Category Archives: Menschliche Idiotie

VdHS – die in sich ruhende Crème de la Crème der Menschheit

Was für ein Spaß!

Es ist inzwischen über vier Jahre her, dass ich mal ganz schnell in einem kurzen Rant ein paar böse Worte über einen Flyer der VdHS (Verbreitung der Heiligen Schrift e.V.) verloren habe. Ich würde heute vielleicht nicht die gleichen bösen Worte verwenden, aber in der Sache verteidige ich den Eintrag von damals auch heute noch, weil in dem Flyer, der diese krude christliche Schuldauffassung alltagstauglich machen wollte, stand, dass der Leser dieses Textes, so er noch nicht zu Jesus Christus gefunden hat, sich nicht einbilden solle, ein besserer Mensch zu sein, als beispielsweise ein Mann, der seine Kinder verprügelt.

Tolerant wie ich bin, lasse ich solche Menschen unter uns weilen, aber Religionsfreiheit bedeutet eben nicht, dass ich so einen Quatsch unkommentiert lassen muss.

Wie?

Ja, ich hätte das ja auch schon längst vergessen! Ich hab bestimmt auch mal irgendwo über eine verspätete Bahn gemeckert, weiß ich jetzt aber nicht mehr. Die eingebaute Ironie im Internet hat nun aber dafür gesorgt, dass dieser kleine Rant bei Google direkt hinter der Homepage des VdHS landet, wenn man vdhs in die Suche eingibt und dort trotz (oder wegen) des leicht polternden Titels „Spinner, staatlich begünstigte“ gerne von Anhängern des Vereins geklickt wird und – was noch lustiger ist – offenbar für irgendwas größeres gehalten und entsprechend engagiert kommentiert wird. Bei der Größe der Anhängerschaft des VdHS scheint das dauerhaft in erträglichem Rahmen zu bleiben, aber neulich musste ich dann schlucken, als „der goldene Aluhut“ folgenden Tweet veröffentlichte:

Aber ja: Inzwischen ist ein Meme aus einem Kommentar in diesem Blog (Nix für schwache Nerven) geworden! Ich hau mich weg!

Da kann man mit inzwischen weniger als 100 Besuchern täglich ja schon ein bisschen stolz sein. 😀

Das beileibe wichtigere Phänomen aber ist wirklich die Größenordnung des Ganzen; Dass sich in meinem Kommentarfeld jetzt schon Apologeten herumtreiben, ist ja das eine. Was sie mir raten, das zweite:

Neben den wirklich sehr wirren Reden von „Penner Wilhelm“ erreichen mich alle paar Wochen immer wieder mahnende Stimmen, dass ich mich doch nicht so aufregen soll und dass mir ein Studium der Bibel gegen meinen atheistischen Zorn sicher gut tun würde. Während ich an letzterem vor allem kausale Zweifel habe, stelle ich doch vor allem mal fest:

Ich hab mich kurz und lautstark geärgert.

Die VdHS-Anhänger ärgern sich seit nunmehr vier Jahren darüber!

Seit vier Jahren! Obwohl außer ihnen und ein paar treuen Stammlesern niemand je was davon erfahren hat (oder sich drum kümmert, was ich hier privat ins Netz schreibe). Und dann erzählen sie mir was von negativer Grundeinstellung, davon dass ich – mein Favorit! – seelenlos wie ein Stein sei und wie destruktiv mein Vorgehen gegen den VdHS ist.

Natürlich beantworte ich gelegentlich einen solchen Kommentar. Man kümmert sich ja auch um unfreiwillige Leser.

Und ja, auch dabei enstehen manchmal zynische Aussagen, bei Hetze auch mal richtig fiese Worte; oder ich lasse mich tatsächlich zu destruktiven Dingen wie einem Kopfschütteln hinreißen. Das hat aber nur wenig darüber auszusagen, wie schlimm mein Leben in den letzten vier Jahren war. Sehr wenig. Was ich jedenfalls in den vier Jahren nicht gemacht hab, war immer wieder den gleichen Blogeintrag anzuklicken, den irgendwer mal geschrieben hat und den ich nicht mag, um dann erneut zu kommentieren, dass mein Leben besser ist. Das nur mal so als subtiler Hinweis.

