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Artikel Tagged ‘Politik’


Todesstreifen?

7. Juni 2010

Die Polizei Berlin hat heute faszinierendes zu berichten:

“Straße mit Farbe beschmiert”

Was schon in der Überschrift wie pure Science Fiction klingt, wird im Detail noch unheimlicher:

“Unbekannte beschmierten in der vergangenen Nacht die Fahrbahn der Liebigstraße in Friedrichshain. Die Besatzung eines Funkstreifenwagens entdeckte gegen 0 Uhr 30 die weißen Streifen, die über die gesamte Fahrbahnbreite aufgetragen waren.”

Weiße Streifen über die gesamte Fahrbahn? Hey, ich höre euch lachen! Das ist todernst hier. Die Beamten aber verkannten den Ernst der Lage nicht:

“Da eine politische Motivation bei der Tatbegehung nicht ausgeschlossen werden kann, hat der Polizeiliche Staatschutz des Landeskriminalamtes die weiteren Ermittlungen übernommen.”

Und in der Tat tauchen weiße Streifen auf Straßen immer häufiger auf. Als Unbedarfter könnte man dahinter natürlich belanglose Malereien vermuten, aber die Wahrheit ist viel gefährlicher. Es waren natürlich politische Taten! Linksextremisten! Völlig logisch.

Ich selbst habe leider keine Insider-Infos. Es ist davon auszugehen, dass es sich um gemeine Kommando-Unternehmen handelt. Fakt ist jedoch, dass diese weißen Streifen überraschenderweise oftmals im Zusammenhang mit linken Demonstrationen auftauchen. Zum Beweis ein Bild aus Stuttgart im Jahre 2007, aufgenommen anlässlich einer sogenannten “1.-Mai-Demonstration”:

Im Vordergrund erkennt man gut weiße Streifen über die Fahrbahn, Quelle: Sash

Lange Zeit arbeitete man sich wahrscheinlich an Theorien ab, ob die Markierungen zur Spurfindung bei Demonstranten dienen, spezielle Anschlagsorte markieren oder einfach Graffiti mit einem verschlüsselten Inhalt darstellen.

Jedenfalls ist die einzige Möglichkeit natürlich, beim Auftauchen solcher Signale mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ebenfalls schon 2007 wurden erstmals die Möglichkeiten genutzt: Nach dem Auftauchen einer merkwürdigen Straßenbemalung wurde im Juni in Rostock einer der größten Polizeieinsätze Deutschlands ausgelöst:

Polizisten umzingeln das fragliche Objekt (rechts im Bild), Quelle: Sash
Polizisten umzingeln das fragliche Objekt (rechts im Bild), Quelle: Sash

Und wie allgemein bekannt sein sollte, entwickelte sich danach trotz des Aufstellen eines blauen Warnschildes völlig überraschend ein enormer linker Aufruhr rund um die Hansestadt. Man darf gespannt sein auf die nächsten Tage in Berlin…

:D

Author: Sash Categories: Fotos, Medien, Politik, Vermischtes

Und weg isser…

31. Mai 2010

Wow! Ich bin ernstlich überrascht worden gerade vom Rücktritt des Bundespräsidenten. Ich habe die ganze Chose mit seinen Äußerungen bezüglich deutschen Wirtschaftsinteressen und Krieg auch nur gehört, als es schon ans Dementieren ging. Ich hab den O-Ton im rbb-Inforadio nachts um was weiss ich wieviel Uhr an der Kreuzung Schönhauser/Danziger gehört (Ich schreibe das nur, damit ich es weiss falls es mich selbst irgendwann mal interessieren sollte, wo ich zu diesem Zeitpunkt war) und hab es eigentlich nur halblebig wahrgenommen.

Über die Intentionen des Herrn Köhler bei seiner Antwort im Interview mit dem Deutschlandradio kann ich zwar nichts sagen, aber es ist Tatsache, dass er ziemlichen Bockmist von sich gegeben hat. Ob er – wie später ein Sprecher dementierte – den Afghanistan-Einsatz gemeint hat oder einen fiktiven Krieg der Sterne, spielt dabei keine Rolle, würde ich sagen. Denn man kann unser Grundgesetz ebenso drehen und wenden wie hoffentlich die eigenen moralischen Überzeugungen auch, selbst “im Notfall” wird dabei keine Möglichkeit herauspurzeln, die einen Krieg seitens Deutschland wegen freien Handelswegen zulassen.

Mag sein, dass hier in eine nebensächliche zerstreute Äußerung zu viel hineininterpretiert wurde, aber den Umgang Köhlers damit, und jetzt der Rücktritt mit der Begründung, er vermisse den Respekt für das Amt… da hat er sich aber ordentlich disqualifiziert.

Und ich möchte mal anmerken, dass Köhler von allen Konservativen da draussen noch einer derjenigen war, die ich in gewisser Weise noch halbwegs ok fand. Der Rücktritt vom Koch beispielsweise war mir echt die fünf Minuten für einen Hinweis nicht wert.

Author: Sash Categories: Medien, Politik

Nachtsparen

31. Mai 2010

Es kriselt weiter fleissig da draussen im Lande, auf dem Kontinent und sogar weltweit. Auch die Regierung hierzulande sucht gerade krampfhaft nach Möglichkeiten, in Zukunft sparen zu können. In meinen Augen bedenklich oft wird dieser Tage auch darüber nachgedacht, bei Nacht- und Feiertagsarbeit künftig die Steuerfreiheit der entsprechenden Zuschläge zu streichen.

Das ist nun ein Thema, das erste schätze ich, das mich politisch auch meiner eigenen Situation wegen interessiert. Ich bin bisher soweit ich mich erinnern kann, kein einziges Mal auf die Straße oder ins Wahllokal gegangen, um mir selbst das Leben leichter zu machen. Ich persönlich lebe ja in einem erstaunlich konfliktfreien Vakuum innerhalb fast aller politischen Entscheidungen. Ich verdiene zwar wenig Geld, bin aber zufrieden damit. Ich hab passable Arbeitszeiten mit Luft nach oben und unten und entscheide das ohnehin selbst. Ich bevorzuge ein schon ziemlich spießiges Leben ohne teure Hobbies. Ich kann mir vorstellen, weniger zu heizen, langsamer zu fahren und ungesünder zu essen. Ich passe dank meiner Herkunft nicht ins Beuteschema meiner politischen Gegner, habe Spaß an meiner Lohnarbeit und als abschreckend großer weißer Mann muss ich mir fast überall auf dem Planeten keine Sorgen um Ausgrenzung, Rassismus oder Überfälle machen. Von Sexismus würde ich auch noch profitieren. Im Zweifelsfall bin ich mit einem ausreichenden sozialen Netzwerk ausgestattet, dass es mir erlauben würde, eine gewisse Zeit ohne Geld zu überleben, und moralische Skrupel, im Ernstfall kriminell zu werden, traue ich mir zu abzulegen. Ja selbst im Falle einer Hungersnot habe ich mehr Fettreserven als 90% der Menschheit und kann daher mit Fug und Recht behaupten, dass ich einfach keinen Grund habe, mich zu beschweren.

Im Grunde auch nicht über eine Streichung einiger Steuervergünstigungen.

Das heisst aber nicht, dass ich dafür wäre! Aber, und das ist komischerweise wirklich meine ehrliche Meinung, geht es mir auch hier eigentlich nicht um meine paar Euro. Klar, mir würde am Monatsende was im Geldbeutel fehlen. Wenn es ganz dumm läuft, dann bedeutet das, dass ich einen Tag mehr arbeiten muss, oder – um es ein wenig deutlicher zu machen – eine Viertelstunde mehr pro Tag. Das ist nicht wirklich ein Grund zum Jubeln, aber in meinen Augen ein vertretbarer Aufwand. Insbesondere, wenn wir mal so dümmlich und blauäugig wie all die CDU- und FDP-Wähler sind, die glauben, dass die Regierung weiss was sie tut und dieses finanzielle Mehraufkommen in irgendeiner Form tatsächlich sinnvoll verwendet.

Aber ich finde es unfair vielen Menschen gegenüber. Denn auch wenn ich selbst mit meiner Situation grinsend zufrieden bin, ist nicht abzustreiten, dass Nacht- und Feiertagsarbeit eine Mehrbelastung darstellen. Ob die gesundheitlichen Studien haltbar sind, weiss ich nicht. Aber alleine der soziale Faktor. Wie kann ich im selben Land Ladenöffnungszeiten einschränken, um die armen Beschäftigten vor Ausbeutung zu schützen, und andererseits die Arbeit derer, die dennoch Nachts arbeiten müssen, als gleichwertig abstempeln.

