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Nochmal zum HartzIV-Gemecker…

Ich habe in den letzten Tagen ja schon einmal zum gerade verbreiteten Thema „HartzIV-Abzocke“ geschrieben, leider ist seitdem nichts besser, vieles aber schlimmer geworden. Die Bild führt munter ihre Serie mit vermeintlichen „Schmarotzern“ fort, bei der eigentlich jedem klar sein muss, dass keinesfalls alle ALGII-Empfänger sich so verhalten wie die dargestellten Extremfälle. Darauf aber mal konkret hinzuweisen, fällt zumindest der Bild schwer. Die Serie löste tatsächlich die von Bild schon fast versprochene Empörung aus – glücklicherweise vielerorten eher gegen die verleumderische Berichterstattung als gegen die vermeintlichen Betrüger .
Der Grund für die ganze Presserandale ist eigentlich mehr als offensichtlich. Einige Vertreter von Gewerkschaften und den Grünen schlagen eine Erhöhung des Regelsatzes vor. Dieser liegt – sollte ja inzwischen bekannt sein – bei 351 € im Monat. Das ist das Geld, das einem HartzIV-Empfänger zur Verfügung steht zum Leben. Miete und Heizung muss er davon nicht bezahlen, alles weitere im Prinzip schon.
Nun kamen zwei Wirtschaftswissenschaftler aus Chemnitz auf die Idee, man könne mal nachforschen, wie viel Geld man denn als Arbeitsloser wirklich braucht. Nun sollte es einem eigentlich schon zu denken geben, dass sich ausgerechnet Wirtschaftswissenschaftler mit so einem Thema beschäftigen, aber sie pauschal als unsozial abzuwatschen, liegt mir natürlich auch fern.
Ein Ergebnis der Studie hallt wahrscheinlich noch jedem im Ohr: 132 €!
132 € Regelsatz sollen angeblich reichen, um „die Ziele der Sozialhilfe“ zu erfüllen. Dazu gehören die physische Grundsicherung, sowie die Möglichkeit, „am kulturellen Leben“ teilzuhaben. Selbst bild.de meint, darüber müsse man diskutieren, und weist unter dem Artikel den Weg ins Forum. Dass man aber ohne Vorurteile zur Diskussion gelangt, scheint bild.de mit den Links neben dem Artikel und der Überschrift fast schon systematisch verhindern zu wollen:

