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Archiv für die Kategorie ‘Als Kunde im Taxi’


Größer und böser

14. August 2010

Das Internet hatte vergangene Nacht Ausgang, und so kam es, dass sich eine lustige Vierertruppe etwas später als geplant und genauso verplant wie geplant durch die Berliner Nacht bewegt hat. Nach einer wohl nicht ganz unproblematischen Anreise über 7 (!) Stunden schlug Torsten vom Taxi-Blog in der Hauptstadt auf.

Als Taxifahrer für die Taxifahrer hielt Jo von randomjo.net sich inklusive Begleitung bereit. Als ich den Anruf bekam, ich möge Regenschutz einplanen, stand ich in kurzen Hosen erwartungsfreudig kurz vor dem Gehen in meinem Zimmer und beschloss, meinen angewandten Optimismus beizubehalten.

Der dunkle Citroen lud mich vor der Haustüre ein, und so kam es, dass die beiden Taxiblogger Sash und Torsten sich standesgemäß im Fond eines Wagens mit eigens engagiertem Fahrer kennenlernten.

“Größer und böser” hätte er sich mich vorgestellt, gestand Torsten mir, der Verlauf des Abends ließ allerdings kein größeres Verlangen nach Boshaftigkeit von seiner Seite aus erkennen.

Für großes Sightseeing hatten wir keine Zeit, galt es doch, die Nacht zu nutzen, um sich bei gemeinsamer Pegelerhöhung ein bisschen kennenzulernen und Spaß zu haben. Zunächst wollte Torsten als treuer Blogleser den Ostbahnhof sehen, was der Rest der Mannschaft gleich zu Tabakkäufen nutzte. Drogenmäßig völlig unvorbildlich bestand die Runde ausschließlich aus Rauchern und Trinkern.

Insbesondere beim ersten Zwischenstopp im Billard-House war das von Vorteil, da die Luft im Raucherbereich definitiv keine Möglichkeit bot, Nicht-Tabakabhängigen irgendwie lebenswichtige Elemente zukommen zu lassen. Möglicherweise hätte ich vor dem Einatmen auch kauen müssen – der nächste Versuch wird es irgendwann mal zeigen.

Die Teamverteilung fürs Billard war einfach: Taxifahrer gegen den Rest.

Trotz anfänglicher Euphorie ist es bis zum Ende zwar nicht wirklich zu dem gekommen, was gemeinhin Billard genannt wird, aber nachdem wir die tatsächlich erreichte Anzahl von 1,6 zu 1,9 gewonnenen Spiele auf 2 zu 2 aufgerundet haben, haben wir beschlossen, das Experiment zu beenden, weil wir uns nicht schon so früh am Abend um den Sieg kloppen wollten.

Im strömenden Regen unter einen kleinen Schirm gequetscht (jaja, bisweilen gab es auch unter dem Schirm Regen) vernichteten wir die restlichen Biere und sind irgendwie auf die Idee gekommen, uns ein paar Witze zu erzählen. Klingt komisch, ist aber so.

Das nächste Ziel war das “Point of no Return”, nicht ohne Torsten noch zu zeigen, dass es in Berlin allerlei kuriose Geschäftsideen gibt. Genauer genommen die “Fahrschule und Weinhandlung”.

Die anschließende Entdeckung, dass es “Long Island Iced Tea” auch in Kübeln zu erwerben gibt, hat den weiteren Abendverlauf spürbar beeinflusst. Nach kurzer Zeit am Tresen okkupierten wir eine eigentlich besetzte Sitzecke, was immerhin im Laufe des Abends Grund genug bot, sich auch mit Außenstehenden zu unterhalten. Nicht, dass ich noch etwas über den Inhalt berichten könnte, aber nett ist es ja trotzdem. Das Fehlen von Hämatomen kann indirekt auch als Bestätigung angesehen werden, dass wir weder jemanden verärgert, noch den Laden auf unübliche Weise verlassen haben.