Und an Euch Leser: Denkt Ihr, wir schaffen hiermit Platz 3 bei Google? Mit ein bis zwei Backlinks vielleicht? Jetzt auch mal ehrlich als Hilfe für den VdHS. Die haben nix außer ein bisschen Glauben und sie glauben eben gerne dran, dass das hier ein wichtiger atheistischer Blog ist. Ich habe Kraft meiner Admin-Rechte hier im Blog diesen Auftrag verstanden!

😉


PS: Den Titel hab ich natürlich schon mal so gewählt, wie ich ihn gerne bei Google sehen würde: Als Kontrast zum ersten Artikel. Mit anderen Worten: Es hat Spaß gemacht, ich will das Spiel nochmal durchspielen.

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Schlimme Flüchtlinge!!1!!einself!

Ja, ich würde das ewige Vergleichen in der Debatte über Asylsuchende auch gerne meiden. Ich würde auch gerne einfach ganz vernünftig sagen:

„Hey, die Welt ist offenbar scheiße. Zu den einen mehr, zu den anderen weniger. Und von ersteren suchen derzeit viele Hilfe in Deutschland – und lasst uns doch mal drüber nachdenken, wie wir als eher vom Glück Begünstigte da sinnvoll mit umgehen können.“

Und ich würde gerne das ganze Begleitprogramm fahren und auf regenbogenpupsende Einhörner auf grünen Wiesen setzen und hoffen, dass das auch die letzten Schreihälse friedlich stimmt. Stattdessen kommt als Antwort außerhalb der eigenen Filterbubble natürlich immer nur Hass. Und untermauert wird der mit (ohnehin meist erfundenen) Geschichten darüber, wie schlecht all die Flüchtlinge für Deutschland sind, wie schlimm die Menschen sind, weil sie nicht von hier kommen, wie schlimm das ist, weil es doch ach so schlimm ist. Diese Geschichten halt. Jede Schlägerei in einer Flüchtlingsunterkunft wird als Beweis hergezogen, dass (zum Beispiel) Muslime einfach unzivilisiert sind. Und, seien wir ehrlich: Egal, wie linksversifft oder rechtsaußen wir sind: Das ist doch plausibel! Man selbst würde sich ja niemals grundlos prügeln. Prügeln vielleicht ja, aber grundlos? Das liegt natürlich an der „südländischen Mentalität“ und sowas.

Klar, mit etwas mehr Interesse am Lesen der Buchstaben neben den Bildern von verwüsteten Zelten könnten wir alle auf die Idee kommen, dass Menschen vielleicht ähnlich wie Hühnchen nicht sonderlich gemacht sind für perspektivlose Massenunterbringung. Aber wer hat jemals schon irgendwas gelesen, was einem nicht in den Kram passt?

Liebe „Besorgte“: Ich hab als Gutmensch in letzter Zeit eine Menge gelesen, was mir nicht in den Kram passt. Jede Menge rechte Seiten, auf denen o.g. gepostet wurde. MIR wäre das nicht eingefallen, glaubt mir bitte!

Und da der Holzhammer gerade angesagtes Kommunikationsmittel der Wahl ist, hab ich mich ernstlich über einen Tweet von Jan Böhmermann gefreut, der gestern wie folgt aussah:

Und er hat Recht: Das sollte man sich mal durchlesen!

Der dort verlinkte Artikel aus dem Spiegel von 1990 liest sich wie eine Blaupause der derzeitigen Probleme: Deutschland kann das alles nicht verkraften, sollte die Grenzen schließen, bricht zusammen. All die Flüchtlinge bedrohen den Wohlstand, finden keine Bleibe, nutzen das Sozialsystem aus. Noch schlimmer: Sie sind undankbar, prügeln sich in den Unterkünften, belästigen Frauen, werden sonstwie gewalttätig.