Ich hab vor einiger Zeit schon einmal geschrieben, dass es nunmal eine Menge Leute gibt, die Nachts arbeiten müssen. Die Ärzte und die Feuerwehr führe ich gerne an erster Stelle, aber selbst die von mir vielgescholtenen Polizisten widmen sich ja bisweilen Nachts sinnvollen Tätigkeiten, die keiner missen möchte. Was es für unser modernes Leben bedeuten würde, wenn auch Mitarbeiter von E-Werken, Kneipiers, U-Bahn- und Taxifahrer nachts einfach alle frei hätten, das kann man mal versuchen, sich auszumalen. Wir leben zwar inzwischen in einer Welt, in der ich beim Versandhandel nachts um ein Uhr ein Kissen mit Katzenmotiven kaufen kann, aber dennoch sind viele Dinge dieser Welt auf das Leben tagsüber zugeschnitten.

Denn meine Nachbarn bohren ihre Dübellöcher zu meiner Schlafenszeit. Wenn ich am Montag um 3 Uhr von der Arbeit komme, hat kein Laden mehr offen, in dem ich mir schnell was zu essen kaufen kann. Mein Arzt öffnet zu einer Tageszeit, die bei normalen Menschen etwa 1 Uhr Nachts bedeutet und wenn ich wegen irgendwas zu einem Amt muss, dann kann es schon mal sein, dass ich meinen Tagesrhytmus völlig umschmeissen muss. Dazu kommen Vertreter, Werbeanrufe und Nachfragen von Unternehmen, mit denen ich eine Geschäftsbeziehung unterhalte, die sich allesamt melden, wenn ich gerade meine zweite oder dritte Tiefschlafphase habe. Sicher ist auch mein Stromverbrauch höher, da ich zu freien Zeiten nachts das Licht anhaben muss.
Andere haben es noch schlimmer erwischt: Sie haben eine Frau, die einen Job macht, den sie nur tagsüber machen kann/darf oder gar so kleine wuselige Viecher, die tagsüber in die Schule müssen und den Rest der hellen Tageszeit kreischend in der Wohnung verbringen.

Von der seelischen Belastung, die einen befällt, wenn man am Wochenende abends nicht mit den Freunden einen trinken gehen kann, mal ganz abgesehen: Es sind nach wie vor eine Menge Nachteile, die einem die Nachtschicht verleiden können. Ganz im Ernst: Ich schäme mich nicht, dafür irgendwas zwischen 5 und 50 € monatlich an Steuergeschenken zu bekommen. Ich halte das schon in meinem Fall für eine gerechtfertigte Gegenleistung für den Gefallen, den ich betrunkenen Spätheimkehrern damit mache, morgens um 4 Uhr im Auto auf sie zu warten. Und die Bezuschussung für den Arzt, der mich dann um 5 Uhr aufnimmt, wenn der Betrunkene mir ins Lenkrad gefasst und damit einen Unfall provoziert hat, die kann in meinen Augen gar nicht hoch genug sein.

Ich bin grundsätzlich ein Vetreter libertärer Ansätze, und würde mir in erster Linie natürlich eine Angleichung des Nacht- an das Tagleben wünschen. Aber im Wissen darum, dass eine gewisse Ruhe dem Menschen definitiv gut tut (ist ja z.B. schön zu wissen, dass die Anrufe nachts um 4 Uhr wirklich dringend sind) und andererseits auch Party und Bohren in den eigenen vier Wänden wenigstens tagsüber ok sein müssen, bin ich eben dafür, wenigstens einen kleinen finanziellen Ausgleich für uns Nacht- und Feiertagsarbeiter zu erhalten.

Davon, dass die Nacht die schönere Tageszeit ist, können wir leider auch nicht alleine leben ;)

Author: Sash Categories: Politik

Jahresrückblick

31. Dezember 2009

Irgendwie kann es ja nicht sein, dass die längsten Blogeinträge des Jahres alle ausgerechnet von Gerichtsschreiben handeln. Also bekommt ihr hier in sage und schreibe 5.060 Worten meinen subjektiven Rückblick auf das Jahr 2009. Der längste Beitrag dieses Jahres, “Nimm dies, Schurke!” hat laut Wordpress zwar ganze 6.143 Wörter, aber den hab ich beim besten Willen nicht mehr erreichen können. Und dieser hier hat wenigstens mehr Bilder! Ich hab natürlich nicht über alles geschrieben, und zudem fast nur meine eigenen Artikel verlinkt. Sonstige Links gibt es (fast) nur zu Wikipedia, da ich kein Nachrichtenmedium bevorzugen will und nicht die Zeit habe, bei jedem Ereignis nach dem wirklich besten Artikel zu suchen. Wer einen vernünftigen Überblick sucht, der sich nicht mit Belanglosigkeiten und Zynik irgendwie aus der Relevanzlosigkeit zu retten versucht, der muss andere Medien befragen. Ganz ehrlich, es kann gut sein, dass mir das ein oder andere wichtige Ereignis entfallen ist. Das wiederum passiert ja auch leicht, da die offiziellen Jahresrückblicke der etablierten Medien ja nicht nur mindestens so subjektiv sind wie meiner, sondern zudem in der Regel irgendwann zwischen dem ersten und fünfzehnten Dezember enden. Dank an diese vorschnelle Schußkraft der medialen Gesellschaft! Und nebenbei Entschuldigung dafür, dass ich die Ereignisse in Detroit tatsächlich nicht mitbekommen hab… :(

Garniert ist das Ganze mit je einem Bild pro Monat. Die meisten dürften noch unbekannt sein, und es ist nur eine spontane Auswahl von mir. Inhaltlich haben sie mal mehr, mal weniger mit dem Monat zu tun, sind aber alle in der jeweiligen Zeit aufgenommen worden. Vielleicht weiss ja das ein oder andere zu gefallen.

Aber gut, lassen wir das und fangen an! Der Rückblick:

Wider Erwarten fing das nun auslaufende Jahr auch am ersten Januar an, was kalendarisch Sinn ergab, aber in die damalige Welt nicht wirklich gepasst hat. Drei Monate zuvor war die Welt wirtschaftlich zusammengebrochen und man hatte das Gefühl, die apokalyptischen Vorgänge des noch jungen Jahrtausends finden sowieso im September statt. Aber egal. Wir wollen über das Jahr 2009 reden. Das Jahr, das dem Geschnatter zu Beginn nach als Krisenjahr in die Geschichte eingehen sollte, und bei dem man sich momentan irgendwie fragt, ob es denn jetzt schon schlimm war, ob es doch besser als erwartet war und das Schlimmste erst noch kommt oder ob nicht sowieso alles immer schlimm ist. Vielleicht versteckt sich die Antwort irgendwo zwischen den folgenden Zeilen…

Januar:

Work in Progress - die Esstischgarnitur in der WG

Work in Progress - die Esstischgarnitur in der WG

Im Januar ist dieser Blog noch nicht einmal existent. Ich wurstele mich noch bei overblog durch und amüsiere mich Tag um Tag aufs Neue über kuriose Übersetzungsfehler und einen Support, der offensichtlich inspiriert ist durch das Infinite-Monkey-Theorem, wobei – statistisch nicht unrelevant – die unendliche Zahl der Affen mit 1 gleichgesetzt wurde. Rückblickend war es ein Albtraum bei overblog, aber ich hatte lange Zeit Angst, mich wieder auf den eigenen Server zu wagen. Es war so bequem, einfach nur zu schreiben und sich um sonst nichts zu kümmern. Hätte ich damals schon eine Ahnung von Wordpress gehabt, wäre das sicher schneller gegangen.
Meine Abneigung gegen Sport bekommt ausgerechnet durch einen helmbewehrten Ministerpräsidenten der CDU auf Abwegen neue Nahrung und überhaupt bin ich ja noch dabei, mich erstmal mit dem Auto in Berlin zurechtzufinden. Der Januar ist der erste komplette Monat im Taxigewerbe für mich und neben einigen vergurkten Touren aufgrund mangelnder Ortskenntnis kommt auch die erste längere Krankheit dazu, was dieses Jahr leider kein Einzelfall bleiben sollte.
Den ersten und immerhin einzigen “Unfall” im Taxi hab ich auch gleich einen Monat nach meinem Einstand in der Firma gefeiert, was mir bis heute mit meiner Vorliebe für Statistiken ziemlich peinlich ist, obwohl die Welt nicht ernstlich untergegangen ist dadurch. Im Grunde war diese Aktion herrlich unspektakulär, aber ich habe auch nicht erwartet, dass meine tägliche Unfallvermeidung zwischen einer Horde von Idioten ähnlich honoriert wird, wie die eines Pilotes in New York, der nach einem Crash mit einem Vogelschwarm nicht nur Unmengen Geschnetzeltes produziert, sondern zu guter Letzt seinen Job verdammt gut gemacht hat, indem er ein zum Fliegen gefertigtes Verkehrsmittel erfolgreich als Boot benutzte.
Ansonsten ist die Welt im Freudentaumel. Der von Berlusconi als “gut gebräunt” bezeichnete Barack Obama wird als Präsident der USA vereidigt und alle sind einmal mehr der Meinung, ein Personalwechsel werde die Welt nachhaltig verändern. Im Grunde verhielt es sich jedoch mit einigen durchaus positiven Ausschlägen nach oben ähnlich wie mit unserem WG-Versuch, endlich mal mehr Chilis anzubauen: Man hat stillschweigend hingenommen, dass Fortschritt vielleicht ein wenig regelmäßige Pflege bräuchte und man hat das Sterben akzeptiert. Aber die Bösen sitzen auch 2009 noch an alter Stelle – in Russland – und drehen den Guten den Gashahn zu. Ein PR-Desaster erster Güte in einem so kalten Monat.
Und während ich feststelle, dass es keine Kollegenmär ist, dass der Januar finanziell scheiße ist, beschließt die Bundesregierung nach den (Unwort des Jahres 2008 bitte hier einsetzen) auch der restlichen Wirtschaft ein paar Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Ich nehme an, ich bin nicht der einzige, der nicht sicher sagen kann, was ihm das gebracht hat, ausser dem Wissen, dass die eigenen Kinder irgendwann noch mehr Schulden haben werden als man selbst. Meine erhöhen sich im Januar um rund 400 €, die ich in meine neue Digicam stecke. Etwas teurer mag der Burj Dubai gewesen sein, der seit Januar seine volle Höhe von 818 Metern erreicht hat, aber im Gegensatz zum Emirat Dubai bin ich heute auch nicht komplett pleite.

