{"id":10528,"date":"2011-09-16T20:15:18","date_gmt":"2011-09-16T18:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/?p=10528"},"modified":"2011-09-16T20:15:18","modified_gmt":"2011-09-16T18:15:18","slug":"die-unbekannten-bekannten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sashs-blog.de\/wordpress\/2011\/09\/16\/die-unbekannten-bekannten\/","title":{"rendered":"Die unbekannten Bekannten"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><em>&#8222;Kann man um jemanden trauern, den man gar nicht pers\u00f6nlich kennt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage wurde mir neulich gestellt &#8211; von jemandem, den ich pers\u00f6nlich kenne. Ich muss gestehen, dass ich diese Klippe mit fast schon hohlen Worten umschifft habe, diese Frage letztlich unbeantwortet gelassen habe. Es ist eine Frage, die Zeit ben\u00f6tigt. Dieser Text ist die Antwort darauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, man kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin &#8211; wie inzwischen alle gemerkt haben d\u00fcrften &#8211; ein ziemlich radikaler Freund des Internets. Ich verbringe einen Teil meines Lebens mit diesem Medium und ich hoffe, ich kann es auch gewisserma\u00dfen ein wenig Beleben mit all dem Content, den ich zum ewigen Datenstrom unserer Zeit beitrage. Das Netz ist herausgewachsen aus den Kindertagen, in denen das Wort &#8222;Chat&#8220; nahezu synonym f\u00fcr netzbasierte Kommunikation verwendet wurde. Viele von uns interagieren \u00fcber wesentlich mehr Kan\u00e4le als fr\u00fcher mit viel mehr Menschen als fr\u00fcher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, auch ich unterscheide noch zwischen Menschen, die ich &#8222;nur aus dem Internet&#8220; kenne und denen, mit denen ich bereits Freude oder Frust anl\u00e4sslich eines gemeinsamen Treffens teilen konnte. Aber vor ein paar Tagen bin ich aufgeschreckt, als mir in einem &#8211; ihr werdet lachen &#8211; Chat von einem Bekannten mitgeteilt wurde, dass einige Leute aus der Freundesliste eines sozialen Netzwerkes fliegen w\u00fcrden. Ein kurzer Austausch \u00fcber F\u00fcr und Wider, dann fielen sie: Worte, gewisserma\u00dfen Ausdruck einer Revolution, deren Teil wir wahrscheinlich alle sind, so lange wir hier kommunizieren:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>&#8222;Nein, einige von denen treffe ich sogar noch pers\u00f6nlich, aber ich will keinen engeren Kontakt mehr!&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens seit all den Datenschutzdebatten in den letzten Jahren ist die Frage allenfalls noch nach dem &#8222;Wie?&#8220; der eigenen Online-Identit\u00e4t, nicht mehr das &#8222;Ob&#8220;. Hier gehen die Menschen wie eh und je eigene Wege und treffen Entscheidungen verschiedenster Schwierigkeit. Die einen sind radikal offen und twittern selbst ihren Stuhlgang in Echtzeit mit Foto, andere schr\u00e4nken sich ein bei der Wahl der Eindr\u00fccke, die sie hinterlassen wollen. Anderen ist bis heute jeder Online-Austausch jenseits einer anonymen Mailadresse suspekt und einige haben sich sogar eine eigene zweite Identit\u00e4t geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrgenommen vom Gegen\u00fcber wird immer das virtuelle Ich, ob wahrheitsgem\u00e4\u00df oder fiktiv. Neu ist abgesehen vom vielseitigen Medium Internet nicht viel. Fr\u00fcher war nur die Anzahl derer begrenzter, deren scheinbare Identit\u00e4t wir in den Medien wahrgenommen haben. \u00dcber Helmut Kohl musste noch der eigene Sohn ein Buch schreiben, um zu zeigen, dass der Einheitskanzler nicht nur der nette Onkel sondern auch ein miserabler Vater war. Inzwischen sind wir etwas weiter und glauben die dicken pickligen Jungs hinter Pseudonymen wie StYlE-FuCkErXXL sofort erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber &#8211; und deswegen mag ich das Netz so &#8211; es finden sich allerorten auch Perlen in den weitl\u00e4ufigen rauen Muschelb\u00e4nken des Netzes. Wie im letzten Jahrhundert wohl ausschlie\u00dflich Popstars begeistern uns heute auch im Kleinen die Menschen von nebenan. Ob mit virtuosen Videos, famos geschriebenen Blogs, begeisternden Fotos: Viele Leute hinterlassen in unseren Feedreadern einen emotionalen Eindruck, der vielleicht antrainierterweise der