Nur, Kenner der Geschichte werden es anhand des Datums erahnt haben: Es ging hier beileibe nicht um Muslime oder „Nordafrikaner“. Es ging hier um Ostdeutsche. Teilweise also sogar um Sachsen. So wie heute Teile der Sachsen den selben Scheiß verbreiten. Ironie der Geschichte, was?

Ebenso wie Syrern unterstelle ich selbstverständlich auch den Sachsen nicht aufgrund ihrer Abstammung irgendwas schlimmes. Dieses Messen mit zweierlei Maß überlasse ich immer noch den Rechten. Der Punkt ist: Dieser Bericht von 1990 zeigt recht eindrucksvoll, dass man immer, wenn man Menschen in Extremsituationen verblendet unter die Lupe nimmt, die wundersamsten und abscheulichsten Dinge beobachten kann. Analog zu Flüchtlingsgeschichten könnte man auch psychologische Experimente anschauen: Das Stanford-Prison-Experiment z.B., um nur das bekannteste zu nennen.

Und wenn wir das dann alles durchgelesen haben: Liegt es jetzt wirklich in der (ost-?)deutschen Natur, sich gegenseitig zu verprügeln oder besoffen auf die Bettlaken anderer Leute zu pinkeln?

Ich habe die Vermutung, selbst der ein oder andere überzeugte Nazi hätte plötzlich ein Problem mit dieser Theorie. Was schwierig für ihn werden dürfte, denn wie ich bereits oben umrissen habe: Der Spiegel-Artikel (Und ja, liebe Nazis: 1990 hatte der Spiegel noch eine deutschlandweit anerkannte Qualität!) ist für diese Theorie der selbe „Beweis“ wie die derzeit diskutierten Postings über syrische Geflüchtete auf Facebook.

Und damit zu einem gleichermaßen erwartbaren wie dennoch eindeutigen Fazit: Nazis sind mitnichten Scheiße, weil sie eine andere Meinung als ich haben. Das dürfen sie gerne weiterhin. Nazis sind Scheiße, weil ihr Ziel darin liegt, bar jeder Faktenlage andere Menschen für minderwertig zu erklären, nur weil sie nicht wahrhaben wollen, dass sie nicht besser sind als wir anderen auch. Und weil sie wider besserem Wissen darauf beharren. Und das ist nun mal die weltweit anerkannte Defintion von Arschlöchern, was soll man da machen?

PS: Dagegenhalten! Immer wieder!
Ich will nicht nur über diese Scheiße bloggen, die so offensichtlich ist. Aber in Zeiten, in denen rechte Gewalt alltäglich ist, in der am Ende dann doch auch die Regierung das Asylrecht erkennbar unnötig verschärft: Wir dürfen diesen Arschlöchern nicht die Diskurshoheit überlassen, nur weil Facebook sich noch zu fein ist, alle Nazikommentare zu löschen! Diese peinlichen Jammerlappen und unzufriedenen Rechercheunfähigen sind NICHT „das Volk“!

NAZIS FUCK OFF!

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Ich werde wohl wirklich alt …

Ich bin Neuem gegenüber ja aufgeschlossen. Auch wenn es schon älter ist. Aber manchmal fasse ich mir auch an den Kopf.

Ich hab mich die Woche ein bisschen dafür belohnt, dass das mit dem Haushalten mit dem Geld gerade gut klappt. Auf bescheidene Art und Weise, ich hab mir GTA IV geholt. Ja, nicht das aktuelle, das packt mein Rechner derzeit sowieso nicht. Aber hey, San Andreas ist inzwischen 10 Jahre alt, ein bisschen mehr geht dann halt doch, auch als Gelegenheitszocker. Dass ich für einen Zehner nur die Downloadvariante bekommen habe – damit kann ich leben. Ich hab schon mitbekommen, dass sich das Leben seit einiger Zeit überwiegend im Netz abspielt. Und selbst die 18 Stunden Download bei unserer beschissenen Anbindung hab ich weggesteckt als fände ich es normal, nach dem Kauf eines Spiels nicht gleich installieren und zocken zu können.