Ich musste Torsten leider bestätigen, dass der Taxischein in Berlin nicht mal einfach so schnell zu machen ist. Zumal sich solch eine Entscheidung wahrscheinlich besser nicht aufgrund der Preise für Long Island Iced Tea treffen lässt ;)

Der Spruch des Abends geht (trotz Unwissen über alle Sprüche) an Torsten, der nach einer Viertelstunde vom Klo kam mit dem legendären Satz:

“Da war es so dunkel, ich musste mein iPhone als Lampe verwenden. Da hab ich gleich mal gebloggt.”

Nachdem unser Fahrer uns letztlich doch verlassen hat, die schläfrige Begleitung anbei, sind wir aus bisher völlig ungeklärten Gründen nach Erreichen des Spitzenpegels kurz ins “Franken” gewechselt, wo wir noch ein (oder zwei?) Bier zum Abschluss getrunken haben.

Die anschließende Heimfahrt mit dem Taxi fiel dann unter die Rubrik Geldverschwendung. Warum auch immer ich Torsten noch bis zum Hotel begleitet habe, weiss ich nicht. Gefunden hätte der Fahrer es. Dass er uns nicht unbedingt glauben wollte, dass wir auch Taxi fahren, kann ich im Nachhinein besser verstehen als gestern Abend noch. Ob es jetzt angemessen war, mit unserer Prominenz zu prahlen, muss wohl jeder für sich entscheiden. Tatsache war, dass mir der Fahrer zuletzt etwas seltsam vorkam (obwohl er immerhin gesprächig war und abgesehen von einer etwas herausgezögerten Wende am Ende auch ordentlich gefahren ist). Es mag unfair gewesen sein, aber dass er sich am Ende beschwert hat, dass ich nicht doch wie angekündigt noch nach Marzahn fahre, bestätigt mich. Zwar wären das nochmal rund 20 € gewesen, aber immerhin hatten wir auch bisher schon über 20 zusammen. Von kurzer Tour kann also keine Rede sein.

Mein Heimweg fiel dann unspektakulär aus, ich hatte einen sehr sehr netten Kollegen, der sich sichtlich gefreut hat über die lange Tour zum Schichtbeginn.

Wie ich nun morgens noch an die Ravioli gelangt bin, die ich dann gegessen habe, entzieht sich meiner Kenntnis, aber im Grunde lief alles gut.

Und was ich in einer ganzen Nacht voller gefährlicher Bewegungen in bedenklichem Zustand nicht geschafft habe, das ist mir dann vorhin gelungen: Ich hab meine Kamera trotz wiedererlangtem Vollbesitz meiner Kräfte auf den Boden geworfen und nun ist sie kaputt. Schön, dass das nicht als Fazit des sehr netten Abends herhalten muss.

Die Artikel zum Abend:

Die Zusammenfassung von Jo

Die kurzen Unterwegsmeldungen von Torsten:

Berlin

Berühmte Stätten

Team Taxi

Äh…

Frühstück?

Auf weitere Lebenszeichen von ihm warte ich noch ;)

Alzheimerverdächtig / Sash im Taxi

18. Mai 2010

Nach meinem fantastischen Trinkgeld neulich konnte ich mir auch ein Taxi nach Hause leisten. Seit ich den Job selbst mache, bin ich sicher vermehrt Taxi-Kunde, aber ich übertreibe es auch nicht. Zum einen leben wir in einer Gesellschaft, in der es gang und gäbe ist, dass man sich als Dienstleister die eigene Dienstleistung nicht zwingend ständig selbst leisten kann, zum anderen – und das kennen alle anderen da draußen auch – geht man stets mit einer teilweise ungebührenden Pingeligkeit an Dienstleistungen heran, die man selber kennt.

Ich habe als Kunde noch keinen Taxifahrer erlebt, der wie ich die Thaerstr. als Abkürzung von der Petersburger zur Landsberger oder umgekehrt nutzt. Das sind 40 Cent auf dem Taxameter, kein Weltuntergang. Auf den Strecken, die ich gelegentlich fahre, ist es die einzige Option, einen “geheimen Schleichweg” zu nehmen. Aber ich selbst halte es eben so und da mache ich mir natürlich auch immer gleich Gedanken, wenn Kollegen es nicht machen.

