Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Staatsgewalt’


Freitag = Polizeitag (11)

11. Juni 2010

“Ach, mit den Haaren hat das eigentlich nix zu tun…”

Eigentlich.

Besser spät als nie ein freitäglicher Cop-Eintrag!

Ich konnte es mir nicht verkneifen, den in meinem Auto umherkrabbelnden Endfünfziger davon in Kenntnis zu setzen, dass ich polizeiliche Maßnahmen durchaus kenne, weil ich meine Haare früher lang getragen habe. Dieses Mal wurde mir das Auto durchsucht, weil ich “nahe der tschechischen Grenze” “mit Berliner Kennzeichen” unterwegs war. Da kann man sagen was man will: Das ist stichhaltig! Gesucht haben sie “nach allem, was gefährlich oder verboten” ist. Ohne was gegen die Beschäftigungstherapie von Rentenanwärtern in rot-weiss-gestreiften Hemden zu haben, so finde ich dann doch irgendwie, dass man statt “Schleierfahndung” auch einfach Willkür sagen sollte.

Letztlich war das eine Aktion von 10 Minuten, und wenn man so will, ist mir ja nix schlimmes passiert, weil ich nix gemacht habe. Und es hätte auch sicher länger gedauert, wenn ich meine Rechte ein wenig enger gesehen hätte. War es letztlich eine (in dem Rahmen nicht erlaubte) Durchsuchung, dass er in meinem Auto herumgekrochen ist und die oberflächlich sinnigsten Verstecke von Drogen inspiziert hat?

Oder war es damit nur eine (erlaubte) Sichtkontrolle? Weil sie die Unterwäsche in der Tasche gelassen haben? Wie sieht das dann mit dem Öffnen von Taschen aus? Wahrscheinlich ähnlich schwierig, wie jemanden dabei zu fotografieren und es zu veröffentlichen. Dann würde ich sagen, es steht 1:1…

Durchsuchung, Quelle: Sash

Durchsuchung, Quelle: Sash

Und was lernen wir daraus?

Ozie hatte absolut Recht damit, ihren Personalausweis extra mitzunehmen, weil wir nach Süddeutschland fahren…

Author: Sash Categories: Feinde, Staatsgewalt

24 Stunden erster Mai 2010

2. Mai 2010

Ich bin ja bewusst spät aus dem Haus gegangen, weil es ein langer Tag werden sollte. Dass ich aber letztlich nach ewigem Hin und Her und Warterei beim Schienenersatz-Verkehr tatsächlich erst um Punkt 0 Uhr meine Schicht beginnen sollte, war so auch nicht geplant. Aber was ist schon Planung?

Es war die erste Schicht des Jahres, in der ich darauf verzichtet habe, ganz”tägig” eine Jacke zu tragen, und auch sonst war ich mehr als zufrieden. Die Schicht zählt nun in den Mai, was diesem Monat finanziell einen ungeplant guten Start gibt. Eigentlich waren ja zwei freie Tage vorgesehen. Aber wie gesagt: Was ist schon Planung?
Bis morgens um 6 Uhr hab ich einfach mal flott 150 € eingefahren, wenngleich die Schicht sonst erschreckend unspektakulär war. Keine erwähnenswerten Kuriositäten, kein extremes Drogenopfer, keine extrem weite Fahrt, kein extrem hohes Trinkgeld. Hier und da ein nettes kurzes Gespräch, aber fast alle Fahrten waren geradezu exemplarische Durchschnittsfahrten. Diese gab es wenigstens in guter Frequenz. Meinen Hunni hatte ich beispielsweise nach 64 km auf dem Tacho schon weg – Und normalerweise rechne ich ja mit etwa km = €. Um es kurz zu machen: Würde jede Schicht so verlaufen, wäre das gut für meinen Geldbeutel, super für meine Freizeit, aber leider auch völlig desaströs für den Blog. Ich hatte lange vor, diesen Eintrag zum ersten Mai in mehrere kleine Einträge zu gliedern, aber schon der Artikel über die Schicht wäre sowas von öde geworden…

Zum Abschluss des Ganzen hab ich Ozie abgeholt, da der Abstellort des Autos direkt am S-Bahn-Ring für den weiteren Verlauf des Tages optimal war.

