Urlaub im Alltag

Es ist jetzt 4:00 Uhr morgens und ich hatte gerade Lust darauf, mir beim Döner ein paar Bier zu holen. Hab ich dann auch gemacht. Schön, dass der Laden immer offen hat und dass die Mitarbeiter dort zu Stammgästen außerordentlich freundlich sind.

(Wobei ich eigentlich nur noch sehr selten dort vorbeischaue, um mehr als eine Schachtel Zigaretten zu kaufen.)

Die Temperaturen gehen langsam ins Frühlingshafte, mehr als ein dünnes kurzärmeliges Hemd musste ich nicht anziehen. Also gut, Hose und Schuhe natürlich auch – aber Ihr wisst, was ich meine.
Als ich so auf die Baumgruppe zulaufe, die uns hier von Kaiser’s und Konsorten trennt, streift mich ein wohliger Schauer. Für manch einen mögen die Bäume hier in der Dunkelheit bedrohlich emporragen, ich mag sie. Aber nicht einmal, weil es Bäume sind. Der Parkplatz, der Weg zwischen den Bäumen durch – auch die geschlossenen Türen der Supermärkte, die ich tagtäglich besuche: All das hat sich auch nach fünf Jahren in dieser Gegend für mich noch nicht gänzlich als Heimat etabliert. Vielleicht ist das der Tatsache geschuldet, dass meine Heimat wohl auf ewig Stuttgart sein wird, wer weiß.

Gelegentlich spüre ich jedenfalls dieses leichte Kribbeln im Nacken, dieses Gefühl, mit jedem Schritt Neuland zu betreten, das zu entdecken sich lohnt. Vor meinem inneren Auge Bilder der doch recht zahlreichen Ferienwohnungen und -Häuser, die ich im Laufe meiner Kindheit gesehen habe, Erinnerungen an fremde Straßen, zu erkundende Dachböden und ungewohnte Häusersilhouetten am Horizont. Ironischerweise gepaart mit dem dumpfen Sicherheitsgefühl im Hintergrund, in vertrauter Umgebung zu sein.

Der Gegend hier in Marzahn wird viel nachgesagt, niemals jedoch, dass sie schön sei. Mit gewisser Berechtigung. Das Haus, in dem ich wohne, ist gut und gern 200 Meter lang und zwischen 20 und 40 Meter hoch. Ein zierliches Gebäude hier in der Umgebung. Frisch hier eingezogen fremdelte ich wie jeder Neue mit diesen Gegebenheiten, Plattenbausiedlungen kannte ich eben überwiegend als Ghetto, als Symbol für Tristesse.

Tatsächlich jedoch gibt es Orte, die ich wesentlich furchtbarer finde. Meine – obwohl damals heißgeliebte – Grundschule präsentiert sich in grauerem Grau als die Gegend hier, bedrückenderweise garniert mit der in meinen Augen unsagbar hässlichen abstrakten Kunst der 1970er-Jahre. Eine Bekannte wohnte vor Jahren in einer ehemaligen Kaserne, hübsch hergerichtet nach dem Abzug der Amerikaner. Eigentlich. Kam mir aber immer viel fremder vor als die hier stehenden Wohnsilos der überpragmatischen DDR-Architekten. Zu guter Letzt sei auch noch die ehemalige Bude eines ehemaligen Mitbewohners genannt. Hier in Berlin, in Kreuzberg. Bergmannkiez, angesagte Gegend. „Schöne“ Altbauten, Haus an Haus, hohe Decken und Stuck, verzierte Fassaden, Kopfsteinpflaster auf der Straße. Gemeinhin als nett, gemütlich und pittoresk empfunden, ekeln mich diese durchgehenden Häuserfronten ohne Grün und dieser pseudoaltbackene Flair regelrecht an. Wie die meisten wohl über Marzahn urteilen würden: Dort bekomme ich Depressionen binnen kürzester Verweildauer.

Ich kann froh sein über meinen Geschmack. Dadurch, dass er nicht dem der Mehrheit entspricht, sind die Mieten hier noch bezahlbar, bleibt der große Trubel aus und ich treffe keinen einzigen Menschen, wenn ich mal nachts um 4:00 Uhr auf die Idee komme, mir ein paar Bier zu holen.

Es ist nicht immer leicht, einen anderen Geschmack zu haben als die Mehrheit, insbesondere in Bereichen, in denen man keinen Bock hat, ständig kämpferisch für seinen Standpunkt zu werben. Bei der Auswahl der Wohngegend entpuppt sich das bei mir als großer Vorteil. Deswegen möchte ich Marzahn eigentlich auch niemandem empfehlen. Auch wenn es sich hier manchmal anfühlt wie Urlaub.

