Nachtsparen

Es kriselt weiter fleissig da draussen im Lande, auf dem Kontinent und sogar weltweit. Auch die Regierung hierzulande sucht gerade krampfhaft nach Möglichkeiten, in Zukunft sparen zu können. In meinen Augen bedenklich oft wird dieser Tage auch darüber nachgedacht, bei Nacht- und Feiertagsarbeit künftig die Steuerfreiheit der entsprechenden Zuschläge zu streichen.

Das ist nun ein Thema, das erste schätze ich, das mich politisch auch meiner eigenen Situation wegen interessiert. Ich bin bisher soweit ich mich erinnern kann, kein einziges Mal auf die Straße oder ins Wahllokal gegangen, um mir selbst das Leben leichter zu machen. Ich persönlich lebe ja in einem erstaunlich konfliktfreien Vakuum innerhalb fast aller politischen Entscheidungen. Ich verdiene zwar wenig Geld, bin aber zufrieden damit. Ich hab passable Arbeitszeiten mit Luft nach oben und unten und entscheide das ohnehin selbst. Ich bevorzuge ein schon ziemlich spießiges Leben ohne teure Hobbies. Ich kann mir vorstellen, weniger zu heizen, langsamer zu fahren und ungesünder zu essen. Ich passe dank meiner Herkunft nicht ins Beuteschema meiner politischen Gegner, habe Spaß an meiner Lohnarbeit und als abschreckend großer weißer Mann muss ich mir fast überall auf dem Planeten keine Sorgen um Ausgrenzung, Rassismus oder Überfälle machen. Von Sexismus würde ich auch noch profitieren. Im Zweifelsfall bin ich mit einem ausreichenden sozialen Netzwerk ausgestattet, dass es mir erlauben würde, eine gewisse Zeit ohne Geld zu überleben, und moralische Skrupel, im Ernstfall kriminell zu werden, traue ich mir zu abzulegen. Ja selbst im Falle einer Hungersnot habe ich mehr Fettreserven als 90% der Menschheit und kann daher mit Fug und Recht behaupten, dass ich einfach keinen Grund habe, mich zu beschweren.

Im Grunde auch nicht über eine Streichung einiger Steuervergünstigungen.

Das heisst aber nicht, dass ich dafür wäre! Aber, und das ist komischerweise wirklich meine ehrliche Meinung, geht es mir auch hier eigentlich nicht um meine paar Euro. Klar, mir würde am Monatsende was im Geldbeutel fehlen. Wenn es ganz dumm läuft, dann bedeutet das, dass ich einen Tag mehr arbeiten muss, oder – um es ein wenig deutlicher zu machen – eine Viertelstunde mehr pro Tag. Das ist nicht wirklich ein Grund zum Jubeln, aber in meinen Augen ein vertretbarer Aufwand. Insbesondere, wenn wir mal so dümmlich und blauäugig wie all die CDU- und FDP-Wähler sind, die glauben, dass die Regierung weiss was sie tut und dieses finanzielle Mehraufkommen in irgendeiner Form tatsächlich sinnvoll verwendet.

Aber ich finde es unfair vielen Menschen gegenüber. Denn auch wenn ich selbst mit meiner Situation grinsend zufrieden bin, ist nicht abzustreiten, dass Nacht- und Feiertagsarbeit eine Mehrbelastung darstellen. Ob die gesundheitlichen Studien haltbar sind, weiss ich nicht. Aber alleine der soziale Faktor. Wie kann ich im selben Land Ladenöffnungszeiten einschränken, um die armen Beschäftigten vor Ausbeutung zu schützen, und andererseits die Arbeit derer, die dennoch Nachts arbeiten müssen, als gleichwertig abstempeln.