Der Naziaufmarsch hatte eine abenteuerliche geplante Route von rund 6 Kilometern am Ring entlang: Von der Bornholmer Str. bis zur Landsberger Allee. Ich nehme an, die meisten ahnen, welchen Satz ich mir als Running-Gag für diesen Tag ausgesucht habe: Aber was ist schon Planung?

Wir waren ja selbst für Leute mit absonderlichen Schlafrhytmen enorm früh unterwegs, was uns nicht nur die Möglichkeit bot, jetzt schon einen ordentlichen Fußweg zu absolvieren, sondern auch, mal spontan an der Bundesfinanzdirektion auf der Treppe zu frühstücken. Ich nehme an, in Stuttgart wäre ich an diesem Punkt schon verhaftet worden. In Berlin hat man uns nicht einmal gesehen.

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Orte auf der Route, die die Nazis nie sahen: Grellstr./Gubitzstr. Quelle: Sash

Das Ablaufen der Route wurde dann an der Ecke Greifenhagener schon aprupt beendet, da die Polizei die Gegenkundgebung an der Ecke Schönhauser/Bornholmer inzwischen auch nicht mehr zulies.  Das war von deren Planung her ziemlich sinnig. Zum einen ist es ja nicht unpraktisch, Gegenproteste unterhalb des S-Bahnrings zu halten, wo nur ein paar Brücken gesichert werden müssen. Zum anderen ist eine Gegenkundgebung direkt auf der Route der Nazis natürlich ein Dilemma, bei dem wir uns schon davor gefragt hatten, wie sie sich das vorstellen. Nun wussten wir es. Wie man aber am Grund unserer Anreise schon vermuten kann, heisst das nicht, dass wir es deswegen toll fanden.

Ausgerechnet die Polizisten, die uns den Durchgang verwehrten, hatten aber eine erschreckend blamable Ortskenntnis, sodass wir uns letztlich selbst zusammenreimen mussten, welche Seite des Rings er meinte, die er mal nach “außen” und mal nach “innen” verlegte. Dass wir zudem die Möglichkeit haben sollten, direkt zum Nazitreffpunkt (S-Bahn Bornholmer) zu fahren, haben wir ihm schlicht nicht geglaubt.

Da absehbar war, dass die Bemühungen der Polizei darauf bauten, uns südlich des S-Bahn-Rings zu halten, haben wir uns in die U-Bahn gesetzt und sind zur Vinetastr. gefahren. Einmal alle Absperrungen von oben gesehen: Recht gehabt: Nach Süden ungleich mehr als nach Norden. Dennoch erschreckend, wie früh die da waren. Deren Arbeitstag stand meinem wahrscheinlich in nichts nach ;)

Die Aussichten nördlich der Bornholmer waren zunächst miserabel. Hier eine Kette, dort einzelne Cops. Für 2 Leute schlicht kein Durchkommen. Und keine Sau war sonst da. War es wirklich noch zu früh, oder ist sonst niemand auf die Idee gekommen, die Sperre mittels BVG zu umgehen? Aber just als wir uns ärgerten, das wir alleine waren, passierte etwas ungleich schlimmeres: Wir bekamen Gesellschaft von einem zwar netten, aber offensichtlich unter Drogeneinfluss stehenden panischen Mitstreiter, der mit seiner Theorie darüber, dass irgendwelche Neon-Zeichen auf dem Boden der Bahnstation uns irgendwas sagen müssten, nicht gerade zur Lösungsfindung beigetragen hat. Meiner Meinung nach hat der eher ins Bett als auf die Straße gehört, aber ich bin auch weit davon entfernt zu behaupten, Idioten gäbe es in unseren Reihen keine.