Objektive Berichterstattung, Quelle: bild.de

Ein etwas abenteuerlicher Satz in diesem kurzen Artikel ist zudem „Das absolute und zumutbare Maximum für den Staat und die Steuerzahler liegt laut Studie bei 278 Euro für den Lebensunterhalt ohne Miete und Energiekosten.“
Noch fälscher interpretieren kann man eigentlich nicht, denn:
Die erwähnten 278 € tauchen tatsächlich als „Maximum“ in der Studie auf – allerdings völlig ohne irgendeinen Bezug zu Staat und Steuerzahler. Von den Machern der Studie wird dieser Betrag quasi als Maximalbetrag für die minimalen Bedürfnisse der ALGII-Empfänger angegeben. Es handelt sich um den Betrag, der laut Studie sicherstellt, dass alle Anforderungen, die an Sozialhilfe gestellt werden, erfüllt werden. Und, ach ja, da war ja noch was: Die Energiekosten…
Das ist so eine Sache, denn hier offenbart sich erstmals die Tücke der Studie. Die Stromkosten sind gemeinhin aus dem Regelsatz zu zahlen, sind aber weder in den 132, noch in den 278 € enthalten.
Damit wären wir also bei der Studie selbst (PDF zum Download hier).
Falls es jemanden interessiert: Man sollte Wirtschaftswissenschaftler tatsächlich nicht über soziale Probleme Studien erstellen lassen. Wenn man die Studie ein wenig überfliegt, dann klingt das ja noch alles ganz logisch.
Problematisch wird das ganze nur, wenn man die Studienergebnisse in so etwas unnützes wie die Realität einbinden möchte.
Zunächst: Was in der Studie überhaupt nicht berücksichtigt wird, sind unnütze Dinge wie Strom (dafür werden im aktuellen Regelsatz schon runde 20 € eingeplant), Versicherungen, jegliche Krankheitskosten (z.B. Praxisgebühr) oder gar ein Euro monatlich zum Ansparen, um sich in 25 Jahren den kaputten Herd ersetzen zu lassen.
Neben alptraumhaften Formulierungen wie „Ebenfalls könnten weniger rational handelnde Wirtschaftssubjekte die systematische Suche nach dem günstigsten Preis unterlassen.“ herrschen dann bei der Erklärung der Preise für ihr Modell vor allem die Worte „vielleicht“ und „wahrscheinlich“ vor. Es wird munter drauf losgeraten, ob im Westen nicht viele Produkte noch günstiger zu haben seien, weil der Konkurrenzkampf dort härter ist, bzw. dass die Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Städten wahrscheinlich marginal seien. Sehr nett fand ich, dass die Problematik „Übergrößen“ angesprochen wurde – eine Lösung dafür, dass es bei Ramschhändlern keine Schuhe über Größe 46 gibt, haben sie aber nicht.
Denn der Mann, der in ihrer Studie sein Leben gesichert haben will, misst 1,70 Meter, wiegt 70 Kilo und ist rundum gesund und Deutscher mit „deutschen Verbrauchsgewohnheiten“.
Wenngleich zu Beginn der Studie in der „Präambel“ (wie nobel das gleich klingt, nicht?) der Presserummel gerügt wird und erklärt wird, in der Studie werden „keine Konsequenzen abgeleitet“, so finden sich dennoch trotz aller Unsicherheiten und Fehler Sätze wie
„Wenn der Regelsatz, wie derzeit der Fall, bei Lebensmitteln das Existenzminimum um 100% übersteigt, wird deutlich, dass die Methode der pauschalen Anhebung der Zahlungen zur Lösung der genannten Probleme hier offenbar die vernünftige Grenze überschritten hat.“ (S.17).

Hier eine Auflistung der bemerkenswertesten Berechnungsgrundlagen der Studie – für den viel beachteten Minimalfall von 132 € und die schöne Chemnitzer Umgebung.

Vorneweg: Vergleichspreise aus meiner Umgebung habe ich deswegen weggelassen, weil auch das natürlich statistisch völlig unbrauchbar wäre. Ich denke aber, die Zahlen sprechen für sich.

  • Für die Mobilität stehen im Monat 23 € zur Verfügung.
  • 9 kg Brot stehen einem zu – für 4,50 €.
  • Für Kommunikation gibt es eine Pauschale für Briefe: Monatlich 2,38 €. Die komplette restliche Kommunikation erledigt sich mit einer Mitgliedschaft in der Chemnitzer Stadtbibliothek, wo man unbegrenzt Zugang zu Internet, Büchern und Zeitschriften hat.
  • Kulturangebote gibt es im Minimalfall nicht, dafür kann man sich von den 278 € tolle Dinge leisten wie Kino (1,50 €), Museum (1,80 €), Schwimmbad (1,00 €).
  • Ein Spannbettlaken steht einem immerhin zu. Das kostet „neu“ 1,99 €, hält dafür aber auch 33 Monate – ergo: 0,06 € pro Monat.
  • Beim Rasierschaum dagegen wird nicht gespart. Für die Rasuren stehen einem immerhin 4 Einwegrasierer zur Verfügung (einmal die Woche rasieren passt schon, Personalchefs sehen sowas locker!), und mit diesen (hoffentlich richtig gerechnet) 4 Rasuren kann ich 225 ml Rasierschaum verschleudern. Mannoman. Aber beides zusammen kostet auch nur 1,24 €, da geht das schon…
  • Turnschuhe für 15 Euro halten – wer weiss es nicht – zwei Jahre (mindestens, oder?).
  • Ach ja, und sowas teures wie Mineralwasser für 15 Cent pro Liter – das geht nun echt gar nicht bei diesem Luxusleben, sorry!