Auch dass ich mich dazu bei Steam anmelden musste … na gut, so ist das halt heute.

Auf eine „Games für Windows Live“-Anmeldung wollte ich verzichten, wer zockt noch das 4er online? Ich gleich dreimal nicht. Woraufhin ich feststellen musste, dass ohne eine Anmeldung dort zwar das Spiel funktioniert, nicht jedoch das Speichern des Spielstandes. Bei einem Offline-Game – WTF? Aber man ist ja gnädig und akzeptiert das. Dann landete ich bei einer Anmeldeprozedur, die nicht funktionierte, weil – hallo Welt! – sie zwangsläufig über den IE lief, der aber (da nicht installiert und somit nur abgespeckt verfügbar) nicht das zwingend erforderte Javascript bot. Und im Übrigen nicht einmal eine Adresszeile, aus der ich die Adresse in den Firefox hätte übertragen können. -.-

Also hab ich via Firefox gegoogelt und mir ein Live-Profil erstellen wollen. Was natürlich nicht ging – die Zocker kennen das, aber mir war das neu – weil man dazu ein Profil bei Microsoft braucht. Also bin ich dorthin, hab mich angemeldet, hab nebenbei von diesem Zweitsystem, bei dem ich nie über FB, Google oder Twitter angemeldet bin, noch meine eMails wegen Bestätigungsmeldung abrufen müssen, um anschließend die beiden Profile zu erstellen. Was man halt so tut, wenn man virtuell jemanden über den Haufen schießen will.

Also das Spiel wieder gestartet und gehofft … aber Fehlanzeige. Ich hatte keinen „Gamertag“. Was auch immer das ist, ich weiß es ehrlich gesagt immer noch nicht – aber eine hilfreiche Googelei später war klar, dass ich einen bekomme, wenn ich mich zudem bei „X-Box Live“ anmelde. Dass ich das aber auch vergessen konnte, so ganz ohne X-Box oder überhaupt die Überlegung, irgendwas bei meiner privaten Kill-Orgie übers Netz laufen zu lassen!

Inklusive Steam hab ich mir nun also zum Offline-Zocken auf meinem PC sage und schreibe vier verschiendene Online-Profile anlegen müssen, die ich vorerst für wirklich nix anderes zu nutzen gedenke, weil ich normalerweise nur mit meinem Linux-System online bin. Die jüngere Zocker-Generation hat sich an den Quatsch sicher schon lange gewöhnt – immerhin ist das Spiel nun ja auch schon 7 Jahre alt – aber ich frage mich irgendwie doch, ob es am Ende nicht einfacher war zu den Zeiten, wo man nach dem Kauf eines Spiels einen oder mehrere Datenträger bekommen hat und die ggf. auch mal wechseln musste, dafür aber nicht nebenher das Spiel verlassen, googeln und mehrere Profile erstellen.

Wie gesagt: Ich werde alt.

Im Gegenzug hab ich aber schon ein paar unnötige Morde verübt und meine Laune damit wieder eingepegelt. Und das hat Microsoft sicher alles fein säuberlich gespeichert.

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Diese Spielzeuggeschichte

Wir müssen reden. Über Spielzeuge. Und zwar die von bei Ärzten.

Vielleicht bin ich da mit meinem inneren Monk alleine, aber in den letzten Jahren war ich vermehrt entsetzt über die Spielzeuge in Arztpraxen. Nicht unbedingt, weil es mir selbst an Unterhaltung gefehlt hätte und ich mich auf Lego-Starwars-Bausätze gefreut hatte, während ich mir im Wartezimmer langsam aber sicher die unterschiedlichen Grippeviren von drei Rentnern einverleibt habe – sondern viel mehr, weil das innere Kind in mir tobte und sich fragte, wer bitte auf die groteske Idee kommen könnte, ein derartiges Angebot würde eher erfreuen als erschrecken.

