{"id":12780,"date":"2013-02-08T05:27:58","date_gmt":"2013-02-08T03:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=12780"},"modified":"2013-02-18T09:27:57","modified_gmt":"2013-02-18T07:27:57","slug":"backflash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2013\/02\/08\/backflash\/","title":{"rendered":"Backflash"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt so Momente in meinem Leben, in denen ich irgendetwas in der Presse lese, im Radio h\u00f6re, in Filmen sehe, das mir bekannt vorkommt \u2013 und das dann ein flaues Gef\u00fchl im Magen hinterl\u00e4sst, weil es mich erinnert an eigene Erlebnisse. Ein gutes Beispiel war der 11. September 2001. Als mein Vater mit den unvergessenen Worten &#8222;In Amerika isch Halligalli, ein Anschlag jagt den n\u00e4chsten!&#8220; in mein Zimmer kam und ich anschlie\u00dfend den Fernseher anschaltete, stockte mir der Atem. Katastrophenmeldungen hatte ich schon zur Gen\u00fcge gesehen, aber beim Anblick der brennenden Twin-Tower dachte ich zun\u00e4chst an die Aussage unseres Reisef\u00fchrers Glenn ein Jahr zuvor, dass in den Geb\u00e4uden 50.000 Menschen arbeiten; danach daran, wie ich zwischen Nord- und S\u00fcdturm stand und dachte, dass ich nicht hier sein m\u00f6chte, wenn die Dinger mal einst\u00fcrzen. Freilich ohne den Hauch einer Ahnung, dass das zu meinen Lebzeiten passieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, Ereignisse wie den 11. September gibt es gl\u00fccklicherweise zumindest nicht monatlich. Das war ein eigentlich ungl\u00fccklicher Vergleich zur Einleitung des Textes, da sich selbstverst\u00e4ndlich eine Gleichsetzung verbietet. Aber das selbe Gef\u00fchl wie damals streifte mich nun, da ich las, <a title=\"hr-onlinde.de \u2013 Razzia bei Demo-Fotografen\" href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/rubriken\/nachrichten\/indexhessen34938.jsp?rubrik=36082&amp;key=standard_document_47468413\" target=\"_blank\">dass die Wohnungen einiger Pressefotografen wegen einer Demonstration durchsucht worden sind<\/a>, auf der sie \u2013 eventuell \u2013 auch Bilder gemacht haben k\u00f6nnten, die gewaltt\u00e4tige Leute zu identifizieren helfen k\u00f6nnten. Die Problematik daran ist nat\u00fcrlich politischer Natur. Es geht um Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeiten, Pressefreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung. Um Schlagworte, wenn man ehrlich ist. Wenn auch Schlagworte mit Verfassungsrang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zugegebenerma\u00dfen sind nicht meine Gedanken, zumindest nicht vorrangig. Ich empfinde eher eine Art diffuses Mitgef\u00fchl, schlie\u00dflich habe ich mehr oder minder haargenau das auch schon hinter mir. Am 20. oder 21. Oktober 2006 war eine gro\u00dfe Demo in Stuttgart, ich war dabei und habe fotografiert. Nicht offiziell, allenfalls f\u00fcr die eigene Website. An diesem Tag sind zwei oder drei eher halblebige Brands\u00e4tze an der Fassade der Commerzbank gelandet, sicher kein Kavaliersdelikt, am Ende jedoch mit dem Ergebnis eines angekokelten Fensterrahmens. Die Polizei wurde auf meine Kamera aufmerksam gemacht und ich hatte kein gesteigertes Interessa daran, sie ihnen auszuh\u00e4ndigen. Und hab au\u00dferdem klargemacht, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt allenfalls in der N\u00e4he war und keine relevanten Aufnahmen gemacht h\u00e4tte. Der gar nicht einmal unfreundliche Cop nahm das zur Kenntnis, forderte aber meine Papiere ein und damit war es f\u00fcr diesen Tag gut. Das h\u00e4tte eine Randnotiz bleiben k\u00f6nnen, allerdings kamen sie bei der Aufkl\u00e4rung nicht so recht voran, so dass \u2013 als es nun wirklich niemand mehr erwartet hatte \u2013 am 27. Oktober die Durchsuchung erfolgte. Die unterbleibende abermalige Nachfrage bei mir nach dem Bildmaterial wurde dem