Meinen absoluten Lieblingssatz aus der Studie möchte ich aber auch niemandem vorenthalten, der sich das Geschwurbel nicht selbst reinziehen will:
„Es hindert nicht an üblichen Alltagsvollzügen, in gebrauchten Möbeln zu wohnen.“

Damit wäre dann alles klar, oder?
Bleibt zu erwähnen, dass die vorgeschlagene Erhöhung des Regelsatzes auf 420 € geschätzte 10 Milliarden Euro kosten wird. Das ist in etwa so viel wie die Pleite einer übermütigen IKB den Steuerzahler gekostet hat. Es ist sogar weniger als das, was der deutschen Wirtschaft seit der letzten Reform an Steuern erspart bleibt.
Das sollte man sich bei dieser bösen großen Zahl mal vorstellen.

Ich möchte es nochmal ganz klipp und klar für alle sagen, die diesen Artikel nur erheiternd fanden: Es ist geradezu widerlich, wie hier versucht wird, ausgerechnet den am schlechtesten gestellten Menschen in die Schuhe zu schieben, dass es der Gesellschaft schlecht geht.
Die Studie mag sich hier zwar hinter dem Schild der Neutralität verstecken, aber dies ist in Anbetracht folgender Schlußfolgerung schwer zu halten:

„Wie aber anhand der Kategorie Lebensmittel gezeigt wurde, liegt der Regelsatz hier bereits um 100% über dem Existenzminimum und etwa auf der Höhe der Ausgaben, welche das untere Fünftel der Gesellschaft tätigt. Das bedeutet, dass die Gesellschaft den Sozialhilfeempfängern in Bezug auf Lebensmittel nicht das Existenzminimum finanziert, sondern einen bestimmten Lebensstandard, der dem Durchschnitt des unteren Fünftels der Gesellschaft entspricht. Das ist weit mehr als mit den formulierten Zielen der sozialen Mindestsicherung vereinbar.“

Und meiner Meinung nach sind Forderungen danach, Arbeitslose als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, eine der größten asozialen Abartigkeiten, und eigentlich selbst für waschechte Nazis schon zu mies. Kotz!

Nachtrag:
Auf den „NachDenkSeiten“ gibt es hier und hier noch mehr Gedanken und Infos zum Thema

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Links hält jung!

So muss es sein, denn wieso sollte sich bild.de sonst über ein Plakat aufregen, das anscheinend schon fünf Jahre alt ist? Na gut, das Plakat macht sich über tote Bundeswehrsoldaten lustig, lässt sich über drei, vier Ecken mit der bösen Linkspartei in Verbindung bringen und außerdem ist ja gerade ein Bundeswehrsoldat gestorben:

Links zwo drei vier... Quelle: bild.de

Links zwo drei vier… Quelle: bild.de

Wenn bild.de der Meinung ist, die Ehre eines deutschen Soldaten zu retten, indem sie der Welt ein mit viel Hang zu Zynismus gestaltetes Plakat zeigt, dann sollte man sich darüber Gedanken machen. Ob das Plakat geschmacklos ist, oder nur eine äußerst gelungene Satire (die darf bekanntlich alles!), das bleibt dem Leser / Betrachter überlassen. Fakt ist aber: Als dieses Plakat erstellt wurde, gab es „die Linke“ noch gar nicht und der Tod dieses Soldaten lag in weiter Ferne. Hier werden einmal mehr Kausalzusammenhänge suggeriert. Doch leider macht sich Onkel Lafontaine nicht darüber lustig, dass gerade ein Soldat gestorben ist. Bild hat nur irgendwelche linken (iiihhh!) Archive bemüht, um irgendwas möglichst hartes zu finden. Das sollte man nicht vergessen.