OK, mir ist schon klar, dass das kein Gebiet ist, auf dem man überkritisch sein sollte oder auch nur dürfte. Arztpraxen sind keine Kindergärten und das Spielzeug dort ist allenfalls eine nette Dreingabe und von der Sache her keine Kassenleistung. Einem geschenkten Gaul …

Das ist natürlich richtig. Aber wie kann es sein, dass das Spielzeug in Arztpraxen gefühlt immer nach völlig derangierter Resterampe aussieht? Ich will ja nicht zur Debatte stellen, dass Ärzte grundsätzlich immer das aktuellste Playmobil-Ritterburg-Set komplett bereithalten sollen. Bei meinem Zahnarzt zu Kindertagen war es aber immerhin eine Schublade voll mit Bauklötzen, aus denen man immerhin mal was bauen konnte. Heute dominieren zumindest bei meinen Ärzten völlig grotesk zusammengewürfelte Sortimente aus Dingen, die zusammen zu verwenden mich selbst im Alter von 4 Jahren etliche Überwindung gekostet hätten. Siehe hier bei meiner (sonst gern empfohlenen) Zahnärztin:

So schlecht, dass es schon wieder Kunst ist. Quelle: Sash

So schlecht, dass es schon wieder Kunst ist. Quelle: Sash

Mal abgesehen davon, dass ein Sound produzierendes Instrument im Wartezimmer vermutlich gegen mehrere Menschenrechte verstößt, sei insbesondere darauf hingewiesen, dass der Zug im Vergleich zum Feuerwehrauto unglaubwürdig anders designt ist und dass – auf dem Bild nicht zu erkennen – bei dem Holzpuzzle Teile beiliegen, die nicht dort hinein passen, sondern irgendwoanders herkommen.

Ich halte mich für einen halbwegs kreativen Menschen, aber der Anblick gruselt mich und als Kind hätte ich wohl vorschnell versucht, eines dieser Dinge mit der nächsten Fensterscheibe interagieren zu lassen, weil mir sonst nix sinnvolles eingefallen wäre.

Liebe Ärzte da draußen: Ich weiß, dass das nur der hunderttausendste Nebenaspekt eurer Arbeit ist. Aber ich habe den starken Verdacht, dass auch das traumaauslösend sein könnte. Also bitte ändert was daran!

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Gespräche, die Durchschnittsmenschen einfach nicht führen (müssen)

Er kommt auf mich zu mit seiner Bierflasche in der Hand. Er nimmt sich die Kopfhörer vom Ohr und deutet mit der Hand an, dass er mir was zu sagen hätte. Als ob ich die Kopfhörer aufhätte. Ich mache mein interessiert-offen-skeptisch-freundliches Alltagsgesicht und warte. Die Unterhaltung verläuft in voller Länge so:

„Ey, Meista, Meista, Meista! Eine Fraje hätt‘ ick!“

„Jo?“

„Bist üba zwee Meta, wa?“

„Zwei Meter drei.“

„Dacht‘ ick mir. Weitamachen, Meista!“

Sagt’s, klopft mir auf die Schulter und geht weiter, die Kopfhörer längst wieder aufgesetzt.

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„Wir würden uns freuen“

Ich wurde mal wieder gefragt, ob ich nicht heute Abend schon mit meinem Taxi an Filmaufnahmen mitwirken will. Einfach so. Mehr Infos habe ich im Grunde nicht bekommen. Ich habe geantwortet, dass es leider nicht geht, dass ich einfach ein Auto meines Chefs nehme und damit mal eben einen auf Schauspieler mache. Mir wurde folgende Antwort zuteil:

„Hallo Sascha,
wir haben mit anderen Taxifahrern gefilmt und keinem haben wir gesagt 
dass sie kostenfrei für uns fahren. […]“

Daraufhin habe ich nun folgendes geschrieben:

