{"id":3065,"date":"2008-09-05T17:15:05","date_gmt":"2008-09-05T15:15:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=3065"},"modified":"2012-08-21T19:58:40","modified_gmt":"2012-08-21T17:58:40","slug":"nochmal-zum-hartziv-gemecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2008\/09\/05\/nochmal-zum-hartziv-gemecker\/","title":{"rendered":"Nochmal zum HartzIV-Gemecker&#8230;"},"content":{"rendered":"<div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Ich habe in den letzten Tagen ja schon einmal zum gerade verbreiteten Thema &#8222;HartzIV-Abzocke&#8220; geschrieben, leider ist seitdem nichts besser, vieles aber schlimmer geworden. Die Bild f\u00fchrt munter ihre Serie mit vermeintlichen &#8222;Schmarotzern&#8220; fort, bei der eigentlich jedem klar sein muss, dass keinesfalls alle ALGII-Empf\u00e4nger sich so verhalten wie die dargestellten Extremf\u00e4lle. Darauf aber mal konkret hinzuweisen, f\u00e4llt zumindest der Bild schwer. Die Serie l\u00f6ste tats\u00e4chlich die von Bild schon fast versprochene Emp\u00f6rung aus &#8211; gl\u00fccklicherweise vielerorten eher gegen die verleumderische Berichterstattung als gegen die vermeintlichen Betr\u00fcger .<br \/>\nDer Grund f\u00fcr die ganze Presserandale ist eigentlich mehr als offensichtlich. Einige Vertreter von Gewerkschaften und den Gr\u00fcnen schlagen eine Erh\u00f6hung des Regelsatzes vor. Dieser liegt &#8211; sollte ja inzwischen bekannt sein &#8211; bei 351 \u20ac im Monat. Das ist das Geld, das einem HartzIV-Empf\u00e4nger zur Verf\u00fcgung steht zum Leben. Miete und Heizung muss er davon nicht bezahlen, alles weitere im Prinzip schon.<br \/>\nNun kamen zwei Wirtschaftswissenschaftler aus Chemnitz auf die Idee, man k\u00f6nne mal nachforschen, wie viel Geld man denn als Arbeitsloser wirklich braucht. Nun sollte es einem eigentlich schon zu denken geben, dass sich ausgerechnet Wirtschaftswissenschaftler mit so einem Thema besch\u00e4ftigen, aber sie pauschal als unsozial abzuwatschen, liegt mir nat\u00fcrlich auch fern.<br \/>\nEin Ergebnis der Studie hallt wahrscheinlich noch jedem im Ohr: 132 \u20ac!<br \/>\n132 \u20ac Regelsatz sollen angeblich reichen, um &#8222;die Ziele der Sozialhilfe&#8220; zu erf\u00fcllen. Dazu geh\u00f6ren die physische Grundsicherung, sowie die M\u00f6glichkeit, &#8222;am kulturellen Leben&#8220; teilzuhaben. Selbst bild.de meint, dar\u00fcber m\u00fcsse man diskutieren, und weist unter <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/09\/05\/hartz-iv-satz-ist-viel-zu-hoch\/studie-der-tu-chemnitz-sorgt-fuer-wirbel.html\">dem Artikel<\/a> den Weg ins Forum. Dass man aber ohne Vorurteile zur Diskussion gelangt, scheint bild.de mit den Links neben dem Artikel und der \u00dcberschrift fast schon systematisch verhindern zu wollen:<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"2008-09-05-hatzilein\" src=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/2008-09-05-hatzilein.jpg\" alt=\"Objektive Berichterstattung, Quelle: bild.de\" width=\"384\" height=\"599\" \/><\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Ein etwas abenteuerlicher Satz in diesem kurzen Artikel ist zudem &#8222;Das absolute und zumutbare Maximum f\u00fcr den Staat und die Steuerzahler liegt laut Studie bei 278 Euro f\u00fcr den Lebensunterhalt ohne Miete und Energiekosten.&#8220;<br \/>\nNoch f\u00e4lscher interpretieren kann man eigentlich nicht, denn:<br \/>\nDie erw\u00e4hnten 278 \u20ac tauchen tats\u00e4chlich als &#8222;Maximum&#8220; in der Studie auf &#8211; allerdings v\u00f6llig ohne irgendeinen Bezug zu Staat und Steuerzahler. Von den Machern der Studie wird dieser Betrag quasi als Maximalbetrag f\u00fcr die minimalen Bed\u00fcrfnisse der ALGII-Empf\u00e4nger angegeben. Es handelt sich um den Betrag, der laut Studie sicherstellt, dass alle Anforderungen, die an Sozialhilfe gestellt werden, erf\u00fcllt werden. Und, ach ja, da war ja noch was: Die Energiekosten&#8230;<br \/>\nDas ist so eine Sache, denn hier offenbart sich erstmals die T\u00fccke der Studie. Die Stromkosten sind gemeinhin aus dem Regelsatz zu zahlen, sind aber weder in den 132, noch in den 278 \u20ac enthalten.