{"id":12750,"date":"2013-02-03T08:39:51","date_gmt":"2013-02-03T06:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=12750"},"modified":"2013-02-03T20:28:09","modified_gmt":"2013-02-03T18:28:09","slug":"aufschrei-nachlese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2013\/02\/03\/aufschrei-nachlese\/","title":{"rendered":"Aufschrei-Nachlese"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland wird massenmedial \u00fcber Sexismus debattiert. Wow!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muss ich irgendwie so sagen. Ich hatte vor 15 Jahren nur begrenzt Hoffnung, dass es dieses Thema irgendwann mal aus dem Nischenkatalog nur teilweise legaler Untergrundzeitschriften der linken Szene schaffen w\u00fcrde, die ich damals recht gerne gelesen hab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Thema ist f\u00fcr \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen nat\u00fcrlich ein denkbar ungutes, da auf beiden Seiten des Grabens ein Haufen Leute hockt, die alle (wie ich auch) eine nat\u00fcrlich total richtige Meinung haben, die auf jeden Fall durchgepr\u00fcgelt werden muss. Am Ende hat man sowieso nur die Trolle an der Backe, das ist abzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab die Diskussion eher am Rande meines Gesichtsfeldes verfolgt. Nein, ich wei\u00df nicht, wer jetzt nochmal wann welches Argument in welcher scheinheiligen Talkshow gebracht hat, ich hab einfach eine Menge Texte dazu gelesen und viele von denen waren so meta, dass sie schnell vermittelten, dass ohnehin nur stets die gleichen Kn\u00fcppel aus dem Sack geholt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im folgenden Text bin ich meinerseits etwas sexistisch. Ich verorte hier immer die M\u00e4nner auf der T\u00e4ter-, die Frauen auf der Opferseite. Das ist eine der Lesbarkeit geschuldete Anbiederung an die Statistik, womit ich gegenteilige Beispiele allerdings keinesfalls verschweigen oder verharmlosen will. Also ruhig Blut, liebe M\u00e4nner, die ihr gerade dabei seid, euer Engagement f\u00fcr Minderheiten zu entdecken!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke nicht, dass ich nach der \u00dcberstrapazierung der zarten Gem\u00fcter jetzt nochmal alles wiederk\u00e4uen muss, was jemals (oder in der letzten Woche) zum Thema gesagt wurde. Dass Sexismus an sich etwas beschissenes ist, w\u00fcrde ich erst einmal als gegeben sehen. Diejenigen, die an dem Punkt schon widersprechen, haben wahrscheinlich wirklich einfach den Schuss nicht geh\u00f6rt. Viel breiter gestreut war die Kritik allerdings immer dort, wo es um Formen und Auspr\u00e4gungen insbesondere auch im aktuell diskutierten &#8222;Fall Br\u00fcderle&#8220; ging. Und da haben sich meines Erachtens nach ein paar ziemlich unn\u00f6tige Fehlinterpretationen eingeschlichen, die einfach nicht stimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr beliebt war beispielsweise in verschiedenster Ausf\u00fchrung die Behauptung, <strong>wenn schon sexistische Spr\u00fcche so schlimm seien, k\u00f6nne man ja \u00fcberhaupt nicht mehr flirten miteinander.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrlich? Flirten besteht also tats\u00e4chlich nur aus der Reduktion aufs K\u00f6rperliche von Wildfremden? Dann mag das vielleicht stimmen. Wobei ich sicher bin, dass in einem Swingerclub, in dem man sich nackt gegen\u00fcbersteht, &#8222;geile Titten!