Anmerkung 1: Ja, ich halte auch nichts von der Bundeswehr und Militäreinsätzen im Allgemeinen, und mein erster Gedanke bei dem Plakat war: Mensch, das kennste doch aus deiner alten Wohnung…

Anmerkung 2: Das provoziert unter Umständen miese Diskussionen, also wenn ihr nicht halbwegs nett bleibt, dann muss ich die Kommentarfunktion moderieren, und diese Zensorfunktion will ich eigentlich nicht ausüben, also vertragt euch!

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Würden wir nur alle HatzIV kriegen!

Wie alle Jahre wieder scheint sich die Bild erneut auf „HartzIV-Betrüger“, „Abzocker“ und „Schmarotzer“ einzuschießen. „Der große HartzIV-Report“ bei bild.de zeigt heute unter der fetten Headline „So einfach ist es, den Staat zu bescheißen“, wie Markus M. mit Schwarzarbeit seinen Reichtum als Arbeitsloser vervielfacht – oder so. Immerhin bekommt der gute Mann 610,44 €. Über die Richtigkeit der Angaben will ich besser gar nicht nachdenken, es würde mich nicht verwundern, wenn bildblog bald einen Artikel dazu veröffentlicht…
Etwas erstaunt hinterlassen mich solche Artikel bei bild.de immer, weil sie – ob jetzt aus ihrer Statisten-Datenbank oder doch wirklich von der Straße – immer wieder die schlimmsten Vollhonks der Republik finden. Markus M. streckt die Zunge raus, posiert mit 4 Handys oder chillt gemütlich vor zwei Flachbildschirmen, wobei man natürlich erfährt, dass er noch einen hat.
„Auch sonst ist er bestens ausgerüstet:“, liest man da: „Waschmaschine, Spülmaschine, DVD-Player, Satellitenempfänger, zwei Rechner, drei Bildschirme, Scanner, Drucker.“
„Das ist ja ungeheuerlich!“, mag sich der ein oder andere Bild-Leser denken, schließlich haben HartzIV-Empfänger doch gefälligst von Wasser und Brot zu leben, und wenn sie schon einen PC haben müssen, dann doch bitte einen alten – sie wissen schon – nix mit DVD und so!
1000 Euro, so verrät uns Markus M., verdient er angeblich schwarz dazu. Zugegeben, von 1600 € netto könnte ich auch ganz gut leben. Aber wie macht er das denn jetzt. „So einfach ist es, den Staat zu bescheißen“ hieß es doch in der Überschrift. Ach ja: Markus M. versucht „Sozialdetektiven“ zu entkommen, indem er mit der U-Bahn erstmal in die falsche Richtung fährt und immer „in letzter Sekunde“ aus dem Wagen springt. So einfach ist es also! Wenn man einmal mehr (wir gehen ja davon aus, wir sind so dämlich!) bild.de glauben, dann liegt die – geschätzte – Missbrauchsquote bei 15 Prozent der Fälle. Das wären – bleiben wir bei den bild.de-Infos – 15% von 6,1 Mio. Menschen.
915000 HartzIV-Betrüger bevölkern also unser Land. Rund jeder neunzigste Bundesbürger also springt – und wer hat das noch nicht beobachtet – immer ganz schnell aus der Straßenbahn. Natürlich erst, nachdem er sinnlos kreuz und quer durch die Stadt gefahren ist.
Nein, natürlich schreibt bild.de nicht, dass das so ist. Aber sie schreiben auch nicht das Gegenteil. Hier werden wieder einmal besonders extreme Idioten vorgestellt und mit einem Verweis auf die Zahlen suggeriert, dass alle so skrupellos, schlimm oder sonstwas sind. Dass „ungerechtfertigter“ Bezug von Sozialleistungen aber auch sehr niederschwellig sein kann (z.B. mal 50 € zu wenig Nebenverdienst angegeben, um nicht in Zukunft alle Bezüge zu verlieren und alles neu zu beantragen) oder gar aufgrund der nicht immer einfachen Gesetzeslage versehentlich vorkommt – das wird natürlich unter den Tisch fallen gelassen.
So prollig und arschlochmäßig Markus M. auch sein mag (wenn es ihn denn so gibt): Ob er von den 610 € vielleicht wirklich nicht leben kann, das wird nicht thematisiert. Meiner Meinung nach gehört das aber mindestens dreimal so oft in einen „großen HartzIV-Report“ wie die Hackfresse irgendeines geltungssüchtigen Idioten, der alleine sicher nicht das Sozialgefüge zum Einsturz bringt.
Aber darüber kann man sich natürlich nicht so schön echauffieren, wenn man es gerne einfach hat.