4 Comments

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4 Responses to Urlaub im Alltag

  1. …na da ticken wir mal wieder ähnlich. Wohne auch in einer Platte, einer – ich betone – NICHT hellhörigen (yeachahhhh!), im Fr`hain… und liebe es. Klar, so`n Altbau hat auch was für sich. Hatte ich als erste Wohnung in Fr`hain. Mit Stuck. Uahhhhh! 😉 – War aber immer dunkel, kalt, die Straßen ohne Grün. Mit Nachbarn gegenüber, dicht auf dicht. Nun habe ich Bus, Bahn, Tram, U-Bahn vor der Tür, freie Sicht (!!!), Grün (!!!) und nie kalte Füße (!!!), weil`s mich doch im Altbau im Sommer immer fröstelte. Die Miete ist ein Lacher, so dass ich im Leben die Wohnung nicht mehr her gäbe. Selbst wenn ich `ne zweite nähme. Und doch habe ich immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, weil Platten verrufen sind. Aber hey, dann erinnere ich immer alle daran, wie fortschrittlich Platte mal im Osten war und meine Mom und ich zogen sogar mal als Erstbezug in eine. Das war was ganz Feines in den Achtzigern. Keine muffigen, knarzenden Altbauten mehr. Und wenn ich die Miete nenne, klappt eh allen die Kinnlade runter, also was soll`s. Auf die Platte!!! <3

  2. @baerlinerin:
    Autsch, das mit dem „nicht hellhörig“ neide ich Dir ein wenig. Wobei ich ehrlich sein muss: Ich für meinen Teil bin da nicht empfindlich und die zwei Mal im Jahr, die ich inzwischen nur noch laut bin, zwinge ich den Nachbarn halt auch auf. Gab noch nie Stress.
    Ich bin ja auch aus’m Altbau hergezogen, allerdings aus einem nicht so klassischen. Unsere Bude war ja z.B. niedriger als die Plattenwohnungen hier. Das mit der Kälte z.B. kenne ich (abgesehen von einem der Klos) so nicht. Dafür war die Warmwasserzufuhr marode, der Vermieter hat sich um nichts gekümmert – für mich ist das hier auch neue Lebensqualität.
    Dabei möchte ich nicht behaupten, dass es nichts besseres gibt. Es gibt schließlich auch schönere Neubauten und auch bemerkenswerte Altbauten. Aber die haben in der Regel – wie Du ja angemerkt hast – gemein, dass ich sie mir eher nicht leisten könnte. Zumindest nicht in der Größe. Und ich hab lieber Grundflächenluxus als Stauraum in die Höhe. 😉

  3. Zia

    Wunderbar!
    Mir gefällt deine subjektiv-objektive (oder doch objektiv-subjektive!?) Meinung zur Marzahner Platte außerordentlich. Auch wenn ich inzwischen schon 13 Jahre nicht mehr dort wohne, bin ich da (meint Hellersdorf) doch groß geworden und fühle mich bis heute irgendwie persönlich angegriffen, wenn die Platte als Zwischending zwischen Nazi-Hort und Unterschichtenghetto verunglimpft wird. Was mich daran am meisten stört ist, dass solche Beschreibungen fast ausnahmslos von Leuten kommen, die im Leben noch keine 24 Stunden dort verbracht haben. Drum sei der Slogan des Bezirkes aufgegriffen: Marzahn-Hellersdorf, anders als erwartet 😉

  4. @Zia:
    Das Interessante ist nicht nur, dass die meisten das erst selten „von innen“ gesehen haben, viele orientieren sich da halt auch an den absoluten Negativbeispielen. Es gibt ja sehr hässliche Ghetto-Plattensiedlungen, die ich nicht ansatzweise schönzureden gedenk würde. Aber die Form des Hauses alleine hat nicht unbedingt was zu sagen.
    Mir persönlich gefällt der Wechsel zwischen hohen Häusern und unglaublich ausladenden Frei- und Grünflächen einfach besser als dieses Standardmodell „Haus-Gehweg mit Bäumchen-Straße“.
    Dass es hier anders als erwartet ist, kann ich nur unterschreiben. Ich hab das zunächst auch eher für eine Übergangsbleibe gehalten hier, inzwischen mag ich es sehr. 🙂

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