Und das nervt mich selbst ein wenig. Ich hab keinen Abstand mehr zu dieser Dienstleistung, ich kann nicht einfach darauf vertrauen, dass der Fahrer – das geheimnisvolle allwissende Wesen – alles richtig macht. Ich kenne die Strecke und ich bemerke es, wenn der Preis zu hoch ist, die Strecke zu lang, der Fahrer undankbar. Das raubt einem ein wenig den Spaß an der Sache. So wie “normale” Kunden darauf hoffen, nicht wieder das miese Arschloch von letztem Mal zu erwischen, dass ihnen für eine 10€-Tour 25 € Festpreis aufgeschwatzt hat und dann nicht einmal die Straße gefunden hat und sich unterwegs über die zu kurze Tour beschwert hat, bin ich schon immer enttäuscht, auf Fahrer zu treffen, die ihren Job nur so halbwegs machen, um an ein paar Euro zu kommen. Obwohl das eigentlich noch ok sein sollte.

Ich habe also lange mit mir gerungen, ob ich es wirklich tun sollte. Denn auch wenn die Bahn gerade raus war und ich absolut null Bock auf Ersatzverkehr mit Umsteigen und langen Wartezeiten und Fußweg hatte, so hatte ich noch weniger Lust, ausgerechnet einem alten Griesgram mein Trinkgeld anzuvertrauen, das ich mit einem seligen Lächeln nach einer nicht ganz unanstrengenden Tour überreicht bekommen habe.

Aber: Oh Wunder, der Taxi-Gott meinte es gut mit mir!

Am Stand gegenüber des andel’s-Hotels (Ja, es heisst nicht Landels!) fand ich gleich einen Blogleser und Kollegen vor, der sich beim morgendlichen Kaffee mit einer Kollegin unterhielt. Und hier beginnt der Alzheimer-Part. Wie bei so vielen Kollegen habe ich auch hier schon wieder den Namen vergessen. Da ist das “Du” im Gewerbe und im Internet schon wieder hinderlich. Es gibt (Gab? Ich hab ihn ewig nicht gesehen) z.B. auch einen Kollegen, den ich rund ein Jahr lang fast täglich am Ostbahnhof getroffen habe, der bis heute damit leben muss, dass ich von ihm immer nur als “Herr Ostbahnhof” spreche, wenn ich ihn Ozie gegenüber erwähne. Keine Ahnung, wie er heisst!

Naja, wenigstens war das ein angenehmer Schicht-Abschluss! Es ist für uns Taxifahrer schließlich auch nicht selbstverständlich, dass ein Kollege müde und definitiv unstressig am Stand entlangtaumelt und einfach mal sagt:

“Na, bringst mich heim?”

Es folgte noch eine gemütliche Zigarette, ein bisschen Prahlerei mit den letzten Horror- und Luxuskunden und letztlich eine angenehme Heimfahrt, die mir an dem Tag locker die 14,20 € wert war. Bzw. die 17, die ich letztlich gezahlt habe. Ich kann nur hoffen, dass die Taxifahrten mit mir für meine Kunden ähnlich sind: Ein netter Typ, der einen gerne heimfährt, und bei dem ich – selbst wenn ich am Ende nochmal ansagen muss, wo man genau abbiegt – einfach das Gefühl hab, dass es das Geld wert war. Ich versuche, dass es so ist. Jeden Tag wieder, und oftmals mit Erfolg. Immerhin.

Author: Sash Categories: Als Kunde im Taxi, Taxi

24 Stunden erster Mai 2010

2. Mai 2010

Ich bin ja bewusst spät aus dem Haus gegangen, weil es ein langer Tag werden sollte. Dass ich aber letztlich nach ewigem Hin und Her und Warterei beim Schienenersatz-Verkehr tatsächlich erst um Punkt 0 Uhr meine Schicht beginnen sollte, war so auch nicht geplant. Aber was ist schon Planung?