Februar:

Upside Down - Nicos Fahrrad

Upside Down - Nicos Fahrrad

Der Februar ist trotz oder gerade wegen seiner Kürze enttäuschend. Weltweit gehen etliche Firmen pleite und wir schließen uns als WG an, indem wir einen ganzen Haufen Geld verprassen und für neue Möbel ausgeben. Was aussieht, als hätten wir in irgendeiner Form vor, tatsächlich die Konjunktur anzukurbeln, ist in Wahrheit eine Verlegenheitslösung. Ende Februar findet das erste Mal zu Ozies Geburtstag eine Familienfeier in unserer Wohnung statt und wir haben ein  Wohnzimmer, in dem sich so ungefähr das quadrierte Nichts befindet. Keine Möbel. Klingt komisch, ist aber so. Im Zuge der Wohnungsneueinrichtung nach Ralfs Auszug erhält nun auch das Fernsehen endlich Einzug ins Saarland, unser Stehpinkel-Klo. In Anbetracht der gravierend ins Wanken geratenen Wirtschaftslage ist es nicht verwunderlich, dass ein Film wie Slumdog Millionaire 8 Oscars erhält.
Ich selbst pflege den Untergang der Privatfinanzen zusätzlich mit ein bisschen Streiterei mit den Cops. Über eine rote Ampel bin ich angeblich gefahren. Die einzigen Gegenbeweise, die ich gehabt hätte, mussten leider schnell pinkeln und für mich war der Tag eh gelaufen. 3 Punkte hab ich seit damals. Im Gegenzug hab ich 123 € nicht mehr. Fairness siegt…
Wesentlich härter trifft es die Berliner Kassiererin, die wegen Pfandbons im Wert von 1,30 € ihren Job verloren hat.  Ähnliche Kündigungsfälle beschäftigen das Land das ganze Jahr über immer wieder. Die Wirtschaftskrise sorgt aber nicht nur aufsehenerregend für Entlassungen, sondern auch ganz still und heimlich dafür, dass plötzlich alle, die vor ein paar Monaten einen solchen Vorwurf noch mit der ungelenken Beschuldigung “Kommunistenschweine” zu verhindern gewusst hätten, die Idee von verstaatlichten Banken irgendwie sozial finden. Die Hypo Real Estate wird allerdings nicht wirklich zum ersten Opfer des wegen ihr verabschiedeten Gesetzes, sondern wird auf herkömmlichem Wege dem Staat zugeführt.
Für die Pressefreiheit ist es ein seltsamer Monat, da der DFB-Präsident Theo Zwanziger anhaltend juristisch gegen den Journalisten Jens Weinreich vorgeht, weil der nebenbei einmal mit Bezug auf Zwanziger das Wort “Demagoge” fallen lassen hat. Die Kampagne “Zwanziger gegen Zwanziger” haben wir auch mit einem blauen Scheinchen unterstützt, und spätestens seit ich in diesem Februar endlich den Blog erneuert und an den aktuellen Platz verlegt hatte, sah ich mich ja dann doch auch ein wenig als Bloggerkollege. Die Leserzahlen wuchsen dezent weiter, und dank der nun vorherrschenden Taxi-Thematik gesellten sich immer mehr neue Leser zu meinem Blog.

März:

Enough Money - Monatseinnahmen

Enough Money - Monatseinnahmen

Der März war ein arbeitsamer Monat. Viel passiert ist nicht hier in der WG, aber sonst war die Hölle los.
Die ganze Republik jammert, dass die Bahn ihren eigenen Mitarbeitern hinterherspioniert, was am Ende zur Folge hat, dass Hartmut Mehdorn die Chefetage verlässt. Gerade rechtzeitig, um nicht mehr volle Verantwortlichkeit für das S-Bahn-Chaos in Berlin übernehmen zu müssen.
In Winnenden erschüttert ein Amoklauf die Bevölkerung, was wie so oft zur Folge hat, dass die Medien, die sich in diesem Fall pietätlos und fahrlässig genug verhalten, letztlich auch wieder den ganzen alten Bullshit zu so genannten Killerspielen aus den Archiven kramen, da trotz Ursel “Fruchtbombe” von der Leyen und Wolfi “Will aber Flugzeuge abschießen” Schäuble noch kein allgemeines Computerverbot eingeführt wurde.
Das Thema bleibt aber wichtiges Element der Innenpolitik und sorgt für eine sehr ungewöhnliche Solidarität unter den Netzaffinen aller Couleur.
Während in Österreich die Verurteilung des Inzest-Vaters des Jahrhunderts gelingt, wird klar, dass die baden-württembergische Polizei jahrelang einer inexistenten durchs Land marodierenden, klauenden und mordenden Transe hinterhergerannt ist, die es so nie gab. Die vermeintlich von Tätern verschiedenster Verbrechen hinterlassenen DNA-Spuren stammten von einer Mitarbeiterin, die die Produktion der zur Beweissicherung verwendeten Wattestäbchen betreute.
Passend zur Verblödung der Menschheit, der selten genug ein Licht aufgeht, muss nun auch noch ein Gesetz gemacht werden, das normale Glühbirnen verbietet. Dass die Menschen in den darauffolgenden Monaten mit einem Enthusiasmus in die Läden rennt, um ja noch so ein Teil zu bekommen, das den dreifachen Stromverbrauch hat, kann sich nur dadurch erklären lassen, dass Blödheit dominant vererbt wird und nicht nur die Österreicher gerne intrafamiliäres Geschnacksel praktizieren.

April:

As Time goes by - Bahnhofsgeländer

As Time goes by - Bahnhofsgeländer

Berlin wagte einen Volksentscheid zum Religionsunterricht, der  – und es ist selten, dass ich so etwas auch noch befürworte – keine Änderung der bisherigen Situation zur Folge hatte. Trotz Günther Jauch. Dass ausgerechnet das im Vergleich zu anderen Ländern sehr weltliche Religionsunterrichtsmodell von Berlin gekippt werden soll, lässt mich einmal mehr daran glauben, die Menschen wehren sich absichtlich gegen Vernunft. Gut, dass das in die Hose ging.
Während in Italien die Erde heftig wackelt und so selbst Berlusconi aus seinem Luftschloss rüttelt, passiert im Taxi-Gewerbe in Berlin gar nichts. Die Schulferien senken die Umsätze auf ein Jahrestief, was spätestens ab dem dritten Tag extrem nervig wird. Ich selbst  beschäftige mich in diesem Monat aus Mangel an sonstigen Alternativen damit, das Blog-Design ein wenig zu ändern, und so erstrahlt der Blog seit April ziemlich genau so, wie ihr es jetzt seht.
Eine einzige bedeutende Fahrt hatte ich im April: Ich hab endlich das Wombats Hostel gesehen, obwohl ich schon in den Monaten davor ständig Leute dahin gebracht hatte – die aber aus absurden Gründen immer schon vorher aussteigen wollten.
Ein Häufchen nicht unbedeutender Provider in Deutschland beginnt mit einer freiwilligen Zensur von Kinderpornografie im Internet, was eine ziemlich absurde Form vorauseilenden Gehorsams darstellt, aber natürlich nicht in Frage zu stellen ist, weil es ja schließlich um Kinderpornografie geht. T-Mobile lässt gleich ein Special-Feature folgen: Ein paar Stunden kompletter Netzausfall. Sehr wahrscheinlich, dass sich auch Kinderpornografienutzer geschädigt fühlen!
Mit der Entführung des Schiffs Hansa Stavanger beginnt ein monatelanges Schauspiel der menschlichen Unzulänglichkeiten, das parallel zu einer ähnlichen Hype-Veranstaltung läuft: Die Schweinegrippe! Ein sympathisches kleines Grippe-Virus hat sich in Mexiko vor die Türe getraut, und seit April warten wir alle auf den Totalausfall der menschlichen Zivilisation, der unweigerlich eintreten wird, wenn das Virus mal loslegt.
Ich muss das erste Mal mit eigenen Augen den Unfall eines Kollegen beobachten, der zwar glücklicherweise nicht so drastisch ausging wie die Amokfahrt in Apeldoorn in den Niederlanden, an meinen eigenen Nerven jedoch wesentlich mehr zerrt. Bis heute bin ich verwundert, dass Need for Speed seit den Vorkomnissen von Apeldoorn nicht von der Regierung zu einem Killerspiel hochgestuft wurde. Und just in diesem Monat habe ich mich auch mit einem Verkehrsseminar beschäftigt, was mir die zwiespältige Erkenntnis brachte, dass die Quote neuen Wissens überschaubar ist, die Quote der Fahrer, die damit was anzufangen wissen allerdings noch überschaubarer. Seit damals bin ich zudem bei fotolia angemeldet und hab mit meinen Bildern bisher 5,70 € verdient. Nicht, dass ich meinen Lebensunterhalt damit bestreiten könnte, aber immerhin!

