Mein 3. Oktober

Ich vermute, während die meisten Menschen heute irgendwann im Laufe des Tages mit einem leichten Kater und dem Bedürfnis nach weniger langen Wochenenden zum x-ten Mal das Licht der Welt erblicken, werden sich in meinem Feedreader jede Menge Artikel ansammeln, die alle mit dem Tag der deutschen Einheit zu tun haben. Feiern hier, Feiern dort, Freude hier, Feindschaft dort. Ich werde das auch mit halbwegs großem Interesse lesen, durch meine Beziehung und meinen Umzug hat die deutsch-deutsche Geschichte für mich zweifelsohne einen höheren Wert als früher.

Aber im Großen und Ganzen wird es öde sein. Wahrscheinlich regnet es aus den Texten Zahlen zu Politik und Wirtschaft, der ein oder andere wird sich daran erinnern, wo er den Fall der Berliner Mauer im Fernsehen gesehen hat und irgendwo werden die Leute aufspringen und mahnen, dass das ja alles nicht so einfach sei und eventuell ein Fehler war.

Für mich war der 3. Oktober eigentlich immer genau eines: Der Geburtstag meiner Eltern.

Äußerst partyuntauglich haben beide nämlich am selben Tag Geburtstag gehabt, und das ist eben der 3. Oktober gewesen. Dass ihnen dazu irgendwann ein Feiertag spendiert wurde, war mir als Kind nicht so ganz begreiflich, aber seit ich weiss, dass dieser nicht ihretwegen existiert, finde ich den Zusammenfall umso besser. Ich meine, wie viel Glück muss man haben, um mit der Zeit einen Feiertag zu erhalten, mit dem man jedes Jahr in seinen Geburtstag reinfeiern kann? 🙂

Soweit mir bekannt, nutzten beide das bisher nicht sonderlich ausgiebig und seit dem Tod meiner Mutter vor bald 2 Jahren ist die Übereinstimmung irgendwie nur noch halb so interessant geworden, denn im Bezug auf Tote ist die Bezeichnung „hat Geburtstag“ irgendwie auch unpassend.

Ich glaube dennoch, dass der 3. Oktober für mich immer nur zweitrangig ein Nationalfeiertag sein wird. Und das finde ich in Ordnung.

4 Comments

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4 Responses to Mein 3. Oktober

  1. Also für mich ist nach all den langen Jahren dieser 3. Oktober noch immer so ein „synthetischer“ Feiertag. Das ist sicherlich für junge Leute ganz anders.

    Alles Gute zum Geburtstag für Deinen Vater.

  2. Donngal

    Weiss sich nich, irgendwie “berührt“ mich der tag auch nicht sonderlich, obwohl ich durchaus empfänglich für pathetik… Für mich sind die feiern für mich auch zu beliebig, glaub ich.

  3. Big Al

    Der 3. Oktober bedeutet mir persönlich gar nix.
    Donnerstag 9. November 1989. Das ist mein Tag der deutschen Einheit, besser noch mein Tag des Mauerfalls. Unvergessen.
    Big Al war damals „beim Bund“, leistete also seinen Wehrdienst West ab.
    Unsere Führung war noch tief im Szenario des „Kalten Krieges“ gefangen und ignorierte krampfhaft die unübersehbaren Zeichen wie den wirtschaftlichen Zerfall der UDSSR , die Flucht über Ungarn usw.
    (Anmerkung: Meiner unbedeutenden Meinung nach haben die USA unter Reagan angefangen die UDSSR schlicht und ergreifend wirtschaftlich kaputt zu rüsten, was ja sooo schlecht nicht war im Endergebnis…)
    Freitags 10. November 1989 Kompanie aaaangetreten!
    Sichtlich von den Ereignissen überrollt stotterten der Kompaniefeldwebel („Spieß“) und die Führungsofiziere sinnlose nichtssagende Reden herunter.
    Dann kam das Wochenende, und danach waren 3 (drei!!!) höhere Führungsoffiziere in der Klapsmühle.
    Lebenssinn verloren, angeblich depressiv, selbstmordgefährdet usw…
    Und wir hockten weiterhin am Wochenende mit der Flinte im Spind während des Bereitschaftsdienstes in der Kaserne und warteten auf den „bösen Russen“. Auch sinnlos. Gab es aber damals Extra-Urlaub dafür, und wenn man 4-6 (Fahr-)Stunden von zu hause weg in der Pampa hockt nimmt man was man kriegen kann.
    Für mich ist der 9. November 1989 der wahre Tag der Deutschen Einheit, wir saßen gespannt vor dem Fernseher und konnten es kaum glauben.
    Bis die ersten Trabbis in der Nacht an der Kaserne vorbeifuhren.
    B. A.

    P.S.: Und wenn das jetzt einem bekannt vorkommt: Diesen Kommentar habe ich so ähnlich woanders veröffentlicht.

  4. anonym

    Ich kann es verstehen, wenn Leute mit dem Feiertag nicht besonders viel anfangen können – zumal dann, wenn sie das Ereignis selbst nicht so bewußt erlebt haben. Zumal der Feiertag selbst – das klang hier auch an – selbst eher willkürlich gewählt wurde und deshalb in der Tat etwas künstlich wirkt. (Andererseits war ja der 17. Juni im Westen wenigstens vom Datum her authentisch, dennoch haben viele nicht recht verstanden, warum es ein Feiertag war.)
    Aber das Ereignis selbst finde ich schon bedeutend, zumal ich dabei war und vmtl. nichts politisch Bedeutenders erleben werde.
    Wenn man von Geburt an Berliner ist und sowohl den Mauerbau erlebt hat und erinnert (gut, als Kind) und dann beim Mauerfall live dabei war, dann kann man eben nicht sagen, es habe gar nichts zu bedeuten. Allerdings sehe ich alles eher nüchtern-pragmatisch denn patriotisch-nationalistisch.

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