Kurz darauf zeigte sich dann aber, dass ein paar Gruppen ihre Hausaufgaben wirklich gut gemacht haben. Binnen weniger Minuten waren wir nicht mehr 2 bis 10 Leute an der Kreuzung, sondern 400 bis 700, und etwa 5 Minuten später stand eine verdatterte Gruppe Cops am Rande einer Kleingartenanlage und es war offensichtlich, dass die Planung auf ihrem einsamen Außenposten nicht vorgesehen hat, dass mehrere hundert Autonome ausgerechnet dort durch die Gärten zur Naziroute durchbrechen. Aber was ist schon Planung, nicht wahr? Die eiligst herbeigestürmte Verstärkung machte zwar noch vor uns dicht, aber es ist davon auszugehen, dass diese Gruppe die erste Blockade auf der Ostseite gestellt hat.

Wir hatten nun die Wahl, uns entweder wieder ein ganzes Stück in den Osten zurückzubewegen, oder aber mal zu sehen, was westlich der Bösebrücke passiert. Dort angekommen trafen wir auf eine Pi mal Daumen 1000 Menschen umfassende Blockade. Die Stimmung war ausgelassen und recht locker, da es zum einen stetig mehr oder minder gute Musik und ständig neue Erfolgsmeldungen gab, zum anderen aber keinen Stress. Das wiederum war der Tatsache geschuldet, dass diese Blockade nicht auf der Naziroute lag, sondern lediglich eine potenzielle Ausweichroute gen Wedding dichtgemacht hat. Ergo wurde nie versucht, bei uns zu räumen, was den größten Stressfaktor schlicht eliminierte. So haben wir die folgenden 8 Stunden mehr oder minder mit Herumchillen auf der Straße verbracht. Zum Satz des Tages wurde die Anfrage eines Passanten an einen Blockierer:

“Entschuldigen sie, stehen sie auch an?”

Uns erreichten beinahe minütlich Infos über den Stand im Osten, wo scheinbar eine Blockade nach der anderen gebildet und wieder geräumt oder eben doch gehalten wurde. Es ist anzunehmen, dass das für die meisten Beteiligten ziemlich anstrengend und teilweise auch unschön war, aber dafür eben auch erfolgreich. Von ihrer Route haben die Nazis nur einen erbärmlichen Teil gesehen, und ihr Vorankommen wäre zwar für Pantoffeltierchen ein neuer Geschwindigkeitsrekord gewesen, aber für sie war es wahrscheinlich nervig und öde. Viele hatten zudem offenbar bereits bei der Anfahrt Probleme und eine Gruppe wurde gleich von den Cops kassiert, weil sie den Versuch unternommen haben, über den Ku’damm zu marschieren.

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Team Green an der Bornholmer hinter der Blockade, Quelle: Sash

Wir haben das alles nur via Durchsage mitbekommen, aber es hat sich dennoch gezeigt, dass es nicht so ganz falsch war, dass wir unsere Stellung gehalten haben, denn als wir am späten Nachmittag die Stellung aufgeben wollten, kam nach wenigen Minuten die Info, dass die Cops scheinbar versuchen, vielleicht doch dorthin umzuleiten. Es kam, wie es kommen musste: Aufregung, Blaulicht, ein kurzer Spurt, und abgesehen von einer leicht dezimierten Anzahl an Leuten blieb die Blockade dann fast wie sie gewesen war endgültig, bis die Nazis in ihre Züge verfrachtet wurden.

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Überbleibsel nerviger Drogis, Quelle: Sash

Die Stimmung bei der folgenden Spontandemo auf dem Weg nach Kreuzberg war unbeschreiblich gut. Laut, auffällig und völlig ungeplant. Denn dass Planung an dem Tag nichts zählte, hatten wir nun ja schon öfter erwähnt…

Ozie merkte meines Erachtens nach zu Recht an, dass es schade sei, dass uns sowas nie positiv angerechnet wird. Mehrere hundert böse Autonome ziehen spontan durch die Straßen. Nach einer stundenlangen Blockade auf zur nächsten Demo: Nicht gerade Gelegenheitsdemonstranten. Dazu nirgends Polizei, alle maßlos überfordert. Und was passiert? Ein Scheißdreck! Nix! Einer der Demonstranten an diesem Tag hatte das passende Schild dazu dabei:

“Ich hab nix zu sagen, ich bin nur der Gewalt wegen hier!”