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Kommentar zum Kommentar

Dass ich Oliver Santen, seines Zeichens Bild-Kommentator, nicht mag, habe ich aus anderem Grund  schon einmal geschrieben. Sein aktueller Kommentar ist dieses Mal verdächtig kurz. Vielleicht trainiert er ja, um in ein paar Jahren dann „Post von Santen“ zu schreiben. Naja, so kurz er ist, so inhaltsleer ist der Kommentar, und er nervt mich nicht nur in Punkto Meinung – da liegt Santen ja eh meilenweit entfernt von mir.

„Leistung nicht noch mehr bestrafen!“
prangt in großen Lettern über den gefühlten 150 Worten, und natürlich geht es um die erschreckende Zahl: 80%!
„Ein Viertel der Deutschen zahlt fast 80% der gesamten Lohn- und Einkommensteuer.“
Diese Zahl scheint bei Herr Santen dazu zu führen, dass er Minderheiten bedroht sieht und sich gegen diese Entwicklung stemmen will, ja: muss.
„Diese Zahlen belegen Schwarz auf Weiß: Wer in Deutschland gut verdient, der zahlt auch kräftig Steuern.“
Irgendwie kann ich ihm da nicht widersprechen. Irgendwo hat er ja recht, aber was soll das? Ist das neu? Ist das ein Problem? Mal abgesehen davon, dass er das mit seinen Zahlen nicht beweisen kann, denn was 2008 passiert, lässt sich sicher herausfinden, aber nicht mit Zahlen von 2004 😉 Aber weiter im Text:
„Dabei handelt es sich keineswegs nur um Einkommens-Millionäre.“
Das wäre auch eine wirklich utopische Grenze für den Spitzensteuersatz…
„Ganz im Gegenteil:“
Ach wie? Auch die ganz Armen? HartzIV und so?
„auch Facharbeiter“
Naja, „Gegenteil“ ist ein bisschen hart ausgedrückt, oder?
„werden vom Finanzamt ordentlich abkassiert. Der Spitzensteuersatz wird ab einem Jahreseinkommen von 52 000 Euro fällig.“
Äh, Herr Santen? Das ist seit 2007 schon nicht mehr so. Seit da gilt ein neuer „Spitzensteuersatz“ ab 250 000 Euro (bei Ledigen).
Im folgenden wird der Herr Santen über eine Steueränderung meckern, die es bereits gibt. Richtig ist, dass ab 52 152 Euro der (ehemalige Spitzen-)Steuersatz von 42% greift. Da das vielleicht für Laien schon schlimm genug klingt, muss ich hier noch einmal erwähnen, dass dieser Steuersatz NICHT auf das gesamte Einkommen erhoben wird, sondern nur auf den Teil, der über diesem Einkommen liegt.
„Die Forderung von Politikern, dass breite Schultern noch mehr tragen müssen als andere, ist schlicht populistisch.“
Und warum? Hey, realistisch betrachtet bin ich ein sozialer Mensch. Mal abgesehen von dem unnötigen Scheiß, den die Regierung damit zu finanzieren gedenkt, bin ich zum Beispiel gerne bereit Geld in Form von Steuern an die Gemeinschaft zu zahlen. Herr Santen sollte mir beizeiten aber mal erklären, wie ich das 2004 bei einem Brutto-Einkommen von 1050 € (in guten Monaten) hätte tun sollen. Es mag abstrakt für wohlhonorierte Bild-Schreiber sein, aber: Arme Menschen haben weniger Geld! Das macht es etwas schwierig für sie, einen Großteil der Steuern zu zahlen…
„Eine neue „Reichensteuer““
…die es schon gibt…
„würde alle Leistungsträger weiter schröpfen – auch viele fleißige Beschäftigte, die täglich ranklotzen.“
Er hat ja recht: Abgesehen von den faulen Leistungsträgern würden auch die fleißigen Beschäftigten geschröpft. Also zumindest die fleißigen Beschäftigten, die über 250 000 Euro im Jahr verdienen.
„Wollen wir Leistung tatsächlich mit immer höheren Steuern bestrafen?“
Herr Santen will das offenbar nicht. Verdient der eigentlich über 250 000 Euro im Jahr? Kann mir das mal jemand verraten?
„Nein!“
Äh, das ist nicht meine Meinung!
„Wir sollten dafür sorgen, dass die Starken hierbleiben und dafür sorgen, dass den Schwächeren weiter geholfen werden kann.“
Wie wollen sie denn den Schwächeren mit Hilfe der Starken helfen, Herr Santen? Doch nicht etwa durch ihr Geld, oder? Denn das dürfen wir ja ihrer Meinung nach nicht nehmen. Entweder sie haben noch irgendwo eine eierlegende Wollmilchsau im Ärmel versteckt, oder sie haben einfach keine Ahnung, was für einen Müll sie hier mal wieder verbreitet haben.