Es war die erste Schicht des Jahres, in der ich darauf verzichtet habe, ganz”tägig” eine Jacke zu tragen, und auch sonst war ich mehr als zufrieden. Die Schicht zählt nun in den Mai, was diesem Monat finanziell einen ungeplant guten Start gibt. Eigentlich waren ja zwei freie Tage vorgesehen. Aber wie gesagt: Was ist schon Planung?
Bis morgens um 6 Uhr hab ich einfach mal flott 150 € eingefahren, wenngleich die Schicht sonst erschreckend unspektakulär war. Keine erwähnenswerten Kuriositäten, kein extremes Drogenopfer, keine extrem weite Fahrt, kein extrem hohes Trinkgeld. Hier und da ein nettes kurzes Gespräch, aber fast alle Fahrten waren geradezu exemplarische Durchschnittsfahrten. Diese gab es wenigstens in guter Frequenz. Meinen Hunni hatte ich beispielsweise nach 64 km auf dem Tacho schon weg – Und normalerweise rechne ich ja mit etwa km = €. Um es kurz zu machen: Würde jede Schicht so verlaufen, wäre das gut für meinen Geldbeutel, super für meine Freizeit, aber leider auch völlig desaströs für den Blog. Ich hatte lange vor, diesen Eintrag zum ersten Mai in mehrere kleine Einträge zu gliedern, aber schon der Artikel über die Schicht wäre sowas von öde geworden…

Zum Abschluss des Ganzen hab ich Ozie abgeholt, da der Abstellort des Autos direkt am S-Bahn-Ring für den weiteren Verlauf des Tages optimal war.

Der Naziaufmarsch hatte eine abenteuerliche geplante Route von rund 6 Kilometern am Ring entlang: Von der Bornholmer Str. bis zur Landsberger Allee. Ich nehme an, die meisten ahnen, welchen Satz ich mir als Running-Gag für diesen Tag ausgesucht habe: Aber was ist schon Planung?

Wir waren ja selbst für Leute mit absonderlichen Schlafrhytmen enorm früh unterwegs, was uns nicht nur die Möglichkeit bot, jetzt schon einen ordentlichen Fußweg zu absolvieren, sondern auch, mal spontan an der Bundesfinanzdirektion auf der Treppe zu frühstücken. Ich nehme an, in Stuttgart wäre ich an diesem Punkt schon verhaftet worden. In Berlin hat man uns nicht einmal gesehen.

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Das Ablaufen der Route wurde dann an der Ecke Greifenhagener schon aprupt beendet, da die Polizei die Gegenkundgebung an der Ecke Schönhauser/Bornholmer inzwischen auch nicht mehr zulies.  Das war von deren Planung her ziemlich sinnig. Zum einen ist es ja nicht unpraktisch, Gegenproteste unterhalb des S-Bahnrings zu halten, wo nur ein paar Brücken gesichert werden müssen. Zum anderen ist eine Gegenkundgebung direkt auf der Route der Nazis natürlich ein Dilemma, bei dem wir uns schon davor gefragt hatten, wie sie sich das vorstellen. Nun wussten wir es. Wie man aber am Grund unserer Anreise schon vermuten kann, heisst das nicht, dass wir es deswegen toll fanden.

Ausgerechnet die Polizisten, die uns den Durchgang verwehrten, hatten aber eine erschreckend blamable Ortskenntnis, sodass wir uns letztlich selbst zusammenreimen mussten, welche Seite des Rings er meinte, die er mal nach “außen” und mal nach “innen” verlegte. Dass wir zudem die Möglichkeit haben sollten, direkt zum Nazitreffpunkt (S-Bahn Bornholmer) zu fahren, haben wir ihm schlicht nicht geglaubt.