Mai:

Gone for a While - Nico

Gone for a While - Nico

Der erste Mai in Berlin begann seit langer Zeit mal wieder mit Krawall, und wenngleich ich eine Beteiligung verneine, so war ich doch anwesend. Ganz offensichtlich sind mir die Kinderspielchen aber fast schon zu langweilig geworden, habe ich doch immerhin nicht einmal realisiert, dass hinter mir ein Molli explodiert ist, was Ozie in Angst und Schrecken versetzte. Ein bisschen dekadent mutet mein Abkommen mit ihr von diesem ersten Mai an, fortan den ersten Mai in Kreuzberg künftig immer mit einer Taxifahrt nach Hause zu beenden. Mal sehen, wie lange wir das durchhalten.
Während die Kita-Mitarbeiter streiken und wir als Taxifahrer uns im Gegenzug vor der Tariferhöhung am 1. Juli fürchten, stagniert die Inflation in Deutschland und sogar für Opel wird ein Rettungsplan vereinbart. Dass das Jahr aber nicht zu Ende gehen würde, wie es angefangen hat – obwohl nicht einmal der Bundespräsident wechselt – zeigt sich bei uns in der WG dann, als sich Vattenfall meldet. Zu Recht, schließlich haben wir anderthalb Jahre keinen Strom gezahlt. Mir scheint, der Mitarbeiter vor unserer Tür ist ähnlich perplex wie wir. Dumm nur, dass wir einen Teil der Stromkohle eine Woche zuvor in eine WG-Umbau-Aktion investiert hatten. Nico ist spontan gen Süden aufgebrochen und sollte – was wir da noch nicht erahnen konnten – erst im September wiederkommen. So hätten wir unserem kurzfristigen Kurzzeit-Mitbewohner Daniel eigentlich doch längere Zeit ein Zimmer geben können. Aber diesbezüglich war die WG dieses Jahr sowieso ganz gut bedient: 3 Übergangsbewohner können wir 2009 verzeichnen, eigentlich kein schlechter Schnitt und für uns Grund genug, eine so große Wohnung zu unterhalten.
In anderen Branchen wird die Kurzarbeit so nötig, dass die Regierung deren Rechtmäßigkeit auf 24 Monate ausdehnt, was immerhin mal dafür sorgt, dass die Statistiken für dieses Krisenjahr 2009 bezüglich der Arbeitslosigkeit recht hübsch aussehen. Weniger hübsch sieht es mit meiner Laune aus, als mir Handy und Kamera aus dem Taxi geklaut werden. Aber wie so oft schmerzt der Verlust vor allem der Blödheit der beteiligten wegen. Zum einen wären da die Jungs, die bei fleißigem Wiederholen solcher Späße sicher irgendwann Ärger für nichts haben werden, zum anderen muss ich anmerken, dass ich – ohne allzu unverschämt sein zu wollen – es ein bisschen armselig von der Polizei finde, nicht einmal einen humpelnden Jugendlichen in Skateroutfit in einem 8-Parteien-Haus zu finden…
Ich hänge aber inzwischen so an der Cam, dass ich eine Woche später eine neue bestelle, mit deutlich mehr Vorfreude als Tränen, und das trotz 400 € Kosten und dem Wissen, dass ich noch ein paar Monate für die alte zahlen werde. Ach ja, der Stasi-Skandal des Jahres – ein gewisser Herr Kurras, den Altlinke noch als Mörder von Benno Ohnesorg kennen, fällt auch in den Mai. Obwohl die Bild sehr an einer Umschreibung der Geschichte interessiert war, hat sich die Ansicht, die 68er-Bewegung sei nur ein Kampf unter Kommunisten gewesen, bis Jahresende nicht wirklich durchgesetzt…
Der Mai ist zudem der Monat einer Online-Petition gegen Netzsperren, bei der über hunderttausend Menschen die verquere Art der Regierung, das Internet fehlzuinterpretieren abrechnen.

Juni:

Fail - Fail

Fail - Fail

Ähnlich wie ein Air-France-Flieger nach einem Absturz im Atlantik geht auch der Arcandor-Konzern unter und meldet Insolvenz an. Dass der Reisekonzern und damit Flugreisenanbieter Thomas Cook aus dem Portfolio noch “erfolgreich” verkauft wurde ist dabei eine Belanglosigkeit, aber ich stehe wahnsinnig drauf, in derartigen Texten Querverweise zu generieren, die selbst einer kindlichen Logik zu blöde sind.
Die Europawahl geht mit einem Ergebnis zu Ende, das in vielen Punkten Entsetzen bei mir auslöst. Deutlich weniger entsetzt bin ich über die Mitteilung des Arbeitsamtes, dass ich kein Hartz4 mehr bekommen werde. Da ich aber schon seit einem halben Jahr in Lohn und Brot stehe und die letzte Zahlung dieser Nulpen ohnehin noch im Vorjahr rausging, ist es ein für mich persönlich erträgliches Schreiben mit immerhin witzigen Formulierungen.
Während Mr. Obama noch flötet, die Finanzmärkte müssen besser reguliert werden, wird an Bernard Madoff ein Exempel statuiert: 150 Jahre Knast fürs Verzocken von fremdem Geld. Sieht wohl nicht gut aus für unsere Regierung…
Zwei Dinge erweisen sich als Gegenteile, obwohl sie nie was miteinander zu tun hatten: Das Dresdner Elbtal verliert die Ehre, Weltkulturerbe zu sein und die Schweinegrippe erhält die Ehre, endlich eine Pandemie zu sein. Auch wenn die Grippe in der Presse vorne liegt, ist fraglich, was den Deutschen mehr Angst macht. Ich erhalte das erste Mal ausländisches Geld von Fahrgästen und die Mausenpeoples ziehen in unsere Mäuseburg. Um das gegenzufinanzieren, geht der Mahnbescheid an meinen Ex-Vermieter raus, was uns noch den Rest des Jahres beschäftigen wird. Im Iran wird gewählt, was gewählt werden soll, was die die gewählt haben, nicht gewählt haben wollen. Kurz gesagt: Es gibt eine Menge Stress.
Aber eigentlich ist das alles sowieso unwichtig, weil Michael Jackson tot ist.

Juli:

Disturbing Colors - Abendhimmel

Disturbing Colors - Abendhimmel

Der Juli ist insbesondere finanziell sonnig. Dank familiärer Unterstützung geht es den WG-Finanzen wieder besser und auch bei meinem Umsatz war dies der beste Monat des Jahres. Ähnlich ging es der Regierung, sie haben den 2. Nachtragshaushalt 2009 beschlossen, und somit auch erstmal kräftig auf Pump ihre Arbeit finanziert. Der Umsatz bei mir war insbesondere der Modemessen zu Beginn wie auch der ersten Tariferhöhung meines noch kurzen Taxlerdaseins geschuldet. Nicht zu vergessen auch das beginnende totale Chaos bei der Berliner S-Bahn. Aufgrund verschlampter Reparaturen fallen bis zu 50% der Züge aus. Das sorgt nicht nur für gute Umsätze im Taxigewerbe, sondern auch für den ein oder anderen verärgerten Kunden. Bis heute fällt im Taxi noch oft der Satz: “Wissen sie, mit der S-Bahn wäre das einfach zu stressig jetzt…”
Tote gab es aber natürlich auch im Juli noch, wenngleich die Michael-Jackson-Hysterie das Meiste überdeckt. So wird in Dresden eine Ägypterin ausgerechnet vor Gericht umgebracht, unsere Maus Fail stirbt und in Nachterstedt rutscht gleich halbes Dorf ein paar Stockwerke abwärts. Etwas vorsichtiger ist man mit Atomkraftwerken: Krümmel wird nach nur sehr kurzer Wiederanlaufphase erneut notabgeschaltet. Sicher nicht das letzte Mal.
Porsche hat sich Dank der Finanzkrise an VW verschluckt und wird nun selbst Teil des begehrten Konzerns. Mir ist entfallen, was für einen Dienstwagen sich Ulla Schmidt in Spanien klauen ließ, aber daran ist offensichtlich keine Firma verendet. Die Karriere der Frau Schmidt dagegen schon. Während in Tegel noch der Stress um die Taxikontrollen tobt, werde ich unvorteilhaft von Journalisten der Neon fotografiert und weiss ehrlich gesagt bis heute nicht, ob das Foto veröffentlicht wurde. Vielleicht sollte man künftig im Netz mit bing suchen, der neuen Suchmaschine von Microsoft, deren Start allerdings nicht den gewünschten Aha-Effekt hat. Zumindest nicht in Deutschland, was mangels Deutschsprachigkeit aber vielleicht kein Wunder ist. Der Juli war zudem der Monat, in dem wir endgültig beschlossen haben, Dieter zu verklagen, was ja auch noch immer seine Schatten in Form langer Einträge und Briefe wirft.