„Hallo XY,

inzwischen hat sich das Thema wohl erledigt und ich hoffe, Ihr habt einen Kollegen gefunden, der Euch helfen konnte. Das würde mich sehr freuen.
Ich möchte nur nochmal kurz einen Hinweis geben, warum ich der Mail keine Priorität eingeräumt habe:
Ich mache als Blogger „was mit Medien“ wie Ihr. Und auf der anderen Seite arbeite ich als angestellter Taxifahrer. Da ich über meine Arbeit schreibe, werde ich oft gefunden, wenn Leute aus welchem Grund auch immer nach Taxifahrern suchen. Das ist ok, das mag ich auch. Erschreckenderweise hab ich bisher aber von fast allen Medienschaffenden eines mitbekommen: Sie versuchen, was sie auch kriegen können, irgendwie umsonst rauszuschlagen – obwohl allen klar sein dürfte, dass Dienstleistungen ihren Preis haben.
Versteh das bitte nicht falsch, ich weiß, dass Ihr ebenso wie ich aufs Geld schauen müsst. Und das ist ok. Aber vom kleinen Regionalradio bis zu Sendungen mit Joko fragen mich Leute einfach mal an, ob ich nicht mitmachen will. Aber wirklich niemand sagt wenigstens mal „die Auslagen übernehmen wir“. Es geht nicht drum, dass ich erwarte, dass ich durch ein paar Fernsehauftritte reich werde, ich bin nicht bescheuert, ich weiß, dass das ein hartes Business ist. Aber JEDES EINZELNE MAL hab ich nachfragen müssen, ob ich wenigstens die Unkosten gedeckt bekomme. Und nicht selten (Ja, auch bei einem Herrn Joko Winterscheidt im Auto) wurde mir gesagt, dass „dafür“ „leider kein Budget“ eingeplant ist. Und deswegen bin ich skeptisch und manchmal vielleicht ein wenig gemeiner als ich es eigentlich sein will.
Ich kenne beide Seiten: Ich publiziere und ich gehe als Angestellter einer Arbeit nach. Und ich hab das Gefühl, dass im erstgenannten Bereich keiner sich auch nur die Mühe macht zu überlegen, was zweiteres vielleicht für die Beteiligten bedeuten könnte: Wir arbeiten nicht, um zufällig mal als Statisten entdeckt zu werden, sondern um unseren Lebensunterhalt zu verdienen.
Egal, ob wir unsere Arbeit für Spätheimkehrer oder Filmemacher leisten.
Gerade der Taxitarif ist öffentlich einsehbar und berechenbar. Wenn die teilnehmenden Fahrer bezahlt werden, warum wird das nicht kommuniziert? Immer wenn Kreative mich anfragen, muss ich als Bittsteller auftreten und meinen eigentlich wohlverdienten Lohn erbetteln. Und das ist unglaublich stressig!
Fragt Ihr auch Eure Kameramänner einfach nur an, ob sie Lust auf das Projekt hätten? So ganz ohne Hinweis auf Entlohnung oder wenigstens Spesenübernahme?
Ich mag naiv sein, aber ich schätze: Nein.
Ganz ehrlich: Ändert das! Ändert dieses Kommunikationsverhalten!
Ich hab schon bei einigen Projekten mitgemacht, obwohl klar war, dass die Entlohnung gering oder quasi inexistent sein würde. Das ist ok; ich weiß, dass ich nicht als einziger aufs Geld schauen muss.
Aber egal ob als Blogger oder Taxifahrer – ich werde jeden Tag gefragt, was ich nicht alles machen würde. Umsonst, vielleicht umsonst, vielleicht gegen eine Aufwandsentschädigung, vielleicht für ein paar Euro, vielleicht für ein gutes Honorar. Aber nie wird das kommuniziert. Deswegen ignoriere ich solche Anfragen inzwischen eigentlich immer. Und eigentlich finde ich das selber schade, weil ich mich der Kunst und der Kultur nicht weniger verbunden fühle als meinem Geldbeutel. Ich mag’s nur nicht, wenn man mich verarschen will.

Wie gesagt: Ich hoffe, es haben sich interessierte Kollegen gefunden. Ich wünsche auch ganz ehrlich viel Glück mit dem Filmprojekt! Aber diese Gedanken musste ich einfach noch loswerden.“

Ich bin doch kein Depp, der 10.000 € dafür haben will, dass er einmal in eine Kamera grinst. Aber wie oft ich schon dieses „Komm einfach kurz mit deinem Taxi vorbei …“ gehört oder gelesen habe …

Im Übrigen trifft das auch auf Stellenanzeigen zu. „Lohn nach Vereinbarung“ … ja nee, is‘ klar!

