Urheberrechte im Tunnel?

Wenn Fremdschämen ein Profisport wäre, käme man seit vergangener Woche ja kaum mehr am Dopingmittel Kauder vorbei. Mit seiner überaus faszinierenden Aufführung zum Thema Urheberrecht hat Kauder es soweit getrieben, dass kein Satirker es bisher geschafft hat, diese Aktion auch noch angemessen durch den Kakao zu ziehen. Würde ich als Ausländer diese Story in der Zeitung lesen, würde ich wahrscheinlich abwinken und sagen:

„Mal ganz im Ernst: Wenn der Kerl wirklich so blöd wäre, wie hier steht, dann hätten die Deutschen den doch nicht gewählt, sondern schon im Kindesalter erschlagen.“

Zumindest dachte ich, dass ich sowas sagen würde. Dummerweise hat es mir bei einer weiteren Eselei in der Politik Europas in ähnlich krasser Ausprägung einfach die Sprache verschlagen, sodass ich mich korrigieren muss. Ich kann darauf nichts sinnvolles sagen.

(mal ganz davon abgesehen, dass die Idee mit dem Wählen ja so eine Sache ist in einem Land, in dem ein verfassungswidriges Wahlrecht durch ein verfassungswidriges Wahlrecht ersetzt wird)

Der Fauxpas, von dem ich jetzt kurz reden will, ist der der italienischen Bildungs- und Forschungsministerin Mariastella Gelmini. Die hat in einer Pressemeldung den italienischen Beitrag zur Entdeckung der inzwischen schon sprichwörtlichen überlichtschnellen Neutrinos am CERN gelobt. Genauer: Sie hat den Tunnelbau vom CERN nach San Grasso gelobt. Also den Tunnel für die Neutrinos…

Sie konnte sogar den Betrag beziffern: 45 Mio. soll er gekostet haben.

Dumm nur, dass die Neutrinos gar keinen Tunnel brauchen, weil sie kaum mit Materie wechselwirken. Aus diesem (in meinen Augen naheliegenden) Grund hat natürlich auch niemand einen Tunnel für die niedlichen Elementarteilchen gebaut. Weder die Schweizer, noch die Italiener. Aber woher sollte man sowas als zuständige Ministerin auch wissen?

Und da möchte ich kurz zurückkommen auf die Causa Kauder. Weder er, noch seine italienische Kollegin haben irgendwas total wichtiges vergeigt. Im Leben und Sprachgebrauch der meisten Arbeiter und Angestellten wird nicht zwischen Urheberrecht und Verwertungsrechten unterschieden. Ebenso interessiert es außer Physikern kaum jemanden, ob irgendwelche Neutrinos nun Tunnel brauchen oder nicht. Da dürfen Versprecher und Denkfehler vorkommen.

Aber wenn jemand auf höchster politischer Ebene über Gesetze mitbestimmt, dann haben wir alle – egal, was für Schluffis wir gewählt haben – ein Recht darauf, dass jemand auf dem Posten sitzt, der entweder Ahnung von den Entscheidungen hat, die er treffen muss – oder dass er wenigstens einen Beraterstab hat, der ihm oder ihr diese Ahnung vermitteln kann. Irgendwelche Flitzpiepen, die für die richtige Parteizugehörigkeit und ihr Talent zum inhaltsleeren Dummschwätzen Geld bekommen, haben in solchen Positionen aber mal sowas von null und garnix zu suchen!

8 Comments

Filed under Medien, Politik

8 Responses to Urheberrechte im Tunnel?

  1. Dein Wunsch in allen Ehren, aber die Wahrheit sieht eben leider anders aus. Wobei in diversen Ministerien schon fähige Leute arbeiten, aber eben eher an der Basis. Nach oben hin wird die Luft immer dünner.

  2. Wenn du denkst, solche Leute hätten da nichts zu suchen – zu recht übrigens und meiner vollsten Zustimmung sicher – dann überleg doch mal, was wäre, wenn die da nicht wirklich wären.

    Dann wäre da eine mindestens ebenso große Leere wie jetzt – nur, daß dann niemand da wäre. Denn die, die Ahnung haben, sind leider seltenst in der Politik. Leider.

  3. Michi

    Sehen wir’s positiv: Die Ministerin hätte ja auch sagen können, dass die Neutrinos per Tunneleffekt durch die Alpen spaziert sind 😉

    Was den Fall Kauder angeht: Von der Sorte gibts gleich zwei. Einmal Volker, derzeit C“D“U-Fraktionsvorsitzender. Die tolle Idee zum Urheberrecht („du hast jetzt drei Wochen Internetverbot!“ – „Ich will aber nich, Mama, wääääääh…“) kam von seinem Bruder Siegfried. Der ist im Bundestag Vorsitzender des Rechtsausschusses(!). Mir ist das auch erst auf den zweiten Blick aufgefallen, ist der eine doch deutlich bekannter als der andere. Aber zugetraut hätte ich es dem anderen auch.

    Man fragt sich manchmal echt, in welchem Jahrhundert diverse Figuren aus der Politik eigentlich leben. Geht es eigentlich nur mir so oder kommen solche abstrusen Vorstellungen zum Internet zum Großteil aus ein und derselben Partei?

  4. Daniel

    Der Kauder hat doch nen Nebenjob in der Musikindustrie. Der hat halt ganz einfach was für seinen Arbeitgeber getan, und sich dabei so dumm angestellt, dass es nach hinten losgegangen ist.
    Man sollte Politikern Nebenjobs verbieten, die sich mit ihrer politischen Tätigkeit überschneiden. Dann würde uns solcher Mist erspart bleiben.

  5. Oni

    @Daniel: „Vereinigung der Musikverbände“ klingt zwar nach Musikindustrie, ist aber eine Interessenvertretung für Spielmannszüge! Wer immer wieder betont, dass er die Urheberrechtsideen ja nur wegen seines Vorsitzes dort hat macht sich meiner Meinung nach lächerlich.

    Kauder macht sich sowieso lächerlich.

  6. Daniel

    Ich würde es ja eher als lächerlich bezeichnen, zu behaupten seine Nebentätigkeit hätte nichts mit seinen Äußerungen zutun – er bekommt ja selbst innerhalb der eigenen Partei massiv Widerspruch. Was außer Lobbyarbeit soll das sonst sein, was er da macht?

  7. oni

    Natürlich ist das Lobbyarbeit. Aber mit den Spielmannszügen hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Die bringen doch höchstens mal eine selbst produzierte CD für 10 Euro raus. Die meisten Leute die auf seinen Nebenjob hinweisen denken wie wahrscheinlich bei „Musikverbände“ an die Verwertermafia, weil sie nicht nachgeguckt haben was der Verein wirklich macht. Und das nutzen einige Blogger gnadenlos aus, indem sie bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen. Das schwächt finde ich aber die Argumentation. Dass S. Kauder eine lächerliche Figur ist kann man auch so zeigen.
    Wie gesagt, dass Kauders Vorschläge unterste Kanone sind, da sind wir uns einig.
    Der persönliche Angriff auf dich war nicht beabsichtigt und tut mir leid.

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