<br \/>\nDamit w\u00e4ren wir also bei der Studie selbst (<a href=\"http:\/\/www.tu-chemnitz.de\/wirtschaft\/bwl4\/\/interessantes\/Soziale_Mindestsicherung_2008_komplett.pdf\">PDF zum Download hier<\/a>).<br \/>\nFalls es jemanden interessiert: Man sollte Wirtschaftswissenschaftler tats\u00e4chlich nicht \u00fcber soziale Probleme Studien erstellen lassen. Wenn man die Studie ein wenig \u00fcberfliegt, dann klingt das ja noch alles ganz logisch.<br \/>\nProblematisch wird das ganze nur, wenn man die Studienergebnisse in so etwas unn\u00fctzes wie die Realit\u00e4t einbinden m\u00f6chte.<br \/>\nZun\u00e4chst: Was in der Studie \u00fcberhaupt nicht ber\u00fccksichtigt wird, sind unn\u00fctze Dinge wie Strom (daf\u00fcr werden im aktuellen Regelsatz schon runde 20 \u20ac eingeplant), Versicherungen, jegliche Krankheitskosten (z.B. Praxisgeb\u00fchr) oder gar ein Euro monatlich zum Ansparen, um sich in 25 Jahren den kaputten Herd ersetzen zu lassen.<br \/>\nNeben alptraumhaften Formulierungen wie &#8222;Ebenfalls k\u00f6nnten weniger rational handelnde Wirtschaftssubjekte die systematische Suche nach dem g\u00fcnstigsten Preis unterlassen.&#8220; herrschen dann bei der Erkl\u00e4rung der Preise f\u00fcr ihr Modell vor allem die Worte &#8222;vielleicht&#8220; und &#8222;wahrscheinlich&#8220; vor. Es wird munter drauf losgeraten, ob im Westen nicht viele Produkte noch g\u00fcnstiger zu haben seien, weil der Konkurrenzkampf dort h\u00e4rter ist, bzw. dass die Preisunterschiede zwischen den verschiedenen St\u00e4dten wahrscheinlich marginal seien. Sehr nett fand ich, dass die Problematik &#8222;\u00dcbergr\u00f6\u00dfen&#8220; angesprochen wurde &#8211; eine L\u00f6sung daf\u00fcr, dass es bei Ramschh\u00e4ndlern keine Schuhe \u00fcber Gr\u00f6\u00dfe 46 gibt, haben sie aber nicht.<br \/>\nDenn der Mann, der in ihrer Studie sein Leben gesichert haben will, misst 1,70 Meter, wiegt 70 Kilo und ist rundum gesund und Deutscher mit &#8222;deutschen Verbrauchsgewohnheiten&#8220;.<br \/>\nWenngleich zu Beginn der Studie in der &#8222;Pr\u00e4ambel&#8220; (wie nobel das gleich klingt, nicht?) der Presserummel ger\u00fcgt wird und erkl\u00e4rt wird, in der Studie werden &#8222;keine Konsequenzen abgeleitet&#8220;, so finden sich dennoch trotz aller Unsicherheiten und Fehler S\u00e4tze wie<br \/>\n&#8222;Wenn der Regelsatz, wie derzeit der Fall, bei Lebensmitteln das Existenzminimum um 100% \u00fcbersteigt, wird deutlich, dass die Methode der pauschalen Anhebung der Zahlungen zur L\u00f6sung der genannten Probleme hier offenbar die vern\u00fcnftige Grenze \u00fcberschritten hat.&#8220; (S.17).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier eine Auflistung der bemerkenswertesten Berechnungsgrundlagen der Studie &#8211; f\u00fcr den viel beachteten Minimalfall von 132 \u20ac und die sch\u00f6ne Chemnitzer Umgebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorneweg: Vergleichspreise aus meiner Umgebung habe ich deswegen weggelassen, weil auch das nat\u00fcrlich statistisch v\u00f6llig unbrauchbar w\u00e4re. Ich denke aber, die Zahlen sprechen f\u00fcr sich.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>F\u00fcr die Mobilit\u00e4t stehen im Monat 23 \u20ac zur Verf\u00fcgung.<\/li>\n<li>9 kg Brot stehen einem zu &#8211; f\u00fcr 4,50 \u20ac.<\/li>\n<li>F\u00fcr Kommunikation gibt es eine Pauschale f\u00fcr Briefe: Monatlich 2,38 \u20ac. Die komplette restliche Kommunikation erledigt sich mit einer Mitgliedschaft in der Chemnitzer Stadtbibliothek, wo man unbegrenzt Zugang zu Internet, B\u00fcchern und Zeitschriften hat.