Richter gegen\u00fcber als untauglich dargestellt, da mich das ja h\u00e4tte alarmieren und zur Vernichtung der Bilder inspirieren k\u00f6nnen. Eine Idee, die mir in den 6 Tagen nat\u00fcrlich nie einfach so h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich den sturmklingelnden Beamten an jenem Tag um 6.25 Uhr die T\u00fcr \u00f6ffnete, war die Kamera mitsamt lauter verwackelten Bildern fernab des Tatgeschehens nicht einmal in Stuttgart und kurz davor, eine Freundin auf ihrer Reise nach Mexiko zu begleiten. Das \u00e4nderte freilich nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen das, was ich allenthalben geh\u00f6rt hatte, war die Durchsuchung Kinderfasching. Ich war (wie die Fotografen jetzt auch) nur als Zeuge Ziel der Aktion. Wahrscheinlich war das f\u00fcr die Polizei ein Grund, sich aufs W\u00fchlen zu beschr\u00e4nken und keine ungeahndete Sachbesch\u00e4digung zu begehen, f\u00fcr die sich nat\u00fcrlich im Nachhinein jede Menge Gr\u00fcnde finden lassen. So gesehen war das damals eine skurrile Aktion, bei der der Chef des Stuttgarter Staatsschutzes mich pers\u00f6nlich ungeachtet seiner Befugnisse nett fragte, ob er hier und da in irgendwelche Kartons schauen d\u00fcrfe, die ich damals auch entsprechend humorvoll und mit dem Verweis auf allerlei Verfehlungen <a title=\"Sashs Blog \u2013 Besuch, Besuch!\" href=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2006\/10\/27\/besuch-besuch\/\" target=\"_blank\">verbloggt habe<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch wenn es so harmlos war, auch wenn es keine rechtlichen Folgen hatte: was bei all dem Gerede \u00fcber Hausdurchsuchungen oft auf der Strecke bleibt, ist das Eindringen in die Privatsph\u00e4re und das Ohnmachtsgef\u00fchl, das zur\u00fcck bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab damals, 5 Minuten bevor mein Wecker geklingelt h\u00e4tte, nur mit Boxershorts bekleidet die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. \u00dcber die Treppe verteilt standen Polizisten, teils in Zivil, teils uniformiert, teils gepanzert in voller Montur, die Hand griffbereit an den Schlagst\u00f6cken. W\u00e4hrend mir der Gerichtsbeschluss unter die Nase gehalten wurde und ich mich ein wenig nackt f\u00fchlte, wurde mir ein Typ mit Hornbrille vor die Nase gesetzt, den sie gleich mal als &#8222;unabh\u00e4ngigen Zeugen&#8220; mitgebracht hatten. Ich bat darum, wenigstens meiner Freundin sagen zu k\u00f6nnen, sie solle sich was anziehen, da stand trotz Zustimmung gleich ein Beamter mit im T\u00fcrrahmen und jubilierte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ach, Sie haben ja schon ein T-Shirt an!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na dann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Zimmer war damals wie heute nicht wirklich angef\u00fcllt mit hochgeheimen Sachen, aber wie in jeder Wohnung gab es Dinge, die man ja ungern in einem Bericht \u00fcber sich stehen haben wollte. Zwei gepanzerte Bullen hielten Wache im Flur auf einem Berg Handt\u00fccher, die das Wasser aufgesogen hatten, nachdem unsere Waschmaschine am Abend zuvor ausgelaufen war. Der gr\u00f6\u00dfte Teil vergn\u00fcgte sich derweil in der K\u00fcche und redete abf\u00e4llig dar\u00fcber, dass vom Vorabend noch Fischst\u00e4bchen \u00fcbrig waren. Und ich selbst stand in Unterw\u00e4sche dazwischen und fragte mich, was diesen Arschl\u00f6chern eigentlich einf\u00e4llt, sich \u00fcber meinen Lebensstil ein Urteil zu bilden, nur weil sie gerne Fotos h\u00e4tten, die nicht einmal existierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich wurde es bald mehr oder weniger hektisch in der WG und ich bin meinen Mitbewohnern bis heute dankbar, dass sie die ganze Aktion mit stoischer Gelassenheit hingenommen und hier und da mal einen Cop verscheucht haben, wenn sie zur Kaffeemaschine wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonders weises Exemplar Polizist, von den Kollegen H.