Ich tippe auf letzteres!

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Bsirske beim Auf-die-Schnauze-Fliegen

Ist es nicht irgendwie erstaunlich? Bei der Lufthansa wird / wurde gestreikt, und prompt kamen alle angerannt und riefen wild in die Runde, weswegen das alles schlimm ist. Allen voran natürlich die Bild. Da würden arme deutsche Urlauber um ihre verdienten Ferien gebracht, die Wirtschaft leidet, eigentlich ist es halt so rundum fies. Als bestes Beispiel sei hier eine Kolumne von Oliver Santen genannt, die ich schon angesprochen habe.
Nun passiert etwas furchtbares. Etwas unglaubliches. Etwas so schreckliches, wie es eigentlich seit mindestens dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat: Der verantwortliche ver.di-Chef und Lufthansa-Aufsichtsrat Bsirske fliegt in den Urlaub!!!
Gratis!
Mit der Lufthansa!
Das Geschrei ist groß, und was ist angeblich das Schlimme daran: Dass er die treuen Gewerkschaftsleute damit prellen würde. Wie niedlich…
Also diese unersättlich gierigen, miesen und selbstverliebten Gewerkschafter, die das deutsche Volk ja offenbar erklärtermaßen zugrunde richten wollen. Die macht er angeblich unglücklich, und das ist gemein…
Der Volkspfarrer von Bild, Peter Hahne schreibt also gleich mal was über die abgehobene Elite des Landes, dass seine Oma noch treu nach dem Motto „Das macht man einfach nicht!“ gehandelt hat, und dass alles scheiße ist. Jaja, ich sag’s ja immer, aber auf mich hört ja niemand.
Mal im Ernst:
Dass ich den Streik in Ordnung finde, habe ich gesagt. Witzigerweise finde ich auch an Bsirskes Flug nichts. Meinetwegen bekommt der Kerl zuviel Geld für zuwenig Leistung, aber ich will, dass mir jetzt mal jemand erklärt, wie er seinen Anhängern mit einem Gratis-Flug schadet! Hätte er den Quatsch bezahlt, dann fände ich das auch absurd, aber was soll das Geschrei jetzt schon wieder?
Es ist schon peinlich genug, dass die Bild gleichermaßen gegen Gewerkschaften wettert und auf der anderen Seite sinkende Einkommen beklagt. Sich dann aber über den Gewekschaftschef zu beschweren, das er die streikenden Piloten im Stich lässt, das hat etwas besonders perfides. Manch anderer Publikation würde ich hier vielleicht Meinungsvielfalt unterstellen. Bei Bild nenne ich es lieber Populismus und Opportunismus!Links zu diesem Artikel:Kolumne von Peter Hahne
BILD-Bericht zum Thema
Bericht vom Tagesspiegel

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Schreibt uns nicht kaputt!