Da absehbar war, dass die Bemühungen der Polizei darauf bauten, uns südlich des S-Bahn-Rings zu halten, haben wir uns in die U-Bahn gesetzt und sind zur Vinetastr. gefahren. Einmal alle Absperrungen von oben gesehen: Recht gehabt: Nach Süden ungleich mehr als nach Norden. Dennoch erschreckend, wie früh die da waren. Deren Arbeitstag stand meinem wahrscheinlich in nichts nach ;)

Die Aussichten nördlich der Bornholmer waren zunächst miserabel. Hier eine Kette, dort einzelne Cops. Für 2 Leute schlicht kein Durchkommen. Und keine Sau war sonst da. War es wirklich noch zu früh, oder ist sonst niemand auf die Idee gekommen, die Sperre mittels BVG zu umgehen? Aber just als wir uns ärgerten, das wir alleine waren, passierte etwas ungleich schlimmeres: Wir bekamen Gesellschaft von einem zwar netten, aber offensichtlich unter Drogeneinfluss stehenden panischen Mitstreiter, der mit seiner Theorie darüber, dass irgendwelche Neon-Zeichen auf dem Boden der Bahnstation uns irgendwas sagen müssten, nicht gerade zur Lösungsfindung beigetragen hat. Meiner Meinung nach hat der eher ins Bett als auf die Straße gehört, aber ich bin auch weit davon entfernt zu behaupten, Idioten gäbe es in unseren Reihen keine.

Kurz darauf zeigte sich dann aber, dass ein paar Gruppen ihre Hausaufgaben wirklich gut gemacht haben. Binnen weniger Minuten waren wir nicht mehr 2 bis 10 Leute an der Kreuzung, sondern 400 bis 700, und etwa 5 Minuten später stand eine verdatterte Gruppe Cops am Rande einer Kleingartenanlage und es war offensichtlich, dass die Planung auf ihrem einsamen Außenposten nicht vorgesehen hat, dass mehrere hundert Autonome ausgerechnet dort durch die Gärten zur Naziroute durchbrechen. Aber was ist schon Planung, nicht wahr? Die eiligst herbeigestürmte Verstärkung machte zwar noch vor uns dicht, aber es ist davon auszugehen, dass diese Gruppe die erste Blockade auf der Ostseite gestellt hat.

Wir hatten nun die Wahl, uns entweder wieder ein ganzes Stück in den Osten zurückzubewegen, oder aber mal zu sehen, was westlich der Bösebrücke passiert. Dort angekommen trafen wir auf eine Pi mal Daumen 1000 Menschen umfassende Blockade. Die Stimmung war ausgelassen und recht locker, da es zum einen stetig mehr oder minder gute Musik und ständig neue Erfolgsmeldungen gab, zum anderen aber keinen Stress. Das wiederum war der Tatsache geschuldet, dass diese Blockade nicht auf der Naziroute lag, sondern lediglich eine potenzielle Ausweichroute gen Wedding dichtgemacht hat. Ergo wurde nie versucht, bei uns zu räumen, was den größten Stressfaktor schlicht eliminierte. So haben wir die folgenden 8 Stunden mehr oder minder mit Herumchillen auf der Straße verbracht. Zum Satz des Tages wurde die Anfrage eines Passanten an einen Blockierer:

“Entschuldigen sie, stehen sie auch an?”

Uns erreichten beinahe minütlich Infos über den Stand im Osten, wo scheinbar eine Blockade nach der anderen gebildet und wieder geräumt oder eben doch gehalten wurde. Es ist anzunehmen, dass das für die meisten Beteiligten ziemlich anstrengend und teilweise auch unschön war, aber dafür eben auch erfolgreich. Von ihrer Route haben die Nazis nur einen erbärmlichen Teil gesehen, und ihr Vorankommen wäre zwar für Pantoffeltierchen ein neuer Geschwindigkeitsrekord gewesen, aber für sie war es wahrscheinlich nervig und öde. Viele hatten zudem offenbar bereits bei der Anfahrt Probleme und eine Gruppe wurde gleich von den Cops kassiert, weil sie den Versuch unternommen haben, über den Ku’damm zu marschieren.