Ich hab vor einiger Zeit schon einmal geschrieben, dass es nunmal eine Menge Leute gibt, die Nachts arbeiten müssen. Die Ärzte und die Feuerwehr führe ich gerne an erster Stelle, aber selbst die von mir vielgescholtenen Polizisten widmen sich ja bisweilen Nachts sinnvollen Tätigkeiten, die keiner missen möchte. Was es für unser modernes Leben bedeuten würde, wenn auch Mitarbeiter von E-Werken, Kneipiers, U-Bahn- und Taxifahrer nachts einfach alle frei hätten, das kann man mal versuchen, sich auszumalen. Wir leben zwar inzwischen in einer Welt, in der ich beim Versandhandel nachts um ein Uhr ein Kissen mit Katzenmotiven kaufen kann, aber dennoch sind viele Dinge dieser Welt auf das Leben tagsüber zugeschnitten.

Denn meine Nachbarn bohren ihre Dübellöcher zu meiner Schlafenszeit. Wenn ich am Montag um 3 Uhr von der Arbeit komme, hat kein Laden mehr offen, in dem ich mir schnell was zu essen kaufen kann. Mein Arzt öffnet zu einer Tageszeit, die bei normalen Menschen etwa 1 Uhr Nachts bedeutet und wenn ich wegen irgendwas zu einem Amt muss, dann kann es schon mal sein, dass ich meinen Tagesrhytmus völlig umschmeissen muss. Dazu kommen Vertreter, Werbeanrufe und Nachfragen von Unternehmen, mit denen ich eine Geschäftsbeziehung unterhalte, die sich allesamt melden, wenn ich gerade meine zweite oder dritte Tiefschlafphase habe. Sicher ist auch mein Stromverbrauch höher, da ich zu freien Zeiten nachts das Licht anhaben muss.
Andere haben es noch schlimmer erwischt: Sie haben eine Frau, die einen Job macht, den sie nur tagsüber machen kann/darf oder gar so kleine wuselige Viecher, die tagsüber in die Schule müssen und den Rest der hellen Tageszeit kreischend in der Wohnung verbringen.

Von der seelischen Belastung, die einen befällt, wenn man am Wochenende abends nicht mit den Freunden einen trinken gehen kann, mal ganz abgesehen: Es sind nach wie vor eine Menge Nachteile, die einem die Nachtschicht verleiden können. Ganz im Ernst: Ich schäme mich nicht, dafür irgendwas zwischen 5 und 50 € monatlich an Steuergeschenken zu bekommen. Ich halte das schon in meinem Fall für eine gerechtfertigte Gegenleistung für den Gefallen, den ich betrunkenen Spätheimkehrern damit mache, morgens um 4 Uhr im Auto auf sie zu warten. Und die Bezuschussung für den Arzt, der mich dann um 5 Uhr aufnimmt, wenn der Betrunkene mir ins Lenkrad gefasst und damit einen Unfall provoziert hat, die kann in meinen Augen gar nicht hoch genug sein.

Ich bin grundsätzlich ein Vetreter libertärer Ansätze, und würde mir in erster Linie natürlich eine Angleichung des Nacht- an das Tagleben wünschen. Aber im Wissen darum, dass eine gewisse Ruhe dem Menschen definitiv gut tut (ist ja z.B. schön zu wissen, dass die Anrufe nachts um 4 Uhr wirklich dringend sind) und andererseits auch Party und Bohren in den eigenen vier Wänden wenigstens tagsüber ok sein müssen, bin ich eben dafür, wenigstens einen kleinen finanziellen Ausgleich für uns Nacht- und Feiertagsarbeiter zu erhalten.

Davon, dass die Nacht die schönere Tageszeit ist, können wir leider auch nicht alleine leben 😉

8 Comments

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8 Responses to Nachtsparen

  1. D’accord, dass jemand, der Nachts arbeitet, mehr Geld verdienen soll. Nicht d’accord, dass dieses mehr Geld der Steuerzahler aufbringen soll. Bei Allgemeingütern (Bahn, Polizei, etc.) mag es ja noch das linke Tasche / rechte Tasche Prinzip sein, aber spätestens bei Schichtarbeitern in der Industrie muss es ja nicht Aufgabe des Steuerzahlers sein, das Unternehmenswohl zu begünstigen: Die Firma erzielt aus der Nachtarbeit einen Wettbewerbsvorteil. Um Ihre Mitarbeiter dazu zu bewegen, zahlt sie ihnen mehr – der Mitarbeiter sieht nur den Nettoanteil dieses Zuschlages. Statt ihn steuerfrei zu zahlen, könnte das Unternehmen auch tatsächlich mehr bezahlen, um so den gleichen Nettoeffekt zu erzielen.

