{"id":6889,"date":"2010-11-16T07:36:55","date_gmt":"2010-11-16T06:36:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=6889"},"modified":"2011-06-29T06:15:13","modified_gmt":"2011-06-29T04:15:13","slug":"fischermans-fail","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2010\/11\/16\/fischermans-fail\/","title":{"rendered":"Fischerm\u00e4ns Fail"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Also ich wei\u00df ja nicht so recht. Axel Fischer, seines Zeichens Mitglied einer omin\u00f6sen Schwarzgeld-Sekte, fordert ein &#8222;Vermummungsverbot im Internet&#8220;. Nun ist er damit eine Art One-Hit-Wonder bei twitter geworden, quasi also auf dem Niveau eines zerbrochenen Blumenk\u00fcbels angelangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schreibt auf seiner Facebook-Seite, es k\u00f6nne nicht sein, dass sich<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;viele B\u00fcrger in Foren oder anderen Einrichtungen des Netzes hinter selbstgew\u00e4hlten Pseudonymen verstecken und sich so vermeintlich jeglicher Verantwortung f\u00fcr \u00c4u\u00dferungen und Verhalten entziehen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lobt den neuen Personalausweis als prima Methode, eine Identifizierung im Netz vorzunehmen, und all das w\u00e4re nicht nur der Qualit\u00e4t der Diskussionen in Foren und Blogs, sondern letztlich der Demokratie zutr\u00e4glich. Warum das? B\u00fcrger k\u00f6nnten, wenn sie identifizierbar sind, z.B. beim Bundestag im Netz an Umfragen, Diskussionen und eventuell sogar Entscheidungen mitwirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenzug fordert er einen &#8222;Radiergummi&#8220;, mit dem man seine \u00c4u\u00dferungen in den Weiten des Netzes auch irgendwann wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Thema hat nat\u00fcrlich eine grunds\u00e4tzliche Brisanz, umso trauriger, dass sich ausgerechnet Paradiesv\u00f6gel wie Herr Fischer auf Seiten der Politik dazu \u00e4u\u00dfern, bzw. wie er sich \u00e4u\u00dfert, obgleich er\u00a0 Vorsitzender der Enqu\u00eate-Komission &#8222;Internet und Digitale Gesellschaft&#8220; ist. Man muss ihm lassen: Wenn man sich seinen Text durchliest, um ein Referat \u00fcber Medien in der achten Klasse zu schreiben, dann k\u00f6nnte man sich seiner Position eventuell wohlwollend anschlie\u00dfen. Ab Klasse 9 sollte es eng werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kritikpunkte gibt es viele, und ich will mich ein wenig dar\u00fcber auslassen. Habt ihr Zeit mitgebracht? Ich schon, denn ich bin krankgeschrieben. Meine haupts\u00e4chlichen Angriffspunkte w\u00e4ren das Weltbild, die Unwissenheit und die Albernheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Weltbild<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Internet mag f\u00fcr viele fantastisch sein, ein Traum, ein El-Dorado, eine Philosophie oder nur viel Speicherplatz f\u00fcr Pornos. Tats\u00e4chlich ist es ein Medium. Im Grunde werden Daten von A nach B geschoben, ver\u00e4ndert, ausgegeben, wiedergegeben. Wie jedes Medium ist das Internet damit vor allem eine M\u00f6glichkeit, die verfassungsrechtlich garantierte und dennoch sogar von der CDU hochgehaltene Meinungsfreiheit zu nutzen, indem man miteinander interagiert. Ob via Text, Ton oder Bild, im Grunde geht es um Meinungsaustausch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alleine die Tatsache, dass Herr Fischer denkt, die Meinungsfreiheit k\u00f6nne so gef\u00e4hrlich sein, dass man deswegen die Grenzen eines Mediums einschr\u00e4nken m\u00fcsse, finde ich unglaublich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass gewisse Formen des Miteinanders nicht in Ordnung sind, das will ich nicht anzweifeln. Dass diese bereits jetzt geahndet werden k\u00f6nnen &#8211; meist auch, wenn sie anonym im Internet auftreten &#8211; spielt bei solchen Ideen naturgem\u00e4\u00df selten