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Wir haben das alles nur via Durchsage mitbekommen, aber es hat sich dennoch gezeigt, dass es nicht so ganz falsch war, dass wir unsere Stellung gehalten haben, denn als wir am späten Nachmittag die Stellung aufgeben wollten, kam nach wenigen Minuten die Info, dass die Cops scheinbar versuchen, vielleicht doch dorthin umzuleiten. Es kam, wie es kommen musste: Aufregung, Blaulicht, ein kurzer Spurt, und abgesehen von einer leicht dezimierten Anzahl an Leuten blieb die Blockade dann fast wie sie gewesen war endgültig, bis die Nazis in ihre Züge verfrachtet wurden.

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Die Stimmung bei der folgenden Spontandemo auf dem Weg nach Kreuzberg war unbeschreiblich gut. Laut, auffällig und völlig ungeplant. Denn dass Planung an dem Tag nichts zählte, hatten wir nun ja schon öfter erwähnt…

Ozie merkte meines Erachtens nach zu Recht an, dass es schade sei, dass uns sowas nie positiv angerechnet wird. Mehrere hundert böse Autonome ziehen spontan durch die Straßen. Nach einer stundenlangen Blockade auf zur nächsten Demo: Nicht gerade Gelegenheitsdemonstranten. Dazu nirgends Polizei, alle maßlos überfordert. Und was passiert? Ein Scheißdreck! Nix! Einer der Demonstranten an diesem Tag hatte das passende Schild dazu dabei:

“Ich hab nix zu sagen, ich bin nur der Gewalt wegen hier!”

Wenn auch die Lautstärke sicher recht hoch war, ist die Demo doch recht gut in der U8 nach Kreuzberg untergekommen. Ein bisschen ölsardinig war es zwar, wobei angemerkt werden muss, dass das auf den Geruch gar nicht so wirklich zutraf. Am Alex ist es dann allerdings wirklich eng geworden, als die Anzahl der Fahrgäste sich nochmal rund verdoppelt hat, aber als Freund der kleinen Lichtblicke wusste ich eine Minute später folgenden Satz, irgendwo in der U-Bahn ausgesprochen, zu würdigen:

“Ich meine, es ist jetzt nicht mehr ganz so angenehm wie vorher…”

Und am Kotti dann waren natürlich schon zehntausende Menschen am Feiern.

Die revolutionäre Demo fand dieses Mal ja südlich der Skalitzer statt, was ich zumindest des Laufens wegen für gar nicht schlecht halte. Ob die strikte Trennung von Myfest und Demo letztlich wirklich eine sinnige Polizeitaktik war, das ist eine andere Diskussion, für die mir die Fakten fehlen. Zunächst muss ich die Eingangskontrollen ansprechen, gegen die ich doch schärfstens protestieren muss: Genauso wie Ozie im Kapu im Normalfall ungefährlich ist, bin ich im Hemd doch schon ein wenig beleidigt, nicht als potenzieller Gewalttäter ernst genommen zu werden. Aber ich hab gefragt:

Ich kann “NATÜRLICH durch“.

Kleider machen Leute, auch wenn sie nach stundenlangem Straßenaufenthalt verdreckt sind. Aber wie so oft war die Demo in geradezu erschreckendem Maße unspektakulär. 20.000 überwiegend wie Sash komplett schwarz gekleidete und grimmig dreinschauende Menschen ziehen hinter dem Lauti-LKW her, von dem aus geradezu absurd laute Musik den ganzen Bezirk beschallt und gelegentlich voll böse revolutionäres Gerede für gelegentliches Skandieren einiger Parolen sorgt. Aber wenn man ehrlich ist: Die Demo bezieht ihren beeindruckenden Charakter nicht aus der Lautstärke der Teilnehmer oder gar aus Gewalt.

