{"id":4185,"date":"2009-11-03T01:29:19","date_gmt":"2009-11-03T00:29:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=4185"},"modified":"2012-01-10T05:58:32","modified_gmt":"2012-01-10T03:58:32","slug":"ruckblick-sash-als-paketfahrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2009\/11\/03\/ruckblick-sash-als-paketfahrer\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick: Sash als Paketfahrer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Marcus hat in den Kommentaren gefragt, ob ich nicht meine Bewerbung bei einem Paketversender publik machen wolle. Warum nicht? Aber so richtig spannend war es eigentlich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber gut, gewisserma\u00dfen war es auch ein Schritt auf dem Weg zum Taxifahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Stuttgart habe ich ja Behinderte durch die Stadt gegurkt, und in den letzten beiden Monaten zudem f\u00fcr einen Sicherheitsdienst \u00dcberweisungsunterlagen f\u00fcr Banken durch ganz Baden-W\u00fcrttemberg. Als ich nach Berlin gekommen bin,war klar, dass ich auch hier irgendwas im Transport-, bzw. Bef\u00f6rderungsgewerbe suche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich w\u00e4re ja nicht der Sash, wenn ich nicht mit v\u00f6llig unzureichendem Wissen mal eben 600 km wegziehen w\u00fcrde. Ich hatte in Stuttgart ja meinen P-Schein (ohne Ortskunde) gemacht und hatte die Hoffnung, dass ich in Berlin im Behindertenfahrdienst bei meiner mehrj\u00e4hrigen Erfahrung und einem durchaus ernsthaft positiven Arbeitszeugnis einen Job finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ern\u00fcchterung war nat\u00fcrlich gro\u00df, als ich lernen musste, dass der P-Schein ernstlich an die Ortskunde gekoppelt ist, und ich nicht einmal feste Touren wie in Stuttgart ohne Schein fahren kann. Ich hatte mich bei einem Behindertenfahrdienst beworben, und der Job klang mit 1300 brutto gut bezahlt und soweit ok. Genommen h\u00e4tten sie mich offenbar &#8211; P-Schein aber nat\u00fcrlich vorausgesetzt. Mist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also habe ich mich andersweitig umgesehen, und da lag dann Pakete ausfahren nahe. Daf\u00fcr braucht man keinen P-Schein, und ein paar seri\u00f6se Angebote mit angemessener Bezahlung fanden sich durchaus. Man darf ja auch nicht vergessen, dass ich in Stuttgart rund 1050 \u20ac brutto im Monat hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also hab ich das Netz und auch die ein oder andere Zeitung durchforstet und bin auf ein Angebot gestossen, bei dem sie auch 1300 \u20ac bieten, 40 Stunden die Woche oder so zum Pakete ausfahren. Nach einem Anruf bin ich dann auch mal dort aufgeschlagen und was sich mir da geboten hat, war schon sowas in der Kategorie &#8222;widerlich&#8220;. Die Firma lag in Heinersdorf, ziemlich am Rand, fast schon auf dem Land. Gef\u00fchlt zumindest. Der Laden selbst war in einem Hinterhof zwischen verwaisten H\u00e4usern mit eingeschlagenen Scheiben zu finden und sah eigentlich auch nicht besser aus als selbige. Soweit ich gesehen habe, bestand der Betrieb im wesentlichen aus einer Flotte von rund 10 halblebigen Autos und einer kleinen Lagerhalle mit angeschlossenem B\u00fcro. So wie man in schlechten deutschen Filmen mit niedrigem Budget einen Unterschlupf eines Waffenschiebers darstellt. Das B\u00fcro war verqualmt, nackter Putz an der Wand, und neben ein paar Aktenschr\u00e4nken, Schreibtisch und PC fiel vor allem die durchgewetzte Couch-Garnitur auf, die sicher irgendwann zu Wirtschaftswunderzeiten sehr modern war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Angestellten waren durchweg m\u00e4nnlich, so bestand die Wanddekoration \u00fcberwiegend aus Kalendern und Pin-Up-Postern. Der Chef bat mich, mich zu setzen und fragte als erstes danach, ob ich nicht auch ein eigenes Auto h\u00e4tte. Nein. Naja, egal, eines h\u00e4tte er noch zur Verf\u00fcgung, dann solle ich halt das nehmen. Ob ich mich auskennen w\u00fcrde? Nein. Naja, wenn ich kein Navi h\u00e4tte, dann&#8230; da hat er mir ein aus einem Stadtplan aus DDR-Zeiten ausgeschnittenes Papierfragment in die Hand gedr\u00fcckt und gemeint, das w\u00e4re so in etwa mein Gebiet. Grob zwischen Hohensch\u00f6nhausen und Lichtenberg, das lernt man schnell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezahlung, ja da g\u00e4be es verschiedene M\u00f6glichkeiten. Wenn ich wolle, k\u00f6nne ich auch mein ALG aufstocken, aber nein und doch und&#8230; eigentlich hatte er keine Idee, was er mit mir macht, meinen Namen konnte er sich nicht merken und ich solle doch einfach mal mit einem Kollegen mitfahren. Jetzt gleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war nun etwas bl\u00f6d, weil ich an dem Tag wirklich keine Zeit hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na dann halt morgen. 