Corona-Party

Die aktuelle Lage zur Covid-19-Pandemie ist ähnlich verwirrend wie die Reaktionen seitens Regierung und Journalisten darauf. In meinem Umfeld stelle ich überwiegend fest, dass die Leute langsam verstehen, dass das gerade eine ernste und im Grunde so (zumindest zu unseren Lebzeiten) noch nie dagewesene Situation ist, die auch besondere Maßnahmen erfordert.

Dem gegenüber stehen Berichte über „Corona-Parties“ und allerlei „dumme“ Leute, die sich nicht „an die Regeln halten“.

Das sind keine erfreulichen Nachrichten und ich tue mich wie jeder andere schwer damit, den Phänomenen neutral zu begegnen. Wie immer wenn man selbst der Meinung ist, Wissen verinnerlicht zu haben, unterstellt man dem Rest der Menschheit gerne Bösartigkeit, weil man vermutet, die müssten das ja genauso gut durchschauen wie man selbst. Und wenn sie es ausnahmsweise mal nicht tun, sind sie alle doof und haben Strafen verdient.

Ich glaube nicht, dass das grundsätzlich richtig ist.

Ich will mal wieder ehrlich sein: Wäre die Pandemie 1998 aufgetreten, hätte ich die größte Corona-Party gefeiert. Natürlich in erster Linie, weil ich mir von Helmut Kohl keine Party hätte versauen lassen wollen, aber letztlich dann doch vor allem wegen einem deutlichen Rest an Naivität und Verschwörungsglauben. Nix abgedrehtes im Übrigen, aber ich hätte als junger Punk ohne fundierte Ahnung über Wissenschaft und insbesondere die wissenschaftliche Methodik niemandem geglaubt, dass das Robert-Koch-Institut irgendwas erzählen könnte, was der Politik nicht passt.

Darüber hinaus gibt es einige gerade junge Menschen, die sich nicht unbedingt über klassische journalistische Medien informieren, was kein Problem sein muss – aber eben kann. Insbesondere wenn gleichzeitig vielleicht nur beschränktes Biologiewissen oder eine Sprachbarriere eine Rolle spielen.

Und nicht zuletzt: Die Maßnahmen, die gerade freiwillig, vermutlich bald rechtlich bindend ergriffen werden, sind derartig tiefgreifend, dass es Ausdruck einer äußerst gesunden Geisteshaltung ist, sie skeptisch zu sehen. Jeder, der es blindlings befürwortet, dass der Staat vorschreibt, dass wir unsere Freunde nicht mehr treffen dürfen, sollte mal die Justierung seines moralischen Kompasses überprüfen!

Leider ist das aber alles gerade kein Spaß und ein schlechter Zeitpunkt, seine jugendliche Autonomiephase auszuleben. Die, die da gerade drauf verzichten müssen, sollten das unbedingt nachholen, ja, das sogar einfordern! Aber der jetztige Zeitpunkt ist schlecht.

Covid-19 ist die Pest. Zumindest im nur etwas übertragenen Sinne.

Mich hat gestern mein Vater angerufen, um seinen Besuch zum zweiten Geburtstag seines Enkels nächsten Monat abzusagen. Weil Virus und so. Könnte man bei einem über 60-jährigen mit Lungenerkrankung für gesunden Überlebenstrieb halten, aber ich erkenne es durchaus als Durchbruch an, weil der gute Mann immerhin so bockig ist, dass er bis vorgestern wacker Kneipen besucht hat und seit nunmehr über 20 Jahren noch nicht nach 18 Uhr einkaufen geht, weil er Arbeitszeiten darüber hinaus als alter Gewerkschafter für schlimm hält. Auch wenn sein Sohn 10 Jahre in der Nachtschicht gearbeitet und ihm regelmäßig erklärt hat, wie hilfreich nachts offene Läden für Leute sind, die zwangsläufig rund um die Uhr arbeiten.

Und wenn selbst der es kann …

Liebe Kids, die Ihr das gerade noch irgendwie witzig findet, extra unter Leute zu gehen: Lasst das! Sicher, auch an anderen Krankheiten, auch in Kriegen und auch unter z.B. Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen sterben derzeit Leute, die jetzt zu wenig Aufmerksamkeit kriegen. Das ist scheiße und auch daran sollten wir was ändern. Von der Klimakrise ganz zu schweigen.

