{"id":13532,"date":"2014-02-26T09:34:14","date_gmt":"2014-02-26T07:34:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=13532"},"modified":"2014-02-26T20:47:18","modified_gmt":"2014-02-26T18:47:18","slug":"a62-dienstag-1400-uhr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2014\/02\/26\/a62-dienstag-1400-uhr\/","title":{"rendered":"A62, Dienstag, 14:00 Uhr."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als ich ins Geb\u00e4ude trete, die Pf\u00f6rtner ignorierend, tritt mir augenblicklich ein Polizist in Zivil entgegen. Meine Statur scheint ihn zu beeindrucken, er geht instinktiv in eine Verteidigungshaltung und fragt, die H\u00e4nde ausstreckend mit hellwachem Blick, laut und deutlich:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Moment, Moment, Moment! Wo wollen Sie denn hin?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie hatte das ja kommen m\u00fcssen, so klischeereich wie das Ganze bisher schon war: Ich, mitten in einer schlechten Tatort-Szene. Einen guten Fernsehkommissar h\u00e4tte der Kerl schon abgegeben. Und meine Rolle? Die ist eigentlich nicht der Rede wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13536\" alt=\"IMG_20140225_144458\" src=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_144458.jpg\" width=\"495\" height=\"660\" srcset=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_144458.jpg 495w, https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_144458-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau genommen war ich noch vor vier Minuten im Geb\u00e4ude der Polizeidienststelle gewesen und nur vor die T\u00fcr gegangen, weil im Warteraum Rauchverbot und auf dem Raucherbalkon Zivilistenverbot herrschte. Ich war aus freien St\u00fccken hier, eigentlich nur als moralische Unterst\u00fctzung, wie man gerne sagt.<br \/>\nNennt unsere Reflexe seltsam, aber es gibt keinen Grund, sich alleine und wehrlos irgendwelchen \u00c4mtern auszusetzen, wenn man sich zu zweit besser f\u00fchlt. Und deswegen war ich da. Eigentlich war nur Ozie vorgeladen. Oder eingeladen, wenn man mal nicht diese irref\u00fchrende Terminologie der Polizeischreiben verwendet. Wir waren freiwillig da, wenn auch auf Bitte der Polizei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grund daf\u00fcr liegt rund einen Monat zur\u00fcck. Die Nachbarn. Mal wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben ja viele Nachbarn. Laute, leise, dicke, d\u00fcnne, junge, alte, nette und die Idioten, wegen denen Ozie die Polizei geholt hat. Schon das zweite Mal. Aus dem Leben unserer Nachbarn halten wir uns bis auf einige freundliche Gesten wie die Annahme von Paketen oder das Gr\u00fc\u00dfen auf dem Flur raus \u2013 die beiden Telefonate mit dem Notruf waren dem Umstand geschuldet, nicht sicher zu sein, eventuell ein Gewaltverbrechen zu ignorieren. Auch bei dauerlauter Nachbarschaft gibt es unterschiedliche Nuancen und letztlich Grenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Fall wohl berechtigt gesetzte, denn an jenem Abend wurde einer unserer Nachbarn letztlich von der Polizei mit Pfefferspray au\u00dfer Gefecht gesetzt und das beh\u00f6rdliche Schreiben, das Ozie bat als Zeugin zu erscheinen, betraf zwei Verfahren wegen K\u00f6rperverletzung. Nicht gegen\u00fcber der Polizei im \u00dcbrigen, sondern gegenseitig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Erscheinen war wie gesagt dennoch wohl\u00fcberlegt. Viel zu berichten gab es zwar nicht, aber nach jahrelangem Mith\u00f6ren lag dann der Entschluss nahe, auch mal zu best\u00e4tigen, dass die offensichtlich wirklich einen an der Klatsche haben. Nat\u00fcrlich sollten sie ihre Familienangelegenheiten unter sich kl\u00e4ren, aber man wird offener gegen\u00fcber Anschw\u00e4rzungen, wenn nachts heulende Kinder durchs Treppenhaus laufen und bei den beteiligten Erwachsenen mehr R\u00fcck- als Fortschritte zu erkennen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann sa\u00dfen wir da. Abschnitt 62, ein aus dem Ruder gelaufenes Klischee einer Polizeidirektion. Direkt hinter dem Eingang ein Wartebereich, locker 300 m\u00b2 gro\u00df, dennoch nur mit vier schmucklosen Tischen auf vielleicht f\u00fcnf mal f\u00fcnf Metern in der Raummitte. Diese Halle, von der sich verzweigend einige Treppen und T\u00fcren abgingen, dominierte ein einzelnes Relief an der Stirnseite gegen\u00fcber der T\u00fcre, ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn mal drei Meter messend. Sichtbar noch sozialistischer Herkunft dominierten grob geschnitzte Arbeiterfiguren die schwer einzuordnende Szenerie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13535\" alt=\"IMG_20140225_140536\" src=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_140536.jpg\" width=\"495\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_140536.jpg 495w, https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_140536-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch einen angrenzenden Flur stromerte ein Mann im Bademantel, der sonstige Durchgangsverkehr war \u00fcberwiegend uniformiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ozie wurde recht bald von einem der Beamten gebeten, mitzukommen. Meine Anwesenheit war sichtlich unerwartet, ich wartete auch gerne weiter im Wartebereich, aber es war mit Ozie ausgemacht, dass ich \u2013 f\u00fcr alle F\u00e4lle \u2013 erreichbar bin. Denn bei allen kontroversen Ansichten zur Polizei bleibt eines immer noch Tatsache: Selbst in solchen Situationen, in denen man sich eigentlich auf ihrer Seite bei der Aufkl\u00e4rung eines Sachverhaltes befindet, erwecken sie nie den Anschein, man w\u00e4re nicht dazu gezwungen. Und auf derartige Spielchen m\u00f6chte man reagieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13534\" alt=\"IMG_20140225_135304\" src=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_135304.jpg\" width=\"495\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_135304.jpg 495w, https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_135304-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich war es am Ende nicht schlimm. Ozie wurde in ein B\u00fcro gebeten, das bei gerade einmal 9 m\u00b2 Fl\u00e4che zwei ausgewachsene Polizisten samt Arbeitsschreibtischen, zwei K\u00fchlschr\u00e4nke und Aktenregale beherbergte. Eine Mikrowelle der ersten Generation und eine langsam sterbende Yucca-Palme ebenso. Die W\u00e4nde zierten lustige Comics, Fotos von Polizisten, Sportvereinswimpel und die ein oder andere romantische Fotografie ferner L\u00e4nder. Die Blaupause f\u00fcr das, was die Inneneinrichtungsverbrecher der Tatort-Crew dem deutschen Fernsehzuschauer jeden Sonntag vorsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ich in der Halle unten den Gespr\u00e4chsfetzen der anwesenden Beamten lauschte und mich (auch via Twitter) \u00fcber die karge Deko in Form einer Kehrmaschine im Eck am\u00fcsierte, beantwortete Ozie im zweiten Stock geduldig ein paar Fragen. Unter der Treppe zum zweiten Stock schlummert eine monstr\u00f6se, offensichtlich in privater Heimarbeit angefertigte und schon alte Rollstuhlrampe aus Massivholz. Sicher f\u00fcr den Haupteingang 30 Meter entfernt. Ich male mir in Gedanken aus, wie vier Beamte mit vereinten Kr\u00e4ften das Ding zur T\u00fcre wuchten, w\u00e4hrend ein normaler Rollstuhl nur den Handgriff eines Helfers erfordern w\u00fcrde. In die Ruhe h\u00f6re ich hinter dem deplazierten Raumteiler, der uns Besucher von den meisten Polizisten abschirmt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Also die Moral bei Rotlicht, dit is&#8216; erschreckend!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen haben auch die zwei UPS-Fahrer am Nachbartisch Gesellschaft einer Beamtin erhalten. Ungeachtet meiner Wenigkeit und der Anwesenheit einer anderen Dame wird mal kurz ein Unfall im Wartebereich aufgenommen. Ich wundere mich, bin jedoch auch am\u00fcsiert, wie die Anwesenden die Prenzlauer und die Hellersdorfer Promenade durcheinanderbringen. Humor f\u00fcr Ortskundige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Befragung von Ozie hat l\u00e4ngst ein Ende genommen, einer der zwei Bediensteten in dem gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen B\u00fcro hat sogar bereits Feierabend gemacht. Den Rest der Zeit soll das Ausdrucken des Protokolls in Anspruch nehmen, da beide verf\u00fcgbaren Drucker nicht ganz frei von Makeln sind. Die folgenden 15 Minuten, die das Spektakel am Ende dauerte und durch Ozies Unterschrift in zweifacher Ausfertigung besiegelt wurde, nutzte ich unten in der Halle, um mir eine Cola am Automaten zu ziehen und die eingangs erw\u00e4hnte Raucherpause anzutreten. &#8222;Nicht lange&#8220; sollte es dauern, der Minutenzeiger hatte am Ende eine Dreiviertelrunde hinter sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Ozie und ich, beide noch etwas am\u00fcsiert ob unserer Einblicke in diese Welt, wieder zusammentrafen, beschlossen wir, dem Tag (auch wegen weiterer anstehender Aufgaben) und dem unweigerlich folgenden Gespr\u00e4ch eine nette Atmosph\u00e4re zu geben. Ich erinnerte mich an den netten Italiener ums Eck der Polizeidirektion, zu dem mich damals Jochen Knobloch vom Tagesspiegel eingeladen hatte. Und dort lie\u00dfen wir den Nachmittag dann angemessen ausklingen. Denn wie <a title=\"Besagter Tweet\" href=\"https:\/\/twitter.com\/sashbeinacht\/status\/438303556379365377\" target=\"_blank\">twitterte ich bereits<\/a> aus dem Wartebereich des Abschnitts 62?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Pizzadienststelle w\u00fcrde mir mehr liegen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-13533\" alt=\"IMG_20140225_153655\" src=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_153655.jpg\" width=\"495\" height=\"660\" srcset=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_153655.jpg 495w, https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/IMG_20140225_153655-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich ins Geb\u00e4ude trete, die Pf\u00f6rtner ignorierend, tritt mir augenblicklich ein Polizist in Zivil entgegen. 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