7 Uhr? Na klar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich ankam, wurde ich hierhin und dahin geschoben und dann einem Kollegen zugeteilt, der sich nicht wirklich daf\u00fcr begeistern konnte, Babysitter zu spielen. Das Auto war schon fast vollgeladen, und so ging es dann auch bald los. Der Kollege war eigentlich ein netter. Er ist dann recht schnell aufgetaut und hat mir von T\u00fccken im Austeilungsgebiet (die Landsberger Allee mit all ihren verschachtelten Nebenstra\u00dfen) bis zur Bedienung der Ger\u00e4te und dem Ausf\u00fcllen der Zettel eigentlich alles erkl\u00e4rt. Zudem, dass wir im Namen von Hermes Pakete f\u00fcr Quelle und Konsorten ausfahren. Ein paar dieser Pakete hab ich selbst an Kunden \u00fcbergeben k\u00f6nnen und somit sogar ein bisschen helfenderweise anpacken k\u00f6nnen. Der Chef, so erfuhr ich, w\u00fcrde immerhin p\u00fcnktlich zahlen und ja, so schlecht w\u00e4re es nicht. Sei halt hartes Business und man m\u00fcsse sich schon ranhalten, den Zeitplan zu schaffen. Naja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tour war irgendwann vorbei und mir ging es so lala. War alles noch ziemlich neu, ich hatte keine Ahnung, wo wir \u00fcberhaupt waren und und und. Woher ich denn eigentlich wisse, welche Pakete ins Auto m\u00fcssen? Naja, die l\u00e4dt man morgens selber ein. Und wo und wie? Kommste am Montag fr\u00fch, 6 Uhr und dann zeigen wir dir das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich also wieder hingefahren und gefragt, wo ich mal gucken k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort war dann der entscheidende Grund, weswegen ich beschlossen habe, drauf zu scheissen. Ich wurde n\u00e4mlich relativ r\u00fcde vom Chef angegangen, was ich denn eigentlich jetzt hier wolle, und wenn ich nicht vorh\u00e4tte, jetzt zu fahren, dann k\u00f6nne ich auch gleich wieder gehen. Er w\u00fcsste so jetzt auch nichts mit mir anzufangen. Also bin ich gegangen mit den Worten im Ohr, ich solle einfach vorbeikommen, wenn es mir dann passen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entscheidung, nicht mehr hinzugehen hat mich viel Geld gekostet und zudem die Frage erneut aufgeworfen, was ich eigentlich hier in Berlin machen will &#8211; aber falsch war sie nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin ein Mensch, der sich entschlossen hat, sein Leben mit mehr oder minder als prek\u00e4r eingestuften Arbeitsverh\u00e4ltnissen zu finanzieren. Das mache ich bewusst, und ich finde es nicht grunds\u00e4tzlich schlimm. Die paar Euro mehr am Monatsende w\u00e4ren nat\u00fcrlich gut, aber sonst&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch wenn es der kapitalistischen Logik etwas entgegensteht: Ich erwarte daf\u00fcr was. N\u00e4mlich wenigstens eine faire Behandlung und die Chance, meinen Job auch gut zu machen, indem man mir zeigt, was ich zu tun habe. Wenn dann die Atmosph\u00e4re stimmt, dann arbeite ich auch f\u00fcr 7 \u20ac brutto die Stunde und f\u00fchle mich wohl dabei. Aber das ist das Minimum. Ja, und so habe ich die Arbeit also nicht angenommen. Der Rest sollte bekannt sein: Ein paar Monate Arbeitslosigkeit, w\u00e4hrenddessen Erwerb des Staplerscheins. Dann eine Woche Zeitarbeit mit dem abschlie\u00dfenden Ziel, es jetzt doch mit dem P-Schein zu versuchen. Dann ein weiteres Dreivierteljahr Arbeitslosigkeit, w\u00e4hrend ich bei meinem jetztigen Arbeitgeber auf die Ortskundepr\u00fcfung hingearbeitet hab. Ich kann damit leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcus hat in den Kommentaren gefragt, ob ich nicht meine Bewerbung bei einem Paketversender publik machen wolle. Warum nicht? Aber so richtig spannend war es eigentlich nicht. 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