{"id":1885,"date":"2008-05-24T03:50:14","date_gmt":"2008-05-24T01:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=1885"},"modified":"2012-09-18T00:26:34","modified_gmt":"2012-09-17T22:26:34","slug":"wagners-jugend-und-die-pks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2008\/05\/24\/wagners-jugend-und-die-pks\/","title":{"rendered":"Wagners Jugend und die PKS"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie so oft ist Wagners <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/news\/standards\/post-von-wagner\/2008\/05\/23\/post-von-wagner,geo=4618186.html\">Kolumne am heutigen Tage<\/a> ein Zeugnis moderner Kunst. Das ist recht w\u00f6rtlich gemeint, denn modern ist es dieses Mal besonders: Wagner erz\u00e4hlt, dass die Jugend heute schlimmer ist als fr\u00fcher. Kunst ist es in meinen Augen deswegen, weil unter Kunst so sch\u00f6n subsummiert werden kann, was sonst in keine Schublade passt. Was bei Wagner ja irgendwie der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Liebe schlimme M\u00e4dchen und b\u00f6se Jungs,&#8220;,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">so leitet er dieses Mal seine Kolumne ein, und gerichtet sind diese Worte offenbar an junge Gewaltverbrecher. Nat\u00fcrlich nur zu Beginn. Am Ende wird er wie \u00fcblich an den Leser schreiben. Diese Unkoordiniertheit scheint ja gewisserma\u00dfen System zu haben bei ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;ihr seid zwischen 14 und 18, und in der aktuellen Kriminalstatistik kommt ihr ganz schlecht weg. W\u00e4hrend die Gesamtkriminalit\u00e4t in Deutschland zur\u00fcckgeht, nimmt die Gewaltbereitschaft bei euch zu &#8211; um 4,9 Prozent.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist beinahe korrekt. Offenbar hat man bei Bild <a href=\"http:\/\/www.bmi.bund.de\/cln_028\/nn_121894\/Internet\/Content\/Broschueren\/2008\/Polizeiliche__Kriminalstatistik__2007__de.html\">die aktuelle PKS<\/a> recht gr\u00fcndlich studiert, denn diese Zahl findet sich in keiner \u00dcbersicht der Publikation, sondern erst auf Seite 11. Wenngleich die Polizei in diesem Zusammenhang auch von der Gewaltbereitschaft spricht, so m\u00f6chte ich doch anmerken, dass ein Anstieg der von Jugendlichen ver\u00fcbten (und nat\u00fcrlich bekannt gewordenen) Gewaltdelikte stattgefunden hat, jedoch bei einer reduzierten Anzahl an Tatverd\u00e4chtigen (-0,4%). Ich will nicht kleinlich sein, aber bei Wagner liest es sich eben auch so, als w\u00e4ren 4,9% mehr Jugendliche gewaltbereit, und das ergibt sich zumindest aus dieser Statistik nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Auch bei M\u00e4dchen. Als ich 14 war, hatten M\u00e4dchen Zahnspangen. Um ihr Gebiss zu vervollkommnen, ihr L\u00e4cheln zu versch\u00f6nern.Heute haben sie einen ausgeschlagenen Schneidezahn.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, es wird jedem klar sein, dass sich das nicht aus der aktuellen Kriminalstatistik ergibt, und ich habe leider auf die Schnelle keine Statistik zu ausgeschlagenen Schneidez\u00e4hnen oder Zahnspangen gefunden. Schon gar nicht f\u00fcr das Jahr 1957, in dem Wagner 14 wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Was machte ich mit 14, 18 mit meinen H\u00e4nden? Ich ballte sie nicht zur Faust. Ich hielt H\u00e4ndchen, machte Millimeter f\u00fcr Millimeter Petting, z\u00e4hlte mein erstes Geld, das ich als Sch\u00fcler im Supermarkt verdiente. Ich streichelte mit meinen H\u00e4nden meinen Motorroller. Gewalt z\u00e4hlte nicht zu den Problemen, die ich als 18-j\u00e4hriger hatte.&#8220; <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist sch\u00f6n f\u00fcr Herrn Wagner. Ehrlich. Ich m\u00f6chte Jugendgewalt nicht verharmlosen oder nur auf einen sozialen Faktor minimieren, aber ich hab so die Vermutung, dass die Statistik anders aussehen w\u00fcrde, wenn all diese Jugendlichen eine Freundin, einen Job und zumindest Geld f\u00fcr einen Motorroller h\u00e4tten. Was ich sagen will: Die Umst\u00e4nde waren 1957 vielleicht ein bisschen anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;In der Kriminalstatistik wird die Gewalt der Jugendlichen hervorgehoben. Sie schlagen um sich, sie treten Menschen ins Gesicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mag alles sein, aber es ist nicht so, dass das andere Altersgruppen (nehmen wir S\u00e4uglinge mal davon aus) das nicht auch machen w\u00fcrden. So erschreckend die Zahlen bei Jugendlichen auch sein m\u00f6gen. Leider kann ich in der Statistik keine genaue Angabe zur Altersverteilung bei Gewaltdelikten speziell finden, aber bei der alle Delikte umfassenden Anzahl der Tatverd\u00e4chtigen finden sich unter den \u00fcber zwei Millionen Verd\u00e4chtigen etwa 277.000 Jugendliche. Man muss also auch hier richtig aus der Statistik lesen k\u00f6nnen: Wenn man einen Jugendlichen sieht, besteht zwar eine h\u00f6here Chance, dass er ungutes im Schilde f\u00fchrt, aber das Gesamtrisiko spricht eher daf\u00fcr, dass mir ein Erwachsener etwas auf die Nuss gibt. So ist das mit Statistiken, die man nicht selber gef\u00e4lscht hat \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Ihr seid nicht mehr jung, wie ich es fr\u00fcher war. Ihr seid fremd. Ich verstehe euch nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist wahrscheinlich eine grunds\u00e4tzliche Generationenfrage. Frag mich mal jemand, ob ich Wagner verstehe&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Ihr seid wie ein Vorbeben, kleine Steine br\u00f6ckeln.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine sch\u00f6ne Metapher, Herr Wagner. Aber&#8230; wof\u00fcr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Aber wir m\u00fcssen euch retten. Ihr d\u00fcrft euch nicht die K\u00f6pfe blutig schlagen. Ihr seid unsere Kinder.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesehen davon: Das steht so \u00e4hnlich auch in einem Haufen ziemlich trocken geschriebener Schinken, die sich Gesetzesb\u00fccher nennen. Herr Wagner w\u00e4re \u00fcberrascht, was noch so alles verboten ist. Zum Beispiel eine Verletzung der Privatsph\u00e4re. Oder Beleidigungen. Er k\u00f6nnte also auch bei Nicht-Jugendlichen, bei Kollegen und Vorgesetzten, vielleicht sogar bei sich selbst, f\u00fcndig werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann folgt noch das obligatorsche &#8222;Herzlichst, Ihr Franz Josef Wagner&#8220;, das in diesem Fall eine grammatikalische Abnormit\u00e4t darstellt, die sich so wohl nur bei Wagner finden l\u00e4sst. Ich denke, das reicht erst einmal zum Thema.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie so oft ist Wagners Kolumne am heutigen Tage ein Zeugnis moderner Kunst. Das ist recht w\u00f6rtlich gemeint, denn modern ist es dieses Mal besonders: Wagner erz\u00e4hlt, dass die Jugend heute schlimmer ist als fr\u00fcher. 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