-P. genannt, setzte sich an meinen heiligen Computer und fing an, ihn nach Bildern zu durchsuchen. Ausgerechnet meine Homepage vermieste ihm das, weil diese einen virtuellen WG-Rundgang mit zerschnippelten Bildern enthielt und mal schnell daf\u00fcr sorgte, dass sich \u00fcber 50.000 Bilder auf meinem Rechner befanden. Nichtsdestotrotz l\u00e4sst sich die Erniedrigung kaum in Worte fassen, die es bedeutet, wenn ein f\u00fcnfzigj\u00e4hriger dickb\u00e4uchiger M\u00f6chtegern-Profiler auf den eigenen Pornoordner st\u00f6\u00dft und dabei ganz s\u00fcffisant m\u00f6glichst laut durch die Wohnung fl\u00f6tet:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Ha mei, Sie hen&#8216; da ja naggiche Bilder druff!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich war schon froh, eine Beziehung zu f\u00fchren, in der das nicht das nicht das Aus bedeutete. Die gespielte Entr\u00fcstung, die nicht so recht fruchten wollte, wurde umgehend durch grenzdebile H\u00e4me ersetzt, bei der sich das vorhandene Personal dar\u00fcber auslie\u00df, dass man das ja &#8222;bei jedem&#8220; finden w\u00fcrde, &#8222;au bei de radikale Islamischde&#8220;.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Woisch no, der neulich? Zigdausende, ond elle &#8217;sen &#8217;se blond g&#8217;w\u00e4!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei mir dauerte das Irrlichtern durch Fotos von privaten Parties, Freunden und Unterw\u00e4sche nur eine halbe Stunde. Ich kam fast noch p\u00fcnktlich zur Arbeit und erhielt am Ende au\u00dferdem ein gek\u00fcnsteltes Grinsen mit der Aussage, sie h\u00e4tten &#8222;ja immerhin nix kaputt gemacht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, so einfach ist das nicht! Das macht was kaputt! Und zwar ziemlich dauerhaft. Das Vertrauen in den Rechtsstaat, den Wert der Unschuldsvermutung, das Sicherheitsempfinden in der eigenen Wohnung, die Meinung von der Polizei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin mir sicher: in den meisten F\u00e4llen bleibt es nicht bei einem ver\u00e4chtlichen Spruch wegen eines &#8222;naggichen&#8220; Bildchens oder einem Lachen \u00fcber Fischst\u00e4bchen. Aber schon das reicht aus. Hausdurchsuchungen sind nicht ohne Grund eigentlich ein Mittel, das nur in besonderen F\u00e4llen eingesetzt werden sollte, das Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung ist nicht ohne Grund verfassungsrechtlich garantiert. Eine Hausdurchsuchung ist \u2013 zumal wenn so harmlos wie bei mir \u2013 nat\u00fcrlich nichts, \u00fcber das man nicht hinwegkommen kann. Dennoch: hat man es einmal hinter sich, \u00fcberliest man so manche Pressemeldung nicht mehr so einfach.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/1c3ba50591604565b69024e3f05903ae\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt so Momente in meinem Leben, in denen ich irgendetwas in der Presse lese, im Radio h\u00f6re, in Filmen sehe, das mir bekannt vorkommt \u2013 und das dann ein flaues Gef\u00fchl im Magen hinterl\u00e4sst, weil es mich erinnert an &hellip; <a href=\"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2013\/02\/08\/backflash\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[12,7,10,1],"tags":[],"class_list":["post-12780","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-haushalt","category-medien","category-politik","category-vermischtes"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12780","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12780"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12780\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12783,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12780\/revisions\/12783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}