eine Rolle. So scheint Herr Fischer offenbar davon auszugehen, dass anonyme Spinner im Internet ernster genommen werden als auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich ein bisschen \u00f6fter als nur zu Propagandazwecken vor einem  Wahltermin in den Weiten des Netzes umsieht, wird sehen, dass sich die  Problematik der Verschlechterung der Diskussionen meist selbst  reguliert. Viele der bekannten Blogger bloggen nicht anonym, und ebenso  werden in Diskussionen d\u00e4mliche Kommentare unter Pseudonymen in der  Regel nicht ernst genommen. Wo Anonymit\u00e4t tats\u00e4chlich gepflegt wird,  erf\u00fcllt dies meistens einen Zweck (und wenn er f\u00fcr den einzelnen Au\u00dfenstehenden noch so  unerkl\u00e4rlich bleiben mag) oder ist schlicht Ausdruck einer Laune oder der Kreativit\u00e4t. Im Falle tats\u00e4chlicher Rechtsverst\u00f6\u00dfe  existieren weitergehende Ma\u00dfnahmen zur Identit\u00e4tsfeststellung, und wie ich  gerne einmal mehr betonen m\u00f6chte: Ein Land, in dem man tats\u00e4chlich mit  100%iger Sicherheit Verbrechen verhindern k\u00f6nnte, wird lebensunwert.  Aber es kann ja sein, dass Fischer das erreichen will, wer wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Unwissen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Vorsitzender einer entsprechenden Enqu\u00eate-Kommission mit immerhin eigenem Facebook-Profil f\u00e4llt Herr Fischer schon dadurch auf, dass er er trotz einiger n\u00e4herer Erl\u00e4uterungen wie so viele Digital Immigrants &#8222;das Internet&#8220; als Ganzes angeht. Dass die Anonymit\u00e4t sich unterschiedlich gestaltet, je nachdem, was ich im Netz so vorhabe, ist gewiss keine Erkenntnis, die ihm neu sein d\u00fcrfte. Inwiefern es den politischen Diskurs auf den Webseiten des Bundestags verbessert, wenn in Sashs Taxiblog die Leser nur noch mit Klarnamen kommentieren d\u00fcrfen, bleibt ein wenig im Dunkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inwiefern der neue Personalausweis nPA jetzt so eine gro\u00dfe Chance sein soll, endlich die Anonymit\u00e4t im Netz aufzugeben, wundert mich auch, schlie\u00dflich ist er bewusst so gestaltet worden, dass er ohne die \u00dcbermittlung von personenbezogenen Daten eine Identifikation, also eine so genannte &#8222;pseudonyme Kennung&#8220; erlaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleicherma\u00dfen naiv (vielleicht aber auch extrem berechnend) ist er mit den Begriffen Vermummungsverbot und Anonymit\u00e4t umgegangen. Denn weder gilt das Vermummungsverbot irgendwo au\u00dferhalb von Veranstaltungen, noch bedeutet die damit verbundene M\u00f6glichkeit der \u00dcberpr\u00fcpfung der Identit\u00e4t eine vorausgehende Offenlegung derselben. Was so markig klingt, hat in Wirklichkeit kaum miteinander zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrende Fragen, die ich im Rahmen einer tieferen Diskussion auch gerne mal erkl\u00e4rt haben w\u00fcrde, w\u00e4re zum Beispiel die danach, ob Ausl\u00e4nder dann beispielsweise in deutschen Onlineshops einkaufen k\u00f6nnen, welchen Internet-Status Deutsche im Ausland haben, und ob es legal w\u00e4re, wenigstens auf ausl\u00e4ndischen Servern maskiert rumzurennen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Albernheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fischer verteidigt sich zwar damit, dass das alles gar nicht neu sei, vermischt aber selbst munter Begrifflichkeiten. Seine Forderungen nach der Abschaffung der Anonymit\u00e4t im Netz bedeutet nicht ein aus der wirklichen Welt adaptiertes Vermummungsverbot, sondern w\u00e4re sinngem\u00e4\u00df eher die Pflicht, beim Spazierengehen und beim abendlichen Umtrunk ein Namensschild zu tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss leidet mancherorts die Qualit\u00e4t der Diskussionen unter Anonymit\u00e4t. Auch wenn ich eine verflachung politischer Diskurse beispielsweise