Wenn auch die Lautstärke sicher recht hoch war, ist die Demo doch recht gut in der U8 nach Kreuzberg untergekommen. Ein bisschen ölsardinig war es zwar, wobei angemerkt werden muss, dass das auf den Geruch gar nicht so wirklich zutraf. Am Alex ist es dann allerdings wirklich eng geworden, als die Anzahl der Fahrgäste sich nochmal rund verdoppelt hat, aber als Freund der kleinen Lichtblicke wusste ich eine Minute später folgenden Satz, irgendwo in der U-Bahn ausgesprochen, zu würdigen:

“Ich meine, es ist jetzt nicht mehr ganz so angenehm wie vorher…”

Und am Kotti dann waren natürlich schon zehntausende Menschen am Feiern.

Die revolutionäre Demo fand dieses Mal ja südlich der Skalitzer statt, was ich zumindest des Laufens wegen für gar nicht schlecht halte. Ob die strikte Trennung von Myfest und Demo letztlich wirklich eine sinnige Polizeitaktik war, das ist eine andere Diskussion, für die mir die Fakten fehlen. Zunächst muss ich die Eingangskontrollen ansprechen, gegen die ich doch schärfstens protestieren muss: Genauso wie Ozie im Kapu im Normalfall ungefährlich ist, bin ich im Hemd doch schon ein wenig beleidigt, nicht als potenzieller Gewalttäter ernst genommen zu werden. Aber ich hab gefragt:

Ich kann “NATÜRLICH durch“.

Kleider machen Leute, auch wenn sie nach stundenlangem Straßenaufenthalt verdreckt sind. Aber wie so oft war die Demo in geradezu erschreckendem Maße unspektakulär. 20.000 überwiegend wie Sash komplett schwarz gekleidete und grimmig dreinschauende Menschen ziehen hinter dem Lauti-LKW her, von dem aus geradezu absurd laute Musik den ganzen Bezirk beschallt und gelegentlich voll böse revolutionäres Gerede für gelegentliches Skandieren einiger Parolen sorgt. Aber wenn man ehrlich ist: Die Demo bezieht ihren beeindruckenden Charakter nicht aus der Lautstärke der Teilnehmer oder gar aus Gewalt.

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Unberechenbar, unbunt und überwacht, Quelle: Sash

Vielmehr wirken 20.000 Leute, noch dazu in schickem schwarz, per se beeindruckend und die Erwartungshaltung bezüglich einer Eskalation seitens Polizei, Touristen und Anwohnern verleiht dem ganzen mehr Druck als jede tatsächliche Gewaltanwendung, die aus einer Demo heraus potenziell möglich wäre, es könnte. Kurz gesagt: Natürlich profitiert die Demo inzwischen von ihrer Geschichte und dem Hype darum. Aber gelegentliche Partystimmung durch Feuerwerk auf den Dächern wird ja wohl erlaubt geduldet sein…

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Nur Stimmung, keine Brandstiftung! Quelle: Sash

Die Demo zerfloß am Spreewaldplatz ziemlich schnell in eine Art Volksfest und in Anbetracht der Tatsache, dass bei meiner Ankunft nur eine eher lässige Polizistenkette es größeren Gruppen untersagte, zum Myfest Aschluss zu suchen, bezweifel ich mal, dass wie bei spiegel.de berichtet, “aus dem sogenannten Schwarzen Block der Autonomen” allerlei Wurfgeschosse auf Polizisten niedergingen. Ich will personelle Übereinstimmungen nicht ausschließen, sicher, aber das war keine Demo-Aktion, sondern die Randale danach, auf die alle daran Beteiligten gewartet und hingearbeitet haben. Wer immer diese Beteiligten im einzelnen auch sind.