August:

As much as possible - Umzug per Taxi

As much as possible - Umzug

Der August ist genau so, wie ich ihn eigentlich nicht mag: Heiss. Ich lasse die Arbeit ziemlich schleifen und nehme mir den ein oder anderen freien Tag. Ein dubioser Waffenschieber namens Schreiber taucht gezwungenermaßen mal wieder in Deutschland auf, was ihm sicher noch heute das Leben schwer macht.
Verschollen hingegen bleibt bei uns in der WG Nico. Wir wissen immerhin, dass er bald ausziehen will und machen Planungen für die Zeit danach. Ozie beginnt den Umzug ihres Zimmers und neben dieser Schwerstarbeit in der WG hecheln auch einige Athleten anlässlich der Leichtathletik-WM in Berlin solidarisch mit uns. Porsche hingegen kommt alleine nicht so recht auf die Beine, woraufhin das Emirat Katar sich finanziell beteiligt. Falsch lag offenbar, wer dachte, die Scheichs unterstützen die Weissacher schon genügend mit Vorratskäufen. In Afghanistan wird die alte Regierung wiedergewählt, was nicht nur Freude auslöst und bis Ende des Jahres verdächtig bleibt. Offenbar um solche dubiosen Vorgänge künftig zu verhindern, beschliesst die OSZE erstmals, auch Wahlbeobachter nach Deutschland zu entsenden. Ich selbst gewöhne mich trotz vieler freier Tage aufgrund von Faulenzia Vulgaris und Getriebeschaden an meine ungewöhnliche 5-Tage-Woche und kriege mit viel Glück dennoch das bisher höchste Trinkgeld von 40,60 €. Die Anzahl der Blogeinträge durchbricht die 1000er-Marke.

September:

Red Light District - Ostbahnhof

Red Light District - Ostbahnhof

Der September verspricht ein ähnlich heißer Monat zu werden. Allerdings in anderer Hinsicht. Die Bundestagswahl steht an, und inzwischen wissen wir alle, dass wir nicht hätten hingehen müssen. Der immerhin sehr konsequenten Wahlniederlage der SPD ging ausnahmsweise mal ein behäbiger, fast schon lethargischer Wahlkampf voraus., der dennoch zu einigen “Yeaah!“-Rufen inspirierte. Während wir uns hier erstmals ernsthaft mit einem Gericht beschäftigen müssen, geht es anderswo richtig zur Sache. Die Bundeswehr beispielsweise befiehlt die Bombardierung afghanischer Tankwagen, was später noch zu richtigem Tumult führt. Und zwar bis in die Ministerriege der Republik. Davon, dass Al Quaida inzwischen serienmäßig Drohungen gen Deutschland ausstößt, mal ganz abgesehen.
Immer noch fraglich ist, ob das Bombenräumkommando am 24.9.09 deswegen den Ostbahnhof gesperrt hat. Bis in die Nachrichten hat es diese Aktion kurioserweise nicht geschafft.
Die Jugend scheint sich auch zum Kampf zu rüsten, mit gemischten Ergebnissen: In München wird ein Geschäftsmann getötet, weil helfen wollte, während in Ansbach ein Amoklauf “misslingt”. Der erste Fahrgast, der mir ins Auto kotzt, ist allerdings kein Jugendlicher Komasäufer, sondern eine wohlsituierte Dame mit renommierter Begleitung. Vom Geruch her schenkt sich das allerdings nichts.
Ob die Bundesregierung grundsätzlich an Soldaten zweifelt nach der afghanischen Tanklaster-Geschichte, ist nicht ganz ersichtlich, aber immerhin werden nach 64 Jahren endlich Kriegsverräter der Wehrmacht rehabilitiert.
Die Weltpolitik scheint sich ein wenig zu entspannen, immerhin verhindert Obama ein Raketenwettrüsten mit Russland, es werden ein paar Finanzmarktregulierungen beschlossen und als ob die Welt damit nicht schon in Frieden und Freiheit leben würde, teilt der Iran der IAEA auch gleich noch mit, dass sie tatsächlich in einem zweiten Keller an der Atombombe friedlichen Nutzung der Kernkraft arbeiten. Durch den ersten Marathon von Ozies Onkel wohne ich der Show hier in Berlin das erste Mal bei. Während Berlins Straßen deswegen gesperrt sind, wird anderswo der Weg für eine Impfung gegen die immer noch nicht grunzende Schweinegrippe freigemacht.

Oktober:

Broken - Gerüst

Broken - Gerüst

Der Oktober wird ohne dass es geplant war auch nicht zu meinem Monat. Ich verliere zwar nicht meine Immunität und habe einen Haufen schlimme Gerichtsverfahren zu erwarten wie ein gewisser Herr Berlusconi – aber mich erwischt die Grippe. Ob es die Schweinegrippe war, weiss ich nicht sicher zu sagen, aber immerhin werde ich im November nicht krank, nachdem ich mit einem ziemlich sicheren Fall ein Bier trinke.
Während ich fast 3 Wochen außer Gefecht gesetzt bin, aber außer massiv erhöhtem Tee- und Taschentuch-Konsum kaum bleibende Schäden davontragen, sterben nun auch in Deutschland ein paar Leute an der Sauseuche.
Barack Obama bekommt spontan den Friedensnobelpreis für sein zugegeben beachtliches Engagement, erntet aber auch berechtigte Kritik, da seine Leistungen sich vorerst hauptsächlich auf nette Worte beschränken.
Die Wirtschaftskrise ömmelt sich immer noch weiter durch Deutschland und die Welt, was sich hier insbesondere bemerkbar macht, weil die HRE nun ihre Verstaatlichung abschliesst und die Jahrzehnte lang als Musterkonzern geltende Arcandor-Tochter Quelle abgewickelt werden muss.
Bei uns tobt inzwischen das Gerichtsverfahren und zuzüglich zu einem famosen Schreiben von Dieters Anwalt, in dem wir sogar für den maroden Küchenboden verantwortlich gemacht werden, erhalten wir einen Termin: Den 11.11.09. Ein Tag vor meinem Geburtstag soll die Verhandlung also steigen. Super!
Noch bevor es soweit ist, gibt sich allerdings das “Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden” Mühe, meine alte Heimat in der ganzen Welt lächerlich zu machen, indem sie einen Container aufstellen, in den besorgte Familien ihre sogenannten Killerspiele werfen können. Die Resonanz ist allerdings mit dem Wort inexistent treffend umschrieben.
Mein Blog lebt weiter und seit Oktober kommen auch die ein oder anderen Werbeangebote rein, die ich allerdings bisher allesamt ablehne, weil es mir entweder zu blöd ist, oder die Verantwortlichen sich nicht mehr melden, wenn ich ihnen die Bedingungen mitteile. Was soll’s? Bleib ich halt arm!

November:

