{"id":6732,"date":"2010-09-30T05:38:01","date_gmt":"2010-09-30T03:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=6732"},"modified":"2011-06-29T16:29:05","modified_gmt":"2011-06-29T14:29:05","slug":"der-alte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2010\/09\/30\/der-alte\/","title":{"rendered":"Der Alte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Einer der regelm\u00e4\u00dfigsten Lichtblicke hier im Alltag ist der Alte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man findet mich und auch Ozie bisweilen nach dem Einkauf vor unserem Supermarkt stehend eine Zigarette rauchen. Nicht direkt vor der T\u00fcr, wo sich die betrunkenen Jugendlichen und die \u00f6rtliche Proletenszene einfindet, sondern ein paar Meter abseits &#8211; aber noch in Sichtweite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach wie vor leben wir in einer \u00fcberwiegend anonymen Plattenbausiedlung, und der Supermarkt (und dreimal die Woche der Wochen(?)-Markt) davor sind nat\u00fcrlich Begegnungsst\u00e4tten. &#8222;Mit den Einheimischen&#8220; h\u00e4tte ich fast geschrieben. \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Menschen bei uns im Haus &#8211; in diesem Fall Hauseingang &#8211; kennen wir. Nicht wirklich, aber gelegentlich nimmt man mal ein Paket f\u00fcr Nachbarn an, trifft sich im Hausflur, gr\u00fc\u00dft sich, das \u00dcbliche. Nichts, was einen hinterm Ofen vorholt. Ein zwei Eing\u00e4nge weiter sieht das anders aus. Man kennt noch einige vom sehen, allerdings ohne sie zuordnen zu k\u00f6nnen. Man weiss, man wohnt wohl in der N\u00e4he. Punkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Umstellung gewesen. In Stuttgart hab ich in einem Stadtteil gewohnt, den ich und meine Eltern seit Ewigkeiten kannten. Das Stammpublikum zweier Kneipen kannte man mit Namen, und ansonsten sind einem s\u00e4mtliche Einzelh\u00e4ndler und Passanten auf der Stra\u00dfe irgendwie bekannt vorgekommen. Vom t\u00fcrkischen Gem\u00fcseh\u00e4ndler, dessen Familie mit mir und meinem Bruder die Grundschulbank gedr\u00fcckt hat bis zum \u00fcber 60-j\u00e4hrigen Alki ums Eck, der schon meiner Mutter einige Bier zu viel ausgegeben hat, als sie schon l\u00e4ngst nicht mehr h\u00e4tte trinken sollen. Es war zwar eher ein Altherren-Kiez, aber von meiner Kinderg\u00e4rtnerin bis zu ehemaligen Kollegen meiner Mutter beim Stadtradio kannte ich gef\u00fchlt alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier in Marzahn fallen wir sicher heute noch manchmal wegen unserer Frisuren oder meiner Gr\u00f6\u00dfe auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Supermarkt kennt man uns inzwischen und mein D\u00f6ner-Dealer bietet mir auch mal Rabatt an oder preist mich als besten Kunden des Ladens (weil ich gerne Trinkgeld gebe und immer nett bin), ansonsten ist da nicht viel. Mir ist das gar nicht so unrecht, schlie\u00dflich genie\u00dfe ich tats\u00e4chlich die Ruhe und Anonymit\u00e4t. Ich kann Mittags gut schlafen hier und wenn jemand mal im Haus zu laut Musik h\u00f6ren sollte, dann klingelt die Polizei immerhin nicht hier und fragt nach mir pers\u00f6nlich. Die Gr\u00fc\u00dfe an dieser Stelle gehen an die inzwischen sicher arbeitslosen Uniformierten der Ostendwache in Stuttgart \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt ja den Alten, der beide Welten irgendwie zu verbinden scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Alte &#8211; ich kenne seinen Namen wirklich nicht &#8211; trifft uns zu allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Zeiten drau\u00dfen auf dem Supermarkt-Parkplatz. Ob Mittags um 2 oder nachts um 3 Uhr. Stets f\u00fchrt er einen Hund mit sich und gr\u00fc\u00dft uns. Keine Ahnung, wann das angefangen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meist h\u00e4lt er kurz an, bietet seinem Hund an, an uns zu schn\u00fcffeln, erz\u00e4hlt ein bis f\u00fcnf Minuten was \u00fcber den Hund und geht dann wieder weiter, meistens heim. Solche kaum freiwilligen Gespr\u00e4che k\u00f6nnen furchtbar enervierend sein. Im Falle des Alten haben wir uns inzwischen damit angefreundet. Mehr als 5 Minuten kostet es uns nie, und es ist offensichtlich, dass er niemanden hat, mit dem er sonst reden k\u00f6nnte. Inzwischen wissen wir, dass er seine Hunde stets in bereits fortgeschrittenem Alter aus dem Tierheim holt, um ihnen dann einen angenehmen Lebensabend gestalten zu k\u00f6nnen und um selbst etwas Gesellschaft zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich hat er neben den kurzen Gespr\u00e4chen und dem Umsorgen seiner vierbeinigen Freunde kaum nennenswerte Sozialkontakte. Das ist nat\u00fcrlich schade, und uns die paar Minuten sicher wert. Immerhin scheint er aber damit nicht g\u00e4nzlich unzufrieden zu sein. Der Enthusiasmus, mit dem er die Vorz\u00fcge seiner Hunde preist, ist trotz des Nuschelns seinerseits von einer herzlichen Ehrlichkeit gepr\u00e4gt. Dass er zudem auch nachts mit ihnen unterwegs ist, unterstreicht den Eindruck, dass er den Tieren wirklich sein Leben widmet. Und das finde ich bei aller Melancholie, die die Szenerie manchmal hat, irgendwie sch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, zugegeben: Es ist vielleicht nicht so, dass mir sein Gerede fehlen w\u00fcrde, w\u00e4re er nicht mehr da. Aber alleine der Hunde wegen w\u00fcrde ich ihn hier nicht mehr missen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der regelm\u00e4\u00dfigsten Lichtblicke hier im Alltag ist der Alte. Man findet mich und auch Ozie bisweilen nach dem Einkauf vor unserem Supermarkt stehend eine Zigarette rauchen. 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