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Und gleich geht's los... Quelle: Sash

Wir sind recht bald eine Runde essen gegangen, was glücklicherweise nicht mit langen Wartezeiten verbunden war – wahrscheinlich weil Hähnchen insgesamt als nicht ganz vegetarisches Lebensmittel in linken Kreisen kaum Anhänger hat ;)
Und für Toilettenbesuch inklusive Händewaschen war auch Zeit. Super.

Für ein paar Minuten sind wir anschließend nochmal kurz rüber zum Spreewaldplatz, und abgesehen vom inzwischen gewohnten Anblick gestaltete sich der Krawall dort auch dank meiner langsam über mich hereinbrechenden Müdigkeit als absurdes Schauspiel. Die kuriose Choreografie der Bewegungen von Menschenmenge, Polizei, verschiedenen Einsatzfahrzeugen und Passanten hat im Zusammspiel mit dem treibenden Techno-Beat und den vielen Lichteindrücken von Scheinwerfern, Lichtorgeln und Blaulicht tatsächlich beinahe schon etwas von einer hypnotischen Aufführung gehabt. Zeit, heimzugehen!

Zumal es anfing zu regnen. Als ob ich die Kombination aus Straßendreck, Schweiß und Knoblauchdip nicht schon für die ultimativste Zumutung für unseren Taxifahrer gehalten hätte, kam jetzt auch noch das Wasser von oben dazu. Und eine Weile laufen mussten wir natürlich, das ist ja klar an diesem Tag. Aber ich denke, dass mein Trinkgeld ihn ein wenig entschädigt hat. Ich werde keine Zahlen nennen, aber ich bin recht sicher, dass es das beste in der Schicht war. Und er hat nun wirklich keine Sympathie- oder Service-Rekorde gebrochen, aber das war uns die Beförderung nach dem Tag wert.

Und so blieb vom ersten Mai nur noch rund eine halbe Stunde zu Hause, die ich beim besten Willen nicht mehr zum Bloggen oder zu sonstwas sinnigem Verwenden konnte und/oder wollte. Dafür gibt es ja heute! Ich hätte natürlich auch für Abends schon einen Eintrag planen können.

Aber was ist schon Planung?

Man kann sich für Infos über den ersten Mai auch mal durch den taz-Live-Ticker lesen, der ist eigentlich nochmal deutlich unterhaltsamer als mein beschränkter Überblick.

Im Übrigen dürft ihr euch für den späten Artikel auch bei meinem Computer bedanken, der mich zwischendrin aus dem Admin-Bereich gekickt, und trotz eigentlich eingestellter automatischer Sicherung den halben Artikel vernichtet hat.

So seh’n Sieger aus (Shalalalala)

2. Mai 2010
Die Ausweichroutenblockade an der Bornholmer, Quelle: Sash

Die Ausweichroutenblockade an der Bornholmer, Quelle: Sash

So, seit meinem Aufstehen sind jetzt 27 Stunden vergangen. Vor über 25 Stunden bin ich arbeiten gegangen und im Anschluss standen die Blockade des Naziaufmarsches und die Demo in Kreuzberg an. Der ausführlichere Bericht kommt später, jetzt sind erst einmal Dusche und Bettchen angesagt…

Author: Sash Categories: Feinde, Fotos, Politik, Staatsgewalt

Freitag = Polizeitag (10)

23. April 2010

Es passiert glücklicherweise selten, dass die Polizei mich mit dem Taxi rauswinkt. Dass sie mich allerdings fragen, ob sie mir einen Fahrgast aufdrücken können, kam heute Morgen dann allerdings noch überraschender als der winkende Cop selbst.

