Kämpfen

Im Grunde bin ich, sind wir, keine Kämpfer. Kein Krieg, keine Armut und eine doch recht priviligierte Stellung in der Gesellschaft; es hätte uns um vieles schlimmer treffen können. Das wissen wir, das weiß ich und das muss ich voranstellen, wenn ich übers „Kämpfen“ reden will.

Aber der Umzug gerade nervt so unendlich und es fühlt sich an wie ein Kampf.

Natürlich: Das kam alles recht plötzlich und ein Umzug in eine andere, 600 km entfernte Stadt hat natürlich nochmal einen eigenen Schwierigkeitsgrad. Das wussten und wissen wir und sind auch entsprechend darauf eingestellt und motiviert. Man muss arbeiten ohne Ende und tausend Dinge im Kopf behalten, bla bla, wir sind ja nicht die ersten, die das machen. Noch dazu innerhalb Deutschlands, innerhalb der Komfortzone, möchte man meinen.

Was aber nervt: Gefühlt NIEMAND will einem helfen. Und mit helfen ist nicht gemeint, dass irgendwer uns das zahlt und gleichzeitig die Koffer trägt. Sondern dass alle, mit denen man zwangsläufig zu tun hat, gefühlt gegen einen arbeiten. Ohne Not.

Das fängt damit an, dass mein Arbeitgeber mich ungerne gehen lassen will und mir gleichzeitig ein Zeugnis ausstellt, das von einem Clown geschrieben sein muss, weil mein Anwalt deswegen lachen musste. Und mir zudem bis zuletzt verweigert wurde, ein Datum zu nennen, zu dem ich wirklich aufhören kann zu arbeiten.

Natürlich hat die derzeitige Kita vom Spätzle genau jetzt Sommerferien.

Dann meckert die Arbeitsagentur, dass ich mich ZU FRÜH melde.

Dass sich am künftigen Wohnort keine Kita finden lässt, wird zwar nett kommentiert, führt aber zu Behörden-Ping-Pong.

Unsere bisherige Vermieterin stellt natürlich auch Maximalforderungen und muss an die (seit Jahren) neue Regelung bezüglich unrenoviert übernommenen Wohnungen behutsam herangeführt werden.

Unser Internetanbieter schickt den neuen Router trotz gegenteiliger Absprache zu früh an die noch nicht bezogene Wohnung und der Vermieter dort will Schäden auch erst beheben, wenn wir da sind, weil es sich ja nicht gehört, nach der Übergabe noch einmal reinzuschneien.

Bei Ozie zieht sich das mit dem notwendigen Aufhebungsvertrag, weil alle im Urlaub sind und Ärzte, die das Knöpfle impfen würden, haben natürlich auch keine passenden Termine.

Der Baumarkt hat entgegen der Behauptungen auf der Website kein Same-Day-Delivery und zudem erst eine Woche später überhaupt mal einen anmietbaren Transporter für den neuen Bodenbelag, der potenzielle Verkäufer von Standherden am anvisierten Samstag zu.

Alles davon ist für sich nicht schlimm und/oder erklärbar. Aber es fühlt sich einfach an, als müsse man mit jeder Mail, mit jedem Telefonat gegen irgendwen ankämpfen anstatt einfach Dinge zu besprechen und zu regeln.

Für die meisten oben genannten Leute und Institutionen ist das ein Standardfall oder eine Alltäglichkeit. Menschen ziehen um, zack, Schublade 47/3. Trotzdem treten wir immer als Bittsteller auf, müssen uns rechtfertigen, entschuldigen, erklären.

Ich hab in den letzten Jahren vielfach meinen Frieden gemacht mit der Bürokratie, aber wenn ich jetzt noch einmal hören muss, dies oder das sieht „das System“ nicht vor, dann überdenke ich die radikalen Optionen noch mal, echt jetzt!

Wie gesagt: Uns geht es eigentlich gut und Unterdrückung sieht anders aus. Aber auch das jetzt kann auf Dauer zermürben. Gerade mit Kindern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir da alleine sind. Dass wir alleine gelassen werden, das wissen wir seit Corona ja aber sowieso.

5 Comments

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5 Responses to Kämpfen

  1. Wie, wegziehen? Wasndalos?

  2. Denis

    Sehe ich genauso. Wir fordern Aufklärung 😉

  3. Konrad

    Zum Thema:
    Jop. Kann ich unterschreiben. Kenn ich. Nervt.
    Letzter Umzug war auch bei uns so grandios… Highlight: Der fünf Tage vor Geburt von Tochter 1 unterschriebene Mietvertrag / Wohnungsgeberbestätigung wurde 4 Wochen später „vom Amt“ nicht als Nachweis für die Ummeldung anerkannt… …weil ja Tochter 1 nicht mit drauf steht.
    Vermieter hatte keinen Bock auf neues Dokument …ähhhm, „leider gerade keine Zeit dafür“…. und ohne umgemeldeten Personalausweis ging dann die Sache mit dem neuen Gemeinschaftskonto nicht gut (Zugangsdaten gingen an die alte Adresse…) und pipapo… ????

    Aber: Allet wird jut. Dauert vielleicht bis nachm Umzug, aber allet wird jut. 🙂

    Und davon ab:
    Hömma… du kannst hier doch nicht einfach droppen, dass du 600km umziehst und dann keine Details dazuliefern?! ?

  4. @buntklicker.de und Denis:
    Wir hatten schon seit ein paar Jahren die Idee, vielleicht mal aus Berlin wegzuziehen, weil wir die Stadt einerseits nicht nutzen – andererseits aber vieles, was mit Kids in den Fokus rückt, ziemlich schlecht finden. Kita, Verwaltungsgedöns, Verkehr etc. pp. Zum einen da wo wir wohnen, andererseits sehen wir es halt auch nicht ein, irgendwo anders für eine kleinere Wohnung deutlich mehr Geld zu zahlen. Und so ein Neuanfang ist ja auch immer was tolles. Macht man gemeinhin ja nicht so oft. Und nun standen die Zeichen so „gut“, dass wir für einen neuen Job von Ozie einfach Nägel mit Köpfen gemacht haben. Vor zwei Monaten war das Vorstellungsgespräch, jetzt am Mittwoch ist der Umzug. Ein wilder Ritt.

    @Konrad:
    Ja, ich sehe, dass Du das echt fühlen kannst. Auch wenn sich die Details unterscheiden. Zum Rest siehe oben. 🙂

  5. jdk

    Einfach raus aus Deutschland. Du wirst überrascht sein, dass es woanders ganz anders ist. Ich wohne jetzt seit 2 Jahren in Bogota und es ist einfach wie Deutschland – nur besser, schneller, einfacher, günstiger, moderner, innovativer, netter etc.

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