&#8220; durchaus als legitim angesehen werden k\u00f6nnte. An der Stra\u00dfenbahnhaltestelle halt eben nicht. Und schon gar nicht, wenn man sich dazu auch noch auszieht, aber das ist dann echt schon wieder ein anderes Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch sehr sch\u00f6n fand ich den Hinweis darauf, <strong>dass Frauen sich ja ohnehin nur so aufbrezeln, um M\u00e4nnern zu gefallen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst wenn das zum Teil stimmen mag, dann denken die wenigsten Frauen dabei doch daran, dass deswegen alle M\u00e4nner mal nachmessen wollen, wieviel Oberweite sie genau haben. Wir ziehen auch zu Bewerbungsgespr\u00e4chen Dinge an, die dem Gegen\u00fcber gefallen sollen. Am Ende soll das unsere Pers\u00f6nlichkeit und unsere Individualit\u00e4t, Seriosit\u00e4t etc. unterstreichen. Ich glaube, ich w\u00fcrde heute nicht f\u00fcr meinen Chef arbeiten, wenn er damals gesagt h\u00e4tte, dass er es sch\u00f6n f\u00e4nde, wie mein Hemd meinen Bauch betont. Nat\u00fcrlich kokettieren viele Menschen tagein tagaus mit ihrer Sexualit\u00e4t, weil sie ein Teil von uns ist. Aber ebenso wie ich mal einen Fahrgast in die Schranken verwiesen habe, weil er meinen (total m\u00e4nnlichen, harr!) Bart befummeln wollte, den ich ganz bewusst mitten im Gesicht trage; sagt ein knappes Top \u00fcber gro\u00dfen Br\u00fcsten eben auch nicht aus, dass man es deswegen schon mal gedanklich als ganz ausgezogen betrachten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und neben ein paar weiteren gedanklichen Seitenspr\u00fcngen kam immer wieder auch tats\u00e4chlich das Argument, <strong>dass M\u00e4nner eben so w\u00e4ren<\/strong>, <strong>dass das schon immer so war<\/strong>, <strong>dass man sowas halt wissen m\u00fcsste<\/strong>, dass \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte das beiseite wischen: Ehrlich, auf einen Ruf nach \u00c4nderung antwortet ihr mit &#8222;ist halt so!&#8220;? Aber das greift zu kurz. Denn nat\u00fcrlich sollte das klar sein. Es geht um eine \u00c4nderung! Nicht darum, dass M\u00e4nner keine M\u00e4nner und Frauen keine Frauen mehr sein d\u00fcrfen \u2013 Quatsch! Aber es geht darum, dass M\u00e4nner nicht toll sind, weil sie Frauen herabw\u00fcrdigend behandeln. Ja, es geht darum, dass die Witze und Spr\u00fcche, die jahrzehntelang total toll gefunden wurden, eigentlich schei\u00dfe sind.<br \/>\nUnd wer das jetzt total unn\u00f6tig und radikal findet, der kann sich gerne mal vor Augen halten, dass Homosexualit\u00e4t noch zu meiner Lebzeit nicht vollkommen aus dem Strafgesetzbuch getilgt war oder dass die Menschen hier vor 70 Jahren noch daran geglaubt haben, dass Adolf Hitler der Erl\u00f6ser Deutschlands sei.*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zu vergessen: <strong>wenn wir bl\u00f6de Anmachen jetzt als Problem anprangern, verh\u00f6hnen wir die Opfer tats\u00e4chlicher sexueller Gewalt!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann dem Gedanken nicht absprechen, dass er logisch klingt. Muss er ja, sonst w\u00fcrden ihn nicht so viele \u2013 auch Frauen! \u2013 jetzt zur Hand nehmen, um damit zu argumentieren. Er k\u00f6nnte dennoch aus einem Bullshit-Bingo stammen. Verh\u00f6hnt das Strafgesetzbuch Mordopfer, nur weil man dort auch Steuerhinterziehung findet? Es ist dieses klassische Dummenargument, dass es woanders noch mehr brennt. Und es ist selbst in der Linken weit verbreitet. Es ist aber leider heute noch so, dass mir eine Suppe nicht schmeckt, obwohl in Afrika Menschen hungern. Und die haben ebensowenig davon, dass ich meine Suppe nicht aufesse, wie Vergewaltigungsopfer davon, dass man billige Anmachen sexistisch nennt. Zumal in diesem Fall nebenbei ein &#8222;Wehret den Anf\u00e4ngen!&#8220; dahingetr\u00e4llert sei \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wichtigste Aspekt wurde gerade im Hinblick auf Br\u00fcderle direkt benannt: <strong>in dieser Situation<\/strong>, einer Hotelbar, <strong>h\u00e4tte die Journalistin doch nicht davon ausgehen k\u00f6nnen, dass sich der Politiker wie offiziell verhalte<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau das ist es: es geht nicht darum, dass sich Sexisten in ihrem Metier nett verhalten und nur inoffiziell halt wie richtige Kerle sind. Es geht um ein Umdenken. Darum, dass bestimmte Verhaltensweisen einfach daneben