Trotz gegenteiliger Befürchtungen war der Kerl aber nur etwas desorientiert und fertig. Seinen Mageninhalt konnte er gut bei sich behalten, und selbst das wäre kein Problem gewesen: Eine Kotztüte wurde vom Rettungssanitäter spendiert. Auch wenn die Fahrt nicht nach Schönefeld, sondern nach Schöneberg ging, auch wenn sie somit “nur” 16 € statt 30 gebracht hat, es war eigentlich ok. Aber obwohl ich für die Tour kein Trinkgeld bekommen habe, eines ging dann doch zu weit:

“Brauchen sie die Tüte noch?”

Was will man darauf sagen? Immer ruhig bleiben. Kunden sind auch Kunden, wenn sie sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern…

“Nein danke, die können sie schön mitnehmen…”

Author: Sash Categories: Absurdes, Staatsgewalt, Taxi

I’m back!

22. April 2010

Hach, Taxifahren…

Ich habe in meinem Leben bisher fast alle Arbeiten zu schätzen gewusst, die ich gemacht habe. Verzichtet bei der Überprüfung dieser These besser darauf, mich auf “Textiles Werken” in der Grundschule und meine sagenumwobene Tätigkeit als “Assistent Chief of Pneumo-Blasting” bei Körber anzusprechen.

Aber Taxifahren ist irgendwie anders. Ich habe jetzt drei Tage frei gemacht. Einen geplant, einen weiteren vorgezogen und den letzten, weil ich einfach keinen Bock auf miese Umsätze und so oder so zu schlecht geschlafen hatte.

Aber als ich dann heute wieder auf der Piste war, kam nach 10 Minuten sofort wieder dieses “Wie hab ich’s nur so lange ohne ausgehalten?”-Gefühl. Aber dazu musste ich auch erst einmal anderthalb Stunden zu spät aus dem Haus gehen…

Die Schicht begann mit gemäßigtem Einsatz wie immer. Eine halbe Stunde am Ostbahnhof für eine Fahrt mit einem alten Bekannten (sind ja nicht nur immer die gleichen Fahrer dort). Kurze Strecke, 7,40 € und 1,60 € Trinkgeld. Was seichtes zum Wiedereinstieg.

Auf dem Rückweg eine Winkerin am Frankfurter Tor: Tempelhof, 16 €.

Auf dem Rückweg eine Winkerin am Mehringdamm: Bundesplatz, 13 €.

Auf dem Rückweg eine Winkerin an der Hauptstr…

Ja, da ist die Schicht dann ins Surreale gedriftet. Sie wollte zu einem Einkaufscenter, um dort für eine Freundin ihren Freund auszuspionieren. Undercover im Taxi… habe ich schon einmal erwähnt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt in unseren hellelfenbeinfarbenen Kisten? Naja, der Freund wird wohl Ärger bekommen, ich hab 25 € bekommen. Lieber Taxifahrer als Freund ;)

Bei meinem zweiten Halt an meinem Lieblingsbahnhof wartete ich wieder eine gewisse Zeit, die ich ausgiebig zum gemütlichen Essen und Lesen nutzte. Danach ging es plötzlich schnell, 20 Fahrgäste kämpften um 10 Taxen und ich bekam ein nettes älteres Ehepaar, dass ich dann ganz relaxt nach Zeuthen gegurkt habe, bis mein Hunni voll war.

Dreieinhalb Stunden für 100 € – das war auch mein Silvesterschnitt…

Zurück bin ich allerdings leer gefahren. Keine Chance, kurz hinter der Stadtgrenze Leute zu finden.

Erst am Matrix gelang es mir, eine kurze Tour zum Tresor zu ergattern. Naja, 7 € sind ja besser als nichts.

Ich bin dann gleich zum Matrix zurück und habe ein paar Schweden ins “worst hostel in Berlin” in der Brunnenstr. kutschiert, die mir mit lautstarkem Vorsingen von Abba-Evergreens ihre Heimat schmackhaft machen wollten. Nichts gegen musikalische Unterhaltung, aber ich war froh, als ich nach dem Aussteigen der 6 freundlichen Skandinavier meine Metallica-CD wieder lauter drehen konnte.

