Warum mit 40 nochmal Gamer werden?

Meine persönliche Geschichte mit Videospielen ist eine erstaunlich gebrochene. Ja, irgendwas spiele ich im Prinzip schon immer, seit ich es kann und der Grund dafür ist vermutlich der einfache, dass ich es nicht immer konnte. Ist jetzt keine traurige Geschichte von Eltern, die es mir verboten hätten als ich klein war, aber in unserem Haushalt gab es kein Interesse an Videospielen und keinen Computer und meine Eltern hatten nie ein Interesse daran, ihr meist knappes Geld in so etwas wie eine Spielkonsole zu stecken. Zumal dann halt der Kampf um den Fernseher ausgebrochen wäre. Natürlich hab ich bei Freunden mal was gespielt, aber ich fand es immer sehr unbefriedigend, nie eigene Spielstände zu haben, nie ein längeres Spiel spielen zu können und auch nie alleine. So richtig hat das erst mit dem ersten Familien-PC um 1996 rum geklappt und der war dafür völlig spiele-untauglich für die coolen Sachen. Und Geld hatte ich immer noch nicht. Also ist es am Ende beim jahrealten Wolfenstein 3D oder Rollercoaster Tycoon geblieben.

Mit dem ersten eigenen PC kam dann der erste coole 3D-Scheiß: Project I.G.I., Unreal Tournament, Tactical Ops oder GTA III, aber ich hatte auch wirklich die meiste Zeit besseres zu tun. Ich war da gerade volljährig.

Bald darauf folgte meine Zeit in Berlin und auch wenn ich immer ein paar Spiele zur Verfügung hatte, waren es doch immer die gleichen und das hat mir gereicht. Insgesamt hab ich gar nicht mal soo wenig gespielt, aber ohne großen Anspruch eigentlich immer das Gleiche. Im Wesentlichen ein paar Versionen von GTA und Far Cry und Trackmania. Ich hab mir dafür ganz okaye Hardware gegönnt, aber auch lange Jahre Ubuntu als Haupt-Betriebssystem verwendet.

Mein neues Interesse am Gaming nach meinem Umzug nach Bingen kam aus einer nicht einmal sonderlich angenehmen Richtung: Ich stand als frischgebackener Vater unter enormem Stress und hatte auch keinen Job mehr, über den ich schreiben konnte. Noch dazu hab ich mit meinem deutlich übertriebenen Alkoholkonsum aufgehört, was zweifelsohne eine meiner besten Entscheidungen war, wobei der Alkohol aber tatsächlich auch sehr viel zu meiner Lust am Schreiben beigetragen hatte, so dass ich jetzt in erster Linie ausgebrannt UND lustlos war. Was ich im Gegenzug zu früher aber hatte, war Geld. Nicht in unanständigem Überfluss, aber wenn man sich alle paar Wochen mal eine 20€-Steam-Karte vom Einkaufen mitbringt und sich zum Geburtstag ein paar Spiele gönnt, kommt da schnell eine ansehnliche Sammlung zusammen. Und spielen ist nicht so langweilig wie tonnenweise Serien bingen (was ich zu anderer Zeit auch mal gut konnte), aber halt trotzdem unanstrengend genug, um sich damit die Zeit ab 22 Uhr zu vertreiben, wenn die Kids im Bett sind.

Und als ich für mich entdeckt hatte, dass ich gerne ein paar mehr Spiele hätte, hat sich dann ganz automatisch eingestellt, dass ich meine Fühler genremäßig zumindest ein bisschen weiter ausgestreckt habe und mich wieder ein bisschen für die Berichterstattung drumrum und am Ende sogar die Hardware interessiert habe. Macht auch viel mehr Spaß, wenn man nicht von vornherein weiß, dass man sich das alles eh nie leisten können wird. Seitdem ist meine begrenzende Ressource die Zeit, mein Pile of Shame ist anfangs exponentiell gewachsen, aber seit 2025 bin ich trotz einiger Neuanschaffungen am stetigen Abbau desselben und für mich macht die Statistik ums Zocken fast so viel Spaß wie das Spielen selbst.
Und es hat geholfen, mich aus meinem Loch zu holen. Ich hab es mir als neues Hobby mit Interesse daran, mit Statistiken drumrum und mit Lust auf neues zu einer Erfahrung zusammengezimmert, die mir Erfolgserlebnisse und Befriedigung gebracht hat, obwohl der Tag scheiße anstrengend war, mein Fuß schmerzte und ich seit einer Woche nur Wohnung und Supermarkt gesehen habe. Wäre Sport mit Freunden sinnvoller gewesen dafür? Ganz bestimmt, aber bei mir war es eben das Gaming. Ich weiß, dass Menschen, die mit mehr Bewegungsdrang oder sozialen Bedürfnissen gesegnet sind, das kaum nachvollziehen können, aber das Spielen dutzender neuer Spiele hat mir neben neuerworbenem technischen Wissen eine Menge Erlebnisse beschert. Natürlich hab ich auch heute noch ein paar alte Lieblingsspiele, die ich zum Brain-Resetting runterspiele, aber ich sehe gerade die mir neuen Games immer auch ein bisschen mit einem intellektuellen Blick aufs Medium in seiner technischen und kulturellen Umgebung. Selbst bei den großen Spielen sind Trends und Stile faszinierend, von der technischen Umsetzung und den vielen Mechaniken ganz zu schweigen. Und gerade neuere Spiele bringen ja meist ganze Universen und einen Sack voll Lore mit, da geraten die meisten Fernsehserien ins Hintertreffen. Und man kann die Zombies selbst mit der Schrotflinte wegrotzen!

Vermutlich ist das wie alles im Leben auch nur eine Phase. Das ist was, was ich in den letzten Jahren – auch und gerade dank der Kinder – zu akzeptieren und oft auch zu schätzen gelernt habe. Deswegen will ich jetzt auch keinen eigenen Gaming-Blog starten oder anfangen, Special-Editions von irgendwelchen Spielen zu sammeln, ich steigere mich da nicht einmal so sehr rein, wie der letzte Absatz das vielleicht vermuten lassen würde. Aber ich genieße es. Abgesehen von den oben genannten Ausnahmen ist es nämlich einfach nur eine Bereicherung. Und das kann so falsch nicht sein.

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