So ein Virus ist abstrakter, aber es kann halt sein, dass man ohne es zu merken während der nächsten Party quasi seine Oma tötet. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit im Einzelfall gering, aber sie steigt mit jedem Tag, jeder Party und das ganz ohne dass man sich selbst deswegen schon krank fühlen muss.

Ich bin wie alle anderen auch nicht perfekt. Ich war gestern einkaufen und abgesehen von möglichst viel Abstand zu Mitmenschen und gelegentlicher Desinfizierung und etwas Händewaschen kann ich mir nix groß auf die Heldenfahne schreiben. Aber es wäre zumindest schön gewesen, am Eingang vom Rewe nicht durch eine Menschengruppe laufen zu müssen, die da halt gerade mal bei ein paar Bier besprochen hat, wo es nun zum Feiern noch hingehen soll …

7 Comments

Filed under Medien, Politik, Sonstige Menschen, Vermischtes

7 Responses to Corona-Party

  1. Sascha

    Ich habe schon den Eindruck, dass sich die weit überwiegende Anzahl der Menschen da ziemlich gut und vorbildlich, teilweise auch ziemlich übertrieben in der Art der Durchführung (aber das macht nichts, weil übertrieben ist besser als untertrieben), dran hält. Und wenn ich die Tage die diversen Äußerungen von Virologen richtig verstanden habe, dann sollte das auch reichen. Wenn 95% der Leute sich dran halten, dann passt das und die Ausbreitung der Krankheit wird auf diese Weise sehr, sehr deutlich eingedämmt.

    Das wird jetzt nur niemand so arg laut in die Medien rausblasen, weil dann wieder die Gefahr besteht, dass mehr Menschen denken „ach, dann sollen heute ‚mal die anderen Leute die 95% sein und ich mache aber Kaffeetrinken mit 10 Gästen an meinem Geburtstag“ ..

    Jetzt ist halt erstmal Geduld angesagt, weil durch diese recht lange Inkubationszeit die Auswirkungen der Beschränkungen von Anfang dieser Woche erst Mitte/Ende nächster Woche sichtbar werden und die der heute startenden „Ausgangsbeschränkung“ in Bayern erst in geschätzten 10 Tagen in der Statistik durchschlagen wird.

    Ich bin jedenfalls (noch) recht zuversichtlich.

  2. Ute

    Hey! Wir müssen der selbe Jahrgang sein! Birne war Feindbild, ich bin ganz bei dir! LG Ute

  3. Schwob

    Moin Sash,
    Ja man merkt, dass der Grossteil der Bevölkerung sich an die bestehenden Regeln und Empfehlungen hält. Auch wenn man immer wieder Momente hat wo man sich einfach nur an der Kopf langt.

    Ich bin jedoch auch der Meinung, dass die Regeln zu langsam gestartet wurden. Ein radikaler Shutdown hätte wohl wirtschaftliche Folgen die massiver sind als die jetzigen. Jedoch wären die Infiziertenzahlen niedriger.
    Aber es ist wie es ist. Da muss man jetzt durch und solange die Epidemie wütet müssen wir alle ein wenig zurück treten.
    PS deine Heldentaten sind doch schonmal ein guter Anfang… Den jeder sollte da anfangen wo er/sie helfen kann. Wenn das alle machen, stecken wir den Bullshit in die Tonne.