Neben einer Kurzstrecke stand alsbald auch vom Matrix aus eine der absurdesten Touren an. Ein Bundi, der zur Kaserne musste, mit dem sich eine lebhafte Diskussion über dies und das entspann, insbesondere weil unsere politische Diversität in anderem Umfeld das Auto gesprengt hätte. Umso erstaunlicher, dass es am Ende sage und schreibe 7,40 € Trinkgeld gab mit der Begründung “Das Gespräch war ja auch voll in Ordnung so!”

Bis zum Tanken sind mir noch dreimal Winker ins Auto gesprungen, und nachdem das Autochen wieder Gas hatte, und ich mit 179,80 € in der Tasche mehr als nur zufrieden war, habe ich mich noch ein drittes Mal ans Matrix gequält. Die Freude war allerdings nur von kurzer Dauer, da eine Delegation der Karnevalstruppe Party-Bus-Grün-Weiß Probleme damit hatten, dass wir Taxifahrer in zweiter Reihe standen. Da gab es zwar meines Erachtens nach noch nie Ärger mit denen in der ersten Reihe, weil wir immer fürsorglichst Lücken freiräumen, aber nach einem kleinen Überschuss Testosteron ob dieser Willkür (in 99% aller Fälle lassen sie uns ja stehen…) und dem Beweis, dass man es schaffen kann, auch mit 6000 U/min vom Hof zu fahren, ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen zu übetreten, habe ich direkt ums Eck noch einen Winker eingesammelt, den ich so schnell niemals am Matrix bekommen hätte.

Das waren auch noch 13 € und zudem habe ich derart pünktlich auf 4.30 Uhr Feierabend machen können, dass ich mal keine Bahn verpasst habe.

Ich wüsste wirklich nicht, was an dieser Schicht hätte besser laufen sollen!

Author: Sash Categories: Absurdes, Feinde, Schönes, Staatsgewalt, Taxi

Bisschen gefährlich…

19. April 2010

Ich hab ja keine Probleme damit, dass die Polizei Sonderrechte im Verkehr hat. Dass sie auch mal vorsichtig und unauffällig unterwegs sein müssen: Verständlich!

Aber nachts mit ausgeschalteten Scheinwerfern (von Blaulicht ganz zu schweigen) auf der Petersburger entgegen der Fahrtrichtung zu fahren, halte ich dann doch für ein bisschen gefährlich…

Author: Sash Categories: Feinde, Staatsgewalt

Freitag = Polizeitag (9)

9. April 2010

In letzter Zeit ist es ja auch wieder Thema geworden, ob Polizisten nicht eindeutig zu identifizierende Nummern bekommen sollen, die insbesondere bei den Einsatzhundertschaften auf Demonstrationen getragen werden müssen. Ich bin davon überzeugt, dass das sinnvoll ist.

Die Gegenargumente sind meist der Natur, dass die Polizei mit einem Haufen unbegründeter Klagen überzogen würde. Diese Möglichkeit muss man in Erwägung ziehen, aber das wäre zum einen wahrscheinlich eine vorübergehende Modeerscheinung, und zum anderen sind Polizisten nicht die einzigen, deren Verhalten im Grunde einer permanenten Überwachung unterliegt. Dass da bisweilen ein Verfahren klären muss, ob das Handeln gerechtfertigt war, gehört im Grunde mit zum Beruf. Es mag nicht schön sein, aber dass die Staatsgewalt auch der Kontrolle der Justiz unterliegen muss, sollte niemand in Frage stellen.

Man mag meinen, dass das eigentlich nie eine Rolle spielt. Ich möchte hier eine ewig alte Geschichte erzählen, die das Gegenteil beweist. Der Christopher Street Day 1998 war in Stuttgart eine ziemliche Melange aus Veranstaltungen, Gegen- und Gegen-Gegen-Veranstaltungen. Genau genommen gab es zum einen eine CSD-Parade, zum anderen eine Gegendemonstration örtlicher Nazigruppierungen und dagegen wiederum eine Gegendemonstration aus der Linken Ecke.

