{"id":12917,"date":"2013-04-24T06:26:06","date_gmt":"2013-04-24T04:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=12917"},"modified":"2013-04-24T09:16:36","modified_gmt":"2013-04-24T07:16:36","slug":"trauerarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2013\/04\/24\/trauerarbeit\/","title":{"rendered":"Trauerarbeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Schei\u00dfe ey, das sieht ja aus wie der Blumenk\u00fcbel von den Nachbarn!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Aber das hier ist noch viel schlimmer!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Verdammt, da brauchste ja einen Barockfetisch. Lass uns erst mal nach Spr\u00fcchen schauen. Bei den Blumen w\u00fcrde ich sagen, lassen wir uns was eigenes einfallen. Schon was gefunden?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;\u00c4h, ja. So in etwa. Aber h\u00f6r mal den hier: &#8218;In Christus vollendet&#8216; \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Bitte WAAAS? Nicht im Ernst! Wobei es nur konsequent f\u00fcr Christen ist. &#8218;Na endlich!&#8216; sollte eigentlich in deren Sinn sein. Aber weder wir, noch sie hatte was mit der Kirche am Hut. So lange sie noch alle Sinne beeinander hatte, war das jedenfalls so.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Noch besser: &#8222;Mach et jot!&#8216;. Wer macht sowas?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Und morgen dann &#8218;Hau wech den Drech&#8216; \u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Hmm. &#8218;In Deinen Kindern lebst Du weiter&#8216; ist jetzt auch irgendwie in dem Fall doof.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ich glaube, ich bleibe bei &#8218;Ruhe in Frieden&#8216;. Ein bisschen zu viel &#8218;Leben nach dem Tod&#8216;-Romantik ist mir da zwar eigentlich auch drin, aber das trifft es noch am Besten. Und nach all dem Gekabbel in der Familie ist das im besten Sinne ein hervorragender Wunsch.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, sch\u00f6ne Schei\u00dfe. Da kommste vom besten Partywochenende des letzten Jahres und kaum hat das erste Handy hinter der Grenze wieder Netz, verk\u00fcndet es den Tod der Oma. Sie ist am Sonntag, \u2013 wie man so euphemisierend alles in den immerselben Spruch packt \u2013 &#8222;nach langer, schwerer Krankheit&#8220; verstorben. Nicht unerwartet und, wie ich f\u00fcrchte, gl\u00fccklicherweise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das tr\u00f6stet meine Wenigkeit enorm, schlie\u00dflich verdanke ich ihr viel und ein pl\u00f6tzlicher, &#8222;unfairer&#8220; Tod h\u00e4tte mich schwer getroffen. In den letzten Jahren hab ich sie \u00fcberwiegend aus Entfernungsgr\u00fcnden nicht gesehen, sie war aber ohnehin bereits so dement, dass sie mich wahrscheinlich nicht erkannt h\u00e4tte. Ein trauriges Ende, aber wie ja bereits der Volksmund wei\u00df: Besser eines mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Es war Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Beisetzung ist f\u00fcr morgen angesetzt, wohl gem\u00e4\u00df ihren W\u00fcnschen nichts gro\u00dfes, mehr als eine Handvoll Verwandter und Bekannter ist ihr nicht geblieben. Mann, Tochter, Geschwister \u2026 die meisten hatten weniger Zeit unter den Lebenden als sie. Da das alles so schnell und einfach \u00fcber die B\u00fchne gehen wird, werde ich nicht nach Stuttgart fahren. Tote kann man schlecht entt\u00e4uschen, was eine angenehme Nebenwirkung ihres endg\u00fcltigen Zustandes ist. Die Einstellung teile ich mit dem relevanten Teil der Familie, mein Fernbleiben ist also in Ordnung. Da das aber einer der wenigen Momente ist, in denen ich wenigstens ein Zeichen hinterlassen will, habe ich mich entschieden, wenigstens ein paar Blumen in meinem Namen ans Grab bringen zu lassen. Was ich das erste Mal tue, so oft verpasse ich Beerdigungen dann auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obiger Dialog ist verk\u00fcrzt wiedergegeben tats\u00e4chlich, was vorgestern hier im Haushalt zu diesem Zwecke geredet wurde. Gerade bei ziemlich starren Riten wie Beerdigungen und Trauer kommt man wirklich schnell in einen unfreiwillig komischen Bereich, insbesondere wenn man z.B. den Kreuzbuben mit dem Nagelfetisch nicht zu seinen Freunden z\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df, dass die flapsigen Kommentare, die vermeintliche Piet\u00e4tlosigkeit, auf die ein oder anderen \u2013 insbesondere die eher simpel gestrickten \u2013 Leute verst\u00f6rend wirken kann. Ich k\u00f6nnte auch die Klappe halten oder abgeschriebene Zitate mit viel zu vielen Schlechte-Laune-Smilies hier hochladen. Und hui, das w\u00fcrde richtig gut ankommen. Mal wieder so viele liebe Kommentare wie damals unter dem Artikel zum Tod meiner Mutter, alles total toll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alleine: mir hilft das nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also nichts gegen liebe Kommentare, aber insgesamt ist Trauern etwas h\u00f6chst pers\u00f6nliches und individuelles. Und es wird \u2013 zum Nachteil von vielen \u2013 immer noch zu sehr in Regeln gepresst, die viele in ihren schweren Stunden alleine lassen. Nicht jeder \u00fcberwindet einen Verlust am Besten, indem er jahrelang schwarz auf- und eine depressive Grundstimmung vor sich her tr\u00e4gt! W\u00e4hrend Verdr\u00e4ngung vielleicht wirklich noch ein psychologisches Minenfeld in einem selbst hinterlassen kann, sind beispielsweise Aktionismus, Euphorie, selbst Humor f\u00fcr den ein oder anderen die Mittel der Wahl. Der eine weint mehr, der andere weniger. Menschen schreiben, tanzen, singen, gei\u00dfeln sich meinetwegen. Sie fasten, schlemmen, nehmen Drogen, reden miteinander oder schweigen. Denken in solchen Situationen besonders viel \u00fcber den Tod nach oder bejahen das Leben umso mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wer sich einbildet, anderen den Weg seiner Verlustbew\u00e4ltigung vorschreiben zu m\u00fcssen, ist in der Regel nur ein Idiot, der sich mit der menschlichen Psyche nicht sonderlich gut auseinandergesetzt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte ich fieses Rumranten schon als Trauerstrategie erw\u00e4hnt? \ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich schreibe das wirklich mit einem ernsten Hintergrund. Ein guter Freund von mir hat mir vor einiger Zeit \u2013 das war kurz nach dem Tod meiner Mutter \u2013 gestanden, dass er darunter gelitten hat, weil er beim Tod seines Vaters nicht weinen konnte. Er hat das nicht verdr\u00e4ngt, er hat sich einfach nur still damit auseinandergesetzt und ist recht schnell zu der Ansicht gekommen, dass das alles zwar schade sei, jetzt aber irgendwie das Leben weitergehen m\u00fcsse f\u00fcr ihn. In seiner Familie jedoch wurde ihm vorgeworfen, seinen Vater wohl nicht gemocht zu haben, seine Lebensfreude wenige Wochen nach dem schweren Verlust wurde ihm missg\u00f6nnt, wurde skeptisch betrachtet. Obwohl damals, als er mir das erz\u00e4hlte, er ganz offensichtlich von all den Menschen in seiner Familie am Besten mit der Sache umgehen konnte. Alle anderen schwiegen das Thema tot und waren offenbar nicht einmal in der Lage, die Umst\u00e4nde (tragischerweise ein selbstverschuldeter Unfall) auch nur anzusprechen, und sei es nur objektiv aus der Distanz von nunmehr 4 Jahren.<br \/>\nDieser Freund hat Jahre gebraucht, um damit klarzukommen \u2013 nicht mit dem Tod seines Vaters, sondern mit seiner eigenen Reaktion darauf. Mit viel Gl\u00fcck und wahrscheinlich nur durch die richtigen Umst\u00e4nde au\u00dferhalb der Familie ist er nicht daran zerbrochen, ist nicht deswegen seinerseits depressiv geworden oder gar schlimmeres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig seinetwegen existiert nun dieser lange und sicher nicht f\u00fcr alle unterhaltsame Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich vom <a title=\"Bestatterweblog - Undertaker TOM erz\u00e4hlt\" href=\"http:\/\/bestatterweblog.de\/\" target=\"_blank\">bestatterweblog<\/a> eines gelernt habe, dann, dass das Tamtam um den Tod vor allem f\u00fcr die Lebenden gemacht wird. Als solchen sehe ich mich und als solcher gestalte ich das Tamtam nach meinen Vorstellungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meiner Oma h\u00e4tte ich mehr gew\u00fcnscht, als sie wahrscheinlich vom Leben hatte: Krieg, Armut, danach fast ausschlie\u00dflich Aufopferung f\u00fcr eine Familie, die es ihr nicht immer gedankt hat. Wer mich kennt, wei\u00df, wie traurig mich sowas stimmt. Ein Grund mehr jedoch f\u00fcr mich, keine peinlichen Geranienorgien auf ihrem Grab zu veranstalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich etwa 8 Jahre alt war, habe ich verbotenerweise in ihrer Wohnung mit einem Ball gespielt. Die Folgen lie\u00dfen nicht lange auf sich warten: Mit vernehmbarem Krachen st\u00fcrzte ihre Uhr zu Boden, ein h\u00f6lzerner Trumm mit goldenen r\u00f6mischen Zahlen auf matten Zifferbl\u00e4ttern. Die Uhr selbst blieb heil, alleine das eingebaute Barometer stand fortan immer auf Sch\u00f6nwetter \u2013 was meine Oma ab da zu jeder Zeit gerne betonte. Inzwischen spiele ich lieber mit Worten als mit B\u00e4llen, aber ich sehe es nicht ein, dass es sich ein Arschloch wie der Tod herausnimmt, an diesem beschissenen Zeiger zu drehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/8cb89d49e1d04dc9b9e38d2cc6290ca2\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Schei\u00dfe ey, das sieht ja aus wie der Blumenk\u00fcbel von den Nachbarn!&#8220; &#8222;Aber das hier ist noch viel schlimmer!&#8220; &#8222;Verdammt, da brauchste ja einen Barockfetisch. Lass uns erst mal nach Spr\u00fcchen schauen. 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