Wahrheit und Selbstbewusstsein

Abgesehen von der allgemeinen Knuffigkeit, die Kinder so mit sich bringen, ist einer der schönen Aspekte des Elterndaseins ja auch, dabei zuzusehen wie sich all das entwickelt, was für uns Erwachsene so völlig selbstverständlich ist. Und um ehrlich zu sein: Die Sache mit den ersten eigenen Schritten ist da ein vergleichsweise langweiliger Part. Viel spannender ist, wie sich Kinder psychisch und sprachlich im Raum und der Gesellschaft orientieren und was sie mit der Situation anfangen, in die sie dann damit geraten.

Der Umgang mit Wahrheit ist zum Beispiel etwas, das ungemein faszinierend ist. Jetzt ist das Knöpfle mit 4 noch nicht ganz in dem Alter, in dem er uns hemmungslos belügt, um beispielsweise eigene Interessen durchzusetzen, aber man merkt, wie er daran arbeitet. Wenn gerade irgendwas runterfällt, dann ruft er durchaus schnell, er sei es nicht gewesen, fügt aber umgehend an:

„Oteee! War ich doch!“

Heute hab ich dann die nächste Eskalationsstufe beobachten können, als er mit mir beim McDonald’s war. Da kam er beim Spielen ins Gespräch mit zwei anderen Kindern und deren Vater und auf die Frage, ob er denn auch einen Cheeseburger habe, antwortete er eloquent:

„Nein. Meine Eltern erlauben mir teine Cheeseburder!“

Keine Ahnung, wie und warum er auf die Idee kam. Bisher hat er einfach immer abgelehnt, wenn wir ihm auch nur sowas ähnliches wie einen Burger angeboten haben. Aber dieses Mal war er auch sehr zufrieden mit seiner eigenen Interpretation der Welt und hat das unkorrigiert stehen lassen.

Und da kommen wir zu was anderem unglaublich tollen und erheiternden: seinem Selbstbewusstsein. Anschließend im Supermarkt hat er – wie immer – beschlossen, dass an meiner Seite zu laufen nicht so sein Ding ist. Es ist immer noch nervig, aber mehr und mehr lasse ich ihn das auch einfach machen, da er zwar mitunter flott durch die Gänge flitzt, aber sonst einfach super lieb ist. Er holt nichts aus den Regalen, er wirft nichts um und er läuft auch nicht weg, er schaut und läuft, das war es auch schon.

„Is verteile mich!“

ruft er und rennt los. Sei es drum. Ich hab ihn ermahnt, wieder zu mir zu kommen und das hat er dann auch immer wieder gemacht. Also er war nie mehr als 10 Sekunden aus meinem Blickfeld. Und dann höre ich plötzlich aus dem Nebengang:

„Hallo. Hast Du mein Papa desehn? Der hat baune Haare!“

Hat er einfach jemanden angequatscht und um Hilfe gebeten. Im Übrigen immer noch keine 10 Sekunden oder Meter entfernt und gar nicht in Sorge. Er dachte halt nur, der andere Erwachsene könne ihm gerade nützlich sein. Und jetzt mal das große und komplexe Thema „Fremde Leute anquatschen“ außen vor lassend: Das ist schon cool zu sehen, wie selbstbewusst er da Hilfe holt.

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