sind. Und \u2013 das scheint besonders schwer begreiflich zu machen zu sein \u2013 dass es dennoch immer auf die Situation ankommt. Das menschliche Miteinander ist kompliziert und das war es entgegen den Behauptungen der wirklichen Sexisten schon immer. Wer glaubt, dass man als Mann einer Frau bisher eben sagen konnte, was man wollte, der ist eben ein sexistischer Idiot. Und selbst die gr\u00f6\u00dften Deppen unter ihnen h\u00e4tten sich ihr Verhalten einer K\u00f6nigin \/ Kanzlerin \/ Prominenten gegen\u00fcber auch fr\u00fcher nicht erlaubt. Und nat\u00fcrlich wird es immer Leute geben, die so durchs Leben gehen und das f\u00fcr toll halten. Es gibt ja auch noch Nazis und Hom\u00f6opathen. Aber wir tun ein Gutes daran, daf\u00fcr zu sorgen, dass das nicht mehr zum guten Ton geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr meinen Teil darf sich ruhig jeder weiter benehmen, wie er will. Anz\u00fcgliche Witze sind durchaus unterhaltsam und ich bin viel zu sehr gegen Zensur um einen Ausspruch wie den von Br\u00fcderle gerichtlich ahnden lassen zu wollen. Wer glaubt, es sei nun einmal gottgegeben, dass man als Mann halt mal zeigen m\u00fcsse, wo der Hammer h\u00e4ngt (im w\u00f6rtlichen Sinne); es sich echt nicht verkneifen kann, sich vulg\u00e4r auszudr\u00fccken, weil man es f\u00fcr cool h\u00e4lt; meint, jede Frau erst einmal auf ihre Br\u00fcste ansprechen zu m\u00fcssen \u2013 ach, dann tut das!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcnsche mir nur, dass ihr damit erfolglos seid. Ich w\u00fcnsche mir, dass ihr \u2013 wenn es sein muss bundesweit \u2013 als Idioten gegei\u00dfelt werdet! Ich w\u00fcnsche mir einfach nur, dass das als das erkannt wird, was es ist: Sexismus! Eines von vielen Problemen, mit denen unser Leben nerviger wird. Und eben nicht, dass die Leute nervig sind, die darauf hinweisen \u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/9f337d5873a74b5696fe2522dba79152\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Epilog:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit vielen Jahren f\u00fchre ich eine Beziehung. Eine klassische Beziehung, geradezu konservativ. Heterosexuell, monogam, inzwischen mit Eheurkunde. Es ist nicht selten, dass ich jetzt schon (wer wei\u00df, wie das erst in 30 Jahren aussehen wird?) gefragt werde, wieso ich eigentlich &#8222;scheinbar&#8220; so zufrieden, so gl\u00fccklich, so frei von Streit in diesem Arrangement bin. Da spielen zum einen nat\u00fcrlich verschiedene Faktoren zweier Pers\u00f6nlichkeiten mit rein, die nicht schnell mal eben zu erkl\u00e4ren sind. Ein ganz entscheidendes Standbein jedoch ist, einfach niemals auch nur einem Hauch von Sexismus die Chance gegeben zu haben. Nicht am ersten Abend unter dem Einfluss von viel zu viel Alkohol und auch nicht jetzt an einem schwierigen Tag, an dem das Geld mal wieder knapp ist. Einfach nie \u2013 weil so ein Dreck nie hoff\u00e4hig war bei uns.<br \/>\nAm Ende ist es n\u00e4mlich nicht so, dass der Antisexismus M\u00e4nnern und Frauen das Leben schwerer macht. Antisexismus ist der Ansatz zur Beseitigung eines Problems. Eines Problems, dessen sich viele vielleicht nicht bewusst sind, das aber real ist, wenn wir alle gleichberechtigt und zufrieden miteinander leben wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wer DAS nicht will, der \u2013 lustige Ironie des oft sexistischen Sprachgebrauchs! \u2013 ficke sich gef\u00e4lligst selbst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*F\u00fcr alle &#8222;Godwin&#8220;-Rufer: ich wollte nur gleich konsequent sein. Dazwischen liegen nat\u00fcrlich beispielsweise auch noch das Pr\u00fcgeln in der Schule, die Todesstrafe usw. usf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland wird massenmedial \u00fcber Sexismus debattiert. Wow! Muss ich irgendwie so sagen. 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