Die Nazis haben sich in der Nähe der Liederhalle eingefunden und mit dem selten bekloppten Spruch

“Deutschlands Zukunft sind die Kinder – nicht die Schwulen und die Inder”

für ihr Anliegen geworben. Dass ich mir das 12 Jahre lange merken konnte, macht ihn nicht besser.

Die Gegendemo war soweit ich mich erinnere relativ unspektakulär. Aber gut, letzten Endes bin ich mit vielleicht 200 anderen in einem Kessel gelandet. Da saßen wir also rum in der Mittagssonne und haben geschwitzt. Um uns rum etliche Cops, die dafür gesorgt haben, dass wir ja niemanden ungebührlich belästigen.

Nun ja, ist nicht schön, war in meinen Augen auch ungerechtfertigt – aber können wir mal als Strategie gelten lassen.

Mit der Zeit ist es aber echt stressig geworden. Man schwitzt, hat nichts zu essen oder trinken dabei… die üblichen Kessel-Probleme. Wie das mit den Toiletten geregelt war, weiss ich schon gar nicht mehr. Jedenfalls hatten die Cops ja nicht alle eingekesselt. Wir waren nur ein paar, wahrscheinlich nicht einmal der gefährlichste Haufen. Der übliche fußlahme Rest, der nicht vorausschauend genug oder schnell genug weg war. Ein paar Außenstehende haben sich natürlich um uns gesorgt, und so ist schon mal hier und da etwas Wasser reingereicht worden. Das war der Polizei natürlich nicht recht, aber es ließ sich schlecht vermeiden, da sie ihre ganze Aufmerksamkeit brauchten, um uns abenteuerlustige Querulanten, die wir da rumstanden/-saßen, in Schach zu halten.

Irgendwann kam ein netter Mensch von außen an den Kessel getreten und reichte über die Polizeikette eine Tüte von einem Bäcker zu uns herüber. Die Beamten in der Kette nahmen das verärgert zur Kenntnis und konnten aber – der Auftrag hieß ja rumstehen – nicht so recht was dagegen machen. Aber zum Glück waren ja auch nicht alle Polizisten derart gebunden, und so fasste sich ein Kollege der Uniformierten ein Herz und klärte die Situation. Mit mittelprächtigem Aufwand und großem Temperament zückte er seinen Schlagstock und zog ihn dem völlig überraschten Mann von hinten über den Rücken. Wahrscheinlich wäre mir diese Situation nicht im Gedächtnis geblieben, wäre der Schlag nicht derart brutal gewesen, dass der Schlagstock – noch einer aus Holz – unter dieser Last zerbrochen ist.

Angesichts dieser völlig unnötigen, zumindest stark übertriebenen Gewaltanwendung rumorte es im Kessel und ich denke, man muss keine irgendwie komischen politischen Weltanschauungen haben, um dieses Verhalten skandalös zu finden.

Sicher nicht leise und freundlich – aber dennoch nicht unangepasst, wie ich denke – habe ich mich mit zwei drei anderen an einen der Polizisten in die Reihe gewandt und ihn nach Name und Dienstnummer des Kollegen gefragt. Und die Antwort trägt bis heute massiv dazu bei, dass ich für offen erkennbare Nummern bin:

“Der? Sein Name ist Hase. Und seine Dienstnummer ist 123!”

Das möge beizeiten mal jemand antworten, der einem Cop eine übergebraten hat – und damit durchkommen…

Aufgeregt habe ich mich diesbezüglich neulich übrigens, als ich im Radio ein Interview mit der neuen Vize-Präsidentin der Berliner Polizei gehört habe, die sich zwar für Namensschilder ausgesprochen hat – damit die Polizei für Touristen weltoffener wirkt – aber gleichzeitig zu verstehen gegeben hat, dass es Regelungen geben sollte, in “Gefahrensituationen” von einer Kennzeichnungspflicht abzusehen. Ist klar. Geht ja schließlich nur um eine Image-Geschichte!

Author: Sash Categories: Feinde, Staatsgewalt