    In diesem Sinne… Gesund bleiben

  4. Wahlberliner

    Ich war nie ein Partygänger – kann mich selten auf mehr als eine Person gleichzeitig konzentrieren, gemäß dem Motto „three’s a crowd“. Habe ich vorher so gemacht, mache ich immer noch so.
    Aber wenn mein Kumpel was kocht und mich einlädt, dann sind wir 2 Personen. Zwar in der Wohnung (böhse, böhse!) aber nicht ansteckender als sonst auch. Entweder, wir hatten es schon, oder haben es beide nicht – wissen kann man das derzeit nicht (Antikörpertests könnten das ändern, aber deshalb Ressourcen des Medizinsystems zu nutzen, die man nicht wirklich braucht, außer für die Chance einer Beruhigung, erscheint mir wenig sinnvoll).
    Ich finde den Begriff „social distancing“ bzw. „soziale Isolation“ hochgradig gefährlich, denn es geht ja eigentlich um physische Distanz (die in einer kleinen Küche zwar nicht immer möglich ist, aber nun ja, das ist halt so). Das „soziale“ in dem Begriff birgt jedoch die Gefahr, zu vereinsamen. Das ist für Leute wie mich, der ich es gewohnt bin, die meiste meiner Zeit alleine zu verbringen, noch leichter zu ertragen, als für viele andere. Teilweise steigen auch die Fälle häuslicher Gewalt an, weil Menschen, die es vorher gewohnt waren, ihr Leben aneinander vorbei zu leben, auf einmal die ganze Zeit aufeinander hocken (ein weiteres Problem, was die Verlogenheit unserer Gesellschaft hervor bringt).

    Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob die „Kontaktsperren“, die als Begriff ebenfalls implizieren, jeglichen Kontakt zu unterbinden, anstelle nur des persönlichen, und da auch nur mit vielen (verschiedenen) Personen, wirklich so zielführend sind. Denn letzten Endes sorgen solche Verbote bei vielen Leuten auch für Stress. Da kann man darüber witzeln, dass die Nutzung irgendwelcher Pornoseiten rasant angestiegen ist, und Amazon in den USA Dildos als essenzielle Produkte behandelt, aber Stress bedeutet letztlich, dass das Immunsystem geschwächt wird, und das ist nichts, was man in so einer Situation bei einer größeren Anzahl von Menschen gebrauchen könnte…

  5. @Schwob:
    Wir bemühen uns. 🙂

    @Wahlberliner:
    Dieses „social“ in dem Zusammenhang finde ich auch schwierig. Ebenso wie es ja beim Begriff „Sozial schwach“ verwendet wird, wenn es eigentlich um Geld geht.
    Und die abgesehen von der Bezeichnung vorkommenden Probleme kenne ich auch. Nicht persönlich, aber ich kann mir das vorstellen.
    Im Grunde glaube ich persönlich, dass man so harte Maßnahmen verhängen sollte, damit ein Großteil der Leute sich daran hält, dann aber milde bei Verstößen derer agieren sollte, die aus persönlichen Gründen selbst dann noch das Risiko in Kauf nehmen. Aber das ist natürlich alles nicht komplett durchdacht, sondern nur so eine persönliche Idee.

  6. Wahlberliner

    @Sash: Und dazu kommt auch noch, dass die Angst in der Bevölkerung durch subtile Techniken, mit denen die Medien Fakten berichten, die eigentlich weniger Angst erzeugend sein sollten, vergrößert wird. Oder soll ich es „Alarmismus“ nennen? Ich habe auch kein konkretes Beispiel, sehe nur wie überall über der ganzen Stadt eine Stimmung der Angst liegt, wie so eine extra schwere Bettdecke, und mich selbst auch mit beeinflusst, obwohl ich mich eigentlich von Angst nicht beeinflussen lasse (in den meisten Fällen ist die nämlich hinderlich, weil lähmend, auch das Immunsystem schwächend, und wenn man Vorsicht walten lässt, auch nicht nötig – zumal ich in Bezug auf mich selbst eh den Standpunkt vertrete: „Was passiert, passiert – wenn ich es nicht verhindern kann, dann kann ich es halt auch nicht ändern. Und vielleicht hab ich ja Glück und gehöre trotz Rauchens zur Mehrheit der Leute ohne Sympthome…“)
    Klar, das ist wenig Sicherheitsnetz, irgendwo muss dann halt „Vertrauen“ auf die Wahrscheinlichkeitsverteilung mit einer „Scheißegalhaltung“ in Verbindung treten (da ich keine Kinder oder ähnliches habe, kann ich mir den Luxus leisten), einfach nur um überhaupt halbwegs bei klarem Verstand zu bleiben….

  7. „Wäre die Pandemie 1998 aufgetreten, hätte ich die größte Corona-Party gefeiert“ 🙂 -> Ja, ich kann es irgendwie nachvollziehen, zu der Zeit hätte ich wohl auch gefeiert 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.