Wieso Taxifahrer?

Nun, da muss ich etwas weiter ausholen!

Ich habe ja 2002 mein Abitur gemacht. Dieses Abitur war nicht das Beste – wenn ich ehrlich sein soll, war es in meinem Jahrgang das dritt- oder fünftschlechteste überhaupt. Gemessen am Einsatz war es jedoch grandios. Insgesamt habe ich fürs Abitur vielleicht 15 Stunden gelernt… und sowas wie Hausaufgaben habe ich eigentlich die komplette Oberstufe über ignoriert.

Nachdem ich das Abi in der Tasche hatte, machte ich zuerst einmal meinen Zivildienst. So gerne ich Wehrkraftzersetzer oder wenigstens Totalverweigerer gewesen wäre, so sehr kam es mir auch entgegen, dass ich etwas zu tun hatte, da ich wirklich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Ich habe mir etliche Gedanken über dieses und jenes Studium gemacht, aber eigentlich wollte ich nicht weiter lernen. D.h. lernen vielleicht, aber nicht so stur nach Schema F wie in Schule oder Uni. Jedenfalls machte ich meinen Zivildienst im Maugi (www.maugi.de), was eine hervorragende Sache war.

Das Jahr dort habe ich leider nicht genutzt, um bei meinen Lebensplänen ernstlich weiterzukommen. Jedes potenzielle Studium, jeder potenzielle Job, jede Ausbildung barg mir zuviele “Ich muss kotzen”-Anteile. So folgte auf den Zivildienst eine etwa zwei Wochen andauernde Phase, in der ich eigentlich nichts weiter gemacht habe, als meine Aussteiger-Kohle zu versaufen.

So schön das war, so sehr habe ich dennoch darunter gelitten, denn mir fehlte sehr so etwas wie ein Rhytmus. Dass das Geld nicht ewig reichen würde, war so oder so klar. Also habe ich einen Job angenommen, der mir mehr oder minder aufgeschwatzt wurde – von einem anderen Gast meiner Stammkneipe.

Es handelte sich um einen Fahrerjob beim Körperbehinderten-Verein Stuttgart e.V. (www.kbv-stuttgart.de).  Ich habe dort auf 400€-Basis täglich mit meinem Kollegen (der, der mir den Job “besorgt” hatte) Behinderte in eine Betreuungs- und Förder-Einrichtung gefahren. Aus der Übergangslösung wurde eine langfristige Beschäftigung (4 Jahre letzten Endes), aus dem 400€-Job nach einer Weile eine “Vollzeit-Arbeit”. Zwar habe ich dort kaum mehr als 800€ netto verdient, aber dafür lernte ich den Job und das Arbeitsumfeld zu schätzen. In mir manifestierte sich der Gedanke, Personenbeförderung trotz schlechter Bezahlung zum Ziel zu machen. Was meine Weiterentwicklung in diesem Sektor anging, dachte ich lange Zeit an Busfahrer (also Reisebusse), was aber wegen des teuren Führerscheins schwer wurde. Ein einziges Vorstellungsgespräch hatte ich bei der SSB (Verkehrsbetrieb in Stuttgart – die hätten den Schein bezahlt), ansonsten fiel mir nichts ein.

Die Zeit verging, ich war inzwischen von meinem Vater (trotz super Verhältnis)  weg in eine (grandiose) WG gezogen, und Ende 2005 kam es dann dazu, dass ich mit Ozie zusammenkam. Nach einem Dreivierteljahr Fernbeziehung zog sie vorübergehend von Berlin nach Stuttgart (in die WG), und ich war verliebt und bekloppt genug, zu sagen: “Wenn wir es noch ein Jahr zusammen aushalten, dann ziehe ich mit dir nach Berlin”.

Was soll ich sagen? So kam es! Ich zog der Liebe wegen nach Berlin, wo es mit Jobs dreimal beschissener aussah als in Stuttgart. Dort war ich erstmal auf Arbeitslosengeld angewiesen. 492€ im Monat, dazu bekam ich glücklicherweise eine recht stattliche Unterstützung meines Vaters. Erst machte ich hier den Staplerschein, und für eine Woche versuchte ich mich in widrigster Umgebung mit Zeitarbeit. Dann beschloss ich Anfang 2008, hier den P-Schein zu machen, um wenigstens wieder Behis fahren zu können. Bei all meiner Recherche stellte ich fest, dass es kaum mehr Aufwand wäre, gleich den auch für Taxen gültigen P-Schein zu machen.