Cops and Money - Zimmerdeko

Cops and Money - Zimmerdeko

Der November stand trotz anfänglicher schlechter Meldungen bezüglich der Gesundheit meiner Mutter ganz im Zeichen des Gerichtstermins am 11.11.09. Damals war mir auch nicht bewusst, dass das Telefonat, in dem ich mich für Silvester angekündigt habe, das letzte gewesen sein sollte.
Der Gerichtstermin endet mit einem Schock, der Tag allerdings dank neuer Beweise in einem rauschenden Fest, mit dem wir gleich meinen Geburtstag einbezogen haben. Endlich ein Wiedersehen mit vielen Leuten und einfach eine verdammt witzige Reise. Ach ja, vom Essen im Kronprinz werde ich gedanklich auch noch eine ganze Weile lang was haben.
Im herbstlichen Wetter überschlägt die Welt sich jedoch fast. Der schon beinahe gerettet geglaubte Opel-Konzern wird nun doch nicht von Mami GM in die freie Wildbahn gelassen.
In Fort Hood, einer US-Militärbasis mit ungefähr der Größe von Berlin, wird auch noch Amok gelaufen. Eine einsatzfreudige aber fragwürdige Methode, einem Kampfeinsatz zu entgehen…
Deutschland hingegen hat inzwischen mehr Ärger mit aufmüpfigen Studenten, die allenthalben protestieren anstatt schön fleißig und schnell Arbeitsmarktfutter zu werden. Dazu verrennt sich der Verteidigungsminister in falschen Opferzahlen des ach so friedlichen und unkriegsmäßigen Bundeswehreinsatzes in Afghanistan und darf danach gleich weiterrennen – nämlich aus dem Amt. Der Nationaltorwart Robert Enke nimmt sich das Leben, was immerhin dazu führt, dass ich seinen Namen mal kennenlerne. Etwas spät, wie mir erscheint. Dem Spiegel ist das natürlich eine Titelgeschichte wert, obwohl inzwischen auch dem letzten Dorfpsychologen klar ist, dass die Berichterstattung über Suizid in der Form Nachahmungen nach sich zieht. Aber es ist so oder so nicht der Monat des Spiegels, hat sich das Magazin doch noch ein anderes Ei gelegt: Seitenweise fabulieren sie Oskar Lafontaine eine Affaire an den Hals, woraufhin dieser sich kurz darauf meldet und seinen politischen Rückzug mit einer Krebserkrankung begründet. Autsch!
Sonst bleibt alles beim Alten: Zwei Verbrecher brechen aus, Fußballwetten sorgen für Verbrechernachwuchs und die Regierung verbricht mit massiven Steuerentlastungen auch noch was.
Gebannt starrt die Welt indes über die Berge der Alpen auf die kleine Schweiz, die als Patentlösung gegen die schlimme Welt den Bau von Minaretten verbietet, wozu mir einfach kein witziger Halbsatz einfallen will.

Dezember:

Last Exit - Cuxhaven

Last Exit - Cuxhaven

Begonnen hat der Dezember bekanntermaßen scheiße! Dass ich Silvester nun hier in Berlin verbringe hat seinen Ursprung ebenfalls darin. Nach einem Monat hin und her zwischen Krankenhaus und Pflegeheim ist meine Mutter am 4. Dezember gestorben. Fast einen Monat, bevor ich meinen Besuch antreten wollte.
Dieser wurde daraufhin vorverlegt und so kam es, dass ich mit Ozie und meinem Bruder eine Woche lang so etwas ähnliches wie Urlaub mit Arbeitseinsätzen und Trauerbewältigung an der Nordsee verbracht habe, allerdings ohne gefühlt anwesend gewesen zu sein. Insgesamt 2 Wochen habe ich mir im Dezember frei genommen und damit die finanziell allgemein eher miese Situation auch nicht unbedingt verbessert.
Es ist sicher auch so eine Art Selbstschutz, wenn ich mich jetzt darüber freue, dass das Jahr wenigstens mit meinem ersten Radiointerview als Blogger und dem ersten Gewinn bei einem Gewinnspiel endete. Aber das war ja nicht alles, was in diesem Monat passiert ist. Rekord-Grinser Guttenberg findet nach der heftigen Kritik inzwischen auch irgendwie doof, dass die Bundeswehr Tanklaster sprengen lässt. Ausgerechnet meine blitzsaubere ehemalige Heimatbank LBBW wird von einem Untreue-Skandal erschüttert, was mich allerdings nur wenig begeistern kann, da ich durch meinen Job beim Sicherheitsdienst von b.i.g. immerhin eine Ahnung zu haben glaube, wie die schon legal mit Geld umgehen. Ansonsten muss die FDP für alte Möllemann-Eskapaden zahlen, und bei aller gesunden Verachtung der Partei gegenüber hoffe ich nur, dass sie von den 3,5 Millionen Euro wenigstens die Kosten für den kaputten Fallschirm absetzen können. Der Profi-Geldverdiener und Gelegenheitsgolfer Tiger Woods verblüfft seine Fans damit, dass er tatsächlich auch schon mal Sex mit anderen Menschen hatte und schockiert diese damit zutiefst.
Einen versöhnlichen Schlusspunkt setzt ausgerechnet ein verwirrter Mann, der offenbar mit vollem Körpereinsatz Kritik an Silvio Berlusconi äußert. Das wird Arbeitsplätze im Bereich der plastischen Chirurgie schaffen und kann somit als gelungene Aussicht auf ein Überwinden der bösen bösen Krise im nächsten Jahr gedeutet werden.
Ja, aber zu allerletzt sitze ich ein paar Tage an meinem Schreibtisch am PC und hämmere diesen Text runter. In manchen Momenten nervt schon das Quellensuchen und Verlinken und ich wünsche mir gelegentlich, nie angekündigt zu haben, einen Rückblick zu veröffentlichen. Und wie jedes Jahr lautet mein Vorsatz dann:

“Nächstes Jahr schreibst du einfach schon die ganze Zeit am Rückblick. Zumindest jeden Monat. Oder du fängst im Oktober schon an. Oder wenigstens vor Weihnachten. Ein bisschen früher? Ach lass stecken!”

Ich kann abschließend nicht sagen, wie das Jahr für mich war. Es hat sich vieles verändert, davon einiges zum Guten und einiges zum Schlechten. Die Finanzen waren schon mal schlimmer und mal besser. Die Wohnung hingegen sieht definitiv besser aus als zu Jahresbeginn, gehört allerdings dennoch generalüberholt. Die Arbeit macht nach wie vor viel Spaß, aber aus den verschiedensten Gründen (auch wenn es manchmal nur Lustlosigkeit war) bin ich viel zu wenig  dazu gekommen. Ich hatte eine Menge schöne Tage und lag einige krank oder fertig im Bett. Dass der Tod meiner Mutter zudem noch nicht einmal einen Monat zurückliegt, macht es mir natürlich auch schwer, jetzt mal eben ein positives Fazit zu ziehen.
Aber eigentlich ist es egal, wie das Jahr 2009 war, denn nun ist es vorbei und wie jedes Jahr gilt doch, dass man nach vorne schauen sollte. Ich bin da nicht immer so gut drin, aber man kann es ja immer wieder versuchen.

Die schöne Geschichte dennoch zuletzt:

Dieser Blog. Das war ein bewegtes Jahr hier im Netz und ich bin wirklich ein wenig stolz. Ich hab Pi mal Daumen 600 Artikel geschrieben und den Blog wieder auf meinen eigenen Server gepackt. Einige Leser sind mir gefolgt und etliche neue haben sich gefunden. Ich hab hier bei euch sowohl Spaß und interessante Streitgespräche gehabt, als auch Hilfe und Trost gefunden. Und all das ist ausnahmslos schön. Und wenn man sowas schon mal behaupten kann….

Deswegen an dieser Stelle noch eine kurze Verneigung meinerseits vor meiner werten Leserschaft und der ernstgemeinte Wunsch, ihr möget den Jahreswechsel angenehm hinter euch bringen. Ob alleine, zu zweit oder in einer Horde unbekannter Leute, ob zu Hause, in einem Club, auf einem Berg oder in der Stadt. Seid betrunken oder nüchtern und fahrt Taxi oder nicht. Hauptsache, ihr macht es gut!

Kommt gut ins neue Jahr!

Ich hoffe, wir sehen/lesen uns im Neuen wieder!

Ich werde Silvester übrigens irgendwie völlig “anti” mit Ozie zu Hause verbringen und nicht einmal was trinken. Kann also sein, dass ich um 23.57 Uhr noch Kommentare beantworte… Spaß ist ja auch eine Definitionsfrage. Danach geht es dann – kurzfristige Planänderung – irgendwann noch auf die Piste: Erste Silvestererfahrungen im Taxi, mit hoffentlich vielen spaßigen Kunden und immer noch Schnee! (Wenn schon, denn schon!)

Bye bye, 2009…

Na da bin ich doch gerne politikverdrossen…

16. Dezember 2009
Politik in Cux, Quelle: Sash

Politik in Cux, Quelle: Sash

Author: Sash Categories: Fotos, Lichtblicke im Alltag, Medien

THF/3.400.000

30. Oktober 2009

Und einmal mehr bin ich via Aros Blog auf was interessantes gestoßen:

Die von der taz flankierte Forderung, das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof unter allen Berlinern aufzuteilen.

Das Plädoyer in der taz

Erste Reaktionen (auch taz)

Seit einem Jahr ist der ehemalige Flughafen nun Geschichte. Der Volksentscheid brachte den Befürwortern nicht genug Stimmen, sodass seit November letzten Jahres über den Dächern der Anwohner tatsächlich Ruhe eingekehrt ist. Die nun funktionslose Fläche hat ziemlich genau die Ausmaße des Central Park in New York City und stellt die Stadt genau wegen ihrer Einzigartigkeit wieder vor ein Problem:

Was zur Hölle macht man als finanziell klamme Millionenstadt mit plötzlich auftauchenden 340 Hektar Freifläche? Zumal natürlich jeder dahergelaufene Vollspaten irgendwelche Pläne hat.

Die Meinungen über die sinnvollste Nutzung gehen weit auseinander. Vom Senat über Wirtschaftsgrößen bis zu Bürgerinitiativen und Autonomen scheint jeder eine eigene Idealvorstellung vom zukünftigen Treiben dort zu haben. So reichen die Vorschläge auch von Technologieparks über Nobel-Wohn-Viertel bis zu Volksparks und gar der Errichtung eines Berges.