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Vielmehr wirken 20.000 Leute, noch dazu in schickem schwarz, per se beeindruckend und die Erwartungshaltung bezüglich einer Eskalation seitens Polizei, Touristen und Anwohnern verleiht dem ganzen mehr Druck als jede tatsächliche Gewaltanwendung, die aus einer Demo heraus potenziell möglich wäre, es könnte. Kurz gesagt: Natürlich profitiert die Demo inzwischen von ihrer Geschichte und dem Hype darum. Aber gelegentliche Partystimmung durch Feuerwerk auf den Dächern wird ja wohl erlaubt geduldet sein…

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Die Demo zerfloß am Spreewaldplatz ziemlich schnell in eine Art Volksfest und in Anbetracht der Tatsache, dass bei meiner Ankunft nur eine eher lässige Polizistenkette es größeren Gruppen untersagte, zum Myfest Aschluss zu suchen, bezweifel ich mal, dass wie bei spiegel.de berichtet, “aus dem sogenannten Schwarzen Block der Autonomen” allerlei Wurfgeschosse auf Polizisten niedergingen. Ich will personelle Übereinstimmungen nicht ausschließen, sicher, aber das war keine Demo-Aktion, sondern die Randale danach, auf die alle daran Beteiligten gewartet und hingearbeitet haben. Wer immer diese Beteiligten im einzelnen auch sind.

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Wir sind recht bald eine Runde essen gegangen, was glücklicherweise nicht mit langen Wartezeiten verbunden war – wahrscheinlich weil Hähnchen insgesamt als nicht ganz vegetarisches Lebensmittel in linken Kreisen kaum Anhänger hat ;)
Und für Toilettenbesuch inklusive Händewaschen war auch Zeit. Super.

Für ein paar Minuten sind wir anschließend nochmal kurz rüber zum Spreewaldplatz, und abgesehen vom inzwischen gewohnten Anblick gestaltete sich der Krawall dort auch dank meiner langsam über mich hereinbrechenden Müdigkeit als absurdes Schauspiel. Die kuriose Choreografie der Bewegungen von Menschenmenge, Polizei, verschiedenen Einsatzfahrzeugen und Passanten hat im Zusammspiel mit dem treibenden Techno-Beat und den vielen Lichteindrücken von Scheinwerfern, Lichtorgeln und Blaulicht tatsächlich beinahe schon etwas von einer hypnotischen Aufführung gehabt. Zeit, heimzugehen!

Zumal es anfing zu regnen. Als ob ich die Kombination aus Straßendreck, Schweiß und Knoblauchdip nicht schon für die ultimativste Zumutung für unseren Taxifahrer gehalten hätte, kam jetzt auch noch das Wasser von oben dazu. Und eine Weile laufen mussten wir natürlich, das ist ja klar an diesem Tag. Aber ich denke, dass mein Trinkgeld ihn ein wenig entschädigt hat. Ich werde keine Zahlen nennen, aber ich bin recht sicher, dass es das beste in der Schicht war. Und er hat nun wirklich keine Sympathie- oder Service-Rekorde gebrochen, aber das war uns die Beförderung nach dem Tag wert.

Und so blieb vom ersten Mai nur noch rund eine halbe Stunde zu Hause, die ich beim besten Willen nicht mehr zum Bloggen oder zu sonstwas sinnigem Verwenden konnte und/oder wollte. Dafür gibt es ja heute! Ich hätte natürlich auch für Abends schon einen Eintrag planen können.

Aber was ist schon Planung?

Man kann sich für Infos über den ersten Mai auch mal durch den taz-Live-Ticker lesen, der ist eigentlich nochmal deutlich unterhaltsamer als mein beschränkter Überblick.

Im Übrigen dürft ihr euch für den späten Artikel auch bei meinem Computer bedanken, der mich zwischendrin aus dem Admin-Bereich gekickt, und trotz eigentlich eingestellter automatischer Sicherung den halben Artikel vernichtet hat.

Sash als Kunde (1)

10. Dezember 2009

Ich fahre inzwischen ja recht gerne Taxi. Natürlich lieber als Fahrer – da finde ich den finanziellen Aspekt reizvoller – aber mit ein bisschen Grundkenntnissen im Gewerbe steigt man auch als Kunde lockerer ins Taxi. Vor allem kenne ich meine Rechte, kenne die Vorzüge und Widrigkeiten des Jobs und habe natürlich auch als Mensch, Fahrer und Blogger ein gesteigertes Interesse an der Dienstleistung.

