{"id":2666,"date":"2008-07-23T22:18:56","date_gmt":"2008-07-23T20:18:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=2666"},"modified":"2012-08-22T01:46:10","modified_gmt":"2012-08-21T23:46:10","slug":"schreibt-uns-nicht-kaputt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2008\/07\/23\/schreibt-uns-nicht-kaputt\/","title":{"rendered":"Schreibt uns nicht kaputt!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich gebe es zu: Oliver Santen nervt mich ein wenig mehr als die meisten anderen Bild-Schreiberlinge. Ich mag in den Augen vieler vielleicht ein hoffnungsloser Idiot sein, weil ich links bin, aber ich verstehe einfach die Gewichtung mancher Urteile von Menschen nicht. Ich bewerte es eben einfach anders.<br \/>\nIn <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/standards\/kommentar\/2008\/07\/23\/kommentar.html\">seiner neusten Kolumne<\/a> schreibt Santen: &#8222;Streikt uns nicht kaputt!&#8220; und es geht um von ver.di angek\u00fcndigte Streiks bei den Piloten. Es ist meines Erachtens nach ok, wenn man sich als Urlauber \u00e4rgert, dass der Flug ausf\u00e4llt. Es ist legitim, sich zu beschweren, wenn man gesch\u00e4ftliche Termine deswegen nicht wahrnehmen kann &#8211; keine Frage. Aber was soll es bitte heissen, wenn Santen schreibt: &#8222;Der Streik gegen Urlauber hat Methode.&#8220;?<br \/>\nHier liegt meines Erachtens nach wieder ein k\u00fcnstlich geschaffener Kausalzusammenhang vor: Beim Streik sind unter anderem auch Urlauber gesch\u00e4digt, deswegen richtet sich der Streik also gegen die Urlauber. Das ist &#8211; und das behaupte ich eiskalt ohne von ver.di Bonbons zu kriegen &#8211; einfach Quatsch! Indirekt mag sich ein Streik gegen Urlauber richten, aber nicht gegen die Urlauber als Personen, sondern als Einnahmequelle des bestreikten Unternehmens. &#8222;Zugegeben, das Streikrecht ist eine legitime Waffe im Kampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern&#8220;, schreibt Santen weiter. Das dachte ich auch. &#8222;Aber d\u00fcrfen wir im Zeitalter der Mobilit\u00e4t zulassen, dass die Hauptschlagader unseres Lebens mal eben gekappt wird?&#8220;, so die &#8211; nicht sonderlich unparteiische &#8211; Frage Santens. Ich verstehe seinen Standpunkt zwar, ich kann ihm sogar eine gewisse Sinnigkeit nicht absprechen, aber wenn ein Streik an sich legitim ist, das aber bei Piloten nicht ok ist&#8230; was ist dann das legitime Mittel bei Piloten?<br \/>\nUnd wenn wir gerade \u00fcberlegen, wer alles nicht streiken darf, wie geht es weiter? Die bei den Energieunternehmen bediensteten Leute d\u00fcrfen sicher auch nicht streiken, wir haben ja auch irgendwie das Energiezeitalter &#8211; und zudem das Automobilzeitalter, das Computerzeitalter, das Globalisierungszeitalter, das Dienstleistungszeitalter, das Handelszeitalter, das Internetzeitalter, das&#8230; schafft den Arbeitskampf doch ganz ab!<br \/>\nIch meine, Sreik ist nicht irgendein Druckmittel, es ist die letzte Waffe der Arbeitnehmer, die noch gesetzlich ist. Danach haben die Arbeitgeber noch die Ausschlie\u00dfung, und dann ist Ende, dann wird alles weitere unter Terrorismus subsummiert.<br \/>\nWie sollen sich also Piloten beispielsweise sonst wehren, wenn sie sich unter Wert verkauft f\u00fchlen? Santen fordert, dass der Verkehr als Motor der Gesellschaft vom Arbeitskampf grunds\u00e4tzlich ausgenommen werden sollte. Nette Idee, was verspricht sich unser Held denn davon?<br \/>\nIch gebe mal eine Prognose ab, wo sein Szenario aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann hinf\u00fchrt: Die Jobs werden immer beschissener bezahlt, bald will sie keiner machen, und wenn dann ganz ohne Streiks die viel geliebte Mobilit\u00e4t ins Wanken ger\u00e4t, holt man sich billige Piloten aus \u00dcbersee und meckert, dass die Ausl\u00e4nder uns die Arbeitspl\u00e4tze wegnehmen und gar nicht so gut geschult sind wie die Deutschen.<br \/>\nSoll man sich vor einer derartigen Weitsicht verbeugen? Sie bejubeln?<br \/>\nWer jetzt aber denkt, Santen h\u00e4tte damit sein Pulver verschossen, der bekommt zum Abschluss noch einen Nachschlag: &#8222;Es darf nicht l\u00e4nger sein, dass Urlauber, Gesch\u00e4ftsreisende und Pendler zu Geiseln von Lokf\u00fchrern oder Piloten werden.&#8220;<br \/>\nMit Verlaub, Geiseln befinden sich in der Gewalt der jeweiligen Gruppen. Ihr Leben ist abh\u00e4ngig von ihnen. Mit anderen Worten: Tagt\u00e4glich sind die armen Urlauber, Pendler und Gesch\u00e4ftsreisenden &#8222;Geiseln&#8220; der Fahrer und Piloten, der F\u00fchrer und Transporteure. Daran denkt niemand. Wenn die Leute doch so wichtig sind &#8211; als Motor der Gesellschaft &#8211; warum haben sie es dann n\u00f6tig, f\u00fcr mehr Lohn zu streiken? Warum zahlt niemand diesen wichtigen Leuten mehr Geld? Ich finde diese Frage viel wichtiger als die Frage, wer wann unter welchem Streik leidet &#8211; selbst wenn es f\u00fcr den Einzelnen manchmal Einschnitte bedeutet.<br \/>\nSo lange der Arbeitsplatz die einzige M\u00f6glichkeit ist, ein Leben zu finanzieren, so lange wird man sich um gerechte Bezahlung streiten m\u00fcssen. Ein Streik ist nicht nur im abstrakten Sinne legitim, sondern er zeigt den betroffenen Unternehmen auch ganz klar auf, wie wichtig die Mitarbeiter sind. Angebot und Nachfrage, Marktwirtschaft und Kapitalismus, Themen, die Santen sicher feuchte Tr\u00e4ume bescheren, funktionieren nunmal so.<br \/>\nIch will nicht ernstlich polemisch werden zum Schluss, aber wer fliegen will, muss auch die L\u00f6hne der Piloten akzeptieren. Und meiner Meinung nach haben Unternehmen, deren Erfolg nur darauf beruht, dass sie den Angestellten zu wenig Geld zahlen, keinerlei Existenzberechtigung. Und diesen Satz schreibe ich &#8211; wenn man mal dar\u00fcber nachdenkt &#8211; sogar im Sinne aller Kapitalisten da draussen. Denn: Wer soll denn all die Waren und Dienstleistungen kaufen, wenn nicht die Massen der Arbeiter und Angestellten? Und wenn die kein Geld haben&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber gut, genug f\u00fcr jetzt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gebe es zu: Oliver Santen nervt mich ein wenig mehr als die meisten anderen Bild-Schreiberlinge. 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