Faszination gegen\u00fcber gro\u00dfen Personen der Zeitgeschichte in nichts nachstehen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer 500 Texte eines Menschen gelesen hat, muss irgendwann glauben, denjenigen wirklich zu kennen. Keiner unserer Brieffreunde hat jemals so viel von uns gelesen wie wir heute im Blog eines Unbekannten. Ja, dieser Eindruck kann t\u00e4uschen. Gewaltig sogar. Aber das war immer so. Stars konnten ungeschminkt unerkannt einkaufen gehen, mit ein paar Goethezitaten hat noch jeder Zehntkl\u00e4ssler einen lyrisch anmutenden Liebesbrief schreiben k\u00f6nnen und vielleicht hat der Blogger, der diesen Text gerade schreibt, ja tats\u00e4chlich mehr Pickel als ihr denkt&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor kurzem hat ein Blogger sein Blog gel\u00f6scht und einen Abschiedsbeitrag gepostet, der ziemlich unmissverst\u00e4ndlich behauptet, dass der Autor Suizid begangen hat, bevor der Artikel ver\u00f6ffentlicht wurde. Anonym.<br \/>\nMir selbst fehlt die pers\u00f6nliche Bindung dabei, aber wie schwer im Moment eines (wahrscheinlichen) Todesfalls die Tatsache wiegt, sich ausgetauscht (oder gerade eben nicht ausgetauscht) zu haben, das Gef\u00fchl, den Anderen zu kennen, ja verstanden zu haben, ist in meinen Augen nur zu logisch. Es w\u00fcrde mir in vielen F\u00e4llen viel mehr nahe gehen und selbst in diesem Fall hat es dazu gef\u00fchrt, dass ich Google ziemlich manisch ausgequetscht habe, bis ich wenigstens die Orte der letzten Fotos rekonstruiert und eine &#8211; wahrscheinlich unhaltbare aber f\u00fcr mich plausible &#8211; Identit\u00e4t zu dieser virtuellen Geschichte gefunden hatte. Teilnahmslosigkeit sieht anders aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele Menschen haben hierzulande vor ein paar Wochen Tr\u00e4nen vergossen, als Loriot starb?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nehme an, wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, dass uns das in Zukunft \u00f6fter passiert und auch bei Leuten, die nicht in den Abendnachrichten erw\u00e4hnt werden. Denn wir stehen nun da als Leser und selbst Blogger und vermissen einen Bekannten (in jedem sozialen Netzwerk auch noch als Freund tituliert) und merken erst in so einem drastischen und endg\u00fcltigen Fall, dass wir das \u00dcbliche nicht tun k\u00f6nnen. Jemanden informieren? Wen denn? Zu einer Beerdigung gehen? Wo denn?<br \/>\nUnd damit wird man im schlimmsten aller anzunehmenden F\u00e4lle &#8211; dem Tod &#8211; nicht nur gezwungen, sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass man vielleicht gar keine Berechtigung hat, Anteil zu nehmen. Es wirkt pl\u00f6tzlich, als w\u00fcrde man eine Todesanzeige in der Zeitung nehmen und hinterherschn\u00fcffeln, keine sehr piet\u00e4tvolle Vorstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht zuletzt bleiben Zweifel. Starb da tats\u00e4chlich ein Bekannter &#8211; oder war es &#8222;nur&#8220; der Tod eines lyrischen Ichs, einer virtuellen Identit\u00e4t? Und was w\u00fcrde uns eigentlich mehr betroffen machen? Der Tod eines Unbekannten oder der einer Fiktion, die uns ans Herz gewachsen ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar scheint mir eines zu sein: Wir sollten auch mit unseren virtuellen Ichs, unseren Netzidentit\u00e4ten, vorsichtig und umsichtig sein. Denn der Abschied via Blogeintrag ist heute l\u00e4ngst kein stiller mehr. Es ist l\u00f6blich, aus dem Leben zu scheiden ohne andere Verkehrsteilnehmer, Passanten oder den fast schon sprichw\u00f6rtlichen Lokf\u00fchrer miteinzubeziehen. Doch auch Leser sind Teilnehmer an unserem Leben &#8211; zumindest am Leben einer unserer Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie alle Menschen suchen sie vielleicht nach einer M\u00f6glichkeit, ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verleihen &#8211; so unbekannt sie einem selbst auch sein m\u00f6gen&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/7daa035a5c9c49128ad0e0070fcca5b9\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kann man um jemanden trauern, den man gar nicht pers\u00f6nlich kennt?&#8220; Diese Frage wurde mir neulich gestellt &#8211; von jemandem, den ich pers\u00f6nlich kenne. 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