dinge wieder zurückgefallen.

Ich habe keine Ahnung mehr, was ich an diesem Tag wirklich geträumt habe. Wie es den meisten nach so einer Nacht geht. Aber ich weiß, dass ich zu unterschiedlichen Tageszeiten wach war oder geschlafen habe. Ich hab zwei, drei, fünf geile Geschichten durchlebt, und das, ohne zu vergessen, dass das ja eigentlich nur Träume sind und ich eigentlich auch hätte aufstehen können. Ich hatte unanständige Gedanken, Ideen für Bücher, wilde Phantasien, schwere Umnachtungen. Und dennoch war all das einfach nur … entspannend.

Im Gegensatz zu den Tagen auf Twitter und Youtube war ich dieses Mal wirklich faul. Ich hab bewusst wirklich gar nix gemacht und mich einfach fluten lassen von all den noch so absurden Gedankengängen. GTA zocken war dagegen die reinste Gehirnakkrobatik. Ob es im herkömmlichen Sinne „was gebracht“ hat, ist weiterhin offen. Ich persönlich glaube allerdings, dass dem so ist. Schon alleine, dass ich hier mal wieder völlig mit mir im Einklang 700 Wörter runtertippe, ist ein gutes Zeichen. Aber am Ende werde ich es genauso abwarten müssen wie Ihr.

Ich verbleibe mit dem optimistischen Fazit, dass vielleicht sogar den Faulsten noch mehr Faulheit gut tun könnte. 😉

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Fahad und Mossam

Wie sie nach Marzahn kommen würden, haben sie etwas ungelenk gefragt. Hätte ich mein Taxi nicht vor ein paar Minuten abgestellt, wäre das eine simple Sache gewesen – andererseits hab ich auch an der Bahnhaltestelle dasselbe gesagt:

„Come with me.“

Die Verständigung war mehr als mäßig, mit etwas Glück kamen wir auf 20 Worte, die wir alle gleichzeitig verstanden – auf Englisch und Deutsch zusammen. Für etwas Aufklärung hat dann der kleine Zettel gesorgt, den mir einer der beiden hingehalten hat: Die Notunterkunft in der Bitterfelder Straße. Damit waren zwei Dinge halbwegs klar:

  1. Es waren wohl Geflüchtete.
  2. Ich hatte keine Ahnung, wie sie bis zur Bitterfelder kommen sollten.

Irgendwer cleveres hatte ihnen geraten, die S7 zu nehmen – was ich auch getan hätte, hätte die S-Bahn nicht seit einer Stunde Betriebsschluss gehabt. Und straßenbahnmäßig ist da oben mal eine verdammt tote Ecke. Während des Umsteigens in die M6 haben wir ein wenig versucht uns zu unterhalten, was nach wie vor nicht sonderlich einfach war. Das mit den Namen haben wir geklärt gekriegt: Sascha, Fahad und Mossam. Darüber hinaus, dass es scheiße kalt ist – und nicht zuletzt, wie man die Minutenanzeige an der Haltestelle auf Deutsch liest.

Ich hatte zu der Zeit eigentlich schon beschlossen, dass ich sie am Bahnhof Marzahn in ein Taxi verfrachten würde – ggf. wäre ich selber mitgefahren und anschließend noch nach Hause. Wäre nicht die Welt gewesen. Aber da ich den beiden irgendwie via Google Maps ein Bild von derLage machen konnte und sowieso kein Taxi am Bahnhof stand oder gerade vorbeikam, hab ich die beiden dann doch laufen lassen, so ermutigt wie sie inzwischen waren.

„You’re sure you find it?“

„Find it!“

Fahad grinste und machte mit den Fingern das Zeichen, das ich ein paar Minuten vorher verwendet hatte, um den Begriff „laufen“ zu verdeutlichen. Zwei grinsende Syrer in Jogginganzügen in einer Dezembernacht in Marzahn. Hätte man sich vor zwei Jahren vermutlich nicht einmal ausdenken können, dieses Szenario.