Da ich ja von Berlin nicht den Hauch einer Ahnung hatte,  meldete ich mich bei einem Taxi-Unternehmen, das die Ausbildung (Ortskundeprüfung und so) ermöglichte, und die Kosten sogar stundete, wenn man sich verpflichtete, danach für sie zu arbeiten. Das war mein jetztiger Arbeitgeber.

Knapp ein Dreivierteljahr habe ich dann gelernt, wie ich es nie zuvor getan habe. Ich habe Stadtpläne gewälzt und mich daran begeistert, weil ich einen hervorragenden Lehrer hatte. 5 Anläufe hat es dennoch gedauert, bis ich die Prüfung in der Tasche hatte. Egal! Hauptsache, ich hab den Schein! Während all der Monate habe ich mich zusehends darauf gefreut, Taxler zu werden, weil die Erzählungen meines Lehrers und die meines zukünftigen Chefs einfach überzeugend waren. Zudem fühlte ich mich dort gleich wohl, und so kam es, dass ich im Dezember 2008 meinen Arbeitsvertrag unterschrieben habe.

Seit eigentlich meiner ersten Schicht weiss ich, dass der Job genau das Richtige für mich ist, und bisher hat sich nichts daran geändert. Ich fahre immer noch gerne Auto, lerne immer noch gerne die Stadt kennen, und freue mich immer noch über neue Kunden und darüber, mich mit ihnen zu unterhalten!

Ja, so bin ich Taxifahrer geworden. Mal sehen, wie lange diese Verbindung hält…

  1. B.
    2. Februar 2010, 05:56 | #1

    Eine interessante Geschichte. Meine Geschichte hat Paralellen. Ich freue mich für dich, dass du eine Arbeit gefunden hast, die dir spass macht. Ich fahre wieder Taxi, nachdem ich zuvor aus arbeitskonditionellen Gründen gekündigt hatte. In der Zwischenzeit war ich arbeitslos bzw. später Zeitarbeiter (!, Pfui, nie wieder!). Jetzt fahre ich für einen neuen Chef. Ich bin zufrieden. Super Konditionen. Servus, ich gehe ins Bett. Grade von der Nachtschicht nach Hause gekommen. 80 Euro! :( Januar halt…

  2. 2. Februar 2010, 08:41 | #2

    @B.
    Ui, 80 € ist mies, aber ich hab auch ein paar mit 60 € vorzeitig beendet im letzten Monat. Heute kann ich mich mit 130 allerdings gar nicht mal beschweren…
    Meine eine Woche Zeitarbeit war ja auch verheerend

    (http://www.sashs-blog.de/wordpress/2008/03/16/meine-bescheidenen-erfahrungen-mit-der-zeitarbeit/)

    Der richtige Chef ist in der Branche wahrscheinlich das Wichtigste überhaupt – wenn man sich nicht gleich selbstständig macht.
    Ich bin – wie so oft schon erwähnt – auch glücklich. Mein Chef arbeitet hochgradig legal, lässt einem jede erdenkliche Freiheit und zahlt zudem mit den besten Lohn in der Stadt. Und das auch noch pünktlich.
    Zudem ist es ein nettes Umfeld. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

  3. B.
    5. Februar 2010, 06:23 | #3

    @Sash
    heute waren es 122 euro, gestern ebei 19 touren 144 euro! fr./sa. hab ich frei. da kann ich freiwillig buckeln, wenn ich denn lust habe. dieses wochenende wohl eher nicht. mein chef rechnet auch legal ab. soll heißen, es wird der gesamte umsatz versteuert. der arbeitgeber ist super ebenso die kollgegen firmenintern.

  4. 5. Februar 2010, 12:15 | #4

    @B.:
    Na das klingt ja schon mal wesentlich besser :)

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