f\u00fcr wenig zweckdienlich halte, kann ich daran nichts schlimmes finden. Es ist doch v\u00f6llig in Ordnung, und seit Ewigkeiten Usus, dass in bestimmten Umfeldern Klarnamen erforderlich sind. Keiner kann unter dem Namen &#8222;Papa Schlumpf&#8220; f\u00fcr das Amt des Bundeskanzlers kandidieren (au\u00dfer Papa Schlumpf, aber das w\u00e4re h\u00f6chst unwahrscheinlich) und so verlangt auch der Bundestag online einen Klarnamen. Versandh\u00e4ndler verlangen online wie offline eine Best\u00e4tigung \u00fcber die Identit\u00e4t der Kunden, und alles was dazu noch gesagt werden sollte, ist dass die L\u00e4den offenbar mehr Mist mit den Daten anstellen als anonyme Kunden mit H\u00e4ndlern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass au\u00dferdem gerade die CDU gerne mit Debatten das Land \u00fcberflutet, bei denen einer der wichtigsten Punkte ist, dass Kinder zum Schutz vor Sexualstraft\u00e4tern blo\u00df nicht ihre Identit\u00e4t offenlegen sollten, sollte die Sache endg\u00fcltig zu einem Treppenwitz der Geschichte machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Geh\u00e4ssig k\u00f6nnte man die Forderung Fischers vergleichen mit einer Forderung, Namensschilder an der Kleidung anzubringen, weil der Staat gerade ohne Notwendigkeit eine Schafherde erstanden hat, und nun nicht wei\u00df, was er mit der Wolle machen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauso wie es gl\u00fccklicherweise in diesem Land Orte gibt, an denen es niemanden interessiert, wie man in Wirklichkeit hei\u00dft (Beispiele? Kneipen, Bordelle, Diskotheken, Gr\u00fcnanlagen, Restaurants, Privatwohnungen&#8230;) sollte es diese auch im Netz geben. Ecken, an denen sich Gleichgesinnte treffen k\u00f6nnen, dies und das austauschen&#8230; und gut. Es mag dabei zur einen oder anderen Rangelei, Zechprellerei oder Beleidigung kommen. Eine pr\u00e4ventive Ausweispflicht w\u00fcrde mehr schaden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekloppt ist die Forderung in meinen Augen vor allem, weil sie daherkommt, als sei das alles ja eigentlich gar nicht neu (und damit nicht schlimm), andererseits aber total innovativ, wichtig und geradezu selbsterkl\u00e4rend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beachtung verdient \u00fcbrigens insbesondere der sicher gut gemeinte &#8222;Radiergummi&#8220;. Ich finde die Idee so schlecht nicht unbedingt, aber dass sich au\u00dferhalb des Internets \u00c4u\u00dferungen nachtr\u00e4glich ungeschehen machen lassen sollen, das w\u00fcrde ich gerne mal sehen. Wie ist das bei Leserbriefen an die Zeitung, bei Auftritten im Fernsehen? Als kleinen Selbstversuch empfehle ich Herrn Fischer mal, beizeiten, die Dame seiner Wahl zu beleidigen und darauf zu achten, wie einfach sich das wieder geradebiegen l\u00e4sst \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass er diese \u00c4u\u00dferungen dann ausgerechnet via Facebook (also im b\u00f6sen Netz) verbreitet, wirkt ein bisschen wie der Weg des geringsten Widerstandes. Denn ich vermute selbst in der CDU gen\u00fcgend Leute, die ihm auf dem Weg bis zum Mikrofon diese Idee ausgeredet h\u00e4tten. Und sei es aus Mangel an Durchblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: Wer will, darf diesen Artikel unter einem selbstgew\u00e4hlten Pseudonym kommentieren. Wer wei\u00df, wie lange wir das noch d\u00fcrfen. \ud83d\ude09<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/72a0ff89e13d4d2f8c16273757c87a8e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also ich wei\u00df ja nicht so recht. Axel Fischer, seines Zeichens Mitglied einer omin\u00f6sen Schwarzgeld-Sekte, fordert ein &#8222;Vermummungsverbot im Internet&#8220;. Nun ist er damit eine Art One-Hit-Wonder bei twitter geworden, quasi also auf dem Niveau eines zerbrochenen Blumenk\u00fcbels angelangt. 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