Und irgendwo ist das auch so völlig egal. Obwohl ich selbstverständlich nach den 20 Minuten keine Ahnung hab, was Mossam und Fahad so für Menschen sind – das hinzunehmen ist mir bei den beiden nicht schwerer gefallen als bei dem seltsamen Letten vor einer Weile oder den vielen kuriosen Typen, die mich tagein tagaus als Taxifahrer nach dem Weg fragen.

Ich denke manchmal, dass das der aktuellen Debatte über Geflüchtete immer noch zu sehr fehlt. Es geht nicht um Zahlen oder massenmedientaugliche Geschichten über die Heldentaten irgendwelcher Einzelner. Es sollte nicht darum gehen, wie viele supergute oder extrem böse Menschen irgendwo Teil dieses Komplexes „Flüchtlingsdrama“ sind. Es würde eigentlich schon reichen, mal zu erkennen, dass es trotz der Masse und trotz allen dabei anfallenden Extremen einfach Menschen sind. Auch Menschen, die einfach mal nachts durch die Stadt latschen, weil sie die letzte Bahn verpasst haben. Menschen, die abgesehen von vermutlich bittersten Erfahrungen „irgendwo da draußen in der Welt“ einfach genau die gleichen Probleme – aber auch Freuden – haben wie wir auch. Mossam und Fahad heute haben sich verlaufen gehabt und waren froh, jemanden zu finden, der ihnen so grob den Weg zeigt. Keine Heldengeschichte und auch kein Horrorfilm, ganz normales Zusammenleben unter Menschen, auch wenn zwei davon noch ziemlich neu hier sind.

Mir tun die Menschen leid, die vor den beiden tatsächlich mehr Angst haben, nur weil sie aus Syrien und nicht aus Friedrichsfelde kommen.

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Falls mich wer vermisst hat …

Die letzten zwei Tage hab ich mich nicht nur hier im ohnehin selten befüllten Blog, sondern auch auf allen Social-Media-Kanälen nicht gemeldet. Ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass mich nicht etwa ein schwarzes Loch erwischt hat und ich nun unter Spaghettisierung (Ja, das ist ein Fachbegriff!) leide, sondern mich einfach nur eine kleine Erkältung erwischt hatte, bzw. noch hat. Das Problem dabei ist natürlich mitnichten der etwas kratzende Hals, sondern eher die Tatsache, dass ich bis zu elf Stunden am Tag geschlafen hab und mich außerhalb des Autos nur in Zeitlupe bewegen konnte.

So langsam habe ich das Gefühl, die Besserung naht – aber wir will das schon mit Gewissheit sagen. Nun ist jedoch wenigstens Wochenende und für ein bisschen Schreiben sollte es also reichen.

So gesehen: Welcome back! 😀

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Feuer. Schon wieder.

Man verlässt die Wohnung, wundert sich über den Geruch und stellt fest, dass mal wieder jemand versucht hat, das Haus anzuzünden. Ihr kennt das.

Oder vermutlich eher nicht.

Aber in unserem Haus scheint Brandstiftung so eine Art Brauch zu sein, der zwar jedes Jahr auf ein anderes Datum fällt, aber auf jeden Fall stattfindet. Heute ist es scheinbar jemandem gelungen, ausgerechnet den Brandmelder neben der Eingangstür abzufackeln. Wobei ich mir gerade nicht mehr sicher bin, ob da derzeit ein Brandmelder installiert war. War nämlich noch nicht einmal das erste Mal, dass ausgerechnet dieses Teil Feuer gefangen hat. Ist jedenfalls eine eindrucksvolle drei Meter hohe Rußsäule, die wir jetzt neben dem Briefkasten haben.

Obwohl’s natürlich extrem perfide ist, just am einzigen Ausgang eines Mehrparteienhauses Feuer zu legen, hält sich meine Angst inzwischen in sehr engen Grenzen, da es sich offensichtlich eher um Zündeleien von Kindern handelt und unser Haus sich herrlich unbeeindruckt gibt von den wiederholten Versuchen, es in seine Bestandteile zu zerlegen.

Andererseits wird das in der nächsten Betriebskostenjahresabrechnung sicher auch wieder ein paar Euro extra ausmachen …

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