Ich gebe es zu: Oliver Santen nervt mich ein wenig mehr als die meisten anderen Bild-Schreiberlinge. Ich mag in den Augen vieler vielleicht ein hoffnungsloser Idiot sein, weil ich links bin, aber ich verstehe einfach die Gewichtung mancher Urteile von Menschen nicht. Ich bewerte es eben einfach anders.
In seiner neusten Kolumne schreibt Santen: „Streikt uns nicht kaputt!“ und es geht um von ver.di angekündigte Streiks bei den Piloten. Es ist meines Erachtens nach ok, wenn man sich als Urlauber ärgert, dass der Flug ausfällt. Es ist legitim, sich zu beschweren, wenn man geschäftliche Termine deswegen nicht wahrnehmen kann – keine Frage. Aber was soll es bitte heissen, wenn Santen schreibt: „Der Streik gegen Urlauber hat Methode.“?
Hier liegt meines Erachtens nach wieder ein künstlich geschaffener Kausalzusammenhang vor: Beim Streik sind unter anderem auch Urlauber geschädigt, deswegen richtet sich der Streik also gegen die Urlauber. Das ist – und das behaupte ich eiskalt ohne von ver.di Bonbons zu kriegen – einfach Quatsch! Indirekt mag sich ein Streik gegen Urlauber richten, aber nicht gegen die Urlauber als Personen, sondern als Einnahmequelle des bestreikten Unternehmens. „Zugegeben, das Streikrecht ist eine legitime Waffe im Kampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern“, schreibt Santen weiter. Das dachte ich auch. „Aber dürfen wir im Zeitalter der Mobilität zulassen, dass die Hauptschlagader unseres Lebens mal eben gekappt wird?“, so die – nicht sonderlich unparteiische – Frage Santens. Ich verstehe seinen Standpunkt zwar, ich kann ihm sogar eine gewisse Sinnigkeit nicht absprechen, aber wenn ein Streik an sich legitim ist, das aber bei Piloten nicht ok ist… was ist dann das legitime Mittel bei Piloten?
Und wenn wir gerade überlegen, wer alles nicht streiken darf, wie geht es weiter? Die bei den Energieunternehmen bediensteten Leute dürfen sicher auch nicht streiken, wir haben ja auch irgendwie das Energiezeitalter – und zudem das Automobilzeitalter, das Computerzeitalter, das Globalisierungszeitalter, das Dienstleistungszeitalter, das Handelszeitalter, das Internetzeitalter, das… schafft den Arbeitskampf doch ganz ab!
Ich meine, Sreik ist nicht irgendein Druckmittel, es ist die letzte Waffe der Arbeitnehmer, die noch gesetzlich ist. Danach haben die Arbeitgeber noch die Ausschließung, und dann ist Ende, dann wird alles weitere unter Terrorismus subsummiert.
Wie sollen sich also Piloten beispielsweise sonst wehren, wenn sie sich unter Wert verkauft fühlen? Santen fordert, dass der Verkehr als Motor der Gesellschaft vom Arbeitskampf grundsätzlich ausgenommen werden sollte. Nette Idee, was verspricht sich unser Held denn davon?
Ich gebe mal eine Prognose ab, wo sein Szenario aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann hinführt: Die Jobs werden immer beschissener bezahlt, bald will sie keiner machen, und wenn dann ganz ohne Streiks die viel geliebte Mobilität ins Wanken gerät, holt man sich billige Piloten aus Übersee und meckert, dass die Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen und gar nicht so gut geschult sind wie die Deutschen.
Soll man sich vor einer derartigen Weitsicht verbeugen? Sie bejubeln?
Wer jetzt aber denkt, Santen hätte damit sein Pulver verschossen, der bekommt zum Abschluss noch einen Nachschlag: „Es darf nicht länger sein, dass Urlauber, Geschäftsreisende und Pendler zu Geiseln von Lokführern oder Piloten werden.“
Mit Verlaub, Geiseln befinden sich in der Gewalt der jeweiligen Gruppen. Ihr Leben ist abhängig von ihnen. Mit anderen Worten: Tagtäglich sind die armen Urlauber, Pendler und Geschäftsreisenden „Geiseln“ der Fahrer und Piloten, der Führer und Transporteure. Daran denkt niemand. Wenn die Leute doch so wichtig sind – als Motor der Gesellschaft – warum haben sie es dann nötig, für mehr Lohn zu streiken? Warum zahlt niemand diesen wichtigen Leuten mehr Geld? Ich finde diese Frage viel wichtiger als die Frage, wer wann unter welchem Streik leidet – selbst wenn es für den Einzelnen manchmal Einschnitte bedeutet.
So lange der Arbeitsplatz die einzige Möglichkeit ist, ein Leben zu finanzieren, so lange wird man sich um gerechte Bezahlung streiten müssen. Ein Streik ist nicht nur im abstrakten Sinne legitim, sondern er zeigt den betroffenen Unternehmen auch ganz klar auf, wie wichtig die Mitarbeiter sind. Angebot und Nachfrage, Marktwirtschaft und Kapitalismus, Themen, die Santen sicher feuchte Träume bescheren, funktionieren nunmal so.
Ich will nicht ernstlich polemisch werden zum Schluss, aber wer fliegen will, muss auch die Löhne der Piloten akzeptieren. Und meiner Meinung nach haben Unternehmen, deren Erfolg nur darauf beruht, dass sie den Angestellten zu wenig Geld zahlen, keinerlei Existenzberechtigung. Und diesen Satz schreibe ich – wenn man mal darüber nachdenkt – sogar im Sinne aller Kapitalisten da draussen. Denn: Wer soll denn all die Waren und Dienstleistungen kaufen, wenn nicht die Massen der Arbeiter und Angestellten? Und wenn die kein Geld haben…