Also bin ich natürlich auch in Cux Taxi gefahren. Nur zweimal, aber festhalten möchte ich es trotzdem.

Trotz der nicht eingeschalteten Fackeln am Bahnhofsvorplatz konnte ich mir die Frage “Sind sie frei?” natürlich verkneifen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass wir eine wirklich undankbare Fahrt von nur knapp zwei Kilometern zu bieten hatten, habe ich den Fahrer tatsächlich gefragt, ob es ok wäre, bei ihm – als ersten – einzusteigen. Ich halte zwar nichts von Ablehnungen von kurzen Fahrten, aber ich hab schließlich auch nicht vor, mit jemandem zu fahren, der sich zu fein dafür ist – da gebe ich lieber jemand anders ein gutes Trinkgeld.

Aber unser Fahrer war kein Kurzstreckenmuffel. Auf die Frage, was es etwa kosten würde, antwortete er mit

“Vier bis fünf Euro”

was mir fast die Kinnlade entgleisen ließ. Aua! In Berlin wären das mindestens 6 € gewesen. Aber gut, der Startpreis liegt in Cux bei in die falsche Richtung abenteuerlichen 1,80 € (statt 3,20 € in Berlin). Natürlich hab ich ihn unter Kollegen nach den Umsätzen gefragt, und wie erwartet war die Auskunft

“Ach, unter hundert…”

eher niederschmetternd. Er hat das durchaus auch so gesehen, aber sein Bedauern darüber war nicht wirklich eine typische Meckergeschichte, sondern einfach eine Info, die ich ja auch haben wollte. Er war ein netter Kerl, der mir bereitwillig Auskunft erteilte, beim Einladen half und mit einem ordentlichen Auto alle Ansprüche erfüllte, die ich an eine Taxifahrt habe. Dazu war die Route irgendwas zwischen gut und perfekt und der Preis war am Ende mit 4,00 € am unteren Ende dessen, was er gesagt hat. Also hab ich keinen Grund, hier irgendwas zu bemängeln, und ich hoffe, dass mir meine Kollegen zustimmen, dass hier 7 € als Bezahlung völlig in Ordnung waren. Ehrlich gesagt: Bei 5,20 € hätte ich 10 gegeben… aber da meine Finanzen gerade in den Gefilden sibirischer Winter-Temperaturen liegen, wollte ich es wirklich nicht übertreiben.

Die zweite Fahrt war ein wenig verkorkster, wobei ich dem Fahrer zugute halten musste, dass ich am Ende mit 3,50 € nochmal deutlich weniger bezahlt habe. Das war allerdings auch etwas kurios, da er den Preis beim Taxameter einmal aus irgendeinem Grund weggedrückt hat und dann nochmal neu gestartet hat, aber mit Abzug von diesem und jenem und und und. Zudem wusste er erst nicht, wo die Straße ist und war wesentlich wortkarger. Ich gestehe, hier hab ich es bei einem Fünfer belassen.

Mir war es dennoch ein Anliegen, in Cux Taxi zu fahren, da meine Familie da oben dem irrationalen Minicar-Wahn verfallen ist. Ich möchte mich da gar nicht zu sehr einseitig äußern, weil ich da natürlich vorbelastet bin, aber ich verstehe es nach wie vor nicht. Wenn die Tarifinformationen stimmen, die ich so erhalten habe, dann spare ich in Cux mit einem Minicar maximal 3,30 €. Und das auf eine echt lange Strecke von 10 km oder mehr. Klar sind sie immer billiger als ein Taxi. Das möchte ich nicht verleugnen, und wenn man mehrmals täglich damit unterwegs ist, dann läppert sich das natürlich. Ich muss allerdings anmerken, dass die Qualität der Autos sich enorm unterscheidet und ich als Gelegenheitsnutzer wirklich nicht sehe, weswegen ich auf Teufel komm raus noch Einsfünfzich sparen muss, wenn sich das eh im Trinkgeld wieder verliert, weil ich mir gerade sowieso einen Luxus gönne.

Author: Sash Categories: Als Kunde im Taxi, Taxi