<\/li>\n<li>Kulturangebote gibt es im Minimalfall nicht, daf\u00fcr kann man sich von den 278 \u20ac tolle Dinge leisten wie Kino (1,50 \u20ac), Museum (1,80 \u20ac), Schwimmbad (1,00 \u20ac).<\/li>\n<li>Ein Spannbettlaken steht einem immerhin zu. Das kostet &#8222;neu&#8220; 1,99 \u20ac, h\u00e4lt daf\u00fcr aber auch 33 Monate &#8211; ergo: 0,06 \u20ac pro Monat.<\/li>\n<li>Beim Rasierschaum dagegen wird nicht gespart. F\u00fcr die Rasuren stehen einem immerhin 4 Einwegrasierer zur Verf\u00fcgung (einmal die Woche rasieren passt schon, Personalchefs sehen sowas locker!), und mit diesen (hoffentlich richtig gerechnet) 4 Rasuren kann ich 225 ml Rasierschaum verschleudern. Mannoman. Aber beides zusammen kostet auch nur 1,24 \u20ac, da geht das schon&#8230;<\/li>\n<li>Turnschuhe f\u00fcr 15 Euro halten &#8211; wer weiss es nicht &#8211; zwei Jahre (mindestens, oder?).<\/li>\n<li>Ach ja, und sowas teures wie Mineralwasser f\u00fcr 15 Cent pro Liter &#8211; das geht nun echt gar nicht bei diesem Luxusleben, sorry!<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meinen absoluten Lieblingssatz aus der Studie m\u00f6chte ich aber auch niemandem vorenthalten, der sich das Geschwurbel nicht selbst reinziehen will:<br \/>\n&#8222;Es hindert nicht an \u00fcblichen Alltagsvollz\u00fcgen, in gebrauchten M\u00f6beln zu wohnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit w\u00e4re dann alles klar, oder?<br \/>\nBleibt zu erw\u00e4hnen, dass die vorgeschlagene Erh\u00f6hung des Regelsatzes auf 420 \u20ac gesch\u00e4tzte 10 Milliarden Euro kosten wird. Das ist in etwa so viel wie die Pleite einer \u00fcberm\u00fctigen IKB den Steuerzahler gekostet hat. Es ist sogar weniger als das, was der deutschen Wirtschaft seit der letzten Reform an Steuern erspart bleibt.<br \/>\nDas sollte man sich bei dieser b\u00f6sen gro\u00dfen Zahl mal vorstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte es nochmal ganz klipp und klar f\u00fcr alle sagen, die diesen Artikel nur erheiternd fanden: Es ist geradezu widerlich, wie hier versucht wird, ausgerechnet den am schlechtesten gestellten Menschen in die Schuhe zu schieben, dass es der Gesellschaft schlecht geht.<br \/>\nDie Studie mag sich hier zwar hinter dem Schild der Neutralit\u00e4t verstecken, aber dies ist in Anbetracht folgender Schlu\u00dffolgerung schwer zu halten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wie aber anhand der Kategorie Lebensmittel gezeigt wurde, liegt der Regelsatz hier bereits um 100% \u00fcber dem Existenzminimum und etwa auf der H\u00f6he der Ausgaben, welche das untere F\u00fcnftel der Gesellschaft t\u00e4tigt. Das bedeutet, dass die Gesellschaft den Sozialhilfeempf\u00e4ngern in Bezug auf Lebensmittel nicht das Existenzminimum finanziert, sondern einen bestimmten Lebensstandard, der dem Durchschnitt des unteren F\u00fcnftels der Gesellschaft entspricht. Das ist weit mehr als mit den formulierten Zielen der sozialen Mindestsicherung vereinbar.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und meiner Meinung nach sind Forderungen danach, Arbeitslose als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, eine der gr\u00f6\u00dften asozialen Abartigkeiten, und eigentlich selbst f\u00fcr waschechte Nazis schon zu mies. Kotz!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachtrag:<br \/>\nAuf den &#8222;NachDenkSeiten&#8220; gibt es <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3437#more-3437\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3440#more-3440\">hier<\/a> noch mehr Gedanken und Infos zum Thema<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe in den letzten Tagen ja schon einmal zum gerade verbreiteten Thema &#8222;HartzIV-Abzocke&#8220; geschrieben, leider ist seitdem nichts besser, vieles aber schlimmer geworden. 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