Aber gut, genug für jetzt!

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Völlig unnötiger Artikel

Wenn wir über Bild und bild.de eines wissen, dann dass sie… lügen? Naja, das auch, aber mir ging es eigentlich darum, dass sie eine recht klare politische Linie haben. Da mag noch so oft „überparteilich“ unter dem Titel stehen, oder in „leicht einseitigen Artikeln“ von einer Zeitung fabuliert werden, die „rein sachlich“ berichtet, es ist und bleibt so.

Um das ein x-tes Mal zu verdeutlichen, sei hier einmal gezeigt, weswegen Heiner Geißler der Verlierer des Tages ist:

Screenshot: bild.de

Screenshot: bild.de

OK, über Weltanschauungen darf, ja sollte man vielleicht sogar streiten. Was aber soll „wunderlich“ daran sein, wenn Geißler seine Meinung ändert? Eine Torheit, so das Fazit, ist es wohl, sich mit Linken zu solidarisieren (ich glaube kaum, dass die Bild-Macher die Materie so differneziert betrachten, dass sie wissen, dass inzwischen selbst überzeugte Neonazis sich gegen die Globalisierung stellen). Ich möchte anmerken, dass es hier nicht um die RAF geht. Am besten allerdings ist der Satz „Jetzt macht er auch noch den Kapitalismus schlecht…“

Böser Geißler! Pfui!

Der arme kleine Kapitalismus ist beleidigt und möchte von Mama Bild im Kinderparadies abgeholt werden!

Ich weiss, das ist alles nichts neues, aber ich musste einfach einmal mehr erwähnen, bis in welche Tiefen der Zeitung und des Online-Auftritts die Meinungsmache reicht.

Ach ja, der Gewinner des Tages ist Thomas Godoj, der „Superstar“, der verkündet, dass er trotz vermutlich siebenstelliger Gewinne an seinem Kurzauftritt im Rampenlicht der Geschichte nicht vorhat, abzuheben und sich höchstens eine kleine Wohnung kaufen will. Verweigert sich also auch dem Konsum, dieser, ach… Terrorist!

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