  2. Ich arbeite jetzt schon ohne Wochenend- und Feiertagszuschlag, yay!

  3. @Kanut:
    Hmm, da muss ich dir prinzipiell Recht geben. Im Falle meiner Arbeit (ich werde ja direkt am Umsatz beteiligt) müsste das dann wohl für einen gesonderten Nachttarif sprechen. Puh, Pest und Cholera! Das ist nämlich aus meiner Sicht auch nicht das Gelbe vom Ei…
    Was ich allerdings noch anmerken wollte: In der Bilanz kommt es zwar nachher aufs Gleiche raus, aber von der Philosophie her ist es ja dennoch ein Unterschied, ob man etwas aktiv bezahlt oder nur darauf verzichtet, sich etwas vergüten zu lassen.

    @Nick:
    Nicht schön 🙁

  4. Aro

    Ein Mindestlohn wäre auch ganz schön.
    (Notiz an mich: Beim nächsten Weihnachtswunschzettel nicht vergessen!)

  5. Das ist so ne Sache Sash.
    Für mich persönlich ist das erstmal relativ irrelevant, da ich das ja als Nebenjob mache (, deshalb sowieso immer der letzte Arsch bin, was Arbeitszeiten angeht) und fast froh bin (war) auch Sonntags arbeiten zu können um neben der Uni auf eine ordentliche Stundenzahl zu kommen.
    Zusätzlich ist es relativ gut bezahlt und flexibel.

    Interessant wird es eigentlich erst bei unseren festen Mitarbeitern.
    Soweit ich weiß, bekommen die dafür aber einen ausgleich im Rahmen ihrer Arbeitsstunden. Sprich einen freien Tag.
    Was im Grunde eigentlich noch besser entlohnt sein sollte als Feiertagszuschlag.

    So kann man das ganze nämlich auch ans Unternehmen übergeben und spart als Staat steuern, ohne es auf dem Rücken der Arbeitnehmer auszutragen.

  6. @Aro:
    Das stimmt 🙂

    @Nick:
    Na dann ist ja gut. Wie bereits geschrieben: Ich wehre mich ja auch nicht gegen meine Arbeitszeiten. Zumal ich ja so oder so am Samstag den besten Umsatz mache.
    Ich fände es ja grundsätzlich auch geboten, dass die Unternehmen das selbst machen, aber gerade in unserem Gewerbe beispielsweise sind die Margen so gering, dass man höchstens an anderer Stelle kürzen könnte. Und das ist bei einem Stundenlohn, bei dem man den gängigen Vorstellungen vom Mindestlohn nur gelegentlich von unten an die Decke klopft, noch unsinniger.

  7. Ja, das müsste dann eben individuell geprüft werden.

  8. @Nick:
    Das Problem ist dabei nur: Es werden verdammt wenige Branchen sein, bei denen eine individuelle Prüfung ergibt, dass das so oder so zu regeln ist. Je nach Geschichtsverlauf und Wirtschaftslage hat man irgendwann dann wieder die Debatte, warum jetzt Taxifahrer nachts bevorzugt werden vor Ärzten und wer denn mehr für die Gesellschaft tue…
    Wahrscheinlich wird man da nie auf den endgültigen immergrünen Zweig kommen, solange sich die Menschen im Endeffekt immer irgendwas neiden. Ich möchte keinesfalls den Verdacht aufkommen lassen, dass ich das alles für super halten würde, wenn nur die Nachtzuschläge bleiben.
    Aber ich gehöre so oder so nicht zur Fraktion derjenigen, die gerne im Fernsehen erzählen, dass die Welt nun perfekt wäre, wenn wir nur diese eine Schraube noch anziehen würden…

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