Nun allerdings kam ein nicht uninteressanter Vorschlag zum Thema:

Man teilt das Flughafengelände unter den Berliner Bürgern auf. Durch die zufällige Übereinstimmung zwischen Flugfeldgröße und Einwohnerzahl bliebe für jeden Berliner ein symbolträchtiger Quadratmeter zur persönlichen Gestaltung.

Der Vorschlag versteht sich als radikal- und basisdemokratisches Experiment.

In genau diesem Punkt finde ich die Sache auch interessant. Denn natürlich wäre es beinahe die bekloppteste Idee seit Existenz des Flughafens, das Feld in einen Wald von Schildern zu verwandeln, auf denen jeder – einer pro Quadratmeter – seine Ansprüche kundtut. Aber genau das wäre auch kaum zu erwarten. Der eine Quadratmeter hat für sich genommen keinen sonderlich hohen Nutzwert – da der Raum nicht einmal ausreichend wäre, ein Bett dort unterzubringen. So ist es das wahrscheinlichste, dass sich neben ein paar exzentrischen Eigenbrödlern durchaus Initiativen finden würden, die für größere Projekte Verbündete suchen.

So wäre es durchaus denkbar, dass am Ende von den vielen schon existenten, teilweise halbgaren Vorschlägen einige tatsächlich durchgesetzt werden könnten. Was sind schon 7.500 Leute in Berlin? So viel wären nötig, um beispielsweise einem Fußballplatz seinen Platz zu sichern. Genügend Anhänger für großflächige Grünanlagen, Spielplätze, Wiesen und dergleichen finden sich wahrscheinlich schon unter den Anwohnern.

Natürlich wäre eine derartige Aktion mit der Gefahr verbunden, dass auch selten dämliche Projekte ihren Platz finden würden. Aber wenigstens wäre diese Dämlichkeit ein Abbild der Berliner Bürger, jedes dort entstehende Chaos würde höchstens die Stadt treffend beschreiben und wenn man sich jetzt überlegt, was für ein gewaltiges Potenzial diese Lösung bereithalten könnte, wenn es nicht zum “Worst Case” kommt… dann kann man fast überwältigt sein.

Ich meine, wir reden hier von Platz für soziale Projekte, von Stadtverschönerung, von Platz für Kunst im öffentlichen Raum. Und vielleicht auch von Schwachsinn, den ich heute nicht einmal abschätzen kann.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vorschlag gehört wird, ja gar umgesetzt wird, ist natürlich denkbar gering.

Die Stadt hat mit einer verödenden Wiese ja wahrlich viel zu verlieren bei dieser Aktion. Am Geld – so mutmaße ich mal – wird es indes wohl eher nicht scheitern, da ich denke, dass sich die Menschen ihre persönlichen Lieblingsprojekte durchaus was kosten lassen würden.

Wie ihr merkt: Mir gefällt der Gedanke. Wie so oft bei Einzelaktionen wäre das sicher kein Meilenstein in der Weltgeschichte, aber die Vorstellung, etwas völlig unabsehbares anzugehen und etwas derart innovatives zu fördern, finde ich extrem anregend.

Natürlich gäbe es eine Menge Detailfragen zu klären, eine Menge Strukturen zu erschaffen, um das Ganze durchführen zu können und es wäre mit Sicherheit nicht einfach mal kurz in ein paar Wochen erledigt. Aber diese Probleme ergeben sich bei den meisten “konventionellen” Ideen auch.

Ehrlich gesagt: Ich wüsste gerade auch noch nicht, wofür ich meinen Quadratmeter nutzen oder zur Verfügung stellen würde. Sicher jedoch nicht für neue Bürogebäude oder einen neuen Flughafen…

Und das ausschließen zu können, wäre doch auch schon schön :)

Author: Sash Categories: Medien, Politik

Zeit für Drogen!

19. Oktober 2009

Wow! Ich bin wirklich von ganzem Herzen sarkastischer Pessimist, was die Gesellschaft und die Menschen auf dieser Welt angeht. Da fühle ich mich ja fast schon persönlich getroffen, wenn jetzt bei der “Zeit” ein Text zur Legalisierung von Drogen erscheint. Es ist unschwer zu erahnen, dass der Autor meinen Nerv trifft – wenngleich ich seiner Argumentation teilweise nicht viel abgewinnen kann. Denn das Hochrechnen von Leid gegen Leid ist eine zumindest fragwürdige Geschichte.

Aber es ist ein Thema, über das ich hier im Blog – soweit ich mich erinnern kann – noch nicht wirklich viel geschrieben habe, also greife ich es doch gerne mal auf, wenn lawblog.de es mir im Feedreader doch so schön auf dem Silbertablett serviert.

John Gray betrachtet in seinem Artikel den “Krieg gegen die Drogen” als gescheitert an und verweist auf zigtausend Tote in den Kämpfen rund um die ein oder anderen Suchtmittel. Er verweist insbesondere auf die durch die Illegalität entstehenden hohen Preise für Drogen, den Zwang zur Beschaffungskriminalität und auch darauf, dass die Drogenszene einen vermeintlich einfachen Weg des sozialen Aufstiegs in manchen Kreisen verheisst, der allerdings mit einer Sozialisierung in eine gewalttätige Bandenkultur einhergeht. Desweiteren schneidet er an, dass derzeit die Gewinne der Drogenkartelle oftmals eine Unterstützung des Terrorismus sind.

Die Gegenargumente auf moralischer Seite – das Leid der Betroffenen – wischt er mit der Behauptung beiseite, den Menschen selbst gehe es bei staatlich kontrollierter Drogenabgabe immer noch besser. Zudem fügt er an, dass die Prohibition bei Drogen ein eigentlich junges Phänomen ist, was sicher auch als Seitenhieb gegenüber den Konservativen Vertretern einer harten Drogenbekämpfung verstanden werden kann, da es die Normalität von Drogen in der Gesellschaft unterstreicht.

Ich gebe dem Autor mit ein paar Abstrichen Recht.

Nun wisst ihr: Ich arbeite in einem Job, der sich nur mit zwei legalen Drogen (Nikotin und Koffein) verträgt, und es sollte klar sein, dass ich nicht meinetwegen für eine Freigabe der anderen Drogen plädiere. Zugegeben, ich würde durchaus gerne mal wieder während des Urlaubs einen Joint rauchen können – ein Vergnügen, auf das ich seit nunmehr mehreren Jahren verzichte, da die Abbauprodukte von THC zu lange nachweisbar sind, als dass ich da meines Jobs noch sicher sein könnte. Aber sonst?

Es fängt ja eigentlich schon mit der schwierigen Frage an, was Drogen sind, wer sie wie verwendet und ob sie dementsprechend überhaupt nötig sind. In letzter Konsequenz wage ich zu behaupten, dass Drogen an und für sich als Produkte nötig sind (Schmerzmittel), als Genussmittel eigentlich verzichtbar, aufgrund unserer Menschlichkeit allerdings nicht zu beseitigen sind.

Sind wir mal ehrlich: Ein drogenfreies Leben ist eine wunderbare Vorstellung, und es gibt auch einige Menschen da draussen, die das in Bezug auf das, was gemeinhin Droge genannt wird, auch ganz gut schaffen und sehr zufrieden damit sind. Die meisten allerdings nicht. Ich möchte hier gar nicht aus meiner Position als Alkoholtrinker und Nikotinabhängiger gegen ein drogenfreies Leben anschreiben, aber schon unser verhältnismäßig zivilisiertes Land besteht zu einem Gutteil aus Leuten, die ihren normalen Lebensrhytmus nicht einhalten könnten, wenn sie der Kaffee morgens nicht aufputschen würde. Dazu kommen sicher noch ein paar Millionen, die die körperlich positiven Wirkungen eines eiligst verschlungenen Schokoladenstückchens erliegen, wenn ein seelischer Tiefpunkt erreicht ist. Man braucht also eigentlich beim Thema Drogen noch gar nicht bis zu den “harten” legalen oder gar den illegalen Drogen gehen, wenn man argumentiert.

Aber spätestens beim Feierabendbier und der Zigarette danach wird offensichtlich, dass die meisten Menschen zumindest gelegentlich Mittel zu sich nehmen, die ihre körperliche und / oder psychische Verfassung in irgendeiner Art und Weise angenehmer machen.

Dass die Grenze zwischen Legalität nun ausgerechnet zwischen Alkohol und THC angesiedelt ist, lässt ja bekanntermaßen nicht nur die ganzen Hardcore-Kiffer, sondern auch anerkannte Drogenexperten ratlos zurück.

Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Drogenkonsum hat in jeglicher Form Folgen für die Gesundheit und verursacht damit natürlich auch gesellschaftliche Kosten. Da sind wir uns einig. Aber wir sollten uns der Logik wegen durchaus auch die Frage stellen, welche anderen Auswirkungen sie haben. Selbst zu den illegalen Drogen zählen etliche Aufputschmittel, und es gibt noch nicht einmal Zahlen darüber, wieviele Milliarden Euro jedes Jahr zusätzlich erwirtschaftet werden, weil Menschen unter ihrer Zuhilfenahme in der Lage sind, 18 Stunden wertschöpferischer Arbeit nachzugehen. Und ohne meine Koffeintabletten hätte ich auch schon ein paarmal früher Feierabend gemacht…

Zunächst aber ist festzuhalten, dass Drogenkonsum ein gesellschaftlich altes Ritual ist. In jeder Kultur sind zumindest einige (gesellschaftlich nicht unwichtige) Leute immer befugt gewesen, sich das Gehirn zuzunebeln, um dem Pöbel zu erklären, dass es Götter gibt, dass das Leben mehr bietet als das, was man sieht. Und wer Geld hatte, hat sich auch zu fast jeder Zeit mit irgendwelchen berauschenden Mitteln der Kunst oder der Liebe hingegeben. So schlecht das für den einzelnen gewesen sein mag, so wenig ist auch nur abzuschätzen, was unsere Kultur ohne Drogen überhaupt wäre.

Aber bleiben wir in der heutigen Zeit:

Die Drogen, von denen wir eigentlich sprechen wollen, sind heutzutage mit wenigen Ausnahmen Probleme der unteren sozialen Schichten. Zwar denke ich, dass der brave CDU-Wähler erschrecken würde, wenn er wüsste, wie viele Politiker und Manager gelegentlich Koks konsumieren, aber was man in der Gesellschaft neben den legalen Drogen mitbekommt, sind doch eigentlich die Nachrichten über Drogentote auf der Straße, über Kämpfe in irgendwelchen Ländern, die wir nur schwer auf einer Landkarte finden, über planlose Jugendliche, die unser Bildungssystem in Frage stellen und nebenbei noch ein paar Bodybuilder mit verkümmerten Genitalien.

Also hey, alles nix was uns als normale Menschen was angeht, oder?

Aber natürlich tut es das! Denn unsere Gesellschaft ist lange nicht mehr auf dem Stand, dass Einzelereignisse keine Auswirkungen auf den Rest mehr haben. Es war sicher ein grundsätzlich gut gemeinter Ansatz, die Menge an gefährlichen Drogen in der Gesellschaft zu dezimieren und sie für Idioten unzugänglich zu machen. Leider ist das sogar für den Fall, dass Wolfgang Schäuble irgendwann Alleinherrscher wird, nicht machbar. Genausowenig wie es absolute Sicherheit in Punkto Gewalt gibt, gibt es sie im Bezug auf Drogen.

Ganz von der Hand zu weisen ist die Argumentation, dass eine Illegalisierung eine gewisse Abschreckung bewirkt, zwar nicht – im Falle von schwer süchtigmachenden Substanzen liegt hier allerdings auch eine besondere Perfidie gegenüber den Menschen vor, die vielleicht aus Dummheit mal einen Fehler gemacht haben. Denn letztlich treibt man diese Menschen nun dazu, sich auf einem unübersichtlichen Markt zu versorgen, der weder Qualitätskontrollen kennt, noch in irgendeiner Form Sicherheiten kennt. Da sich jeder dort agierende Mensch immer mit einem Fuß im Gefängnis befindet, ist es nur logisch, dass sich so ein Milieu bildet, dass im Großen und Ganzen durch Gewalt und Einschüchterung zusammenhält. Sobald man illegale Drogen erwirbt, verwirkt man jegliche rechtliche Sicherheit. Klar kann ich meinen Dealer nicht verklagen! Also auf’s Maul!

Insofern ist die Aussage von Gray, dass die Betroffenen im Falle einer Freigabe von Drogen gesünder leben würden, kein lahmes Umherlabern, sondern ein handfestes Argument. Denn im Falle einer Legalisierung könnte man natürlich eine Art Qualitätssicherung einführen. Man könnte juristische Rahmen für die Geschäfte entwerfen – und das ist ja nicht alles.

Wenn das Ganze in den anerkannten Wirtschaftskreislauf überführt wird, sinken die Preise für den Endverbraucher, und das obwohl eine ganze Multi-Milliarden-Industrie aus der Illegalität in die Öffentlichkeit wandern könnte. Es bestünde die Möglichkeit, aus den Millionen Händlern und Zulieferern legal arbeitende Menschen mit sozialer Absicherung zu machen. Zum einen würden die weiterhin nach alten Mustern operierenden Kartelle langsam bedeutungsloser werden – was den bisherigen Protagonisten bei der Herstellung und im Verkauf unglaublich helfen würde. Zum anderen gäbe es Chancen auf staatlicher Seite, auch auf die Drogen selbst Steuern zu erheben, was zusammen mit der Entlastung von Judikative und Exekutive die gesellschaftlichen Kosten des Drogenkonsums wahrscheinlich über Nacht in eine dicke Einnahmequelle verwandeln würde.

Bei allem Verständnis für die Angst vor mehr Drogensüchtigen darf man nicht vergessen, dass man zur selben Zeit Millionen Menschen ein vernünftiges Leben erst ermöglicht. Und ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass wir eine Menge Leute entlasten, die wirklich nie irgendwas schlimmes gemacht haben, außer etwas zu konsumieren.

In dem Punkt sehe ich mich wieder selbst als gutes Beispiel. Vor Jahren habe ich hier und da gelegentlich etwas Gras geraucht. Das mache ich seit Ewigkeiten nicht mehr, aber es hätte sein können, dass ich deswegen meinen Job heute nicht machen könnte oder nie die Chance hätte, gewisse andere Berufe zu ergreifen. Weil ich ein paar Mal einen Abend lang Spaß hatte, ohne dass irgendwer dabei zu Schaden gekommen ist…

Sind wir doch mal ehrlich: Was maßt sich unser Staat eigentlich an, derart über unsere Freizeit zu bestimmen?

Natürlich bin ich nicht dafür, dass noch mehr Drogen konsumiert werden. Es sind tausende, die durch Drogenkonsum auch ohne ihre Kriminalisierung gestorben wären. Ebenso ist Verelendung nichts, was den Abhängigen von hochpreisigen Drogen vorbehalten ist. Einen Ausblick auf dieses Leben geben ja die vielen Alkoholabhängigen unter den Geringverdienern und Arbeitslosen. Das wichtigste ist aber Prävention in Form von Aufklärung! Und wenn wir ehrlich sind: Die wird momentan einfach nicht zufriedenstellend geleistet. Wer hat denn in der Schule ernsthaft was über Drogen gelernt? Mit viel Glück hat man ein paar Horrorbilder von fast toten Junkies gesehen, und irgendwann war ein Polizist zu Besuch, der einem erklärt hat, dass man sterben kann und keinen Führerschein bekommt, wenn man Drogen nimmt. Vielleicht bin ich ob dieser Methoden etwas zu pessimistisch, aber wenn man nach solchen Erläuterungen dann irgendwann vielleicht doch mal Drogen nimmt, stellt man plötzlich fest, dass man danach immer noch lebt und es niemand mitbekommen hat, man also auch seinen Führerschein behalten darf. Das animiert nicht gerade dazu, es bei einer einmaligen Erfahrung zu belassen, wenn es ansonsten doch lustig war.

Es müsste Platz gemacht werden für ernstliche wissenschaftliche Aufklärung ohne das Damoklesschwert mit den eingravierten Buchstaben “Und ausserdem isses eh verboten, also Finger weg!”

Dass ich nicht dafür bin, Heroin an Kleinkinder abzugeben, schreibe ich mal vorsichtshalber hier hin. Ich hoffe, auf die Idee ist jetzt niemand gekommen… gegen eine wie auch immer geartete Zugangskontrolle habe ich nichts einzuwenden.

Ich bin mir sicher, dass es andere Möglichkeiten als die jetztigen gibt. Aber wie bei so vielen Themen müsste man dazu ohne parteipolitische Scheuklappen sachlich an ein Thema rangehen. Wieso widerlegen Politiker diese Theorien immer mit Drogenstatistiken rund ums Kottbusser Tor? Wieso hackt die Bild-Zeitung auf Jugendlichen aus dem Drogenmilieu rum, die sich eine Handtasche klauen, ohne mal wenigstens bis zur Frage nach dem Preis für Drogen zu recherchieren? Bzw. zu denken…

Und da sind wir wieder an dem Punkt, der mich am politisch konservativen Geschehen so ankotzt: Man versucht ungeachtet der enormen Möglichkeiten am Status Quo festzuhalten. Denn von da aus, wo die Entscheidungen getroffen werden, sieht es ja immer so schön aus, als würde alles funktionieren. Dass Bayern Solarzellen nach Honduras exportiert ist eine schöne Geschichte, dass Horst Seehofer aber über genauso viele oder wenige Umwege mit einem erschossenen 14jährigen in Mexico-City in Verbindung gebracht werden könnte… wie kann ich es nur wagen, sowas auszusprechen?

Aber vielleicht flammt die Debatte ja mal wieder auf…

Author: Sash Categories: Medien, Politik, Vermischtes