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Dieses kapitalistische Gruseln

Ich befinde mich in einer äußerst dummen Position:

Ich habe wenig Geld, bin aber alt genug, mir über den Wert von Dingen bewusst zu sein.

Denn das führt tendenziell dazu, dass ich Dinge kaufe, die ich mir nicht leisten kann. Oder ist es vielleicht noch schlimmer, wenn man stattdessen Dinge kauft, bei denen man weiß, dass sie furchtbar sein müssen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber einen gewissen Gruselfaktor haben beide Möglichkeiten.

Wir alle wissen, dass Klamotten für 2,99 € vermutlich von Kindern genäht werden. Oder dass Lasagne für 1,50 € auch mal Einhuferfleisch enthält. Wir verdrängen das halt gerne, und vieles davon ist auch einfach so alltäglich, dass man jedes Gefühl verloren hat, was vielleicht unter irgendwie noch akzeptablen Bedingungen hergestellt worden sein könnte.

Und dann war ich gestern Abend zu einem Termin in einem Restaurant. Mal kein Presseinterview, ich musste also selbst zahlen. Dass es günstig werden würde, war vorher abgeklärt und ich war aus eingangs genannten Geldgründen auch dankbar darüber. Als ich dann die Karte gelesen hab, hab ich mich aber sehr aktiv darum bemühen müssen, meine Bedenken runterzuschlucken.

Das Restaurant (ich nenne jetzt keine Namen) war ein Italiener, es gab also auch Pizza. Kein sonderlich teures Essen, schon klar. Auch Meeresfrüchtepizza gab es, mein All-Time-Favorit. Ich bemühe mich ja, halbwegs wenig Fleisch zu essen; aber das eine Mal auswärts pro Quartal enge ich mir nicht irgendwie ein, da nehme ich alles, worauf ich Lust habe. Und Meeresfrüchte … es ist einfach sowas wie Liebe. Für gewöhnlich vergleichsweise teure Liebe. Ich bestelle in den seltenen Runden im Restaurant oder beim Pizzaservice immer das teuerste Essen. Da es dabei in der Regel auch nur um ein paar Euro geht, ist das nicht schlimm, aber eben auffällig. Gestern Abend dann suchte ich fast schon zielstrebig nach der „Frutti di Mare“ und fand sie neben einem Preis, der mir surreal erschien: Vier Euro.

Und das war kein Tippfehler. Die anderen Pizzen kosteten teilweise unter drei Euro.

Ich hab’s ausprobiert und erschreckenderweise auch tatsächlich eine Meeresfrüchte-Pizza bekommen.

Natürlich reden wir hier so oder so nicht von Sterne-Küche oder auch nur gehobenem Niveau. Natürlich war die Pizza auch nicht sonderlich groß. Aber es war eine Pizza mit Meeresfrüchten. Zu einem Preis, zu dem man sonst allenfalls eine von Großkonzernen zigtausendfach produzierte Meeresfrüchte-Pizza im Supermarkt bekommt – ungebacken, nicht serviert, ohne Raumkosten, ohne … WTF?

Ich meine: Das kann doch nicht aufgehen, selbst wenn sie billige Tiefkühlpizzen verwenden!

Ehrlich gesagt bin ich einfach nur schockiert. Aus dem selben Grund, aus dem ich als Taxifahrer über UberPop schockiert bin.

Ich weiß in dem Fall nicht, ob ich einfach nur schön dekorierte Scheiße gefressen hab oder ob der Kellner ein Sklave für einen Euro Stundenlohn war, aber ich weiß, dass ich mit der Sache irgendwas unterstützt habe, was ich nicht unterstützen will. Obwohl ich mich gerne einfach freuen würde, dass ich gut und günstig gegessen habe. Das ist das, was dieses „Nachdenken“ so furchtbar anstrengend macht.

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